Frankfurter Gemeine Zeitung

Aus der Reihe “Deppen wie wir” – Heute: Ottilie Normalverbraucher wird Fachkräfte-Mangel in Deutschland eingeredet

Vor dem Jobcenter Ost in Frankfurt am Main,
eigenes Archivfoto (2014-01-06)

Ottilie Normalverbraucher wird zum Deppen erklärt. Nicht von mir. Doch anscheinend von scheinheiligen und vermutlich gutbezahlten Lobbyisten (Verarschern) aus der Freien Wirtschaft.

Gründe meines Aufregers hier sind typische Kommentare wie den von Franzi zu »Zum Fachkräftemangel in Deutschland – ein Bild sagt mehr als tausend Worte« (Link zum Text). Scheinbar wird informiert, doch geht es in Wirklichkeit um Meinungsmache. Nach dem/den scheinbar objektiven Satz/Sätzen folgt ein Link auf eine Webseite, auf der es dann richtig zur Sache geht.

Bleiben wir zunächst noch kurz bei Franzis Kommentar. In ihm wird über »Zeitarbeitsbetriebe« geschrieben. Ich kenne Industriebetriebe, andere Betriebe, aber keine »Zeitarbeitsbetriebe«. Wie soll das gehen? Zeitarbeitsfirmen sind Leiharbeitsfirmen. Die Betriebe sind die der Kunden der Leiharbeitsfirmen. Zeitarbeitfirmen verleihen Lohnarbeiter. Richtig könnte die Begrifflichkeit werden, wenn vielleicht die interne Verwaltung gemeint ist. Aber selbst das würde sich schräg lesen.

Kommen wir jetzt zu dem Text, auf den Franzi verlinkt. Er steht auf der Webseite »Markt und Mittelstand Nachrichten« und hat den Titel »Fachkräftemangel: Keine Entwarnung für 2014«.

Unter der Überschrift heißt es auf der Lobby-Webseite:

Jedes vierte Unternehmen kann offene Stellen zwei Monate oder länger mangels passender Arbeitskräfte nicht besetzen. Arbeitgeberattraktivität und Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewinnen mehr und mehr an Bedeutung.

Was hat der erste Satz mit dem zweiten zu tun? Ich weiß es nicht. Wissen Sie es? Jedenfalls taucht im zweiten Satz das Wort »Arbeitgeberattraktrivität« auf. Wenn Sie Leiharbeitsfirmen anschauen, die den Niedriglohnbereich unterfüttern, verstehen wir klar, was mit »Vereinbarkeit von Familie und Beruf gemeint« ist. Die freie Verfügbarkeit und freie Disponabilität etwa – perfekte Hemmnisse bei der Familienplanung. Von wegen Kinderfreundlichkeit.

Zurück zum ersten Satz: Was sind das für »vierte Unternehmen«, die ihre Stellen nicht besetzen können? Haben diese in der Personalentwicklung versagt? War die innerbetriebliche Ausbildung zu unrentabel, um sie zu betreiben? Wollte sich etwa niemand in prekäre Arbeitsverhältnisse freiwillig verdingen, Altersarmut garantiert?

Welche Unternehmen? Welche Stellen? Wir haben amtlich-offiziell derzeitig unter drei Millionen Arbeitslose, in die man die statistisch Nicht-Arbeitslosen, real aber doch Arbeitslosen der monatlich erscheinenden Bundesarbeitsagentur-Arbeitslosenstatistik, aufgeführt irgendwo auf den hinteren Seiten der monatlichen Bundesarbeitsagentur-Statistik-Machwerke, noch einbeziehen müßte. Kranke Arbeitslose sind zum Beispiel doch auch arbeitslos, oder nicht?

Warum nicht einfach höhere Löhne zahlen? Versteckt sich vielleicht in der Unfähigkeit höhere Löhne zu zahlen, nicht gar eine Krise im Kapitalismus selbst?  Vielleicht hätte man sich diesem Problem bei den »Markt und Mittelstand Nachrichten« annehmen sollen. Aber als Lobby-Internetpräsens hätte das womöglich die eigene wirtschaftliche Daseinsgrundlage zerstört…

Exkurs I: Schröders Greencard, gemacht um ausländische IT-Kräfte anzuheuern, ist gescheitert. Gescheitert war der Versuch z. B. indische IT-Fachkräfte anzuwerben. Das hätte das Lohnniveau der IT-ler in Deutschland gedrückt. IT-Fachkräfte äußerten sich z. B. im Heise-Forum zu Zeiten der Schröder-Greencard ziemlich verärgert über die von der damaligen rotgrünen Koalition für Deutschland initierte Lohndrücker-Kampagne. Ausländischen Fachkräften war das Angebot damals nicht attraktiv genug.

Exkurs II: Am Morgen des 2. Mai 2014 hörte ich auf SWR 3 (Radio) einen Bericht über die Schwierigkeit, Erzieher in Mainz zu finden. Es gibt in Mainz und um Mainz herum (und nicht nur dort) nur wenig Menschen, die den Erzieherberuf ergreifen. Wir wissen, dass die Lohnsituation für Erzieher miserabel ist. Was ist die tolle Lösung des Problems? Man nutzt die hohe spanische Arbeitslosigkeit aus. Die angeworbenen Spanier und Spanierinnen sind froh, der heimischen Misere zu entgehen. Erst verursachen die deutschen Bundesregierungen mit ihrer Politik des innereuropäischen Niederkonkurrierens die hohe Arbeitslosigkeit in anderen EU-Ländern, um letztere dann auch noch personell auszuzehren. Glanzleistungen sehen anders aus.

Der letzte Abschnitt ist nur zynisch. Da wird eine höhere Lebensarbeitszeit gefordert.  Es heißt dort:

…eine längere Lebenserwartung mit einer längeren Lebensarbeitszeit einhergehen muss“, erläutert Schweitzer, „ansonsten ist unser Rentensystem einfach nicht finanzierbar“.

Viele hart arbeitende Arbeiter haben sich mit fünfundfünfzig schon vollkommen kaputt geschuftet. Das heißt, diese Menschen sollen zukünftig weniger Altersrente bekommen – Altersarmut inklusive.

»…ansonsten ist unser Rentensystem nicht finanzierbar«: Auch so eine Behauptung. Die Nachdenkseiten haben mehrfach diese Wenn-nicht-dann-Geschichte ins Bereich der modernen neoliberalen Märchen rücken können.

Ansonsten kenne ich Bewerber über fünfzig, die trotz interlektueller Fitness keinen Job finden, obwohl sie sich persönlich gut einarbeiten könnten. Und wer will schon z.B. für 1500 – 1800 € monatlich als Fixum bei einer Drückerkolonne Handwerkern Handy- und Internet-Tarife oder Kleinunternehmern allgemein Werbeflächen mit jährlicher Kündigungsfrist aufdrücken müssen? Brauchen wir letztlich gesamtgesellschaftlich unproduktive, aber Profit abwerfende Arbeitsplätze?

Dies war Artikel Nr. 18 der Reihe »Deppen wie wir«. Artikel Nr. 17 (»… – Heute: Grünen-Wähler in der Rhein-Main-Metropole im Europawahlkampf 2014«) können Sie ebenso bei der Frankfurter Gemeinen Zeitung lesen…

- Crosspost (Text leicht geändert) -


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