Frankfurter Gemeine Zeitung

22. März 2014, Frankfurt a. M.: Versammlung und Kundgebung zum Marchas de la Dignidad 22M

Neue EZB vor der Fertigstellung (2014-02-02). Foto: Bernhard Schülke

Datum und Zeit: 22. März 2014 – 15:00
Veranstaltungsort: Willy-Brandt-Platz, bei der EZB, Frankfurt am Main
Veranstalterin: Marea Granate Frankfurt

Wir, Marea Granate Frankfurt, laden Euch hiermit ein,

zu unserer Versammlung und Kundgebung am kommenden Samstag, den 22. März vor der alten EZB.

Marea Granate ist eine transnationale Bewegung von Einwanderern und Einwanderinnen spanischer Staatsangehörigkeit. Wir sind in Europa, außerhalb Europas und auch in einigen Städten Deutschlands aktiv. (Details, siehe unten)

Am 22. März werden sich zehntausende Menschen aus allen Teilen Spaniens, nach einem mehrwöchigen Sternmarsch in Madrid vereinen und gemeinsam gegen das Diktat der EU-TROIKA und der spanischen Vasallenregierung protestieren.

Zahlreiche oppositionelle Gewerkschaften haben sich dafür zusammengeschlossen, darunter mehrere Intersindcale, die andalusische SAT und baskische sowie galizische Gewerkschaften, Zusammenschlüsse von Erwerbslosen, Mietern, Wohnungslosen… usw.

Es werden hierzu europaweit Solidaritätsaktionen stattfinden.

Es werden sich viele Gruppen, soziale Bewegungen, Gewerkschaften an diesem Tag in der Hauptstadt versammeln um laut und deutlich zu rufen:

- Stoppt die Kürzungen und den Sparkurs. Wir wollen eine Politik des Volkes für das Volk! - 

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Mein Freund, der Faschist- Über den faschistoiden Charakter simplifizierter Staatskritik

Neulich outete sich ein Freund von mir in einem Gespräch als Faschist.

Seltsamerweise war ich nicht einmal geschockt, obwohl ich überzeugter Antifaschist bin und seine Meinung nicht teile.

Aber er hatte etwas ausgesprochen, was in den Köpfen zahlreicher (durchaus auch politisch halbwegs informierter und sich als „links“ bezeichnender) Menschen virulent ist. Er bekannte sich offen zu einer Tendenz, die in unserer Gesellschaft und gerade auch in den sozialen Netzwerken massiv Fahrt aufnimmt.
Und damit hatte er eigentlich einen großen Schritt getan, denn im Gegensatz zu vielen Anderen bezeichnete er das Ding wenigstens als das was es ist, also den Faschismus als Faschismus.

Viele Verfasser pseudokritischer Facebook-Kommentare, die gerne auch Verweise auf Artikel des Kopp-Verlages oder der Deutschen Wirtschafts Nachrichten teilen, sehen hingegen gleich die „politisch korrekte Moralkeule“ am Werk, wenn man ihre simplifizierende Staatskritik als faschistoid bezeichnet. Schließlich seien sie ja nicht gegen Ausländer, fänden Hitler nicht gut, hätten nichts gegen Juden und seien doch überhaupt nur für mehr Transparenz und Meinungsfreiheit, die aber natürlich für Links und Rechts gleichermaßen gelten müssten. Völlig unverdächtig also.

Mein Freund, der sich neulich selbst als Faschist bezeichnet hatte, beschrieb seine eigenen faschistischen Annahmen über die Welt und die Menschheit folgendermaßen:

1. Es sei evident, dass die Zeiten schlechter würden, wir immer weniger Rechte hätten und die Welt schlicht den Bach hinunterginge, was maßgeblich von einer korrupten Elite verschuldet sei, die sich auf „unsere“ Kosten die Taschen vollstopfe.
2. Ein Trick dieser Elite sei es, den politischen Betrieb zu verkomplizieren, damit keiner mehr ihre finsteren Praktiken durchschaue. Politik entspreche nicht mehr dem Willen des Volkes, da das Volk die Politik überhaupt nicht mehr verstehen könne. Politik sei generell verdorben.
3. Dinge würden stets „zerredet“, so dass „man“ auch sinnvolle Dinge nicht mehr durchsetzen könne.
4. Um diesen Zustand zu überwinden, bedürfe es einer überpolitischen Kraft, die sich an den Grundstrukturen menschlicher Natur orientiere.
5. Menschliche Natur sei es aber, gelegentlich ein reinigendes Gewitter, z.B. einen Krieg zu benötigen, damit die Dinge wieder in Ordnung kommen.

