Frankfurter Gemeine Zeitung

Wie kann man sich gegen Google Glasses wehren?

Stell Dir bitte einmal vor, lieber Leser, Du säßest nichtsahnend in der U-Bahn wenn plötzlich ein Kamera-Team Deinen Waggon betrifft.
Stell Dir vor, ein Mitglied dieses Teams fängt an, vor Dir ein Kamerastativ aufzubauen und eine riesige Filmkamera auf Dich zu richten, während ein Anderer Dir einen Tongalgen über den Kopf hängt.
Wahrscheinlich würdest Du empört fragen, was das soll und wenn das Kamerateam Dir darauf keine befriedigende Antwort gäbe, würdest Du es wahrscheinlich ausdrücklich untersagen, dass Filmaufnahmen von Dir angefertigt werden.

Stell Dir nun vor, vor Dir säße ein Smartphoneuser, der sein Smartphone konsequent auf Dich gerichtet hält.
Nach einer Zeit bemerktest Du, dass er nicht seine WhatsApp checkt, sondern Dich filmt.
Gewiss fändest Du das befremdlich.
Vielleicht würdest Du, je nach Temperament und Stimmungslage, ihn zur Rede stellen, Dich wegsetzen oder ihm vielleicht sogar drohen, wenn er nicht aufhört, Dich penetrant zu filmen.

Selbst wenn Du nichts Anstößiges tun wolltest, so gäbe es Dir trotzdem ein unangenehmes Gefühl, in Deinen Alltag von Unbekannten gefilmt zu werden.

Gefilmt werden von Unbekannten wird aber immer mehr zur alltäglichen Realität. Der Wahn, alles und jeden permanent zu filmen, greift nicht nur unter Staaten und Sicherheitsbehörden um sich, sondern auch in einem erschreckenden Maße unter Privatleuten.
Dies ist inzwischen auch allgemein bekannt und trotz der theoretischen Gefahren, die es bietet, stört es (bisher) im Alltag erstaunlich wenig.
Meist sind die Aufnahmen ja tatsächlich wertlos und zeigen alltägliche Belanglosigkeiten. Es interessiert die NSA nicht, zu sehen, wie ich in der U-Bahn sitze und ein Buch lese.
Wahrscheinlich haben die das sogar irgendwo auf Video in einer digitalen Schublade herumgammeln, ohne dass mir davon nun eine konkrete Gefahr drohte.
Es ist nicht die Gefahr der Verfolgung durch einen Überwachungsstaat, die wir am meisten fürchten müssten (auch wenn der Überwachungsstaat eine sehr reale Gefahr ist), sondern eine viel umfassendere, universellere Bedrohung.
Mit der Verbesserung von Speichermöglichkeiten und vor allem auch der Entwicklung des Cloud-Computings, bei gleichzeitig sprunghafter Vermehrung von Kameras in unserem Dasein kommen fast zwangsläufig immer mehr Datenschnipsel von uns ins Netz, die für sich genommen nicht bedeutungsvoll wären, aber deren planvolle Auswertung weitreichende Analysen über unser Denken und Verhalten möglich macht.
Derartige Analysen könnten zwar durchaus interessante Erkenntnisse für die empirische Sozialforschung liefern, aber eben auch dazu verwendet werden, Menschen zu klassifizieren und in hierarchisch geordnete Gruppen einzuordnen.

Schon jetzt werden mittels Datenerhebung zahlreiche Kategorien für Menschen gebildet:
Zuverlässige oder unzuverlässige Schuldner, wertvolle oder weniger wertvolle Kunden, anständige Bürger oder Sicherheitsrisiken.
Es besteht die ernsthafte Gefahr, dass solche Analysen nicht nur zunehmen, sondern uns einen unauslöschlichen digitalen Stempel aufdrücken, der alles bestimmt, einschließlich unseres wirtschaftlichen Erfolges, der Art wie Menschen uns behandeln und selbst dem Grad an Gesundheitsversorgung, den wir erhalten werden.

Doch die standardmäßige Daueranalyse des Lebenswandels jeden Bürgers steckt (glücklicherweise) noch in den Kinderschuhen.

Mit der Einführung der Google Glasses könnte sich hier allerdings ein folgenreicher Quantensprung vollziehen.
Google Glasses sind geradezu darauf ausgelegt, die gesamte Umgebung und damit auch alle Mitmenschen permanent zu filmen und auszuwerten.

Zwar beteuert Google, dass dies nicht zur Gesichtserkennung verwendet werden solle, doch wer wollte kontrollieren, ob dies wirklich der Fall bleibt. Entsprechende Software wurde jedenfalls bereits entwickelt.
So bleibt zumindest der Verdacht, dass Google Glasses nicht nur ein Bewegungsprofil ihres Nutzers, sondern auch Bewegungs- und Verhaltensprofile völlig unbeteiligter Personen erstellen können.
Wir können uns sicher sein, dass die NSA uns zuschaut, wenn sie uns zuschauen will. Dank Google Glasses werden wir aber überhaupt keine Möglichkeit mehr haben zu wissen, wer uns gerade filmt, analysiert, einordnet und katalogisiert.

