Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Hintergründe und Ziele der Besetzung der Georg-Voigt-Str. 10

Zu den Hintergründen der (inzwischen schon wieder geräumten) Besetzung der Georg-Voigstr. 10 am Samstag, den 15.10., hier eine Erklärung der Aktivisten sowie des Frankfurter ASTAs:

“Am 15.03.2014 wurde die Villa in der Georg-Voigt-Straße 10 unter dem Namen L_rst*ll* (Leerstelle) besetzt.

Lange ist es nicht her, dass Bürger_innen in Frankfurt aktiv eigenen Raum forderten. Die Versuche dabei mit der Stadt zu kooperieren haben ins Leere geführt, die Repräsentant_innen begegneten dem mit Ignoranz und ließen die letzten Besetzungen immer zügig räumen.
Lang bestehende und renommierte Projekte wie das „Institut für vergleichende Irrelevanz“ wurden geräumt, neue Versuche sich die Räume anzueignen, wie der „Blaue Block“, sind schnell beendet worden. „Gespräche sind immer wieder gescheitert“, bemerkt Simone B. „deshalb sehen wir es nicht ein, diese zum wiederholten Male aufzunehmen, wenn unser Begehren ohnehin nicht ernst genommen wird. Wir haben uns entschlossen dies nicht länger hinzunehmen.“

Trümmerhaufen der Geschichte – Access Denied

In Anbetracht der vergangenen Bauprojekte der Stadt Frankfurt zeichnet sich bereits ein katastrophales Bild ab, dass nach kollektiver Selbstaneignung gerade zu schreit. Großartige Prestigeobjekte, wie das Palais Quartier – Bauprojekt MyZeil – in der City und die ewige Baustelle Goethe-Universität sind schon gescheitert oder zumindest im Begriff dazu. Eben jene Gebäude bieten, für die meisten Personen, nur einen eingeschränkten Zugang; durch begrenzte, klar zugewiesene Funktionen und der darüber ausgeführten Kontrolle. Der Aufenthalt in MyZeil ist nur möglich, solange man brav von Laden zu Laden einkaufen geht. Parallel dazu wird man, falls man kein_e eingeschriebene Student_in ist, vom Gelände der Frankfurter Universität verwiesen; nicht das dieses besonders schön wäre: Am Neubau des viel gerühmten IG Farben Campus, Projekt „Harvard am Main“ oder auch „Palast des Geistes“ genannt, häufen sich derweil die Sanierungsfälle obgleich viele Fachbereiche noch nicht einmal über eigene Gebäude verfügen und die Gelder dafür weiterhin fehlen. Trotz mehrerer Wochen unerträglich überfüllter Hörsäle und Seminarräume zu Beginn eines jeden Semesters hat sich die Präsidiumsleitung weiterhin nur um die öffentliche Anpreisung als Prestige Universität gekümmert, statt um den Ausbau fehlender Kapazitäten.
Somit hat es keines der Großprojekte geschafft zu einem integralen Teil des alltäglichen Lebens zu werden… die Liste der Beispiele ist endlos….

Wasted Youth – There’s nothing left to say!

Neu- und Umgestaltung des Stadtbildes ist durchaus begrüßenswert, jedoch fehlt bei all diesen Projekten jegliche Spur der Integration der Bürger_innen seitens der Stadt und Stadplanung. Bürger_innenbeteiligung gestaltet sich als ein platter Vortrag über die neuen Bauprojekte, deren Ausgestaltung bereits abgeschlossen ist: Das ist der von der Stadt sogenannte Dialog. „Die Demokratie wird bloß medial verhandelt!“ sagt Herr K. „Es gibt keine wirklichen Möglichkeiten zur Partizipation.“ Dabei werde man überall durch Werbung der Stadt zu Pseudobeteiligung am politischen Prozess aufgerufen, oder wie das Känguru meint:

»Das ist nämlich nur ein Demokratietrugbild, eine Abstimmungsattrappe, eine Volksherrschafts-Fata-Morgana. Kurz gesagt: nur der Schein einer Wahl, oder, um den offiziellen Terminus zu verwenden: ein Wahlschein. […] Das ist, als ob du in den Supermarkt gehst und da wählen kannst zwischen der Tütensuppe von Maggi und der Tütensuppe von Knorr, aber in Wirklichkeit ist alles Nestlé. Der Wahlschein suggeriert Freiheit, aber in Wirklichkeit sage ich dir: Alles Kapitalismus, alles Nestlé, alles Hähnchen. Da ich nun aber generell keine Tütensuppe essen will, ist mir die Markenwahl im Supermarkt eben schnurzpiepe.« (Marc-Uwe Kling „Känguru Chroniken“)

