Frankfurter Gemeine Zeitung

Lebensbedingungen im Frankfurter Raum: Kämpfe um zahlungsschwächere Einwohner zwischen den Kommunen

Die „neue“ Strategie des Frankfurter Magistrates im Umland Wohnraum zu schaffen, löst Reflexe aus, die auf eine Abwehr des drohenden Frankfurter Unterschicht-Milieus hinaus laufen. Diese Art von „Tribalismus“ verkennt dabei, dass dies nur ein Aspekt einer Transformation der Region darstellt. Er verkennt ausserdem, dass dies nicht der Beginn dieser Umformung ist, sondern deren konsequente Fortsetzung, die mit der Stabilisierung Frankfurts als globaler Knoten direkt verknüpft ist. Eine solche Position wendet sich schliesslich gegen diejenigen, welche von der Akkumulation im Zentrum zunehmend ausgeschlossen werden.

Expansion und Exklusion

Es war einfach eine Frage der Zeit, bis die in Frankfurt boomende exkludierende Expansion über das hinaus schwappen würde, was gemeinhin als Stadtgrenze bezeichnet wird. Das Wachstum der städtischen Bevölkerung infolge der mit der Aufstellung als “Global City” verbundenen Kapitalakkumulation, vor allem des erwünschten Segmentes mit entsprechenden Life-Styles und dem dazu gehörigen Platzbedarf verlangt die Erweiterung von “Landnahme” in der Stadt.

Nun ist die Expansion des finanzstarken Sektors, der für die Akkumulation zentral ist, innerhalb der Stadt nur dann weiterhin im gewünschten Maße möglich, wenn für diese Qualifizierten passende Angebote gemacht werden können, wenn weiterhin von institutionellen Anlegern in die bebaute Umwelt investiert wird, sowohl in Wohnraum als auch Büroflächen, sowohl zur Miete als auch für Eigentum. Es verlangt zudem eine Zurichtung des Öffentlichen als Konsumzentrum von der Einkaufsmall bis zur Multifunktionshalle.

All dies benötigt Flächen. All dies ist unerlässlich zur Sicherung des ökonomischen Status quo an diesem Standort, inmitten der globalen Konkurrenz.
Die Orientierung an den Life-Styles jener „Globals“ wird für eine zunehmende Zahl von „Locals“ untragbar, unbezahlbar, zudem sie dem entsprechenden Umbau auch noch im Wege sind. Innerhalb der Stadtgrenzen jedoch ist das Angebot an Flächen sehr begrenzt und weitere Verdichtungen beginnen langsam die Qualität des Wohnumfelds zu reduzieren.

Nach Süden ist diese Entwicklung seit Jahrzehnten an den Flughafen gekoppelt, was lediglich über den Fluglärm wahrgenommen wird und die Zurichtung der Ökonomie seines Umgebung sich den Betrachtungen weitgehend entzieht. Eine Expansion anderer Felder in diese Richtung ist somit kaum möglich, so dass sich der aktuelle Expansionsschub entgegen gesetzt auswirkt (was zwar immer noch Fluglärm heisst, jedoch nicht gegen die verschiedenen Auflagen hinsichtlich der Raumordnung verstößt). Nach Westen stößt eine Expansion auf die Weiler Ressourcen-starker Gruppen, die alles einsetzen, um ihre „Communities“ homogen zu halten, was ihnen über die Gestaltung der Bodenpreise dort auch gelingt, von ihrem politischen Einfluss ganz abgesehen.

Die unternehmerische Global City beginnt aktuell in Dimensionen zu planen und zu operieren, die ihrer Ansicht nach eine Metropole ausmacht und sie tut dies in bester „post-demokratischer“ Art, über konsensuelle Verfahren mit den anderen lokalen Eliten und zudem noch auf dem Feld der Wohnungspolitiken. Hier dürfte auch am ehesten Zustimmung zu erwarten sein und der Widerstand in der Bevölkerung ist eh nicht sonderlich hoch, da ja neu gebaut wird.

Die Argumentation (vgl. hierzu die Äusserungen des ABG-Chefs Junker in letzter Zeit hinsichtlich dessen, was für ihn Stadt heisst) stützt sich dabei einerseits auf den allgegenwärtigen Wettbewerb der Regionen, für den man sich gerüstet zeigen muss, andererseits auf die weitgehende Vernetzung der Verkehrswege, die die Zugänglichkeit des Zentrums für alle hinreichend garantierten. Die Pendlerströme jeden Morgen und jeden Abend belegten dies eindeutig. Argumente für die Intensivierung des Bauens außerhalb Frankfurts lauten in etwa: von Fechenheim (im Osten und innerhalb) zum Hauptbahnhof dauert es genau so lange wie von Friedberg (im Norden und außerhalb). Und: fahren Sie mal nach New York, London oder Paris, damit Sie einmal einen Begriff von Metropolen und Entfernungen bekommen (so Herr Junker einem Interview mit der FR).

Die Konzentration auf das Zentrum mit Arbeitsplätzen und Freizeitangeboten, die expandierende ökonomische Verwertung von Stadt in Form bebauter Umwelt findet eine Grenze im vorhandenen Raumangebot, der zwar durch vertikale Verdichtung (Hochbau) noch einigermassen beizukommen ist, jedoch bei anhaltendem Trend eine Ausweitung des Urbanisierungs-Prozesses unvermeidlich werden lässt. Dazu muss zumindest die Kernstadt geräumt werden, jedenfalls von den „Locals“, die nicht die notwendigen Ressourcen besitzen, sich in diesen Räumen weiterhin aufhalten zu können. So erleben wir aktuell die Erweiterung des urbanen Raumes Frankfurt, und zwar ohne die formale Selbständigkeit der umliegenden Gemeinden anzutasten, wie das bislang noch sämtliche Eingemeindungen kennzeichnete.

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