Frankfurter Gemeine Zeitung

Intellektueller außer Dienst: Matthias Matussek

In den letzten Tagen hagelte es scharfe Kritik gegen Matthias Matussek.
Grund waren seine Äußerungen zur Homosexualität.

In einem Artikel in der Welt mit dem Titel „Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so“ strickte er fleißig mit an der unter Neurechten verbreiteten Erzählung, ein politisch korrekter Mainstream verböte es aufrechten Bürgern ihre Meinung zu sagen.
Dies sei ihm meinetwegen geschenkt.
Darauf berufen sich auch Broder, Sarrazin und all die anderen „unterdrückten Freidenker“, die in unserer Gesellschaft nie gehört werden (außer ihrer permanenten Medienpräsenz natürlich).

Allerdings vertrat er auch die These Homosexualität sei „defizitär“, da sie nicht zur Vermehrung führen könne.
Bei seinen Ausführungen berief er sich ausgerechnet auf den christlich-konservativen Philosophen Robert Spaemann und auf Aristoteles.

Dem Herren Matussek sei angesichts dessen tatsächlich empfohlen, sich einmal eingehender mit Philosophie zu beschäftigen, denn auf diesem Gebiet scheint seine Bildung noch ein wenig „defizitär“ ausgeprägt.
Vielleicht stößt er ja irgendwann einmal auf den Begriff des naturalistischen Fehlschlusses, auch „Sein-Sollen-Fehlschluss“ genannt.

Diesem Fehlschluss ist Matussek offensichtlich aufgesessen, denn er folgert aus einer Beschreibung des Zustandes der Welt („Evolution und Arterhaltung setzen Vermehrung voraus“) auf ein Sollen („Evolution und Arterhaltung sind moralisch positiv zu bewerten, demnach ist Vermehrung ein ethischer Imperativ“).

Aber selbst wenn man diese Auffassung unwidersprochen hinnehmen würde, so könnte man ihm nicht zustimmen.
Denn:
Ist es zur Arterhaltung der Menschheit überhaupt notwendig, dass alle Menschen sich vermehren?
Die ohnehin wachsende Bevölkerungszahl auf unserem Planeten spricht eher dagegen. Der Fortbestand unserer Spezies ist durch die Homosexualität jedenfalls nicht bedroht.

Für wen soll Homosexualität also „defizitär“ sein?

Für die Homosexuellen selbst? Diese bewerten ihre sexuelle Präferenz selbst jedenfalls überwiegend nicht als defizitär.

Für die Menschheit als Ganzes? Warum, wenn es für das Überleben der Menschheit als Spezies überhaupt nicht notwendig ist, dass alle Menschen nach Vermehrung streben?

Die Argumentation von Matussek ist nicht einmal innerhalb ihrer eigenen Prämissen schlüssig.

Oder denkt Matussek hier insgeheim tatsächlich das althergebrachte, wie unsinnige Argument „wenn alle homosexuell wären, dann gäbe es keine Kinder und damit auch bald keine Menschen mehr, also ist Homosexualität schlecht“, so als ob die „akute Gefahr“ bestünde, dass plötzlich alle Menschen homosexuell würden, wenn eine Gesellschaft eine positive Haltung in Bezug auf Homosexualität zeigt?

Diese Annahme ist zwar unter manchen Stammtischbrüdern sehr verbreitet, zeigt aber um so mehr das seltsam obsessive Verhältnis dieser Menschen zur Homosexualität.
Denn die Annahme, dass Menschen aufgrund einer liberalen Politik in Bezug auf Homosexualität nun plötzlich dazu “verleitet” würden, homosexuell zu werden, impliziert ja auch die Annahme, dass Homosexualität für heterosexuelle Menschen derart attraktiv sein müsse, dass diese nur durch gesellschaftliche Ächtung und Verbot von ihr abgehalten werden könnten.

Ist diese Obsession Matusseks eigentlicher Antrieb? Und wenn nicht, was bleibt von seiner ganzen Argumentation?

