Frankfurter Gemeine Zeitung

Bloß keine Angriffsfläche! Battlerap in Zeiten des vernetzten Neo-Spießertums

Das Battle, der künstlerische Wettstreit, der meist zwischen Rappern aber auch zwischen Breakdancern oder DJs ausgetragen werden kann, ist seit langem Bestandteil der HipHop-Szene, besitzt einen durchaus großen Unterhaltungsfaktor und erfreut sich entsprechend großer Beliebtheit.
Früher wurden Battles unter Rappern meist im Freestyle ausgetragen, das heißt dass die Rapper auf die verbalen Angriffe ihrer Gegner reagieren mussten um diese ihrerseits durch eigene spontan ausgedachte Raplyrik zu kontern.
Dies beinhaltete natürlich immer die Möglichkeit des kläglichen Versagens vor Publikum. Viele werden die Szene aus dem Eminem-Film „8 Mile“ kennen, in der der Protagonist wie gelähmt dasteht und vor dem Publikum schlicht kein Wort mehr herausbringt.
Und natürlich beinhaltete der Zwang zur Spontanität immer die Möglichkeit, dass sich ein Rapper verhaspelte oder mangels guter spontaner Einfälle in schlechte Standardreime à la Haus/Maus verfiel.
In Battles haben sich schon viele blamiert und es gehörte für einen Rapper gerade dazu, auch einmal vor einem Publikum herzlichst zu verkacken. Inzwischen gibt es aber immer weniger Rapper, die sich dieser Situation aussetzen wollen und es haben sich andere Formen des Battles etabliert.

Die großen und erfolgreichen Battle-Veranstaltungen werden inzwischen meist mit vorgeschrieben und auf den Gegner zugeschnittenen Texten ausgetragen.
Dies ist natürlich für das Publikum oft unterhaltsamer, da hierdurch eine weit größere lyrische Perfektion erreichbar ist, als dies im Freestyle möglich wäre. Außerdem verringern vorbereitete Texte die Wahrscheinlichkeit einer Totalblamage deutlich.

Bei Events wie VBT, Juliens Blog Battle oder Hometown Battle treten Rapper nicht mehr auf einer Bühne gegeneinander an. Stattdessen findet das Battle online mit ausgearbeiteten und durchdachten Musikvideos statt und die ganze Online-Community bildet das Publikum.

Hierdurch kam es allerdings zu einer bemerkenswerten Ausweitung der Kampfzone:
Wer genug Zeit hat, sich auf einen Gegner vorzubereiten, hat natürlich auch die Möglichkeit, seinen Gegner zu analysieren und Informationen über diesen einzuholen.
Die Internetrecherche wurde immer mehr zum Kampfmittel im Battlerap und mittlerweile zeigen junge Rapper großes Talent darin, vergangene Peinlichkeiten ihrer Gegner in Internetvideos aufzuspüren und diese genüsslich auszuschlachten.
Auch Recherchen im Freundeskreis des Gegners sind nicht mehr unüblich und gerüchteweise soll es schon Fälle gegeben haben, in denen Rapper Freunden ihres Gegners Geld im Austausch für persönliche Geschichten anboten.
Der Freundeskreis eines Gegners ist dank Social-Media inzwischen ja auch relativ leicht zu ermitteln.
Für junge Battleraptalente wird es daher umso wichtiger, keine Angriffsfläche zu bieten. Die Diskussionen darüber, welcher Rapper wie viel Angriffsfläche biete, füllen inzwischen massenweise Seiten in HipHop-Szeneforen.
Was aber bedeutet Angriffsfläche in diesem Kontext?

Gewiss ist es schlecht möglich jemanden erfolgreich für ein von der Szene akzeptiertes, also im Subsystem des HipHop konformes Verhalten mit einem Battlerap anzugreifen. Angriffsfläche ist vielmehr jede Handlung, die den Handelnden als schwach oder uncool im Sinne der Szene erscheinen lässt.
Dies war natürlich auch bei den früheren Freestyle-Battles der Fall, doch durch die neuen Formen des Battles hat sich der Konformitätsdruck spürbar verstärkt.

Wer kein geschicktes „reputation management“ betreibt und an einem Videobattle teilnimmt, setzt sich der Gefahr aus, buchstäblich vor einem Millionenpublikum bloßgestellt zu werden.
Natürlich wissen die Teilnehmer um diese Gefahr, so dass es unnötig ist, hier mit dem erhobenen Zeigefinger zu drohen und laut „Cybermobbing“ zu schreien.
Battlerap ist auf den Konkurrenzkampf ausgelegt und viele der aktuellen Protagonisten der HipHop-Szene zeichnen sich durch eine robuste Ellenbogenmentalität aus. Das gehört eben zum Handwerk.
Gewiss ist die HipHop-Szene auch schon seit langem eine Szene, in der großer Wert auf Coolness, Credibility und Reputation gelegt wird.

Dennoch erscheinen mir die neueren Entwicklungen im Battlerap als symptomatisch für den Zustand unserer immer digitaler werdenden Gesellschaft.
Bloß keine Angriffsfläche zu bieten, wird zum Imperativ einer Gesellschaft in der der Mensch immer transparenter wird.

Je mehr unser Leben online stattfindet und je mehr Informationen über uns im Netz stehen, desto mehr muss man fürchten, dass auch Momente persönlicher Schwäche ihren Weg zielsicher ins Netz finden und dort für unbestimmbare Zeit überdauern und nachwirken können.
Dass peinliche Facebook-Fotos schon dazu geführt haben, dass Menschen Jobs nicht bekamen ist hinlänglich bekannt.
„Selbst schuld, wer Peinlichkeiten von sich ins Netz stellt“ lautet der lakonische Kommentar scheinbar abgeklärter Digital-Natives, die die Aufregung darüber schlicht nicht nachvollziehen können. Sie schreiben damit den alten Satz konservativer Überwachungsbefürworter fort, der da lautet „wenn ich nichts verbrochen habe, dann habe ich auch nichts zu verbergen.“
Je mehr Bereiche unseres Privatlebens aber digitalisiert werden, desto mehr Lebensbereiche gibt es auch, in denen man aufpassen muss nichts Falsches zu tun oder besser gesagt, nichts zu tun, was herrschenden Normen widerspricht, also keine Angriffsfläche mehr zu bieten.
Stromlinienförmige Lebensläufe werden zum einzigen wirksamen Schutz vor Bloßstellung und Ausgrenzung und die soziale Kontrolle durch die Peer-Group ist ein wirksamerer Überwachungs- und Erziehungsmechanismus als jedes Ministerium eines Orwellschen Überwachungsstaates es je sein könnte.
Doch was hat dies Ganze mit dem im Titel erwähnten Spießertum zu tun?

Nun:
Ein Spießer ist einer, der mit seinem Arbeitskollegen nichts mehr zu tun haben will, weil sich dieser auf der letzten Weihnachtsfeier so schrecklich blamiert hat, aus Angst, die Blamage könnte sonst auf ihn selbst abfärben.
Ein Spießer ist einer, der sich stets die Frage stellt: „Was denken die Nachbarn von mir?“
Ein Spießer ist einer, der aus Angst irgendwelche Angriffsfläche zu bieten, in den vorauseilenden Gehorsam flüchtet.


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