Frankfurter Gemeine Zeitung

Al-Wazir: Mach mich zu Deinem fleischlosen Fleischsalat! (Bouffiers 62.Geburtstag)

Es gab eine Zeit vor der Landtagswahl. Sie währte lang. In ihr prangerte Grünenoberhaupt Al-Wazir bei jeder Gelegenheit den „schwarzen Sumpf“ in Hessen an, sehnte emphatisch den “Politkwechsel” herbei und bezeichnete eine Koalition mit der CDU als „Horrorvorstellung“. Da schwang schon ein bisschen Captain Kurtz mit aus “Apocalypse now”, ganz am Ende, als Marlon Brando somnambul nur noch im Dunkeln vor sich hinmurmelt: “The horror, the horror…” Heute allerdings lässt Al-Wazir die Horrorvorstellung für sich und alle Hessen wahr werden. Wie konnte das passieren? An Bouffiers sympathischen Äußeren KANN es nicht liegen. An dem Einbringen der notorischen „Grünen Inhalte“ auch nicht, davon kann man sich durch einen Blick in den Koalitionsvertrag überzeugen. Die Kernforderungen der Grünen wurden versenkt. Kein Nachtflugverbot, den Hochschulen wird das Geld gekürzt und die Energiewende soll in Hessen bis 2050, statt bis 2030 äh… “durchgezogen” werden. 37 Jahre lang „Wende“ -ist das ein Anzeichen, dass die Grünen jetzt in der Zeiträumen der katholischen Kirche rechnen? Immerhin wird man 2050 den 80jährigen Al-Wazir als einen der “Väter dieser Wende” ehren können, Bouffier selbst hat mit dann 99 Jahren die schlechteren Chancen, den Abschluß seines Lebenswerkes noch zu erleben, es sei denn er wird ein hessischer Heesters.

Die Vision: “Schwäbische Hausfrauen” in Hessen

Was hingegen für die nächsten vier Jahre im Koalitionsvertrag drinsteht, ist: sparen, sparen, sparen -und immer an die Wirtschaft denken. Die Grünen, grade noch pathetisch den „Wechsel“ im Blick, scheinen sich wie durch einen Zauberstab in eine Armada von Merkels berühmten “schwäbischen Hausfrauen” verwandelt zu haben. Als fünfte Putzkolonne der Schwarzen Seelen wollen sie den hessischen Haushalt mal so richtig auf Vordermann bringen, ausgerechnet in dem Land, in dem Joschka vor Äonen den „Ausputzer“ spielte. Wird der wendige Al-Wazir in seinem Werdegang der “neue Fischer” wie “Der Freitag” bang mutmaßt? Ahnt man nicht denn schon jetzt instinktiv, bei wem da letztendlich wieder gespart wird? Es werden die üblichen Verdächtigen sein, die Leute ohne Geld und Lobbyisten im Rücken. Sind die Grünen von ihren Wählern als innerhessische Sparkommissare gewählt worden? Diese grüne Wende im Bezug auf  sämtliche politischen Inhalte und Aussagen wurde in drei Monaten vollzogen, also 150 Mal schneller als ihr Herzanliegen, die Energiewende: wie ist sie zu erklären? Es kann nicht ALLEINE an der Postengeilheit der grünen Hauptakteure liegen: Ganze zwei Ministerposten sind beim Geschacher  herausgesprungen, die verblichene FDP hatte noch drei in der letzten Koalition. Natürlich einer davon ist für Al-Wazir himself und der andere ist für irgendeinen Hinz und Kunz, trotzdem, da hat selbst die alte und zwischendurch schon nahezu komatöse Tante SPD besser verhandelt. Das hält aber die neogrüne TAZ  nicht davon ab, unter der Leonard-Cohen-Titelzeile „First we take Mainhattan, then we take Berlin“ das hessische Duo noch vor dem ersten Regierungstag als Modell für die nächste Bundestagswahl abzufeiern.  Aber warum sollte jemand, der hierzulande nicht mehr CDU will, lieber Schwarzgrün als Schwarzrot wollen? Zumindest ist im hessischen Koalitionsvertrag NOCH MEHR CDU drin, als im schwarzroten. Geht das? Ja,das geht. Die Grünen zeigen, dass das Unmögliche möglich ist-wenn auch nur an dieser einen Stelle. Und das unter der Voraussetzung, dass in Hessen eigentlich eine andere Koalition -um nicht zu zitieren-: „eine andere Welt“ möglich gewesen wäre.

