Frankfurter Gemeine Zeitung

Effizienz macht hässlich – IvI macht selbst das Europaviertel schön

FRANKFURT. Willkommen im Europaviertel – kaum eine Ecke Frankfurts ist so öde wie diese. Damit ist ab heute glücklicherweise Schluss: Eine Gruppe hat an diesem Ostersonntag ein leer stehendes Gebäude an der Hohenstaufenstraße besetzt, um zwischen Tower 185 und Skyline-Plaza, also inmitten des Unfugs, den die hiesigen „Stümper des Städtebaus“ (F.A.Z.) anrichten, einen Ort zu erschaffen, der so etwas wie die Antithese zur videoüberwachten, durchkontrollierten und monotonen Umgebung ist: Theorie – Praxis – Party nämlich.

Ein Jahr ist es her, dass das Institut für Vergleichende Irrelevanz (IvI) geräumt wurde. Ein Jahr, in dem die Frankfurter_innen auf ein unkommerzielles, hübsch verkopftes gleichsam aufregendes Kulturleben verzichten mussten, das in dem selbstverwalteten Projekt am Kettenhofweg jahrelang Programm war. Ein Jahr lang: sich nachmittags vor dem Fernseher oder im mainstreamigen Städel langweilen und nachts in irgendeinem Club zu sexistischer Popmusik und Bier für vier Euro gutgelaunt tun. Ein Jahr des kulturellen & politischen Totalausfalls: schließlich werden die Orte, an denen in der Stadt eine unkontrollierte Alltagspraxis möglich ist, in Frankfurt immer weniger. Die Besetzer_innen finden: Es reicht.

In dem Gebäude an der Hohenstaufenstraße soll ein Kontrapunkt zum neuen Europaviertel entstehen, das den so genannten „Einkommensstarken“ ein neues Zuhause hinter neobiederen Fassaden bietet – und alle anderen auf die Monotonie der Einkaufboulevards oder in die wenigen Stadtviertel verweist, in denen die Mieten noch nicht ab 12 Euro je Quadratmeter kosten.

„Das besetzte Haus wird vielen Frankfurter_innen für kurze Zeit zurückgeben, was sie unabhängig ihres Kontostands verdienen“, sagt eine Sprecherin der Gruppe. Geplant sei ein Ort für kritische Debatten und Vorträge, für Konzerte, die aus der Reihe fallen, für Parties ohne ätzende Türsteher_innen und das sonst so übliche Gegrapsche auf der Tanzfläche. Ein Ort ohne Hierarchien und starre Geschlechterordnungen. Ein Raum, um über Alternativen sowie Taktiken und Praktiken gegen gesellschaftliche Zumutungen nachzudenken. Kritisches Denken braucht und nimmt sich Zeit und Raum: Ein Space zum Tanzen und Träumen – wo sich niemand um seine Verwertbarkeit Gedanken machen muss. „Effizienz macht hässlich. Ivi macht selbst das Europaviertel schön.“

Die Gruppe zeigt sich zuversichtlich, dass der Eigentümer des Gebäudes, die Ca Immo, für produktive Verhandlungen zur Verfügung stehen werde: Das Gebäude soll ohnehin bald abgerissen werden, da wäre die Ermöglichung einer Zwischennutzung eine soziale Geste, die nichts kostet. Außerdem könnte die CA Immo den Bürger_innen etwas zurückgeben – schließlich speist sich der Immobilienbestand der Gesellschaft mitunter aus dem Bundeseisenbahnvermögen.

Gruppe besetzt leerstehendes Haus in der Hohenstaufenstraße und plant eine Zwischennutzung für Theorie – Praxis – Party

Zugleich habe die Gruppe keine Lust mehr gehabt, dem Stadtparlament weiter dabei zuzusehen, wie es in Untätigkeit verharrt. Nach der Räumung des IvI hatte man den Besetzer_innen noch zugesichert, in Verhandlungen über ein Ersatzobjekt zu treten. Statt auf die Einlösung falscher Versprechen zu warten, wollen die Besetzer_innen nun mit dem Gebäude in der Hohenstaufenstraße Fakten schaffen.

