Frankfurter Gemeine Zeitung

Eine Uni rund um Finance

Das Klima der Stadt am Main wird neben dem Flughafenbetrieb bestimmt von Cash Flow, Immobilieninvestments und globalen Derivaten. Eine Wettermeldung, die dem Publikum vor Ort besonders greifbar wird zu Zeiten der “Euro Finance Week“, im Jahre vor der Eröffnung der neuen EZB im Ostend. Hinter den Veranstaltungen spüren wir dieses Faktum allerorts, mit dem Leben rund um Finanzialisierung und Geschäftsoptimierung, die auch am Umbau der Frankfurter Uni zu erkennen ist. Sie wurde inzwischen als halb-privatisierte “Stiftungs-Institution” ins Westend verlagert , mithin ins Herz der deutschen Finanzwirtschaft.

Der neuen, geldwerten Wetterlage der Akademie entspricht, dass der “Feldherrnhügel” auf dem Campus Westend, das erste neu errichtete Gebäude hinter dem alten “IG-Farben Haus” das “House of Finance” war, zu dem sich schnell die Neubauten der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften gesellten. Erst Jahre später ergänzte sie das Haus der Sozialwissenschaften zu einem Ensemble rund um das Casino.

Das Casino: wie es zum erneuerten innovativen Geist der Stadt am Main passt, dient es eher der Wertschöpfung via Rent und Event denn als Versammlungsort einer (potentiell) kritischen Studentenschaft. Diese scheint sich genauso an Massenanimation für ihre “Erstis”  zu gewöhnen, wie an eine Sequenz von Firmenereignissen am Platze.

Passend vor Beginn der “Euro Finance Week 2013″ gab es am letzten Wochenende ein “neuartiges und exklusives Wein-Events” im Casino, in dem auf “Deutschlands schönstem Universitätscampus” die besten Weine präsentiert wurden. “Das denkmalgeschützte Gebäude in bevorzugter Lage ist für Sie der perfekte Rahmen zur Präsentation feiner Weine sowie nützlichem und schönem Zubehör” warben die Veranstalter und weiter: “So erreichen Sie ein anspruchsvolles, modernes und großstädtisches Publikum – sowie Gastronomen, Händler und Sommeliers aus der gesamten Rhein-Main-Region!“. Klar. bei 30, 50, 80 Euro die Flasche ist kaum mit studentischem Publikum oder solchen mit noch leereren Taschen zu rechnen. Aber um die soll es auch nicht gehen, auf dem neuen, topp überwachten und umzäunten Campus.

Gut, wir mögen mit etwas Nonchalance darüber hinwegsehen, dass die Uni als Ausstattungskulisse für Firmenveranstaltungen weit ab von Bildung, Lehre oder Forschung dient, dass heute weniger Diskurse und Akklamationen denn einstudierte Events das Geschehen auf dem Campus öffentlich machen. Der mentale wie praktische Klimawandel rund um die Hochschulen trägt aber weiter. Die Frankfurter Universität wurde einst weltbekannt durch ihre kritischen Sozialwissenschaften, Philosophie und Politik. Namen wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Alfred Schmidt oder Hans-Jürgen Krahl, Jürgen Ritsert oder  Joachim Hirsch liessen sich bis vor 10 Jahren im Kern des Frankfurter Selbstverständnisses wieder finden. Tempi passati.

Inzwischen erklärten Vertreter der Soziologie soziale Kategorien wie “Gesellschaft”, “Kapital” oder “Klasse” nämlich zu “Zombie-Begriffen” (Ulrich Beck), eine Einstellung, die bei von ihr beratenen Regierungschefs wie Tony Blair und Gerhard Schröder weit offene Ohren fand und ihren Gesellschaftsumbau hübsch garnierten. So wundert es nicht, dass aus dem Umkreis des einst gesellschaftskritischen “Institut für Sozialforschung” zur Wirtschaftskrise 2009 nichts als ein Bändchen über vermeintliche “Verantwortungslosigkeit” hinter Fassaden der Bankhochhäuser in den Druck kam. Das Geschehen der Weltwirtschaftskrise auf die “Verantwortungslosigkeit” von Bankern – wahlweise deren “Gier” – zu fixieren, zeitigt eine erstaunliche akademische Einfältigkeit gegenüber Machtbedingungen in Ökonomie und Gesellschaft, die problemlos durch den Talkshow-Zirkus des deutschen TV´s zu winken wäre, und zwar ohne nennenswerte Gegenworte der bekannten Protagonisten in deren Studios.

