Frankfurter Gemeine Zeitung

Jazz riecht nicht komisch: Peter Rüedis monumentaler Guide

Es gibt eine schöne Anekdote um den Maler Arnold Böcklin und den Komponisten Richard Wagner (nebst Dame Cosima). Böcklin besuchte die Wagners in Venedig. Wagner und seine Frau versuchten, Böcklin als Maler für die Bayreuthweihespiele zu gewinnen. Böcklin blieb eisig distanziert, aber freundlich. Erst gab Wagners Gattin auf und verließ indigniert den Raum. Wagner schaffte hartnäckig weiter. Böcklin blieb bei seiner Abwehrhaltung. Bis Wagner der Kragen platzte: „Sie verstehen wohl nichts von Musik!“ Darauf Böcklin: „Wohl mehr als Sie von Malerei.“

Eines steht fest: Der Charakter Peter Rüedis neigt eindeutig hin zur Person Arnold Böcklins. Geboren 1943 in Basel, war Rüedi Ressortleiter Kultur bei der Weltwoche (1974 – 1980), dann ging er 1982 als Dramaturg ans Berliner Schillertheater, war in den Jahren 1982 – 1989 Chefdramaturg am Zürcher Schauspielhaus. 2011 erschien seine monumentale Dürrenmatt-Biographie Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen.


Bild: Peter Rüedi (Liebe Damen, keine Angst, wenn dieser Mann Ihnen seine Jazzsammlung zeigen will…)

Und seit dreißig Jahren nun, seit 1983, schreibt Rüedi eine wöchentliche Jazzkolumne in der Weltwoche, ein Lichtblick in der zur populistischen Rechtsaußenzeitung mutierten Institution. Diese liegen nun in einem monumentalen Band vor, ein Ereignis! Nicht nur die schiere Masse beeindruckt – hier ist eine subjektive Jazzgeschichte von Format der letzten dreißig Jahre zu bestaunen. Vor der Literatur war der Jazz die erste Liebe Rüedis, ihn faszinierte „die mythische Aura“, das Protestpotential, den freien Ausdruck, die „ekstatische Aura von Selbstverausgabung“, die „totale Investition in den Augenblick“ und die hohe Quote von „Untergehern, von tragischen Helden“. Sowie das Fragmentarische, nicht Abgeschlossene. Er verweist auf den Satz des Jazzpianisten Kenny Barron: „If you don’t make mistakes you don’t play Jazz.“

Der Literatur- und Theatermensch Rüedi verstand seine Kolumnen immer als Korrektiv zur Brotarbeit. Berühmt sind seine „manchmal wirklich grotesk ausufernden Einleitungen, Assoziationen und Abzweigungen“ (Rüedi), die, so der Autor in einem Interview, in denen es ihm darum ging, „diese Musik so zu inszenieren, dass auch mit Jazz wenig vertrauter Leser erkennen konnte, in welchem Rahmen von Ernsthaftigkeit man diese Musik hören kann. Andererseits kann man das als Versuch verstehen, von Musik zu reden, indem man von etwas anderem spricht.“ Rüedis Jazz-Etuden sind kleine Prosameisterwerke. Anregend zu lesen, erzählen sie viele Geschichten von Menschen und Instrumenten, Stille und Krach, Wind, Sonne und Kuturkuriosa. Man erfreut sich an dem Enthusiasmus und der Emphase, mit der Rüedi sich seiner Lieblingsmusik zuwendet, über so viele Jahre den eigenen Anspruch erfüllend.
Stolen Moments ist ein Buch, das in jede ordentliche Hausbibliothek gehört. Ohne Haltbarkeitsdatum. Dabei quecksilbrig lebendig. Und sicherlich wird man auf die Suche so mancher Jazzplatte gehen.

Peter Rüedi, Stolen Moments, 1522 Jazzkolumnen, Mit einem Vorwort von Michael Mettler, einem Register aller Albentitel und einem Namensregister aller Musiker, Basel 2013, Echtzeit Verlag, 1320 Seiten, Großformat, Ln. geb., 68 €


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