Natürlich versicherte mein Freund mir glaubhaft, nicht zum Nazi geworden zu sein, aber diese Überlegungen seien, wenn man sich den Lauf der Welt so anschaue, nun einmal nicht von der Hand zu weisen.
Tatsächlich glaubte ich ihm auch sofort, dass er die Implikationen seiner Thesen über das Wesen der Politik und des Menschen nicht vollständig überblickte.

Ich lächelte meinen Freund auf seine Ausführungen hin an und antwortete ihm, dass das beste Heilmittel gegen Faschismus Bildung sei. Ich gebe es zu, dass dies auch eine Simplifizierung darstellt und es durchaus höchst gebildete Faschisten gibt, die umso gefährlicher sind, aber den Kommentar konnte ich mir nicht verkneifen.

Tatsächlich fand ich die von meinem Freund getroffenen Aussagen dennoch sehr faschistoid. Doch wenigstens konnte ich ihm hier den alten Spruch „Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung“ zugutehalten, während bei der zunehmenden Zahl unwissender Holzköpfe, die im Internet irgendwas von „Volksbetrug“ oder „Politikverarsche“ poltern, bisher keinerlei Prozesse der Selbsterkenntnis feststellbar sind.

Doch warum ist diese Art von Kritik an Staat, Politik und Eliten überhaupt faschistoid? Zeichnet sich Faschismus nicht nur dadurch aus, dass man sich eine Glatze rasiert, Springerstiefel anzieht und Ausländer verkloppen geht?
Kann etwas, das an jedem Stammtisch (wahrscheinlich nicht nur in Deutschland, sondern auch in „unverdächtigen Ländern“) Konsens ist, faschistoid sein?
Warum ist jemand ein Fascho, wenn er die beschriebenen Ansichten teilt?
Denen, die das noch immer nicht kapieren, möchte ich es hier einmal kurz und bündig darlegen, auf dass niemand mehr behaupten möge, er habe das alles doch überhaupt nicht so gemeint und er sei nur ein zu Unrecht Verfolgter der „herrschenden Political Correctness“.

Los geht´s:

1. Die Annahmen „früher war alles besser“ bzw. „die Welt wird immer korrupter und schlechter“ stellen präskriptive und nicht deskriptive Aussagen dar. Sie sind keine neutralen Sachbeschreibungen der Welt, sondern vielmehr politisch aufgeladene Statements propagandistischen Charakters, die darauf abzielen, vorzivilisierte Zustände zu romantisieren, also eine klar antizivilisatorische Stoßrichtung haben.
Selbst wenn ich an diesem Punkt aber überinterpretieren sollte und einem Menschen, der lediglich um der Nostalgie willen die „guten alten Zeiten“ betrauert, Unrecht täte, so müsste ich ihn doch zumindest um eine geschichtliche Verortung der „guten alten Zeiten“ bitten.
Wann waren die alten Zeiten denn gut?
In der Steinzeit, der Antike oder dem Mittelalter? Oder vielleicht in der Weimarer Republik, dem Dritten Reich oder der Adenauer Ära?

2. Der Gedanke einer Elite, die dem „Volkswillen“ entgegenstehe, definiert diese Elite als etwas außerhalb des sogenannten „Volkes“ stehendes, das schädlich für dieses „Volk“ sei (die Nazis hatten den Begriff des „Volksschädlings“ geprägt). Schließlich setzt diese Betrachtungsweise voraus, dass die Verwirklichung des „Volkswillens“ wünschenswert sei.
Hieraus entsteht der irrige Glaube, dass man lediglich den „Volkswillen“ gegen die Elite durchsetzen müsse, um die Zustände zu bessern.
Dass es weder möglich ist, das „Volk“ klar von seinen Eliten abzugrenzen, noch möglich ist, den „Volkswillen“ eindeutig zu identifizieren, wird dabei einfach unterschlagen.
Die Vorstellung von „Volkswille contra Elite“ beinhaltet allerdings sehr deutlich die Gefahr, dass sich eine charismatische Person oder Gruppe zum Vertreter des sogenannten „Volkswillens“ aufschwingt und diesen dann mit Vernichtungsfuror gegen jene durchsetzt, die vermeintlich gegen den „Volkswillen“ verstoßen.

3. Der verbreitete Wunsch, die Komplexität der Politik zu beseitigen oder zumindest zu reduzieren, stellt einen Faktor dar, der die Entstehung von Diktaturen und Vernichtungsideologien fördern kann.
Nicht nur kann dieser Wunsch leicht dazu führen, dass Populisten versuchen, ihn durch Benennung von Sündenböcken und politische Holzhammer-Maßnahmen zu befriedigen.
Die Abneigung gegen die Komplexität der Politik stellt auch ein Totschlagargument gegen einen echten und offenen politischen Diskurs dar, denn sie fungiert als Diskussionsstopper.
Sie ist das Eingeständnis, den anderen dafür zu verachten, dass man ihn nicht versteht.

