Frankfurter Gemeine Zeitung

Petition gegen Hartz-IV-Sanktionen knackte die 50000er Marke

Foto-Quelle: “Aufgewachter”-Blog. Die Rechte liegen beim Urheber.

Liebe Leser,

es stimmt mich voller Freude, dass die von Inge Hannemann initiierte Petition (ich berichtete) weit über die 50000er-Marke kommen wird. Das nebenstehende Bild aus dem “Aufgewachter”-Weblog, eine gestrige Fotomontage, bringt meine Stimmung deutlich zum Ausdruck (vielen Dank an den Aufgewachten für die Arbeit).

An die Sanktionsbefürworter seien die Worte gerichtet, dass auch bei einem Sanktionsverbot dennoch die Leistung in einem begründeten Fall versagt – so der Fachausdruck-, also verweigert werden kann. Hierüber hinaus ist das Erschleichen einer Sozialleistung immer noch ein Straftatbestand. Das möchte ich den Sanktionsbefürwortern deutlich ins Stammbuch schreiben. Es gibt keinen Grund, ernsthaft gegen ein Sanktionsverbot zu sein, außer man ist ein Befürworter der (neoliberalen) Repression, um die kapitalistische Ausbeutung Lohnabhängiger weiter voran zu treiben.

Bei den derzeit vorherrschenden inner- und außerparlamentarischen Machtverhältnissen wird sich ein Sanktionsverbot parlamentarisch (Bundestag) oder per Rechtsweg (via Bundesverfassungsgericht) definitiv nicht durchsetzen lassen.

Wir brauchen außerhalb der Linkspartei noch eine starke außerparlamentarische Kraft, welche die Kraft hat, für den nötigen Druck zu sorgen. Gelingen kann das Durchsetzen des Sanktionsverbots nur, wenn die Gewerkschaften (oder eine vergleichbare Kraft) in politischen Streiks (Aktionen) sich mit den Erwerbslosen endlich ernsthaft solidarisieren (solidarisiert). Aufklärungsarbeit ist nötig, die Petition Inge Hannemanns ein durchaus wichtiger Zwischenschritt – mehr nicht!

- Crosspost -


Bloß keine Angriffsfläche! Battlerap in Zeiten des vernetzten Neo-Spießertums

Das Battle, der künstlerische Wettstreit, der meist zwischen Rappern aber auch zwischen Breakdancern oder DJs ausgetragen werden kann, ist seit langem Bestandteil der HipHop-Szene, besitzt einen durchaus großen Unterhaltungsfaktor und erfreut sich entsprechend großer Beliebtheit.
Früher wurden Battles unter Rappern meist im Freestyle ausgetragen, das heißt dass die Rapper auf die verbalen Angriffe ihrer Gegner reagieren mussten um diese ihrerseits durch eigene spontan ausgedachte Raplyrik zu kontern.
Dies beinhaltete natürlich immer die Möglichkeit des kläglichen Versagens vor Publikum. Viele werden die Szene aus dem Eminem-Film „8 Mile“ kennen, in der der Protagonist wie gelähmt dasteht und vor dem Publikum schlicht kein Wort mehr herausbringt.
Und natürlich beinhaltete der Zwang zur Spontanität immer die Möglichkeit, dass sich ein Rapper verhaspelte oder mangels guter spontaner Einfälle in schlechte Standardreime à la Haus/Maus verfiel.
In Battles haben sich schon viele blamiert und es gehörte für einen Rapper gerade dazu, auch einmal vor einem Publikum herzlichst zu verkacken. Inzwischen gibt es aber immer weniger Rapper, die sich dieser Situation aussetzen wollen und es haben sich andere Formen des Battles etabliert.

Die großen und erfolgreichen Battle-Veranstaltungen werden inzwischen meist mit vorgeschrieben und auf den Gegner zugeschnittenen Texten ausgetragen.
Dies ist natürlich für das Publikum oft unterhaltsamer, da hierdurch eine weit größere lyrische Perfektion erreichbar ist, als dies im Freestyle möglich wäre. Außerdem verringern vorbereitete Texte die Wahrscheinlichkeit einer Totalblamage deutlich.

