Frankfurter Gemeine Zeitung

Deutsche Medien inszenieren aus Kampf um Ölmilliarden ein Rührstück der Freiheit

Gewiß, wir lieben Milliardäre, solche wie Steve Jobs und Jeff Bezos. Seit ein paar Jahren werden auch östliche Sympathieträger ins Blickfeld geschoben, zumindest dann, wenn sie im Knast bei den neuen schlimmen Zaren sitzen und im sowjetischen Geiste gnadenlos enteignet wurden. Oder fast enteignet.

Dann müssen wir diese armen Reichen retten, Initiativen ins Leben rufen, Verwandte und Mitstreiter interviewen, die Opposition stärken, deren Werte ihr Leben plötzlich repräsentiert.

Und wir können richtig nachsichtig werden, wenn jemandem 100 Millionen oder 20 Milliarden gestohlen werden. Von wem? Natürlich vom Staat! Das kennen wir schließlich, wie das läuft. Deswegen muß privatisiert werden, damit es endlich besser läuft.

In solchen Dingen kennen sich unsere Medien gut aus. Und die FDP, die kennt sich (neben anderen) besonders gut damit aus. Und einer in Rußland kannte sich am besten damit aus, als das Kuchenblech drüben noch voll war. Damals, in den 90ern gab es ganz viel zu privatisieren, und ein gewisser Chodorkowskij war ganz groß drin im Geschäft. In ein paar Jahren baute er ein paar hundert Firmen auf, schaffte den größten Ölkonzern Rußlands und kam zum Vermögen von circa 20, 30, 40 Milliarden Dollar.
Kämpfe um die Ressourcen Rußlands bringen natürlich einige Mächte ins Spiel, hier und dort, hüben und drüben. Als das Tafelsilber 2003 für ein paar Milliarden an Exxon verkauft werden sollte, war es vorbei mit dem Spaß und die Verlierer landeten im Knast. Obwohl sie nicht viel krimineller waren als andere Privatisierer im Rußland der 90er, die dort jetzt noch gut gepolstert sitzen.

Nun ist er frei der Chodorkowskij, wird als oppositioneller Leuchtturm im dunklen Rußland gefeiert, gerettet von einem selbstlosen Herrn Genscher, dem Ex-FDP-Chef und deutschen Aussenminister. Eine Sternstunde westlicher Werte bietet sich uns dar, gar ein “Triumpf der deutschen Geheimdiplomatie“, der mindestens dem Fall der Mauer gleichkommt.

Unsere ehrenwerten Leitmedien verschweigen allerdings noch ein paar andere Zusammenhänge: Die Menatep war/ist ein Steuerzentrum der Finanzaktivitäten Chodorkowskijs, jetzt (s)eine Stiftung mit diversen Beratern. Da geht es möglichweise noch um richtig viel Geld, zum Beispiel rund um die Aktivitäten von Rosneft.

Nie gehört? Größter Mineralölkonzern der Welt vor Exxon, ein paar hundert Milliarden schwer, Dollars, nicht Rubel. Die haben Chodorkowskijs Yukos geschluckt, und das Team  versucht, Ansprüche durch Klagen gegen Geschäftspartner weltweit durchzusetzen.

Was das mit der FDP zu tun hat? Im Advisoryboard von Menatep saß ein gewisser Otto Graf Lambsdorff, ehemaliger Bundes- und Ehrenvorsitzender der FDP, hier zu Lande wegen Wirtschaftsvergehen (“Flickaffäre”) rund um Bestechung von Politikern bestraft. Er war zu Lebzeiten als treuer Berater Chodorkowskijs aktiv: tja, man kennt sich eben gut mit Privatisierungen aus.

Da er nun tot ist, tritt Sohn Alexander, ein medienagiler EU-Abgeordneter in die Bresche. Von der EU aus klingen die Appelle Richung Osten rund um den Rechtsstaat noch etwas salbungsvoller.

Jetzt fix an das alte FDP-Doppelpack Genscher/Lambsdorff erinnert….

Aber es tönen wichtigere Meldungen aus dem Qualitätsjournalismus: der Sohn Chodorkowskijs landet in Berlin !

Ach ja, es weihnachtet, und ein Treffen mit der Grünen-Aktivistin Marieluise Beck steht noch im Raum, der Befreiungsinitiative für den russischen Gulag. Gilt quasi als der Ersatz für die FDP, oder?

Wir schalten um zur Sondersendung “Der erste Tag in Freiheit”
Eine etwas andere Perspektive auf Chodorkowskij: http://viktortimtschenko.wordpress.com/


Ein Kommentar zu “Deutsche Medien inszenieren aus Kampf um Ölmilliarden ein Rührstück der Freiheit”

  1. Oliver Scholz

    Sehr guter Artikel! Danke!

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