Der neue Kamerad an ihrer Seite

Sorry, dass ich noch mal nachfrage, aber warum GENAU haben die Grünen nicht lieber mit Sozis und Linken den „Politikwechsel“ volllzogen, von dem sie doch jahrelang, wenn nicht gar jahrzehntelang geträumt und gesprochen haben und wegen dem sie gewählt wurden? Will einem jemand ernsthaft erzählen, das hätte an der SPD und den Linken gelegen, weil die „können ja nicht miteinander“? Torsten Schäfer-Gümbel hätte freiwillig auf das Ministeramt verzichtet? Gibts denn nicht schon seit vielen Jahren Schwarz-Grün in eben diesem Mainhattan, das weit weit weg ist von Leonard Cohen? Mit dem Ergebnis, das wir demnächst auch in Hessen erwarten dürfen: nämlich,  dass alles beim Alten bleibt und die gleichen Seilschaften bestimmen, wo´s langgeht. Nur dass in Gesamthessen die CDU noch quadratschädeliger agiert als in FFM. Aber was bei den Grünen zählt, ist das überwältigende Bedürfnis „angekommen“ zu sein- und zwar bei denen, auf die es ankommt, bei denen, die schon immer die Macht hatten. Sie sind jetzt Verbündete eines Mannes, der laut FAZ seine lustigen Anekdoten mit „Die Damen mögen es mir verzeihen…“ einleitet, von „Buben“und „Kameraden“ spricht, der die Androhung der Folter befürwortet, die Finanztransaktionssteuer hingegen ablehnt, der als Alleinstellungsmerkmal zweimal wegen seiner Überwachungspolitik mit dem “Big Brother Award” ausgezeichnet wurde, der für seine rigorose Abschiebungspolitik bekannt ist, diverse Skandale wegen Begünstigung und Korruption hinter sich hat und dessen erklärtes Lieblingsgericht Fleischsalat ist.

Bouffiers first Birthday mit grünen Geschenken

Die Grünen feierten mit Bouffier heute, am 18.12. seinen Geburtstag und überreichten ihm eine Flasche „Grünen Veltliner“. Das Geschenk war natürlich maximal anspielungsreich (Grüne schenken Grünen Veltliner: haha, einfach köstlich!) Mich erinnert es allerdings an die filmisch überlieferte 50er Jahre-Sitte der Hausherrin zum Geburtstag eine Flasche Himbeergeist mitzubringen mit dem Spruch: „Hier, ich habe etwas „Geistreiches“ für sie“. Dabei war heftiges Zwinkern angesagt. Ob Al-Wazir gezwinkert hat, als Bouffier die Flasche grüner Veltliner überreicht wurde, wissen wir nicht. Nur dass er Bouffier auch noch einen „veganen Fleischsalat“ überreichte mit den denkwürdigen Worten: „Der fleischlose Fleischsalat soll an die Auseinandersetzung über den „Veggie Day“ im Wahlkampf erinnern.“„Wunderbar, ich bin sehr gespannt, wie der schmeckt“, entgegnete Bouffier laut Notat in der FAZ. Daraufhin sagte Al-Wazir NICHT den Satz der Titelzeile, das möchten wir ausdrücklich betonen. Dennoch scheint das Schicksal der Grünen in der Koalition vorgezeichnet. Sie werden der fleischlose Fleischsalat sein. Es gibt ja Leute, denen schmeckt das. Ich höre mir lieber Johannes Heesters an. Wenn auch nur in dieser Version.


5 Kommentare zu “Al-Wazir: Mach mich zu Deinem fleischlosen Fleischsalat! (Bouffiers 62.Geburtstag)”

  1. Wohlgemuth

    Stolz erklärten Bouffier und Al-Wazir gestern: “Wir denken in Werten und nicht in Strukturen” Treffender kann man es kaum sagen: die hessischen, vermutlich insbesondere die Frankfurter Grünen fühlen sich in “CDU-Werten” richtig wohlig.
    Zum Beispiel solche, die Al-Wazir gleich zum Start betont: “Es sei aber wichtig, dass der Flughafen wirtschaftlich erfolgreich bleibe, sagte der 42-Jährige und pflichtete damit Bouffier bei.”
    Es gab gerade 2 Kernthemen der Grünen, nämlich den Flughafen und die Kernkraft. Selbst das ist hinter den gemeinsamen Werten der CDU verschwunden. Kernschmelze nennt man das.
    Ich denke, die übertreffen an Opportunismus sogar noch die FDP!

  2. Karl Napp

    Verstehe gar nicht, warum sich alle so aufregen.
    AW setzt doch nur um, wofür Grün mittlerweile gewählt wird. Links blinken, um nach Rechts abzubiegen wird bald gar nicht mehr nötig sein, gilt es doch die verwaiste Stelle der FDP als opportunistische Klientelpartei zu besetzen. Und daß man dieser in Sachen Korrumpiertheit in nichts nachsteht, beweist die Römerfraktion doch seit Jahren hervorragend. Und genau dafür werden sie mittlerweilevon den meisten gewählt. Natürlich vereinnahmen sie auch gerne die Stimmen derer, die sie wohl letztmals “versehentlich” gewählt haben.

