Frankfurter Gemeine Zeitung

Die gesellschaftliche Umbewertung des Mobs

Auch wenn Wikipedia gewiss nicht das Maß aller Dinge journalistischer Qualität ist, findet sich dort eine durchaus brauchbare Definition des Begriffs des „Mobs“, die ich hier gerne zitieren möchte:

Mob bezeichnet eine mehr oder weniger bestimmte Gruppe von Personen, die gemeinsam ohne erkennbare Führung zusammen agiert. Der von sich aus, gruppendynamisch handelnde Mob hat kurzfristige Ziele (Plünderung, Zulauf zu öffentlichen Hinrichtungen und dergleichen), seine radikale Äußerung ist der Aufruhr, die Emeute. Unter Kindern bildet sich dergleichen (ohne als „Mob“ bezeichnet zu werden) zum Beispiel als anfeuernde Ansammlung um eine Schlägerei auf dem Schulhof.

Der Mob veranstaltete Tumult und Aufruhr, aber er analysierte und diskutierte nicht. „Der Revolutionismus des ‚Mobs’ war primitiv“, urteilte der marxistische Sozialhistoriker Eric Hobsbawm. Der Mob erhob sich für kurze Zeit, machte Krawall, zündelte und randalierte, verlor aber bald Energie und Lust oder wurde von der Staatsmacht zerschlagen – und verfiel danach für längere Zeit in Passivität. Der Mob im engeren Sinne verschwand erst mit dem Aufkommen einer industriellen Arbeiterklasse und ihrer Organisation in sozialistischen Parteien und Gewerkschaften.

Diesem letzten Satz allerdings muss ich doch energisch widersprechen. Der Mob im engeren und im weiteren Sinne feiert eine Renaissance ohnegleichen.

Der Begriff des Mobs war bisher vor allem negativ konnotiert, erfährt aber aktuell eine deutliche Umwertung. Der Mob ist geradezu salonfähig geworden.

Der Mob tritt als künstlerischer Flashmob oder politisch engagierter Smartmob auf. Vor nicht allzu langer Zeit tobte der Mob in London und in der Vorstädten von Stockholm.
Der Mob campiert vor dem Apple-Store und wartet auf das neue IPad. Er protestiert gegen die Tötung von Straßenhunden zur EM in der Ukraine und hat nichts dagegen, wenn in brasilianischen Favelas die Polizei brutalstmöglich gegen die Menschen in den Favelas vorgeht.
Seine Stimme erschallt im dumpfen Dröhnen der Youtube-Kommentarspalte. Seine Sprache ist Erregung. Er stampft der Attraktion hinterher und der Einzelne in ihm weiß bald nicht mehr, ob er noch stampft oder schon geschoben wird.

Der Mob ist omnipräsent.

Auch unter Linken besitzt der Mob eine gewisse Attraktivität als Aktionsform. Schließlich ist er dem Anschein nach wundervoll basisdemokratisch, ja geradezu anarchisch.

Mobbildung ist inzwischen zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung der digitalen Gesellschaft geworden. Dinge die der Mob liked, können „viral gehen“, Dinge die er hasst, werden im Getöse des Shitstorms niedergebrüllt. Mehr oder weniger sinnfreie Internetbilder und Phänomene können zu kurzfristigen Flaggen der Orientierung werden, an denen der Einzelne im Gedränge seine Position verorten kann.

Auch Marketingstrategien, namentlich das sogenannte „Guerilla-Marketing“, setzen nicht auf den Bürger als Konsumenten, sondern auf den eigendynamischen Mob, der rauschhaft und schnelllebig einen Hype um ein Produkt kreiert.
Manchmal geschieht dies natürlich auch unverhofft. Time Warner beispielsweise konnte sich über einen unerwarteten Geldsegen freuen. Dort hat man nämlich noch immer die Rechte an der grinsenden Guy-Fawkes-Maske, bekannt aus dem Film „V for Vendetta“, welche mehr als alles Andere zu einem Symbol des digitalen und realen Mobs wurde, wenngleich sie von Vielen zu einem Symbol der Freiheit verklärt wird.

Auch ich muss gestehen, dass ich am Anfang gewisse Hoffnungen in die Macht des digitalen Mobs gesetzt habe und mich daran gefreut habe, wie der Mob der finanzstarken Scientology-Organisation auf die Füße getrampelt ist. Diese Freude ist mir inzwischen vergangen.

„We are Legion“ heißt der Slogan. Aber auch „ We do not forgive. We do not forget. Expect us.”
Die kaum verhaltene Drohung in diesen Sätzen ist greifbar. Tatsächlich aber vergisst der Mob schnell. Der Mob tötet, so lange er wütet. Doch nachdem er gewütet hat, will sich keiner mehr erinnern dabei gewesen zu sein.

Wenn der Mob nun zu einem alltäglichen Teil der Spaßkultur und auch der Protestkultur wird, so sollte man dem mit Skepsis begegnen.

Dennoch sollte man kollektive Zombieläufe und Kissenschlachten deshalb nicht sofort in Bausch und Bogen verdammen. Eventuell bricht sich da ein, in der Gesellschaft entstehendes, Bedürfnis lediglich in einer vergleichsweise unschädlichen Weise Bahn.

Nur dem politischen Irrglauben, die Bildung von Mobs könne irgendetwas zum Guten bewegen, dem sollte man wirklich abschwören.

Niemand hätte dies klarer formulieren können, als Hannah Arendt in ihrem weltbekannten Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“:

Der Mob kann nicht wählen, er kann nur akklamieren oder steinigen. Daher verlangten seine Führer schon damals jene plebiszitäre Republik, mit der moderne Diktatoren so vorzügliche Erfahrungen gemacht haben. Der Mob hasste die Gesellschaft, aus der er ausgeschlossen, und das Parlament, in dem er nicht vertreten war.

Auch erkannte Hannah Arendt, dass der Mob eben nicht die Freiheit erkämpfen, sondern nur nach starken Führern brüllen kann:

Kämpft das Volk in allen großen Revolutionen um die Führung der Nation, so schreit der Mob in allen Aufständen nach dem starken Mann, der ihn führen kann.

Und wer sich erst als Teil eines Mobs glaubt frei fühlen zu können, der ist wie der „Untertan“ aus dem Roman von Heinrich Mann:

Diederich in Reih und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht, dass nun in Reih und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem Wege alles Weitere sich abwickeln werde. Man brauchte nur zu stapfen und aus dem alten Buck ward Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!


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