Die gesellschaftskritische Windstille um den ehedem quer liegenden Geist der Frankfurter haben die Finance-Akteure natürlich erkannt, und sie wissen, dass sich mit Culture, Leuchttürmen und Exzellenz bestens Marketing in eigener Sache und für eine marktkonforme “City” betreiben lässt. Deshalb: wieso sollte nicht die Deutsche Börse AG, immerhin einer der DAX-Konzerne, die am Main oder besser: von ihrer Residenz in Eschborn aus eben diesen gewinnbringend organisiert, einen kleinen Event, einen Leuchtturm um den Geist des Marktes mit willigen Universitätslehrern aus der Gesellschaftsphilosophie performen? Buchstäblich lässt sich derart Frankfurter Kultur und Zukunftsprojekt zwischen Uni, Deutscher Börse und dem schwarz-grünen Römer stricken.

Die Vorstandsvertreterin der Deutschen Börse AG formulierte den Impetus ihrer Firma zu Beginn der geschlossenen Veranstaltung (Titel: Anstand, Fairness, Gerechtigkeit – ethische Orientierung am Finanzplatz der Zukunft”) mit dem Direktor des “Institut für Sozialforschung”, Axel Honneth, vor einigen Wochen folgendermaßen: “Die Deutsche Börse organisiert Marktplätze, und auch hier wollen wir einen Marktplatz organisieren, der die Möglichkeit gibt, Ideen auszutauschen, zu diskutieren und die Zukunft vorauszudenken.” HOPPLA!

Doch gemach: Bereits vor 10 Jahren brachte besagter Frankfurter Professor Honneth in einem Aufsatz mit dem vielsprechenden Titel “Eine soziale Pathologie der Vernunft” das gegenwärtige Selbstverständnis auf den Punkt: “Eine jüngere Generation setzt heute das Geschäft der Gesellschaftskritik fort, ohne mehr als eine nostalgische Erinnerung an die heroischen Jahre des westlichen Marxismus besitzen zu können.” Soweit treffen dann das “Geschäft” der jüngeren Generation  und der “Marktplatz” des DAX-Konzerns an der Universität vor Ort punktgenau zusammen. Oder wer es so will: ganz nach dem Geschmack schwarz-grünen Städtewettbewerbs. Der originäre Impuls Frankfurter Kritik hätte allerdings genau diese Charakterisierung ihres Tuns als “Geschäft” mit einer “Pathologie der Vernunft” charakterisiert, ganz ohne nostalgische Verklärung oder Sorge um den Finanzplatz der Zukunft.

Wir wissen trotzdem nicht genau, ob mehr theoretische Beflissenheit des akademischen Personals oder eher der Wunsch nach Anerkennung durch Marktmächtige waltet, der Vertreter einer ehedem kritischen Gesellschaftstheorie antreibt, ihre Diskurse und Ideen für die Zukunft ausgerechnet von einer mächtigen Finanzinstitution öffentlich organisieren zu lassen. Vermutlich von beidem ein bißchen. Und wir wissen als öfters marktungläubige Frankfurter und Frankfurterinnen  auch nicht, was wir von den biederen Zuhörer*innen aus dieser Unikultur halten sollen, die all das aus dem Herz der Finanzökonomie hinnehmen, wenn nicht gar freudig erwarten – und die Finanzökonomie ist zumindest eine wichtige Kraft in den maßgeblichen Instanzen, die unsere gegenwärtigen gesellschaftlichen Umstände dirigieren.

Die braven Ideen der Sozialwissenschaftlerinnen und Philosophen in unserer Stadt drehen sich oft, vermutlich zu oft um das Konzept sozialer “Anerkennung”, deren Wechselfälle um die Wirklichkeit der Märkte, ihre vermeintliche Unabänderlichkeit bei unterschiedlichen Druckverhältnissen und weitreichenden Effekten. Die herrschenden Kernmechanismen von Markt und Kapital sowie der politische Werkzeugkasten um sie herum werden vom Lehrpersonal folgsam akzeptiert und höchstens wegen gelegentlicher Exzesse moniert. Diese gefälligen akademischen Erzählungen gewinnen etwa soviel  Kraft wie das politische Geplänkel um “Beschränkungen der Finanzmärkte”, das seit Jahren wirkungslos durch das krisengeschüttelte Europa irrt und immer neuen “Allzeithochs” an den Aktienmärkten hinterher staunt.

Eine derart verödete Frankfurter Gesellschaftskritik und ihre pittoresken Anregungen passen deshalb glänzend als gesittete Rahmenveranstaltung zur “Euro Finance Week”, und würden vermutlich selbst bei Anne Will oder Günther Jauch noch unter die Aufmerksamkeitsschwelle für Bemerkenswertes fallen. Anders gesprochen: die voll firmenkompatible Universität und Akademie scheint in der Stadt am Main fertig gestrickt.

 


3 Kommentare zu “Eine Uni rund um Finance”

  1. Esthernab

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