Frankfurter Gemeine Zeitung

Gedanken zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges – Teil 1

Dr. Peter Scherer

Liebe geneigte Leser (eine Vorbemerkung von Bernhard Schülke),

dies ist der erste Teil einer kleinen Artikelserie, die Dr. Peter Scherers Vortrag mit dem Titel »Gedanken zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges« umfasst – gehalten am Samstag, den 17. Mai 2014. Eingeladen hatte die Stadtteilgruppe Bornheim/Ostend des Kreisverbands Frankfurt am Main der Partei DIE LINKE. Es moderierte Martin Krämer.

Dr. Scherers Vortrag ist eine sehr brauchbare Lektüre, um den Ersten Weltkrieg richtig einzuschätzen: In den Massenmedien herumgeisternde Vereinfachungen wie die, den Ersten Weltkrieg beispielsweise als geschichtlichen Betriebsunfall zu betrachten, sind nicht nur politisch instrumentalisiert, sondern schlichtweg falsch. Hier gebührt Dr. Peter Scherer der größte Respekt für seinen aufklärenden Vortrag und für die von ihm erbrachte umfangreiche Vorarbeit, welche für seinen Vortrag nötig war.

Wegen seiner Länge habe ich den Vortrag in eine Artikelserie aufgespalten. Die Aufteilung ist etwas willkürlich. Bitte entschuldigen Sie dies. Die einzelnen Artikel erscheinen hier in der Frankfurter Gemeinen Zeitung in einem unregelmäßigen, mehrtägigen Abstand.

Hier nun der erste Teil seines Vortrags, viel Spaß beim Lesen:

Gedanken zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges

von Dr. Peter Scherer

Kolleginnen und Kollegen,
liebe Freunde,

vielen Dank für die Einladung, über den Ersten Weltkrieg, das große Thema des Gedenkjahres 2014, zu referieren.

Persönliches

Ich könnte nun mit der „Großen Politik der europäischen Kabinette“ beginnen, wozu es eine gewaltige Dokumentenserie gibt, aber ich will genau das Gegenteil tun, nämlich mit dem Soldaten beginnen, den ich unter Millionen Deutschen, die Kriegsdienst geleistet haben, am besten kenne.

Ich spreche von meinem Vater, Jahrgang 1894, 1914 Kriegsfreiwilliger und zuletzt bei der Luftaufklärung an der Vogesenfront, nahe der Industriestadt Mülhausen, wo er sich in eine junge Arbeiterin verliebt.

Am 7. Mai 1918 (die Märzoffensive geht in die achte Woche) schreibt sie dem 24jährigen:

Mir träumt, Du wärest zu mir gekommen, Abschied zu nehmen, denn ihr kämet alle nach Frankreich in die Front, und da hast Du mich so todestraurig angesehen, wie wenn Du sagen wolltest: ‚Wir werden uns wohl nie mehr sehn.’ Und da habe ich meine Arme um Deinen Hals gelegt und geweint, ganz fürchterlich. Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so geweint…Wie froh und glücklich ich aber war, dass es nur ein Traum gewesen, das kann ich Dir nicht beschreiben.

Unbegründet ist die Sorge nicht. Peter Scherer, mein Onkel, schreibt am 23. September 1918 seinem Bruder aus Nordfrankreich:

[Ich] dachte auch schon des Öfteren, dass wir einige Zeit nach dem Elsass in Ruhe kommen würden … Nun bin ich wirklich erstaunt, dass sie sogar bei euch die Leute zur Infanterie ausmustern, und kannst wirklich froh sein, bei Deiner Truppe bleiben zu können, und [dass Du]dort auch hoffentlich den Krieg beendigen kannst.“

Und dann geht es um die Frage, die damals jeden Soldaten umtreibt:

Was ich von der augenblicklichen Lage halte, möchtest Du wissen. Ich glaube eben, dass es immer noch eine schöne Zeit dauert, bis wir einen Frieden bekommen können, und wenn ich bis dahin meinen Kopf behalte, will ich zufrieden sein.

Schon sechs Tage später fordert die Oberste Heeresleitung die Reichsregierung auf, Waffenstillstandsverhandlungen einzuleiten. Gelegenheiten den Kopf zu verlieren, wird es aber noch reichlich geben bis der Krieg am 11. November 1918 zu Ende geht.

Mein Vater hat (wie die meisten Väter) nicht viel erzählt, aber die folgende Parole konnte ich ihm doch entlocken:

Gleicher Sold und gleiches Fressen,
und der Krieg ist bald vergessen.

Maßstab des Maßlosen

War der Krieg am 11. November tatsächlich zu Ende? Wann hat er angefangen? Und ab wann war er ein Weltkrieg? Oder bilden beide Kriege in Wirklichkeit einen einzigen Weltkrieg – der erst 1991 mit jenem „Kalten Krieg“ zu Ende ging, der nun wirklich die ganze Welt, ja ohne alle Übertreibung die Menschheit einer tödlichen Bedrohung auslieferte.

