Frankfurter Gemeine Zeitung

Komische und lustvolle Gesangsanarchie – die Kammeroper mit “Carmen, natürlich!”

Manch einer wird sich vielleicht verwundert gefragt haben: Macht die Kammeroper jetzt einfach noch mal Carmen en miniature, weil ihre Inszenierung der Bizet-Oper im Palmengarten im letzten Sommer  ein großer Erfolg war? Aber so viel sei nach dem Besuch der Kostümprobe verraten: Das wäre ein völliges Mißverständnis, nicht Bizets Meisterwerk steht im Mittelpunkt von „Carmen, natürlich!, sondern der Mythos Carmen. Der Abend verspricht ein äußerst amüsanter Ausflug in den Wahnsinn des Opernmachens und die Irrgärten sängerischer Leidenschaft zu werden. Drei Sängerinnen “singen vor” für die Carmenrolle, aber das Vorsingen gerät außer Kontrolle. Jede trägt ihre eigene Rolle in die Rolle hinein und IHR Verständnis von Verführung: Djuna Kalnina (die Original- Carmen des Sommers) die Femme Fatale, Ingrid El Sigai die Überkandidelt-kindische und Annette Fischer  die wehmütig-esoterische. Statt Bizet singen sie Schumann, Wagner, Holländer, Kreisler, russische Zigeunerschnulzen, Robert Stolz, Kurt Weil und etliches anderes, mal schneidend mal guttural-lasziv, sehnüchtig oder donnernd, zuweilen auch lispelnd oder stöhnend. Die Carmenadeptinnen vergießen bittere Tränen oder frohlocken und bringen sich und den musikalisch und erotisch überforderten “Intendanten” (souverän ironisch interpretiert von Jürgen Orelly) um den Verstand.

Hessisch Porno und Stuhlzertrümmerung

Gelegentlich werden die Leidenschaften recht handgreiflich: ein von Djuna Kalnina in der Probe herrisch fortgeschleuderter Stuhl ging ungewollt zu Bruch. Dazwischen rezitiert eine mysteriöse Putzfrau (Simone Jürgens)  die berüchtigten pornographischen “Memoiren einer Sängerin”  der legendären Operndiva des 19. Jahrhunderts Wilhelmine Schröder-Devrient, aber auf  hessisch und verwandelt sich nach der Pause in die wortgewaltige Franzsika Gräfin zu Reventlow, die einen Aufstand gegen die wie sie sagt „Schwanzgesteuerte“ Opernleitung anzettelt.
Komische und lustvolle Gesangsanarchie auf höchstem sängerischem Niveau also und von Stanislav Rosenberg virtuos am Klavier begleitet. Der Pianist liefert übrigens auch eine Gesangsprobe ab mit einer nonchalanten Version von Max Raabes „Carmen hab Erbarmen“. Was aber soll das alles? Regisseur Rainer Pudenz, der nicht nur die Inszenierung besorgt hat, sondern auch zusammen mit Bernd Kissling die Texte zusammengestellt hat, gibt im Interview Auskunft:

Worum gehts in Carmen, natürlich!?
Es geht darum ,was die Oper und der Carmenmythos mit einem machen, vor allem mit den Sängerinnen. Und um den Zusammenhang zwischen Gesang und Verführung. Carmen singt in verschiedenen Szenen der Bizet-Oper ja nicht einfach, sondern sie verführt DURCH Gesang.
Wie kamst Du auf die Idee darüber ein Stück zu machen?
Die Grundidee entstand beim Vorsingen für die Carmenproduktion im letzten Jahr. Jede Sängerin transportierte sofort eine Vorstellung, wie Carmen ist. Da tauchen bei den Sängerinnen sofort Fragen auf wie: Bin ich überhaupt sexy? Was ist für das Publikum/ den Intendanten sexy? Sie haben das Gefühl, das ihre Weiblichkeit mitbemessen wird. Man sieht wahrscheinlich beim Vorsingen für Carmen mehr vom Menschen als bei jeder anderen Oper. Sie stellt insbesondere die Hauptfigur vor die Frage: wie positioniere ich mich erotisch? Die drei Sängerinnentypen in Carmen, natürlich! , also die klassisch-laszive, die durchgeknallte und die „in sich ruhende“ repräsentieren und karikieren verschiedene Typen in dieser Situation.
Warum die Putzfrau?
Sie ist das störende Element in diesem Zirkus der Leidenschaften.Deshalb spricht sie auch einen Text, der einerseits literarisch-pornographisch ist, andererseits etwas Traumatisches behandelt: die eigenen Eltern beim Sex.
Welche Rolle spielt der Intendant?
Er ist ein Theatertyp, der in den Strudel erotischer Übertragungen hineingezogen wird. Er stemmt sich dagegen,  besingt pathetisch die „heiligen Hallen“- aber es gelingt ihm nicht. Außerdem parodiert die Figur natürlich die bühnennotorische Besetzungscouch. Die ist ein Klischee, kommt aber auch in den Heimstätten der Hochkultur vor. Man könnte denken: Manchmal gehen Oper und Seifenoper direkt ineinander über.
Und an der Kammeroper?
An der Kammeroper passiert das natürlich nie. (Wir danken der Kammeroper für die Bereitstellung des Interviews)

Vier, die auszogen, den Intendanten das Fürchten und Begehren zu lehren. Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Carmen natürlich: Premiere Premiere:  Do. 6. März 2014
Weitere Aufführungen: Fr. 7., Sa. 8., So. 9. März Do. 3., Fr. 4., Sa. 5., So. 6. April 2014
Beginn: 20.00 Uhr, Sonntags: 17 Uhr Aufführungsort: Cantatesaal Fliegende Volksbühne
Großer Hirschgraben 21 Frankfurt am Main Vorverkauf: Theaterkasse im Cantate-Saal
Mo–Sa 17bis 20Uhr Telefon 069/24 14 24 35 Tickethotline 069 / 407 66 25 80 fliegendevolksbuehne.de


3 Kommentare zu “Komische und lustvolle Gesangsanarchie – die Kammeroper mit “Carmen, natürlich!””

  1. pmrnvf

    wwsoyz mental health association mental health meaning mental health counselors job description
    inpatient mental health facilities spirituality and mental health
    mental health current event

  2. Residential Rehab Near Me

    Alcohol Rehab Programs http://aaa-rehab.com Drug Rehab Centers Near Me http://aaa-rehab.com Average Cost Of Drug Rehab
    http://aaa-rehab.com

  3. Substance Abuse Treatment Facilities Near Me

    Inpatient Alcohol Rehab Near Me http://aaa-rehab.com Alcohol Rehab Centers http://aaa-rehab.com Substance Abuse Treatment Centers Near Me
    http://aaa-rehab.com

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.