Bei Events wie VBT, Juliens Blog Battle oder Hometown Battle treten Rapper nicht mehr auf einer Bühne gegeneinander an. Stattdessen findet das Battle online mit ausgearbeiteten und durchdachten Musikvideos statt und die ganze Online-Community bildet das Publikum.

Hierdurch kam es allerdings zu einer bemerkenswerten Ausweitung der Kampfzone:
Wer genug Zeit hat, sich auf einen Gegner vorzubereiten, hat natürlich auch die Möglichkeit, seinen Gegner zu analysieren und Informationen über diesen einzuholen.
Die Internetrecherche wurde immer mehr zum Kampfmittel im Battlerap und mittlerweile zeigen junge Rapper großes Talent darin, vergangene Peinlichkeiten ihrer Gegner in Internetvideos aufzuspüren und diese genüsslich auszuschlachten.
Auch Recherchen im Freundeskreis des Gegners sind nicht mehr unüblich und gerüchteweise soll es schon Fälle gegeben haben, in denen Rapper Freunden ihres Gegners Geld im Austausch für persönliche Geschichten anboten.
Der Freundeskreis eines Gegners ist dank Social-Media inzwischen ja auch relativ leicht zu ermitteln.
Für junge Battleraptalente wird es daher umso wichtiger, keine Angriffsfläche zu bieten. Die Diskussionen darüber, welcher Rapper wie viel Angriffsfläche biete, füllen inzwischen massenweise Seiten in HipHop-Szeneforen.
Was aber bedeutet Angriffsfläche in diesem Kontext?

Gewiss ist es schlecht möglich jemanden erfolgreich für ein von der Szene akzeptiertes, also im Subsystem des HipHop konformes Verhalten mit einem Battlerap anzugreifen. Angriffsfläche ist vielmehr jede Handlung, die den Handelnden als schwach oder uncool im Sinne der Szene erscheinen lässt.
Dies war natürlich auch bei den früheren Freestyle-Battles der Fall, doch durch die neuen Formen des Battles hat sich der Konformitätsdruck spürbar verstärkt.

Wer kein geschicktes „reputation management“ betreibt und an einem Videobattle teilnimmt, setzt sich der Gefahr aus, buchstäblich vor einem Millionenpublikum bloßgestellt zu werden.
Natürlich wissen die Teilnehmer um diese Gefahr, so dass es unnötig ist, hier mit dem erhobenen Zeigefinger zu drohen und laut „Cybermobbing“ zu schreien.
Battlerap ist auf den Konkurrenzkampf ausgelegt und viele der aktuellen Protagonisten der HipHop-Szene zeichnen sich durch eine robuste Ellenbogenmentalität aus. Das gehört eben zum Handwerk.
Gewiss ist die HipHop-Szene auch schon seit langem eine Szene, in der großer Wert auf Coolness, Credibility und Reputation gelegt wird.

Dennoch erscheinen mir die neueren Entwicklungen im Battlerap als symptomatisch für den Zustand unserer immer digitaler werdenden Gesellschaft.
Bloß keine Angriffsfläche zu bieten, wird zum Imperativ einer Gesellschaft in der der Mensch immer transparenter wird.

