Frankfurter Gemeine Zeitung

Hofberichterstattung

Die Diskussion um Wohnungspolitiken in dieser Stadt hält an und scheint weitere Kreise einzubeziehen, die einfach nicht mehr zum Verstummen gebracht werden können. Egal ob es sich um Spekulanten der dritten Liga handelt oder um die Champions League der institutionellen Anleger, ob es um heiße Entmietung geht oder ihre lauwarme Form permanenter Mieterhöhungen. Die Rolle der Wohnungsunternehmen in kommunalem und Besitz des Landes wird zunehmend kritisch hinterfragt und deren Mieter*innen „reicht es einfach“.
In dieser Situation gilt es, auf sämtlichen Kanälen gegen zu halten und so wird auf breiter Front die Gegenoffensive gestartet, wozu sämtliche Hofberichterstatter aktiviert werden.

Wie gut das funktioniert belegen die Veröffentlichungen von FNP und FR, wobei diese einmal in Form eines Kommentars, subtiler als Darstellungsplattform des grossen Meisters Frankfurter Wohnungspolitik daher kommt.
Der Kommentator der FNP droht unverhohlen, jede Form einer politischen Regulierung, die vom Wege der Finanzialisierung und des uneingeschränkten Profits abweiche, müsse zwangsläufig zum Desaster führen und zitiert, ohne jeglichen Anflug von Scham ein Beispiel aus Mainz, das mit dem zur Debatte stehenden Fragen auch nicht das Geringste zu tun hat, sich aber in dieser Verquickung bestens eignet. Denn wir lernen daraus, dass jeder Versuch einer Regulierung gleichbedeutend ist mit einer in der Nähe kriminellen Verhaltens angesiedelten Entscheidung, mit hoch-toxischen Derivaten zu spekulieren. Dabei ist die Zielrichtung, den Politiker*innen klar zu machen, dass sie sich nicht einbilden sollten, in des Geschehen des „freien“ Marktes einzugreifen, bzw. dies vorbehaltlos den Expert*innen dieser aktuell alleinseligmachenden Kirche zu die Zeitun – und deren Hohepriestern. Das ist so eine Art Holzhammer-Lyrik und empfiehlt den Autor als Pressesprecher bei nächster Gelegenheit.
Etwas subtier kommt die gut Redakteurin der FR daher und bietet in einer Art Verballhornung des klassischen griechischen Dialogs den Raum zu einer grandiosen Selbstdarstellung – die allerdings ihre Tücken hat, besonders wenn der Gesprächspartner sich derart gerne zuhört, dass wenigstens ein Teil seiner Überlegungen öffentlich wird. Und das gilt es sich einmal näher anzusehen, vor allem, weil er an diesen Stellen die Pläne direkt ausspricht.
Fangen wir am Ende an: „Wenn Sie in Offenbach wohnen oder selbst in Friedberg, mit bestem ÖPNV-Anschluss, dann würde ich nicht sagen, dass man ein „Recht auf Stadt“ hat und das heißt nur Innenstadt, sondern das geht eben auch in anderen Lagen.“
Was einem Generaldirektor selbstverständlich ist, sich vom Chauffeur aus Königstein ins Herz der Stadt fahren zu lassen, kann auch jedem kleinen Subalternen zugemutet werden. Dabei betont er so nebenbei, dass es längst ausgemacht ist, für wen diese „Innenstadt“ ausersehen ist. Doch schauen wir uns noch etwas um.
„Wenn wir Neubauten vermieten für 11,50 oder 12 Euro den Quadratmeter, dann reizen wir den Markt nicht aus. Aber drunter geht es leider nicht, weil Grund und Boden rar und teuer ist und Baukosten das ihre dazu beitragen.“
Damit ist zweierlei gesagt: einmal, dass es nur noch teure Wohnungen geben wird, zum anderen, dass wir uns endlich über die Frage von Eigentum an Grund und Boden unterhalten müssen. Hier wird die Grenze festgelegt und alles, was damit nicht leben kann, hat keinen Platz mehr in der Stadt, zumindest in der Junker’schen Oberstadt. Für die meisten, das lässt sich daraus entnehmen bedeutet die Neubau-Aktivität keinen Zugang zu haben, weil es eben unter den o.g. Margen nicht geht (da fehlt einfach ein „Basta!“ dahinter) und da zugegebenermassen diese Aktivität hinter dem Bedarf her hinkt, bedeutet es auch keine „Entspannung“ des Marktes, wie inbrünstig man diese Mantren auch herunter leiern mag.
Dass es so etwas wie Gentrifizierung geben mag, ist ja mittlerweile weitgehend akzeptiert. Jedoch dort, wo dieser Herr aktiv ist, verkriecht sich dieses städtische Ungeheuer und ward nicht mehr gesehen:
„Wenn wir vieles machen, eines machen wir nicht: wir verkaufen keine Wohnungen aus dem Bestand. Damit sind wir gerade in Quartieren wie dem Gallus ein Garant dafür, dass es dort nicht zu Gentrifizierung kommt.“
Clever, der Bub’! Ein solider Kaufmann dazu: „…aber wenn wir 4000 Wohnungen bauen wollen, muss irgendwo das Geld herkommen und das geht eben nur dadurch, dass man die Mieten anpasst, …“ Viel besser kann Umverteilung eigentlich nicht beschrieben werden. Denn diese – s.o. – sind nicht unter 11,50 zu haben. Doch ist an dieser Einlassung treffend, was dieser Herr an dieser Stelle nicht gesagt hat, nicht sagen konnte, ohne dass sich seine Stilisierung zum Rächer der Enterbten nicht sofort wieder in Rauch aufgelöst hätte: die ABG hat das gar nicht nötig, denn sie hat für sich entdeckt, wieviel lukrative Möglichkeiten dieser Bestand bietet – und zwar auf Dauer. Die meisten Mieter*innen dieser Gesellschaften unter dem Dach der Holding fallen hier spontan viele Wege ein, die von dem Unternehmen beschritten werden. Dass zudem der Umgang mit Zahlen recht phantasievoll gerät, sollte hier nicht groß breit getreten werden, wenn man so gut in Fahrt ist, dann rutscht die eine oder andere Zahl schon mal in die falsche Spalte. Vor allem, da es gelungen ist, jede Instandhaltung als Modernisierung und gar im Sinne des Wohnraumfördergesetzes als „Quasi-Neubau“ bewerten zu lassen, wofür wir an dieser Stelle der Kammer des LG Frankfurt unsere tiefe Hochachtung aussprechen möchten, hat sie sich im Sinne des Standortes auf keinerlei inhaltliche Diskussion eingelassen. Nur noch eins zu den ach so sozialverträglichen Mieten (mit Verbindungen dieser Mieten zu Größen muss dem guten Herrn nicht erst gekommen werden, baut er doch für alle – Generaldirektoren – und deshalb ist das Verhältnis seiner Mieten zum Netto-Verdienst auch unerheblich): in einer Spalte findet sich die allgemeine Durchschnittsmiete der ABG, in einer anderen die der modernisierten, dann auch noch der Lagenzuschlag und schliesslich gibt es noch eine, da sind die aktuellen Wiedervermietungen zu sehen. Und dann sieht die Geschichte ganz anders aus. (er könnte ja auch mal die Mieter*innen fragen).