Wenn uns ein Mensch mit Google Glasses gegenübersitzt ist eine Kamera auf uns gerichtet und wir haben keinerlei Kontrolle mehr darüber, ob und zu welchem Zweck wir gefilmt werden.
Dies aber tangiert unsere Persönlichkeitsrechte massiv.

Wie bereits Eingangs angedeutet, haben wir uns so etwas bisher aus gutem Grunde nicht gerne gefallen lassen.
Trotzdem steht zu befürchten, dass die meisten Menschen sich eben nicht gegen die permanente Überwachung wehren werden.
Die Überwachung ist nun keine Kamera an der Decke mehr, sondern eine dezente Brille auf der Nase unseres Gegenübers.

Ich aber sehe es nicht ein, auf mein Persönlichkeitsrecht am eigenen Bild zu verzichten, bloß weil der Angriff auf dieses Recht nun weniger offensichtlich geschieht.

Dies wirft jedoch eine Schwierigkeit auf:
Wie kann ich es verhindern, dass mein Gegenüber mich die ganze Zeit mit seiner neuen Google Brille filmt?
Wie wird mein Gegenüber reagieren, wenn ich ihm bedeute, dieses Ding abzunehmen oder bitte in eine andere Richtung zu schauen?

Aus meiner Sicht gäbe es hierzu mehrere Wege.

1. Der offensive Weg:

Menschen, die uns mit Google Glasses filmen, direkt ansprechen und sie darauf hinweisen, dass wir nicht gefilmt werden möchten. Nötigenfalls müssten wir dann unser legitimes Persönlichkeitsrecht versuchen auf dem legalen Weg oder eben auch körperlich zu verteidigen.

2. Der defensive Weg:

Man könnte Menschen, die es nicht unterlassen uns zu filmen auch aus dem Weg gehen, sich wegdrehen, weggehen und so weiter.
Man könnte auch auf eigenem Gelände, beispielsweise in der eigenen Wohnung oder auch der eigenen Kneipe oder Disko das Tragen von Google Glasses generell untersagen.
Eine Initiative aus den USA, die genau diesen Weg geht, nennt sich „Stop The Cyborgs“. Sie möchte unter anderem Einzelgewerbetreibende dazu motivieren, die Google Glasses in ihren Geschäften nicht zu tolerieren.

3. Die Vermummung:

Vermummung kann durchaus auch einen modischen Wert haben und ist abseits von Demos auch nicht verboten, wenngleich sie durchaus zu häufigeren Kontrollen durch die Polizei führen kann.
Oder man trägt einfach eine dieser Einweg-Staubschutzmasken, die sich im Stadtbild asiatischer Großstädte ohnehin sehr verbreitet haben, dazu eine topmodische Camouflage-Kappe (als Hommage an Andy Warhol versteht sich^^) und eine stylische Sonnenbrille.
Aber wollen wir uns wirklich vermummen, weil einige unserer Mitmenschen meinen, ihr neues technisches Spielzeug über unser Persönlichkeitsrecht stellen zu müssen?

Anekdotisch sei hier erwähnt, dass einer der Nutzer der Google Glasses in Seattle für das Tragen der Brille aus einem Lokal geworfen wurde, nachdem er sich weigerte, diese auf Wunsch der Bedienung abzunehmen.

Er konnte dies gar nicht verstehen und beklagte sich bitterlich, als ob es ein Eingriff in seine Persönlichkeitsrechte sei, ihn aufzufordern, sein Überwachungsinstrument abzunehmen.
Wenn wir wollen, dass unser Recht am eigenen Bild auch künftig noch einem gewissen Schutz unterliegt, wird es nötig sein zu kämpfen, auf die eine oder die andere Art.
Das daraus resultierende Konfliktpotential mit unseren sorglos agierenden Mitmenschen werden wir wohl in Kauf nehmen müssen.
Wert wäre es das allemal!


4 Kommentare zu “Wie kann man sich gegen Google Glasses wehren?”

  1. Offi

    Erstaunlich ist, dass Google Glases anders als Streetview keine Schwierigkeiten hat. Vielleicht deshalb, weil nicht ein Auto des Konzerns filmend durch die Straßen fährt, sondern jeder mitmachen darf? Als würde jede ein Stück Macht an den eigenen Körper portiert bekommen. Jeder wird Komplize, Denunziant, und es macht auch noch Spaß!

  2. ano

    Warum fehlt denn in den Vorschlägen eine politische Alternative dafür, solches Filmen mit Übertragung ins Web, sprich dieses Device allgemein in öffentlichen Räumen zu verbieten? Ausser vielleicht an solchen Orten, in denen es ganz explizit zugelassen wird.

  3. Florian K.

    Tatsächlich habe ich hier nur Möglichkeiten individueller und nichtstaatlicher Gegenwehr aufgelistet. Die von mir aufgelisteten Möglichkeiten sind auch nicht als abschließend zu betrachten.
    In dem Sinne sei jeder Leser hiermit eingeladen, sich eigene Abwehrstrategien zu überlegen und auch politischen Widerstand zu organisieren.

    Über eine Reaktion der Legislativen müsste man ggf. gesondert diskutieren, wobei ich eine solche durchaus für möglich und wünschenswert halte.

  4. BaranovArtemon91rails

    fdf7 being is in chicago

    comprar is 100mg

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.