    Vielleicht sollten sie nächstens noch versuchen, statt Grün öfter den Euphemismus Liberal zu verwenden . . .

  3. gaukler

    Lieber Karl Napp,

    was ich von der Bio-Partei halte, habe ich hier schon mehrfach gepostet. Allerdings geisterten die letzten Jahre Ideen über eine “Linke Mehrheit” (in Hessen, Deutschland) in manchen Milieus herum, auch bei Leuten die ich schätze.
    Faktisch betreiben die Grünen, wie du auch andeutest, ein neues städtisches Spiesser-Milieu, für das eine gewisse Subversion in den 70ern ala Cohn-Bendit und Fischer zu einem Lebensgefühl eigener Flebibilität als “cooles heimisches Interieur” gehört. Es fühlt sich schlicht gut an, nicht immer schon Vermieter, Investor, Consultant, Erbe u. ä. gewesen zu sein. Es macht sich einfach besser im Narrativ gestandener Egos, mit Zivilcourage, gar mit etwas Tumult von damals in Verbindung gebracht zu werden.
    Dann gibt es noch die anderen bei den Grünen(-wählern), die jetzt etwas linksliberales Kulturklima in der Großstadt spüren wollen, und das eher durch die Grünen erfüllt sehen, denn durch eine zu hölzern, zu kulturfern, zu uncool empfundene Partei “Linke” – also mangels Alternative, falls Wahl überhaupt ansteht.
    Dass sogar diese Bewertung der Grünen jetzt als Sebsttäuschung auffliegt und die CDU in Frankfurt selbst eine hübsche kulturelle Leuchtturmpolitik im Städtewettbewerb fahren kann steht ausser Frage, ein paar Parteiübertritte würden das noch vereinfachen. Natürlich schaut sich der Immobilieninvestor auch mal eine zeitgemäße Brecht-Interpretation an, sowas ist verdammt angesagt.
    Es geht rund um Frankfurt allerdings nicht nur um Kultur und Stil, sondern auch um knallharte Geschäfte und Verdrängungen für die Bewohner, um nur das zu nennen. Die Position der Grünen ist hier, und nicht nur hier deckungsgleich mit der CDU, und ihre weniger vermögenden Unterstützer*innen aus linksliberalem Kulturklima heraus werden spüren, dass die Grünen aktive Steigbügelhalter iihrer eigenen Vertreibung sind.
    Frankfurt ist trotz “neo-konservativen” Übergewichts immer noch heterogen, und Artikel über die Grünen betreffen die kulturelle und politische Auflösung der netten Pflege des linksliberalen Stilhaushalts, aus dem die Grünen sich seit Jahrzehnten nähren.

  4. Karl Napp

    D’accord!
    Zugegeben, das habe ich auch mal gehofft. Aber die regelmäßigen Verbrüderungsorgien des reaktionären FAZ-Lokalteils mit Grünenprominenz im Tigerpalast weisen schon lange die Richtung.

    Es wird halt noch eine Weile dauern, bis diejenigen, die noch immer von einer “linken” Mehrheit mit den Grünen träumen, das mit den “allerdümmsten Kälbern” kapieren.

    Beschleunigt werden kann das jedoch durch Lektüre dieses ünsäglichen grünen Säulenheiligen Bolz, der gerne geistige Ejakulate, wie nachstehendes absondert.

    “Wer über einen Werteverlust jammert, verkennt den Werteverzicht der modernen Gesellschaft. Daß sie nicht mehr zu bieten hat als formale Demokratie, Liberalismus und soziale Marktwirtschaft, ist gerade das Geheimnis ihrer Stärke. Diese Minimalwerte sind das erstaunliche Resultat der Geschichte abendländischer Rationalität, das wir uns nicht ernsthaft anders wünschen können.”

    Feines Mantra der heutigen Schwarz-Grünen

  5. gaukler

    “regelmäßigen Verbrüderungsorgien des reaktionären FAZ-Lokalteils mit Grünenprominenz im Tigerpalast” – schön, passt voll aufs Auge!
    Daher auch das schreiende Schweigen der Presse zum Palmengarten.

    Bolz und Grüne war mir nicht klar, aber bezüglich Simple-Sprech passend. Bemerkenswert nebenbei, dass der Uni-Prof ist.
    Oder vielleicht doch nicht.

    Eine anderer deutscher Prof, der Grüne Kleinert vermeldete gerade stolz im Interview, dass damals bei rot-grün anno 85 die Proteste viel, viel heftiger waren. Ja, damals mussten die Realos noch kämpfen.

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.