„Wir wollen, dass jemand, der eine Heimat hat in einem Quartier, dort bleiben kann, so lange es geht.“
Wenn da nicht dieser verflixte letzte Teil noch mit heraus gerutscht wäre, macht doch alles kaputt.
Kommen wir auf diese Darstellungen zurück, die so hingenommen werden und an der Realität von ca. 50% der Haushalte in dieser Stadt völlig vorbei gehen. Kein Wort darüber, dass diese sozialverträglichen Mieten selbst nach Definition der Bertelsmann-Stiftung nicht mehr als bezahlbar gelten, da sie mehr als 30% des Netto-Einkommens überschreiten (und genauerweise zählt hier die Warmmiete), kein Ton über die stets steigenden Fahrpreise, die eine geringere Miete in Friedberg oder Hanau wieder auffressen, kein Ton über die neo-feudale Einlassung, dass es kein Recht auf Stadt gibt, wenn es die Profitwünsche tangieren sollte.
Wenn dann die „Homogenisierung“ vollendet ist und nur noch Gutverdiener in der Stadt leben, wenn die Subalternen sich die Fahrt zu ihrem gering bezahlten Arbeitsplatz kaum noch leisten können, kann immer noch der Arbeitsdienst wieder aufgefrischt werden, denn irgendjemand muss ja putzen und den Müll abtransportieren. Das machen dann die Vertragsarbeiter*innen aus Osteuropa, die Pflegekräfte kommen ja schon aus China.