„Bei Ausbruch des Krieges…“ ist eine gängige Redewendung. Ein Krieg bricht aber nicht aus. Er wird von Menschenhand begonnen. Manchem hilft es ja, sich das Ganze als einen Vulkankomplex vorzustellen, mit mehreren Schloten, furchtbaren Initialausbrüchen, „Urkatastrophen“, lange schlafend, bis zu einem unvermuteten Erwachen.

Ich zitiere:„Als Vulkanologe erachte ich es als meine Pflicht, aufgrund wissenschaftlicher Daten die Gefährlichkeit der Vulkane auf das richtige Maß zurückzuführen und ihre Nützlichkeit hervorzuheben.“ – so schreibt Alfred Rittmann1.

Wir entnehmen seinem Standardwerk:

Der größte Ausbruch in historischer Zeit, der Tambora im Gebiet es des heutigen Indonesien, forderte 1815 12.000 Menschenleben unmittelbar, 54.000 Menschen verhungerten in der Folge. Der Krakatau in der Sundastraße tötete 1883 durch seine Flutwelle 36.500 Küstenbewohner.

Diese furchtbaren Zahlen werden klein, vergleicht man sie mit denen des Weltkrieges.2 Vor Verdun fallen in wenigen Monaten 162.000 Franzosen und 143.000 Deutsche. An einem einzigen Tag des erst beginnenden Krieges, dem 22. August 1914, verzeichnet die französische Armee während der Schlacht in Lothringen 27.000 Tote. Während der Somme-Schlacht sterben an dem einen 1. Juli 1916 19.000 Angehörige des britischen Expeditionskorps.

Frankreich kann den deutschen Überfall schließlich abwehren – um den Preis von 1,7 Millionen meist junger Männer. 630.000 Witwen bleiben zurück. Wie nach einer Jagd zählt man die „Strecke“. Die Zahl der getöteten Feinde ist der Maßstab des Erfolges, die Zahl der eigenen Toten der Maßstab des Mutes.

Ein Autor von Kriegserinnerungen lässt sich ablichten mit der Beischrift: „Der Verfasser … vor dem Angriff, bei dem die Kompanie rd. 60 v.H. ihres Bestandes verlor“.3

Sicher kennen einige unter euch den Film „Wege zum Ruhm“ (mit Kirk Douglas als Regimentskommandeur in der Hauptrolle). Darin schätzt ein General die Verluste eines von ihm befohlenen Angriffs:

Im günstigen Fall bleiben tot oder verwundet im eigenen Sperrfeuer 5%, im Niemandsland 10%, im Drahtverhau 20%, beim Sturmangriff auf die deutschen Stellungen 25%. Summiert sich auf 60 %. Der General bleibt bei seinem Befehl.

Die deutsche Armee ist darin erfolgreich, dass die großen Schlachten bis zuletzt außerhalb der Reichsgrenzen stattfinden. Als das Heer zurückkehrt, marschiert es über unzerstörte Straßen und Plätze. Aber 700.000 Kinder, Frauen und Alte sind im Gefolge der britischen Seeblockade verhungert. Zu Hunderttausenden fallen die Menschen der Spanischen Grippe zum Opfer.

Andere zerbrechen seelisch. Sie warten auf Briefe, die nie mehr kommen werden, weil der Mann oder der Sohn längst tot ist. Einer dieser verzweifelten Briefe ist erhalten geblieben. Er datiert vom 23. Juni 1918. Nach zwei Monaten vergeblichen Wartens schreibt eine Frau ihrem Verlobten:

Drei Nächte hintereinander habe ich Dich im Traum gesehen, und deshalb schreibe ich Dir heute. Ich bin sehr bedrückt, ich weine. Ich denke an die schönen verflossenen Zeiten, an die schönen Stunden, die wir zusammen verbracht haben. Wir waren gute Freunde. Warum lassen wir jetzt nicht mehr von einander hören? Man könnte meinen, wir seien böse aufeinander, obschon ich überzeugt bin, dass die Hauptschuld bei der Briefzensur liegt …

In Wirklichkeit ist der Verlobte schon seit dem 11. November 1917 tot, gefallen an der Isonzofront.

Fußnoten:
1 Vulkane und ihre Tätigkeit. 3. Aufl. Stuttgart 1981.
2 Vgl. Gerhard Hirschfeld und Gerd Krumeich, Deutschland im Ersten Weltkrieg, Frankfurt 2013. Ergänzend die Übersicht „Der Erste Weltkrieg“ in der Geschichtsreihe des „Spiegel“, 5/2013.
3 P.C. Ettighoffer, Verdun, Gütersloh 1936, Abb. vor S.257.


Fortsetzung folgt…
(Alle Rechte beim Autor)

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