Selbstständig initiierte und geplante Projekte, wie das Philosophicum, scheinen angesichts „mangelnder Rentabilität“ gekippt zu werden. Stattdessen wird das Gebäude – ebenso wie der Rest des ehemaligen Campus Bockenheim – an die ABG Holding, eine Tochter-Firma der Stadt Frankfurt, zu Spottpreisen verkauft und muss somit dem neuen „Jahrhundert-Projekt“ der Stadt Frankfurt weichen: dem Kulturcampus.

Die anerkannte Elite der Künste und Wissenschaft begebe sich dann in gemeinsamen Dialog. So wird das Vorhaben auf der offiziellen Seite noch beworben. Allerdings läuft die Verwaltung durch ABG Holding doch nicht so gut wie geplant. So fehlt der Hochschule für Musik und Darstellende Künste immer noch eingeplante Fläche, da der Umzug der Goethe-Universität sich wegen vielfacher Fehlplanungen stetig verzögert. Inwiefern der im selben Rahmen geplante Bau zusätzlicher Bürogebäude zur Senckenberganlage hin der Förderung der Kultur beiträgt und angesichts der hohen Anzahl leerer Bürofläche nötig ist, bleibt auch ein Rätsel. Zumal die Mieten im gesamten Stadtteil, Bockenheim, in den letzten drei Jahren bereits um fast 20% gestiegen sind. Tendenz steigend.

„Die Stadt plant fröhlich weiter, ohne hierbei Rücksicht auf ihre Einwohner_innen zu nehmen“, meint Jank Frunker, „Wer nicht bereits zu den Etablierten gehört, hat ohnehin keine Kultur zu machen – wer wenig Geld hat, nicht in der Innenstadt zu wohnen – und wer nicht repräsentiert keine Entscheidungen zu treffen; so ist das credo!“

Bereits an Weihnachten letzten Jahres wurde sich das ehemalige Musikwissenschaftsinstitut vorübergehend angeeignet um der ach so friedlichen und stillen Nacht, etwas Techno entgegenzusetzen. Die Villen in der Georg-Voigt-Straße stehen nach wie vor alle leer, dabei gibt es Nutzungskonzepte und -ideen zu Hauf’. Es wäre sowohl sinnvoll als auch wünschenswert der Forderung des „Förderverein Roma“ nachzukommen und hier Appartements einzurichten. Gleichzeitig gäbe es genug Raum um zudem dem ‘Institut für vergleichende Irrelevanz’ und „uns“ der ‘L_rst*ll*’ zwei Doppelhälften einer Villa zu überlassen.

Fast Forward – Into Future

Das Projekt, dass die Villa bezieht, möchte ein Kontrast dazu sein. Differenzierte, unabhängige Konzepte sollen anstelle der Superlative treten. “Es soll ein Platz und somit Gehör für die schüchternen, unfertigen, fantastischen, dreckigen oder widerspenstigen Zwischentöne geschaffen werden.“ sagt John C. , ein Schüler, mit unüberhörbarem Enthusiasmus. Ein Container für Experimente, Träume und Eigeninitiativen werde damit geöffnet. Projekte, die sich nicht finanziell rentieren könnten und müssten, die nicht für Prestige einer Stadt herhalten sollten und deshalb auch nicht im perfekten Design des Kulturcampus auftauchen, fänden hier Raum. „Deswegen haben wir beschlossen dieses Haus mit allen uns verfügbaren Mitteln zu halten,“ sagt Berta Bricht entschlossen „Denn es soll hier ein Ort entstehen, der für alle offen ist, die an dem Versuch einer herrschaftsfreien Kultur partizipieren wollen. In einem wöchentlich stattfindenden Plenum besprechen wir gemeinsam Inhalte und die weitere Nutzung.“

Geplant ist zunächst ein generationen- und milieuübergreifendes Café, das sowohl ein Treffpunkt zum Rumhängen, als auch ein alternativer Ort der Reflexion sein kann. Das Café soll, jenseits des institutionellen Rahmens von Bildung, Zeit und Raum bieten. Dort können dann selbstverantwortlich, kreativ und selbstbestimmt ein gegenseitiges Lernen, wie beispielsweise in Workshops ermöglicht werden. Am Tag der geöffneten Tür wird zudem mit der dokumentarischen Ausstellung „Leerstelle“ ein Vorgeschmack geboten. Einem blanken Blatt Papier und der noch nicht bemalten Leinwand gleichend stellt jedes leerstehende Haus eine Leerstelle – ein Fehlen von – dar, dass zum fantasieren, träumen und gestalten gerade zu einlädt . Gleichzeitig verweist sie auf all jene Zwischenräume und Nischen in der Gesellschaft, die keine vordefinierten, klaren Grenzen haben.