Intellektueller außer Dienst: Matthias Matussek

In den letzten Tagen hagelte es scharfe Kritik gegen Matthias Matussek.
Grund waren seine Äußerungen zur Homosexualität.

In einem Artikel in der Welt mit dem Titel „Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so“ strickte er fleißig mit an der unter Neurechten verbreiteten Erzählung, ein politisch korrekter Mainstream verböte es aufrechten Bürgern ihre Meinung zu sagen.
Dies sei ihm meinetwegen geschenkt.
Darauf berufen sich auch Broder, Sarrazin und all die anderen „unterdrückten Freidenker“, die in unserer Gesellschaft nie gehört werden (außer ihrer permanenten Medienpräsenz natürlich).

Allerdings vertrat er auch die These Homosexualität sei „defizitär“, da sie nicht zur Vermehrung führen könne.
Bei seinen Ausführungen berief er sich ausgerechnet auf den christlich-konservativen Philosophen Robert Spaemann und auf Aristoteles.

Dem Herren Matussek sei angesichts dessen tatsächlich empfohlen, sich einmal eingehender mit Philosophie zu beschäftigen, denn auf diesem Gebiet scheint seine Bildung noch ein wenig „defizitär“ ausgeprägt.
Vielleicht stößt er ja irgendwann einmal auf den Begriff des naturalistischen Fehlschlusses, auch „Sein-Sollen-Fehlschluss“ genannt.

Diesem Fehlschluss ist Matussek offensichtlich aufgesessen, denn er folgert aus einer Beschreibung des Zustandes der Welt („Evolution und Arterhaltung setzen Vermehrung voraus“) auf ein Sollen („Evolution und Arterhaltung sind moralisch positiv zu bewerten, demnach ist Vermehrung ein ethischer Imperativ“).

Aber selbst wenn man diese Auffassung unwidersprochen hinnehmen würde, so könnte man ihm nicht zustimmen.
Denn:
Ist es zur Arterhaltung der Menschheit überhaupt notwendig, dass alle Menschen sich vermehren?
Die ohnehin wachsende Bevölkerungszahl auf unserem Planeten spricht eher dagegen. Der Fortbestand unserer Spezies ist durch die Homosexualität jedenfalls nicht bedroht.

Für wen soll Homosexualität also „defizitär“ sein?

Für die Homosexuellen selbst? Diese bewerten ihre sexuelle Präferenz selbst jedenfalls überwiegend nicht als defizitär.

Für die Menschheit als Ganzes? Warum, wenn es für das Überleben der Menschheit als Spezies überhaupt nicht notwendig ist, dass alle Menschen nach Vermehrung streben?

Die Argumentation von Matussek ist nicht einmal innerhalb ihrer eigenen Prämissen schlüssig.

Oder denkt Matussek hier insgeheim tatsächlich das althergebrachte, wie unsinnige Argument „wenn alle homosexuell wären, dann gäbe es keine Kinder und damit auch bald keine Menschen mehr, also ist Homosexualität schlecht“, so als ob die „akute Gefahr“ bestünde, dass plötzlich alle Menschen homosexuell würden, wenn eine Gesellschaft eine positive Haltung in Bezug auf Homosexualität zeigt?

Diese Annahme ist zwar unter manchen Stammtischbrüdern sehr verbreitet, zeigt aber um so mehr das seltsam obsessive Verhältnis dieser Menschen zur Homosexualität.
Denn die Annahme, dass Menschen aufgrund einer liberalen Politik in Bezug auf Homosexualität nun plötzlich dazu “verleitet” würden, homosexuell zu werden, impliziert ja auch die Annahme, dass Homosexualität für heterosexuelle Menschen derart attraktiv sein müsse, dass diese nur durch gesellschaftliche Ächtung und Verbot von ihr abgehalten werden könnten.

