Frankfurter Gemeine Zeitung

weggeTURMt – ein Fotobericht

Da stand er, dieser brutale Klotz. Dieser rechteckige Alptraum eines Kafka. Dieser geheimnisvolle und schweigsame Begleiter der vorbeischreienden Zeit. Mit einem starken Spruch auf dem Stirn: “Elfenbein“.

Der Turm schwieg. Und die Menschenmassen, von allen Seiten, Tausende. Sie sprachen zwar untereinander, doch schwiegen sie in des Turmes Richtung. Noch nie hat dieser Meister der Klaustrophobie wohl so eine Aufmerksamkeit bekommen.

Das war seine Stunde, seine Sternstunde, die bald schlagen wird. Sein Ende, sein Schafott, seine Krönung, seine Apotheose.

Hier wird sein Schicksal bestimmt, hier wird sein Leben beendet, hier wirkt er noch, grau und stumm, kurz bevor er auseinander bricht.

Dann kam der Countdown.

Dann kam das Signal.

Dann kam der Detonationsdonner.

Und weg war der Turm… innerhalb weniger Sekunden wurden die Jahrzehnte der Geschichte zu einem Schutthaufen.
Weg waren die Aufzüge, auf die man stundenlang wartete.
Weg waren die Seminarräume, in welchen man immer wieder wissenschaftliche Highlights erlebte – mit regen Debatten und Saal-Überfüllung.
Weg waren die Graffitis aus turbulenten Epochen – Meinungen über Meinungen über Meinungen geschrieben, eine Art Meta-Bulletin, ein diachronischer Schnitt durch die Standpunkte und Mentalitäten der letzten 40 Jahre.

Wehmut. Nur die, die einen persönlichen Bezug zum Turm hatten, werden es verstehen. Was für die Aussenstehende ein architektonisches Monstrum war, strahlte für die, die mit diesem Gebäude zu tun hatten, unter einem ganz anderen Licht, mit einer ganz eigentümlichen Auratik. Eine Hassliebe. Ein freudig-bittere Abschied.

FIN


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