Frankfurter Gemeine Zeitung

Der Wasserkocher: im Nahkampf mit den unsichtbaren Händen des Marktes

Der alte Wasserkocher

Wirklich Probleme mit Wasserkochern habe ich erst seit kurzem. Wasserkocher sind semi-mobile Behälter mit Stromanschluss, in denen sich Wasser fix zum Kochen bringen lässt, und die sich bei der Siedetemperatur automatisch abschalten. In der Ära des Multi-Geräte-Haushalts sind sie fast anachronistisch, machen sich armselig neben verchromten Kaffeeautmaten, Teemaschinen oder Eierkochern, eher zum Drittgerät für Brühgetränke zu Hause abgesunken. Aber ein paar Hundert dieser Spezies lassen sich bei einer Shopping-Suche im Web immer noch finden.

Egal, mein letzter kam aus der Berger vor gut 5 Monaten hierher, kostete fast 50 Euro und wiegt knapp 2 Kilo – ohne Wasser. Seit kurzem schaltet das Gerät ab, bevor das Wasser siedet, und das in immer kürzeren Abständen. Mit anderen Worten: ich muß neben dem technischen Wunderding stehen bleiben, den Schalter immer wieder nach unten drücken bis das Wasser schließlich kocht. Ohne Schalter wär es einfacher, so wie das Gerät meines Großvaters funktionierte: Stecker rein, es fängt an zu blubbern und beim Kochen schaltet es sich aus. Übernahm ich nach seinem Tod, und es funktionierte ein gutes Jahrzehnt weiter.

Mit dem Entschluß vor fünf Jahren, das inzwischen aschgraue Gerät in den Keller zu verfrachten fing es an. Ich lernte, dass Märkte uns den technischen Fortschritt und ihre Weisheit inzwischen nur per “geplanter Obsoleszenz” offenbaren können. Dies bezeichnet den Mechanismus, einfache Schwachstellen einzubauen, eine Art Selbstzerstörungsmechanismus für Produkte nach Ablauf von Garantienzeiten.

Der Ersatz für das geerbte Urgerät stammte aus der Stadt und bot für 19.99 ein gutes Lebensjahr Kochkraft. Dann zeigte sich eine Bruchlinie am Griff und einen Liter kochendes Wasser mit Wackelgriff auszugießen macht schließlich keinen Spaß. Das Nachfolgegerät, offenbar sündhaft teuer und Edelmarke, war ein Weihnachtsgeschenk der Verwandschaft. Immerhin schaffte es das auf fast 2 Jahre, dann begann am Rand Wasser auszulaufen, das sich genüßlich seinen Platz in der Küche suchte.

Ein Intermezzo bot ein weiteres Gerät aus einem bekannten Discounter, keine 30 Euro, dafür schon größer als das letzte. Weil es erst nach 5 Minuten Kochen abschaltete, wurde es mit Verweis auf chinesische Produktion in 12/6 fix im Laden zurückgegeben.  Beim folgendem griff dann wieder die geplante Obsoleszenz: nach gut einem Jahr ging nichts mehr, kein Strom, Apparat schlicht tot. Vor einigen Jahren bot das noch kein Problem: Schraube auf, den Wackelkontakt hinter dem Gehäuse repariert, und weiter gings. Zur Blockade solcher marktfeindlichen Rettungsversuche wird vom Hersteller inzwischen auf Schrauben verzichtet und die Gehäuse möglichst aus einem Guß produziert. Schon ist die Reparatur verhindert und ein neues Gerät muß her: es lebe die Marktbelebung! Und eine weitere Bedingung flankiert diese Strategie: der Reparaturberuf für Elektrogeräte aller Art ist im letzten Jahrzehnt bei uns ausgestorben – gibt halt nix mehr zu reparieren.

Der Folgeapparat, Vorgänger des aktuell defekten war ein bißchen teurer, und mit ihm kam das Wasserproblem wieder, allerdings erst nach einer gewissen Verwendungszeit. Entweder beim Gießen oder beim unkontrollierten Aufspringen des Deckels verteilte sich das Kochwasser in der Umgebung: das war der Anlass das neuste Gerät anzuschaffen. Rückgabe dessen? Naja, der Laden ist dicht, und jetzt gilt es, den Schrott mühsam in einer anderen Filiale los zu werden. Ich werde jedenfalls den 40 Jahre alten Kocher von Opa wieder holen, der liegt im Keller hinter einem recht neuen Siemens-Staubsauber, bei dem die Rückholfeder der Leitung lahmt und die 10 Meter Kabel nun offen rum liegen: dafür ist kein Platz in der Wohnung, neuer her.

Ein Vorschlag zur Markttransparenz: Vielleicht sollten die volatilen Technik-Konzepte der IT-Branche einfach verpflichtend für allgemeine Produktzyklen werden: jedes Jahr gibt es überall eine neue Version. Pad, Laptop oder Smartphone machen es vor, ob Gerät oder Software, die jeweilige Produkt-Mode des Jahres (Phone4, Phone5, Phone6…) wird begleitet von Hypes, die binnen Monaten das Produkt des letzten Jahres buchstäblich antik aussehen lassen. Stützen lässt sich diese Strategie der Moden bei IT durch laufende Versionswechsel installierter Programmmodule oder Apps, durch wachsenden “Overhead” ihrer Installationen, garniert mit immer neuen technischen Anforderungen. Sie haben effektive Folgen, denn dann kann nach kurzer Zeit das Altgerät wegen fehlender Gigabaytes kaum noch verwendet werden: ab in den Keller, auf den Haufen dort.