Inzwischen hat Matussek aber das Argumentieren ohnehin aufgegeben. Lieber greift er nun auf einen anderen Philosophen zurück und zwar auf Arthur Schopenhauer und flüchtet sich in einen von diesem als mutatio controversiae beschriebenen Kunstgriff eristischer Dialektik: Er erklärt in seiner Antwort an Stefan Niggemeier die Diskussion schlicht für beendet.

Zitat:
Merken wir, daß der Gegner eine Argumentation ergriffen hat, mit der er uns schlagen wird; so müssen wir es nicht dahin kommen lassen, ihn solche nicht zu Ende führen zu lassen, sondern beizeiten den Gang der Disputation unterbrechen, abspringen oder ablenken, und auf andre Sätze führen: kurz eine mutatio controversiae zu Wege bringen. (Arthur Schopenhauer)

Und zu welchem Punkt Matussek die Disputation nun wieder zurückführt? Natürlich auf die alte Leier, dass er in seiner auf allen Kanälen publizierten und massenhaft verbreiteten Meinung dadurch beschränkt werde, dass man ihm für seine unsinnigen Äußerungen den Rang als Intellektuellen öffentlich abspricht.

Darauf reagiert er sehr dünnhäutig. Schließlich betont er in seiner Antwort an Niggemeier was für ein ungeheuer wichtiger Intellektueller er doch sei, was ihm auch der große Marcel Reich-Ranicki (hergehört, Ihr Leute!) bestätigt habe.

Zitat:
Jawoll, auch ich stehe in Unterrichtsbüchern, allerdings nicht in denen „zur sexuellen Vielfalt“ – meinen Heine-Text hat Ihr leider verstorbener Kollege, der tatsächlich unsterbliche Marcel Reich-Ranicki, „das Beste“ genannt, was zum Heine-Jahr erschienen war.

Doch seinen Ruf als Intellektueller hat sich Matussek nun selbst in seiner Antwort an Stefan Niggemeier endgültig zerstört, indem er diesen in seinem letzten Artikel mit seltsamen Spitznamen auf Sandkastenniveau attackierte.

Ich zitiere:
Kartonschädel-Niggi
Niggi, aufgeschwemmter Mausepaul
Niggi, verqualmter Brummschädel

„Aufgeschwemmter Mausepaul“?
Und diese Wortkreation stammt nicht von der fiktiven Figur Bernd Stromberg oder Käpt´n Blaubär oder sondern von einem Intellektuellen, der für sich in Anspruch nimmt, über Goethe, Schiller, Hesse, Heine, die Romantiker und kürzlich Büchner geschrieben zu haben, ohne Probleme mit „Leseverständnis“ und „Interpretation“, wie er betont?

Ist Matussek nun vielleicht vom Intellektuellen zum Intellektuellen a.D. mutiert?
In diesem Falle müsste man ihm nun herzlichst zu seinem geistigen Ruhestand gratulieren und den armen Kerl fernab jeglichen öffentlichen Interesses in Würde altern lassen.
Papst Benedikt XVI. hat es ja vorgemacht und der mochte Schwule auch nicht so besonders, zumindest gemäß der offiziellen Linie seiner Kirche. (was unter den Talaren passiert, bleibt unter den Talaren)

Naja… vielleicht benötigt „Matussi“ ja auch nur die Publicity, um demnächst mit einem „politisch unkorrekten Buch“ in dem „endlich mal einer Klartext über den linksschwulen Gesinnungsterror redet“ in den Bestsellerlisten zu landen, woraufhin seine freie Meinungsäußerung gewiss in zahllosen Talkshows zur besten Sendezeit „unterdrückt“ würde?

Thilo Sarrazin hat ja jetzt auch wieder ein Buch geschrieben, in dem er sich bitterlich darüber beklagt, dass seine Schriften Gegenstand öffentlicher Kritik wurden. Das wird bestimmt ein Renner.


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