Im Allgemeinen: Eine Leerstelle, die Raum bietet für all jene Wünsche, Hoffnungen, Träume und Ängste, die im Alltag immer wieder unerreichbar scheinen und letzten Endes durch die gesellschaftlichen Verhältnisse verunmöglicht werden und doch als >Prinzip Hoffnung< bleiben. TWITTER: @leerstelle_ffm und #ffm1503

BLOG: leerstelle.blogsport.eu

FACEBOOK: https://www.facebook.com/berta.bricht.3″

Auch der Frankfurter ASTA hat zu der Besetzung eine Erklärung abgegeben:
“Am Samstag den 15.03. wurde ein ehemaliges Universitätsgebäude in der Georg-Voigt-Straße 10 besetzt. Diese Besetzung reiht sich ein in eine lange Liste von Besetzungen, die seit 2011 kontinuierlich stattfinden.

„In den vergangenen Jahren sind die Mietpreise kontinuierlich gestiegen. Die Studierenden müssen immer mehr Zeit mit Arbeit verbringen, um genug Geld zu verdienen“, meint Giorgio Nasseh, AstA-Vorsitzender der Universität Frankfurt, „Dazu kommt ein Studium, das sich auch immer mehr wie Arbeit anfühlt und wenig Platz zum Denken lässt.“

Die sogenannten „Professoren-Villen“ waren in letzter Zeit häufiger Thema in den Zeitungen.

Joachim Brenner vom „Förderverein Roma“ hatte gefordert, die leer stehenden Gebäude in Wohnraum für wohnungslose Roma um zubauen, so würde insgesamt Platz für 80 Personen geschaffen. Die ABG hat andere Pläne, sie will „eher teures Wohnen“ wie Junker in der Frankfurter Rundschau vom 6. Februar diesen Jahres verlauten ließ.

„Wir sehen darin eine klare Entscheidung zu Lasten derer, die dringend Wohnraum benötigen und ihn an anderer Stelle nicht bekommen“, stellt Jens Laufer, Referent für Kommunikation, fest.

Dafür rühren ABG Holding, die Stadt Frankfurt und weitere Institutionen im Rahmen des „Kulturcampus“ schon fleißig die Werbetrommel. Etablierte Institutionen aus dem Kulturbereich sollen hier zusammengeführt werden, wie es auf der Homepage des Kulturcampus heißt: „ein langfristiges Projekt der Stadt Frankfurt zur strategischen Stadtentwicklung im globalen Wettbewerb“.

Der Rohbau am Depot ist ein Teil dieses Projekts. Hier entstehen 193 Wohnungen, von denen 79 bereits verkauft sind. Lediglich 38 sollen sozial geförderter Wohnraum werden.

„Herr Feldmann mag davon sprechen, dass dort „die Krankenschwester genauso wie der Chefarzt wohnen könne“, wir empfinden das bei einem Mietpreis von 12,50 €/qm als Farce“: stellt David Wedmann Referent für Hochschulpolitik fest.

„Schon seit mehreren Jahren macht der AStA auf die problematische Wohnraumsituation und die neoliberale Umstrukturierung des Hochschul- & Kulturbetriebs aufmerksam“, so Daniel Katzenmaier, Vorsitzender des AStA, „seit 2012 findet am Anfang jedes Wintersemesters die Aktionswoche ‘Mieten? Ja wat denn?’ statt, die notdürftig Studierende vor der Wohnungslosigkeit schützt. Damit reagieren wir auf die katastrophale Wohnraumsituation in Frankfurt , was Stadtpolitik und Uni-Leitung jedes Jahr aufs Neue versäumen. Wir können sehr gut verstehen warum diese jungen Menschen heute selbstständig tätig wurden und unterstützen sie in ihrem Vorhaben ein Kulturzentrum mit Wohnraum zu eröffnen. Gerade an einem selbsternannten Kulturcampus wäre ein solcher Ort wünschenswert. Wir wünschen ihnen viel Glück.“


7 Kommentare zu “Die Hintergründe und Ziele der Besetzung der Georg-Voigt-Str. 10”

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