Frankfurter Gemeine Zeitung

Prozess Auschwitz Peter Weiss – Eine Szenische Collage im Gallustheater

Mit ihrem neuen Theater-Projekt (Texte: Peter Weiss) wollen Wolfgang Spielvogel und Ulrich Meckler an den Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965) erinnern. Peter Weiss hat als Zuhörer teilgenommen. Er war für ihn ein entscheidender Wendepunkt in seinem Selbstverständnis als aus Deutschland emigrierter Autor mit jüdischen Wurzeln.In seinem weltweit aufgeführten und zum Standardrepertoire des Nachkriegstheaters zählenden Stück „Die Ermittlung“ hat er dem Frankfurter Auschwitz-Prozess ein literarisches Denkmal gesetzt.

Auch in seinem epischen Hauptwerk, der „Ästhetik des Widerstands“, ist die Vernichtung der europäischen Juden eines der großen Themen. Das posthum aufgeführte Werk „Inferno“ behandelt die Auseinandersetzung der Nachkriegsgesellschaft mit der Shoah. Der Text „Meine Ortschaft“, in dem er einen Besuch in Auschwitz beschreibt, entstand im Zusammenhang mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess.

Auch der Ort, an dem unsere Aufführung stattfinden soll, hat eine historische Bedeutung: die Adler-Werke im Gallus-Viertel waren nach Ihrer Zerstörung am Endes des Krieges und Auflösung des dortigen Zwangsarbeiterlagers Ort des kurz bestehenden KZ Katzbach mit dorthin verschleppten Gefangenen auch aus Auschwitz. Das Bürgerhaus Gallus war der benachbarte Ort, in dem der Prozess stattfand.

Aufführungen am 6., 7. und 8. November , jeweils 20 Uhr, im Gallus Theater, Kleyerstr. 15, 60326 Frankfurt.

Darsteller: Edgar M. Böhlke, Barbara Englert, Annette Kohler-Welge, Beate Jatzkowski, Christine Dreier, Doris Fisch, Rosemarie Heller, Nedret Cinar, Thomas Schmitt-Zijnen ; Regie: Ulrich Meckler; Bühne: Clemens Teichmann

Die Macher sehen im Werk von Peter Weiss vier Zugänge zum Komplex Auschwitz:

- den politökonomischen. Die Vernichtung der europäischen Juden und anderer gesellschaftlicher und rassischer Gruppen als Teil der Menschen verachtenden und vernichtenden Praxis des NS-Regime. Das NS-Regime als extremer Ausdruck der kapitalistischen Gesellschaftsformation. Auschwitz als Ausbeutungs- und Tötungsfabrik. Die Integration der Täter in die Nachkriegsgesellschaft. Dieser Zugang wurde vor allem in „Die Ermittlung“ ausgeführt.

- Auschwitz als das Unbeschreibbare, die Sprache und die Kommunikation aufhebende – der Mutter-Boye-Komplex in der Ästhetik des Widerstands Band III. Das nicht aufhörende sprachliche Umkreisen einer Erschießungsaktion von jüdischen Menschen, imaginiert im Verstummen der Mutterfigur in der „Ästhetik des Widerstands“.

- Auschwitz als „Meine Ortschaft“ – Bewusstwerden der jüdischen Identität und zugleich Nichtidentität, ausgedrückt in einem Un-Ort, dem Weiss abstrakt zugeschrieben war, mit dem ihn aber konkret keine Erfahrung verbindet.

- Auschwitz und der Faschismus als Schuldkomplex sowohl des Überlebenden als auch des Außenstehenden, dessen der nur zugesehen, der nicht Partei ergriffen hat. Der aber nie dazu gehört hat und sich in seinem Schreiben zu seiner Identität als Ausgestoßener und Fremder bekennt: Dante im Theaterstück „Inferno“ aus dem „Divina – Commedia – Komplex“.

Aus diesen 4 Texten haben sie einen Theaterabend zusammengestellt, der mit dem Besuch des Autors in Auschwitz beginnt („Meine Ortschaft“), mit Auszügen aus „Die Ermittlung“ fortgesetzt wird, in denen sie die Berichte der Zeugen und die Rechtfertigungen der Angeklagten monologisch gegenüberstellen, dann die imaginierte und erinnerte Realität einer Vernichtungsaktion im „Muttertext“ aus dem dritten Band der „Ästhetik des Widerstands“ als chorische Lesung und Performance, schließlich die Anklage der Verdrängung in der Nachkriegsgesellschaft und die Schuld des Autors im Stück „Inferno“.


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