Je mehr unser Leben online stattfindet und je mehr Informationen über uns im Netz stehen, desto mehr muss man fürchten, dass auch Momente persönlicher Schwäche ihren Weg zielsicher ins Netz finden und dort für unbestimmbare Zeit überdauern und nachwirken können.
Dass peinliche Facebook-Fotos schon dazu geführt haben, dass Menschen Jobs nicht bekamen ist hinlänglich bekannt.
„Selbst schuld, wer Peinlichkeiten von sich ins Netz stellt“ lautet der lakonische Kommentar scheinbar abgeklärter Digital-Natives, die die Aufregung darüber schlicht nicht nachvollziehen können. Sie schreiben damit den alten Satz konservativer Überwachungsbefürworter fort, der da lautet „wenn ich nichts verbrochen habe, dann habe ich auch nichts zu verbergen.“
Je mehr Bereiche unseres Privatlebens aber digitalisiert werden, desto mehr Lebensbereiche gibt es auch, in denen man aufpassen muss nichts Falsches zu tun oder besser gesagt, nichts zu tun, was herrschenden Normen widerspricht, also keine Angriffsfläche mehr zu bieten.
Stromlinienförmige Lebensläufe werden zum einzigen wirksamen Schutz vor Bloßstellung und Ausgrenzung und die soziale Kontrolle durch die Peer-Group ist ein wirksamerer Überwachungs- und Erziehungsmechanismus als jedes Ministerium eines Orwellschen Überwachungsstaates es je sein könnte.
Doch was hat dies Ganze mit dem im Titel erwähnten Spießertum zu tun?

Nun:
Ein Spießer ist einer, der mit seinem Arbeitskollegen nichts mehr zu tun haben will, weil sich dieser auf der letzten Weihnachtsfeier so schrecklich blamiert hat, aus Angst, die Blamage könnte sonst auf ihn selbst abfärben.
Ein Spießer ist einer, der sich stets die Frage stellt: „Was denken die Nachbarn von mir?“
Ein Spießer ist einer, der aus Angst irgendwelche Angriffsfläche zu bieten, in den vorauseilenden Gehorsam flüchtet.


Gro GroKo: rot SCHWARZ grün

Das politische Klima in Deutschland verdeutlicht eine Petitesse rund um Andrea Nahles, künftige Sozial- und Arbeitsministerin in Berlin, und bis vor Jahren Juso-Vorsitzende und eifrig ausgestellte „Linke“ in der SPD. Kanzlerin Merkel freute sich über die künftige Nähe in der Zusammenarbeit mit ihr. Im Kabinett könne sie dann vielleicht lernen, was ihr früher versagt war: von Andrea endlich einmal erfahren, was die Jusos so wirklich im Kopf haben.
Der Geist des Arbeitsministeriums die nächsten Jahre wird uns Zuschauern richtig klar, wenn wir bemerken, wer Nahles als Staatssekretär begleitet, nämlich Jörg Asmussen vom Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB). Dieser Herr synthetisiert sozusagen den neuen „Geist der Arbeit“ in der SPD. Asmussen funktionierte im letzten Jahrzehnt als knallharter Deregulierer, war Fan der Hypothekenspekulation in den USA (dem Auslöser der Finanzkrise), an der Multimilliardenpleite der maroden IKB beteiligt, und zuletzt als tatkräftige Instanz des Neoliberalismus und einflußreicher Finanzinstitute bei der EZB tätig: nichts wie runter mit den Löhnen gilt nur zu gerne als Allheilmittel. Beim Hören des Namens Jörg Asmussen schütteln sich Millionen in südlichen Ländern der EU bloß mit Schrecken. Ok, dort ist der Kopf der Jusos in der Linie Schröder – Nahles tatsächlich angekommen.

3 Tage nach Ende des deutschen „Karnevals der Demokratie“, dem SPD-Mitgliedervotum für die Große Koalition steht GroKo den SPD-Mitgliedern jetzt greifbar vor Augen: zum einen den vielen Haudraufs der Schröderära, die sich genau diese Mischung wünschten, dann den Zweiflern in der Partei, welche immer noch staunen können, schließlich die bald 200.000, die in den letzten 10 Jahren aus der SPD austraten, und sich jetzt wieder mit dieser guten Entscheidung bestätigt fühlen. Zum Durchatmen für die Verbliebenen: letztere sind fast so viele, wie jetzt für die GroKo gestimmt haben.