Ist diese Obsession Matusseks eigentlicher Antrieb? Und wenn nicht, was bleibt von seiner ganzen Argumentation?

Inzwischen hat Matussek aber das Argumentieren ohnehin aufgegeben. Lieber greift er nun auf einen anderen Philosophen zurück und zwar auf Arthur Schopenhauer und flüchtet sich in einen von diesem als mutatio controversiae beschriebenen Kunstgriff eristischer Dialektik: Er erklärt in seiner Antwort an Stefan Niggemeier die Diskussion schlicht für beendet.

Zitat:
Merken wir, daß der Gegner eine Argumentation ergriffen hat, mit der er uns schlagen wird; so müssen wir es nicht dahin kommen lassen, ihn solche nicht zu Ende führen zu lassen, sondern beizeiten den Gang der Disputation unterbrechen, abspringen oder ablenken, und auf andre Sätze führen: kurz eine mutatio controversiae zu Wege bringen. (Arthur Schopenhauer)

Und zu welchem Punkt Matussek die Disputation nun wieder zurückführt? Natürlich auf die alte Leier, dass er in seiner auf allen Kanälen publizierten und massenhaft verbreiteten Meinung dadurch beschränkt werde, dass man ihm für seine unsinnigen Äußerungen den Rang als Intellektuellen öffentlich abspricht.

Darauf reagiert er sehr dünnhäutig. Schließlich betont er in seiner Antwort an Niggemeier was für ein ungeheuer wichtiger Intellektueller er doch sei, was ihm auch der große Marcel Reich-Ranicki (hergehört, Ihr Leute!) bestätigt habe.

Zitat:
Jawoll, auch ich stehe in Unterrichtsbüchern, allerdings nicht in denen „zur sexuellen Vielfalt“ – meinen Heine-Text hat Ihr leider verstorbener Kollege, der tatsächlich unsterbliche Marcel Reich-Ranicki, „das Beste“ genannt, was zum Heine-Jahr erschienen war.

Doch seinen Ruf als Intellektueller hat sich Matussek nun selbst in seiner Antwort an Stefan Niggemeier endgültig zerstört, indem er diesen in seinem letzten Artikel mit seltsamen Spitznamen auf Sandkastenniveau attackierte.

Ich zitiere:
Kartonschädel-Niggi
Niggi, aufgeschwemmter Mausepaul
Niggi, verqualmter Brummschädel

„Aufgeschwemmter Mausepaul“?
Und diese Wortkreation stammt nicht von der fiktiven Figur Bernd Stromberg oder Käpt´n Blaubär oder sondern von einem Intellektuellen, der für sich in Anspruch nimmt, über Goethe, Schiller, Hesse, Heine, die Romantiker und kürzlich Büchner geschrieben zu haben, ohne Probleme mit „Leseverständnis“ und „Interpretation“, wie er betont?

Ist Matussek nun vielleicht vom Intellektuellen zum Intellektuellen a.D. mutiert?
In diesem Falle müsste man ihm nun herzlichst zu seinem geistigen Ruhestand gratulieren und den armen Kerl fernab jeglichen öffentlichen Interesses in Würde altern lassen.
Papst Benedikt XVI. hat es ja vorgemacht und der mochte Schwule auch nicht so besonders, zumindest gemäß der offiziellen Linie seiner Kirche. (was unter den Talaren passiert, bleibt unter den Talaren)

Naja… vielleicht benötigt „Matussi“ ja auch nur die Publicity, um demnächst mit einem „politisch unkorrekten Buch“ in dem „endlich mal einer Klartext über den linksschwulen Gesinnungsterror redet“ in den Bestsellerlisten zu landen, woraufhin seine freie Meinungsäußerung gewiss in zahllosen Talkshows zur besten Sendezeit „unterdrückt“ würde?

Thilo Sarrazin hat ja jetzt auch wieder ein Buch geschrieben, in dem er sich bitterlich darüber beklagt, dass seine Schriften Gegenstand öffentlicher Kritik wurden. Das wird bestimmt ein Renner.


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