Dass sie das Gebäude wegen des geplanten Abrisses nicht dauerhaft nutzen können, sei schade, doch die Besetzer_innen wollen sich deshalb nicht grämen. Ein Sprecher betont: „Eine Zwischennutzung durch das IvI ist deutlich besser als alles, was das Europaviertel sonst so zu bieten hat.“ Weitere Infos hier


Büro für unlösbare Aufgaben eröffnet

In der Weilburger Straße im Frankfurter Gallusviertel hat ein Büroteam heute, den 20.4., das Büro für unlösbare Aufgaben eröffnet. Die Besetzung des Gebäudes soll an die Tradition des Büros für unlösbare Aufgaben anknüpfen, dessen Konzept jahrelang im Institut für vergleichende Irrelevanz von mehreren wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen ausgearbeitet wurde.

Das Büroteam wird seinen Schwerpunkt auf unlösbare Aufgaben legen. Dazu zählen z. B. die Lösung der Wohnungsfrage, Abschaffung von Armut, Arbeit, Obdachlosigkeit, die Verhinderung der Prekarisierung von breiten Bevölkerungsschichten und Beendigung der rassistischen Flüchtlingspolitik. Im stadtpolitischen Diskurs wird noch darüber diskutiert, ob diese Probleme politisch gelöst werden können. Mit diesen Fragen wollen sich die Mitarbeiter_innen des Büros jetzt nicht mehr auseinandersetzen, sondern diese endlich mit professionellem bürokratischen Know-How verwalten. Ziel wird es sein, diese Aufgaben damit von dem Zwang zu befreien, gelöst werden zu müssen. „Damit wollen wir demonstrieren, dass es überflüssig ist, unlösbare Aufgaben lösen zu wollen. Diese Energie kann besser genutzt werden“, sagt der Angestellte Ansgar Fleischbauer. „Es ist schlicht und ergreifend nicht möglich, etwas an dieser Politik zu ändern. Sie ist und bleibt alternativlos“, bekräftigt Leyla Polat.

Um all diese unlösbaren Aufgaben verwalten zu können, brauchen wir Zeit und Raum. Mit unserem neuen Bürogebäude in der Weilburger Straße haben wir einen ersten Raum gefunden, der es unseren erfahrenen und kompetenten Mitarbeiter_innen ermöglicht, sich mit der Verwaltung der oben beschriebenen Fragen zu beschäftigen. Das Büro gibt sich offen. Die Mitarbeiterin erklärt: „In unserem Großraumbüro kann jeder und jede zu jeder Zeit unlösbare Aufgaben vorstellen und daran mitwirken, dass sie nicht mehr gelöst werden müssen – solange die Mitarbeiter_innen nicht bei der Arbeit gestört werden.“

Da dieses Gebäude nun schon seit mehreren Jahren leer steht, geht das Büroteam davon aus, dass keine andere Nutzung dafür vorgesehen ist. „Da wir es begrüßen, wenn Schulden kollektiviert werden, begrüßen wir auch die Kollektivierung von Leerstand“, bemerkt Fleischbauer.

Weitere Infos hier

Update 21.4. ,4 Uhr: Situation spitzt sich zu

Zwischenzeitlich wurden die Unterstützer_innen auf der Weilburger Straße so weit in Richtung Galluswarte abgedrängt, dass kein Sichtkontakt mehr zum Büro für unlösbare Aufgaben besteht, in welchem die Besetzer_innen ausharren. Ein Gefangenentransporter wurde gesichtet…

Haltet Euch weiterhin auf dem Laufenden über twitter unter @unloesbares sowie unter den hashtags #ivibleibt und #unloesbares sowie bei Facebook unter Büro für unlösbare Aufgaben

Weiteres Update: Strafantrag gegen Besetzer_innen der Weilburger Straße 17 gestellt +++ Räumung ab jetzt möglich

Wie wir jetzt erfahren haben, hat die Besitzerin des Hauses, die Bundesanstalt für Immoblienaufgaben (BImA), Strafantrag gegen die Menschen im Haus gestellt. Das bedeutet, dass alle sich im Haus befindlichen Menschen eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs erhalten sollen; außerdem ist ab jetzt die Räumung möglich! Kommt also alle zum Haus, auch wenn die Polizei uns weiterhin von Essenszufuhr und Kontakt mit Menschen so weit wie möglich abschneidet. Support your local squat!


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