Die mediale Atmosphäre ist ganz anders aufgeladen. Ob vorauseilender Gehorsam oder eingespielter Habitus in den führenden Medieninstitutionen: schon wieder droht zu viel Staat aus den Lautsprechern, von Sozialdemokratisierung der Union wird schwadroniert, die Rede vom dräuenden Sozialismus macht immer öfters die Runde. Zuhörer reibt sich die Ohren, sind die deutschen Redaktionen denn von der amerikanischen Tea-Party, den kapitalistischen Ultras besetzt? Eine Panik vor Steuererhöhungen wird für Chefärzte wie A5 Beamte durch Sendungen getrieben, vorgebliche „Generationenungerechtigkeit“ macht fix aus Niedriglohnempfängern und Investmentrentiers eine homogene Alterskohorte, und viele fürchten einen Zusammenbruch des Immobiliensektors wegen des infinitesimalen Mieterschutzes für Altbauwohnungen in Großstädten.
Aber wie es alle von der untergegangenen DDR her kennen: aus viel Sozialismus resultieren viele Arme und schlechte Löhne für viele, ergo: wir müssen jetzt ganz viel Sozialismus haben, wie beinahe überall in der EU und auf der anderen Seite des Atlantiks. Denn wir haben viele Arme und schlechte Löhne für viele.

Beim Publikum munkelts verhalten: So viel Spektakel, wurde dann nicht doch was erreicht in Berlin?

Nur eine Zeitung drücken andere Probleme, die „tageszeitung“ aus Berlin, kurz taz. Dem einst politisch aufmüpfigen Blatt, das zum stylishen Verbraucherjounal für moderne Bio-Großstädter*innen mutierte, wird es bange wegen ihres zahlungskräftigen Klientels: schwarz-grün in Berlin wäre schön gewesen, denn zur räumlichen Nähe zum Regierungsviertel wäre noch ein enger Draht hinein dazu gekommen. Wirklich lukrativ für neue Abonnenten aus den guten Vierteln, aber die bleiben jetzt doch eher bei der FAZ.

Chancen gibt’s trotzdem, denn die Achse Frankfurt / Wiesbaden dreht sich wie geschmiert, fast so schnell wie die der hiesigen X5er, wenn es in die City hinein brummt. Ein schwarz-grünes Bild echter Wohlstandskoalition zeigt sich: Konnten die Neo-Spiesser vor Wochen noch in News registrieren, dass die BMW-Eigner die Berliner CDU mit Haufen von Euros goutierten, sahen sie kurz darauf ihren alten Grün-Guru Fischer im Spot, der uns sichtlich gestopft das neue City-Car der gleichen Firma BMW anpreiste. Ein besonders pfiffiger Offenbacher, der hessische Grünenchef Tarek Al-Wazir, begriff das Zeichen für echte Bindung und griff zum Hörer. Und tatsächlich, das Gespür lag richtig, der Grüne Chefberater, ganz oben von BMW und RWE herunter sagte JA: mach es, bring unsere schwarz-grünen Gene endlich zum Spriessen!
Tarek Al-Wazir ergriff die Chance, verhandelte ein paar Kompromissminuten nahe des Flughafens heraus und wird uns vermutlich bald auf dem Rücksitz eines schicken BMWs zuwinken, wenn er im Dienstwagen an der Wiesbadener Staatskanzlei vorfährt. Die stockkonservative CDU Hessen hat sich billig ein Set erbärmliche Grüne gekauft, die ihnen leichten Zugang zu gutsituierten “Urban Professionals” verschafft, mit denen sie bisher nicht gut konnte. Ausser ihnen braucht die Grünen eigentlich niemand mehr.

Eine gute Meldung für so manche: In und rund um Frankfurt wird nochmal richtig Gas gegeben die nächsten Jahre, zwischen Flughafen, Europaviertel und Eschborn, oder wie die anderen Spielfelder noch heißen. Denn da liegt richtig viel Geld begraben.

So hat es denn irgendwie sein Gutes zwischen hier und Berlin, und alles bleibt im schwarzen Loch. Wir auch.


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