Der wachsende Haufen ist Resultat der wunderbaren “unsichtbaren Hand”, der Effizienz der Märkte, die uns in immer kürzerer Zeit von der Last alten Eisens und Plastik befreit, das nur ein Jahr funktionierte und unreparierbar ist, und es geschwind in den Keller oder nach Westafrika schafft. Mein Beitrag sind dann immerhin schon 6 Wasserkocher, plus…

Aber wir wollen hier nicht zuviel Wirtschafts- und Kulturkritik bieten, denn die listigen Hände des Marktes zittern nicht bloß, sondern arbeiten am Umwelt- und Klimaschutz ohne Unterlass. Geplante Obsoleszenz, sei es als Defekt oder Versionswechsel ist sogar wesentlicher Teil unserer ganzen marktregulierten Klima- und Rohstoffstrategie. Schließlich funktionieren die neuen Maschinen immer ein Stückchen besser und verbrauchen etwas weniger – zum großen Nutzen der Rohstoffe, des Klimas, der Umwelt. Deshalb: nix wie ran, Umschlagzyklen der Waren noch etwas erhöhen, alle paar Monate ein neues, noch effizienteres Gerät und dann wird das was mit dem Planeten. Die alten lassen wir einfach im Keller, da schaden sie niemandem.


8 Kommentare zu “Der Wasserkocher: im Nahkampf mit den unsichtbaren Händen des Marktes”

  1. Bernhard Schülke

    Hast Du die Teile auch mal entkalkt?

    Was die Lebensdauer von Produkten angeht: Es gibt richtige Forschungsabteilungen in der Industrie, die sich damit beschäftigen, dass die Teile nicht zu alt werden können. Da ist System bei.

    Nicht konsumieren, sondern kaufen, kaufen, kaufen – Das ist, was wir zu tun haben als erste staatsbürgerliche Pflicht. Von wegen Demonstrieren und so.

  2. Wohlgemuth

    Ja, ich entkalke alles manchmal. Leckt aber trotzdem.
    Ausserdem hast du unserer Präsidenten gehört: noch mehr Freiheit durch freie Märkte! Auch wegen unseres guten Gefühls und dem drum herum.
    Muß er als langjähriger Kirchenbeamter schließlich gut wissen.

  3. joe

    Hi Hi Hi, die kirchlichen Kinderschänder und die marktradikalen Umweltzerstörer haben sich schon immer bestens verstanden und zusammen gearbeitet….

  4. Wohlgemuth

    Na joe, es braucht doch keine Aufreger ala “Kinderschänder” und “Umweltzerstörrer”. Sondern einfach ohne zynische Selbstabsicherung mal einen kurzen Blick auf unser tägliches Business as usual werfen, das wir als alternativloses Treiben kultivieren. Dazu reicht manchmal schon ein Wasserkocher.
    Zwischen den 1000 Umweltfilmchen und Biosupermärkten können wir uns kaum noch vorstellen, dass die Wegwerforgie heute vor 30 Jahren sogar hier als borniert empfunden worden wäre.
    Solchen Gedanken über Marktbeschleunigung und erhöhte Umschlagsraten müssen keine Existenzängste bei dir erzeugen. Das trifft eher die Leute ein paar Tausend Kilometer im Süden, in deren Flüssen sich unsere Schrottberge aufhäufen, aber das ist für uns glücklicherweise unsichtbar.

  5. joe

    @Wohlgemut

    ich möchte dich ja nicht beunruhigen :) , aber den hier erzeugten Dreck bekommen wir auch irgendwann auf unsere Teller und in unsere Körper….

    Aber du hast natürlich recht, das unser Wachstum zuerst die trifft die eigentlich nichts damit zu tun haben.

    Gestern gerade erst einen Bericht über die größtenteils importierte Steinkohle aus z.B. Lateinamerika zur hiesigen Stromerzeugung gesehen.
    Ganz tolle “Energiewende”!
    Die Manager der Strommafia die sich überhaupt dazu geäußert haben, beriefen sich auf die dortigen angeblich eingehaltenen Gesetze. Echt praktisch, wenn man vorher die dortige Legislative und Exekutive besticht, oder auch z.B. Paramilitärs dafür bezahlt, Gewerkschafter, Journalisten und Umweltschützer abzumurksen, damit man dann hinterher für – Zitat: – “sauberen Strom” ungestört ganze Bergregionen wegsprengen und alles verseuchen kann…..

  6. Florian K.

    Dein Vorschlag, die Technik-Konzepte der IT Branche zum Maßstab allgemeiner Produktzyklen zu machen befindet sich bereits in der Umsetzung.