4. Die Ansicht, man solle Dinge nicht mehr „zerreden“, ist ein Ruf nach autoritärem Eingreifen.
Sie bedeutet übersetzt nichts anderes, als dass eben nicht mehr alle Aspekte und Ansichten in einem offenen Diskurs abgewogen werden, sondern dass eine Autorität im Interesse des „Volkswillens“ entscheidet, auch und gerade über den Kopf derer hinweg, die nicht dem „Volkswillen“ entsprechen.

5. Eine überpolitische Kraft, die sich an den Grundstrukturen menschlicher Natur orientiert, kann es alleine schon deshalb nicht geben, weil es bereits eine politische Frage ist, welche Interpretationen und Schlussfolgerungen aus dem Bild gezogen werden, das sich dem Betrachter als menschliche Natur darzustellen scheint.
Wer nun für sich in Anspruch nimmt, „weder links noch rechts“ oder „nicht politisch sondern universell“ zu sein, zeigt damit lediglich, dass er sich dem politischen Diskurs verweigern möchte. Denn über etwas, das keine politische Positionierung, sondern universell und überparteilich ist, kann schließlich schwerlich politisch diskutiert werden.
Hieraus resultiert auch die gespielte Hysterie vorgeblich apolitischer Gruppen mit dennoch massivem faschistoidem Einschlag, sie seien vom „linken Mainstream“ verfolgt und würden völlig zu Unrecht in die „Naziecke“ gestellt.
Durch den Verweis auf eine angebliche Unterdrückung durch den Mainstream wollen sie sich der kritisch-politischen öffentlichen Diskussion ihrer Positionen entziehen.
Wer kritisiert, betreibt nach Lesart dieser Gruppen „öffentliche Hexenjagd“ und untergräbt die „Meinungsfreiheit“.

6. Die Hoffnung auf ein „reinigendes Gewitter“ in Form eines Krieges ist eine Glorifizierung des Krieges selbst. Der Krieg wird hier beinahe zum Selbstzweck erklärt, da ihm eine eigene reinigende Kraft zugesprochen wird, die Dinge in Ordnung bringen zu können. Tatsächlich ist aber das Wesen des Krieges, dass er Dinge zerstört und nicht in Ordnung bringt. Die Kräfte, die das gemeinsame Feindbild mobilisiert, sind keine schöpferischen Kräfte, sondern Vernichtungskräfte auch wenn es heißt, der Krieg sei Vater vieler Erfindungen.
Denn der gemeinsame Feind ist ein Argument auch zur Säuberung in den eigenen Reihen, das Kreativität und Freiheit erstickt. Die physische Vernichtung menschlichen Geistes durch den Krieg übersteigt seine Effekte als Motor des Fortschrittes bei Weitem.
Der Traum vom „reinigenden Gewitter“ entpuppt sich als eine Ideologie des millionenfachen Todes, angesichts dessen ihr Verfechter sich in der trügerischen Hoffnung wiegt, ihn selbst werde es schon nicht erwischen.

Zuletzt sei hier einmal Hannah Arendt zitiert:

Man hat in den letzten Jahren, vor allem im Ausland, so oft das törichte Vorurteil nachgebetet, dass die Nazidiktatur aus einer typisch deutschen, gar noch hegelianischen „Staatsvergötterung“ zu erklären sei, dass selbst Historiker manchmal übersehen, dass eine totalitäre Bewegung umgekehrt nur möglich ist, nachdem ein völliger Zusammenbruch nicht nur der „Staatsvergötterung“, sondern ganz gewöhnlicher staatsbürgerlicher Gesinnung stattgefunden hat.

Wer nun in Facebook-Kommentaren von der „Volksverarsche“, den „korrupten Politikern“ und der „Weltverschwörung“ fabuliert, strickt mit an genau jenem Verfall staatsbürgerlicher Gesinnung, der in die totalitäre Bewegung führt und merkt dies traurigerweise nicht einmal, sondern sonnt sich im Gefühl, zu den „Guten“ zu gehören, weil er ja schließlich gegen „die da oben“ kämpft.

Ob ich im Übrigen meinem Freund, der mir seine faschistische Gesinnung gestanden hat, die Freundschaft gekündigt habe?
Nein. Ich habe dies nicht getan und werde es auch nicht tun.
Ich habe mit ihm diskutiert und habe ernsthafte Hoffnung, ihn zumindest ein Stückweit überzeugt zu haben.

Wenn nicht, dann habe ich seine Ansichten wenigstens für diesen Abend recht erfolgreich „zerredet“ und die ganze „gerechte Sache des Volkswillens“ wunderschön miesgemacht. Und dafür sind Freunde doch da…


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