Frankfurter Gemeine Zeitung

Rund um das Ranking auf Friedhöfen

„Ranking“, dieses nette kleine Wort begleitet uns inzwischen vom Kindergarten über die Alltagsgeschäfte bis auf den Friedhof. Unsinn, mögen sie entgegnen, „Ranking“ ist doch eine Bewertungsmaßnahme von Wirtschaftsagenturen für ökonomische Akteure, seien sie Firmen oder Staaten. Um so besser das Ranking (“AAA”), um so sicherer der Hafen, desto geringer die Zinsen. Je schlechter das Ranking (“CCC”), desto riskanter das Spiel und die Minderbewerteten müssen einen Batzen Zinsen zahlen. Wie uns erklärt wird, spricht mit dem Ranking bloß “der Markt”, und der gibt uns Chancen wie Sicherheiten, für deine Entscheidung zwischen billig oder teuer, dem sicherem Hafen oder den hohen Zinsen.  Ganz einfach, Rankings sind Wegweiser, genauso wie “Google PageRank”, um meine Erläuterung  etwas handgreiflicher für alle zu machen.

Diese Wegweiser gibt es inzwischen überall: wenn die kleine Melanie in den Kindergarten soll, tut der Blick auf die Bewertungen Not, das Krippen-Ranking, die Vorschulkalkulation – zumindest wenn Familie sich früh darauf einstellt, dass Melanie selbst ins Rennen geschickt wird, in die Nähe der Poleposition kommen soll und entsprechende Batzen an “Kompetenzen” erwerben muß. Wie liebe ich dieses Wort, “Kompetenzen”, findet sich in meinem Wort-Ranking in der Spitzengruppe, genauso wie bei Lehrern, obwohl ich gar keiner bin.

Klar, so geht es weiter, von der Schule an die Uni, wo echte Professionals nie ohne das “Shanghai-Ranking” zu den besten Unis der Welt auskommen. Weiter geht es mit Rankings für Start Up´s oder Absteiger im globalen Wettbewerb, Audits im Profitcenter und Abteilungs-Rankings. Zu Hause kümmern wir uns um den bestbewerteten Immobilienfinanzierer, das Festzinsranking und die Bewertungen für Urlaubsziele. Selbst türkische Staatsanleihen werden verlockend , wenn sie bei 10 % angelangt sind, zumindest wenn wir das Risikoranking für uns selbst dabei in Rechnung stellen. Aber per Web können wir uns schließlich inzwischen selbst ranken. Na klar, wir sind doch alle Marktteilnehmer, buchstäblich: Käuferin, Verkäufer und Produkt, gleichzeitig.

Trotz all dem war ich heute morgen überrascht, als ich an einem eher ruhigen Ort solche Töne vernahm, die ich dort nicht erwartete. Der Hörfunksender HR2 gibt sich ganz nach Hochkultur, zwischen Klassik, Features und Feuilletonrundschau. Genau dort, beim letzten brachen die Dämme, an der Stelle, dem  Feuilleton, ausgerechnet dort wo bisweilen die letzte kleine Flamme vom Widerstand des Geistes gegen den umfassenden Markt verortet wird.

In der Feuilletonrundschau vom 14. Februar führte die HR2-Sprecherin ein neues Ranking ein, das selbst hartgesottene Trader aus der Frankfurter City kurz Luft holen lässt. Die Feuilletons des Tages waren laut Bericht – erwartungsgemäß – voll von Nachrufen auf den “zu früh verstorbenen” Schauspieler Philip Seymour Hoffman (46), und als Kontrapunkt tönte danach die Frage aus dem Apparat: wie kommt denn da der überraschende Tod des Dirigenten Gerd Albrecht (78) in den Rankings der Feuilletons mit? Nun, heißt es, erwartungsgemäß nicht ganz so weit oben.

Ich merke auf, ein Ranking der Feuilletons, ein Ranking über “Verstorbenheitsvorrangigkeit”? Wird auf dem Markt der “Prominenztode” die Zahl der Nachrufe gerankt, die Länge, Intensität, Wertung der Artikel über frühes, spätes, bedauernswertes, unverständliches, überraschendes Dahinscheiden in einer Markttabelle gewichtet? Sollten wir vielleicht eine Agentur für Ranking im kulturellen Tod, im politischen, wirtschaftlichen, sozialen Sterben oder über die Bedeutung der Nachrufe installieren? Und bitte: was genau wird auf diesem Markt der symbolischen Tode denn gehandelt, welche Zinsen oder Quoten kann ich verdienen? Oder müssen wir bei derartigen Märkten noch etwas mehr um die Ecke denken?

Das Feuilleton, besonders seine Interpretation durch den Hessischen Rundfunk hat uns Fragen zu einem ganz neuen Wirtschaftsbereich eröffnet, aber sollten wir ihm für diese Markterschließung wirklich danken?

 


Ein Kommentar zu “Rund um das Ranking auf Friedhöfen”

  1. Florian K.

    Sehr treffend geschrieben.

    Ranking = Vergabe von Rängen = Bildung von Hierarchien

    Das Vordringen von Rankings in unsere Lebensbereiche bedeutet die Hierarchisierung der entsprechenden Lebensbereiche nach Kriterien ökonomischer Verwertbarkeit.

    Gleichzeitig bewirkt das Vordringen von Rankings auch die sukzessive Abschaffung jeglicher Selbstbestimmung zugunsten einer Fremdbestimmung durch scheinbar anonyme Mechanismen.

    Dies hat extrem totalitäre Züge.

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