    Der gesamte Haushalt wird “smart”, woran z.B. Google bereits jetzt fieberhaft arbeitet.
    http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/nest-uebernahme-google-will-in-ihr-schlafzimmer-a-943406.html

    Und was nützt mir noch mein oller Kühlschrank, wenn er mit meinem neuen Smartphone nicht kompatibel ist? ^^

    Evtl. könnte auch die App meines Toilettenspülkastens meine Stuhlganggewohnheiten analysieren. Wenn mein Toilettenspülkasten mit dem Kühlschrank nur gut genug kommuniziert, könnte er vielleicht auch sagen, ob gelegentliche Durchfälle mit meinen Ernährungsgewohnheiten zusammenhängen oder ob ich vielleicht dringend zum Arzt sollte.

    Natürlich ist das alles nur zu meinem Besten, macht mein Leben so viel einfacher und ist außerdem noch wunderbar freiwillig. Oh süße Freiheit!

  7. Florian K.

    Kleiner Nachtrag zur fortschreitenden Durchsetzung unseres Alltages mit Informationstechnologie:

    Eine nicht zu unterschätzende und auch verkehrs- und ordnungspolitische Bedeutung dürfte die “Smartifizierung” von Autos haben.

    Schließlich stellen unvernetzte und nicht mit anderen Autos kommunizierende Fahrzeuge in einem solchen Szenario ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko da.

    Vorschläge zur Durchsetzung dieser Smartifizierung von Autos gibt es auch bereits. Natürlich auch alles “voll freiwillig” über finanzielle Anreize.

    Interessant hierzu ist dieser Artikel:
    http://www.spiegel.de/auto/aktuell/mercedes-und-continental-zeigen-auf-der-ces-car-to-x-technologien-a-942355.html

    Zitat: “Durch gesetzliche Anreize könnte die Entwicklung außerdem beschleunigt werden”, sagt Weber, “zum Beispiel dadurch, dass Fahrzeugbesitzer, deren Autos mit Car-to-X-Technologien ausgestattet sind, Rabatte bei der Versicherung erhalten.”

    Und die ganzen wertvollen Daten, die so ein Auto liefern kann, sollten doch auch nicht länger brach liegen… oder? Da gibt es geradezu ungeheure Marktpotentiale.

    Zitat:
    Über eine solche indirekte Förderung würde sich auch Continental freuen. Der Automobilzulieferer zeigt auf der CES ebenfalls die neuesten Möglichkeiten der Vernetzung von Autos – und je mehr Fahrzeuge untereinander Daten austauschen, desto akkurater funktioniert das System namens Connected eHorizon.

    Bei der Innovation sammelt das Auto pro Minute eine Datenmenge von einem Gigabyte. Aus dieser riesigen Menge werden relevante Informationen in eine Server-Cloud gespeist – wenn die Radarsensoren etwa ein Hindernis auf der Fahrbahn erkennen, das ESP durch Glatteis ausgelöst wird oder das Navigationssystem meldet, dass das Auto in einem Stau hinter einer Kurve steht. [Anm. von Florian K.: Oder wenn der Opa im Auto vor einem als unzuverlässiger Verkehrsteilnehmer identifiziert ist]

    Es geht hier letztlich um die Kalkulierbarmachung menschlichen Daseins.

    Dahinter steht natürlich die empirische und deshalb unbestechlich absolut (!) wahre Wahrheit (das sind “Fakten”, alles andere sind bloß “Meinungen”):

    1. Wenn die Verkehrsteilnehmer besser berechnet und gesteuert werden, dann passieren weniger Unfälle.
    2. Wenn die Marktteilnehmer besser berechnet und gesteuert werden können, dann passieren auch weniger “Unfälle” auf dem Markt.

    Wer wollte schon gegenüber der weinenden Witwe eines Verkehrstoten gegen ein System argumentieren, welches diesen Unfall zumindest statistisch gesehen bestimmt (!) hätte verhindern können?
    Höchstens irgendwelche zynischen “Nicht-Utilitaristen”! Und solche Zeitgenossen sind bestimmt auch Impfgegner…

  8. Wohlgemuth

    Eine schöne Bemerkung, besonders beim Vergleich der “Unfälle”!
    Ich möchte noch was ergänzen: Google hat nicht nur die Brille, mit der das Netz smart über meine Welt informiert wird, und mit anderen Brillen kommunizieren kann. Es hat parallel das “Google driveless car” (http://en.wikipedia.org/wiki/Google_driverless_car) entwickelt, in dem ich mich im smart kommunizierenden Auto durch diese Welt fahren lassen kann. In den USA bereits auf Strassen unterwegs.
    Beide sind Bewohner des “Internets der Dinge”, zu dem ja auch bald Wasserkocher gehören, wie du richtig anmerkst, und die nicht nur laufend Auskunft über unsere Befindlichkeiten geben, sondern die Welt gleich noch “passend” zurichten. Die Dinge lassen sich dann verdeckt via Befehlsketten aufmarschieren, anordnen und beauftragen. Sie sind dann buchstäblich Teil dessen, was als allgemeine “Paramilitarisierung” gelten kann.
    Ein neuer Level der “Unfallfreiheit”!

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