Frankfurter Gemeine Zeitung

Entpolitisierung und Desorientierung als Vorstufen zur Barbarei – die “neuen Montagsdemos”

“Friedensmahnwachen“, hypernarzisstische Subjektivität und postpolitisch-autoritärer Kapitalismus

von Volker Koehnen (crosspost mit ifkt.de)

Ob die drei Hauptakteure der „Friedensmahnwachen“ – Jebsen, Elsässer und Mährholz - als Personen nun rechtspopulistisch, rassistisch oder antisemitisch eingestellt sind, ist für die politische Beurteilung der „neuen Montagsdemos“ als Spektakel völlig uninteressant, ebenso wie die pauschale Kritik an politisch nicht festgelegten Teilnehmer_innen an diesen Demos zu dieser Einordnung wenig beiträgt, denen es doch um ein Herzensangelegenheit („Kein Krieg!“) zu gehen scheint. Vielmehr sollte linke und emanzipatorische Kräfte interessieren, was eigentlich bei den „neuen Montagsdemos“ politisch konkret passiert, mit welchen Vokabeln kommuniziert wird, welche politische Wirkung dies entfaltet und in welcher politischen „Ecke“ man sich als Teilnehmer_in wiederfinden kann, wenn man sich auf das Spektakel einlässt. Das Phänomen „neue Montagsdemos“ bzw. ihrer Organisatoren kann durchaus als das Symptom eines inhaltsentleerten, unpolitischen Kapitalismus in seiner postpolitisch-autoritären Form schlechthin interpretiert werden, welcher zur Steigerung von Entpolitisierung und Desorientierung der Menschen beiträgt. Damit sind die „neuen Montagsdemos“ Teil dessen, was sie kritisieren. Insofern wird im Folgenden keine Psychoanalyse der drei Organisatoren Jebsen, Elsässer und Mährholz angefertigt, wohl aber eine kritische Beschreibung eines (un-)politischen Phänomens versucht.

Entsicherung und Entdemokratisierung: Megatrends postdemokratisch-autoritärer Vergesellschaftung
Einige linke Theoretiker_innen beschreiben den aktuellen Zustand kapitalistischer Vergesellschaftung als eine „Vielfachkrise“ im Zuge der 2008 ff. offenkundig gewordenen Finanzmarktkrise. Sie versuchen diese theoretisch zu verarbeiten und sprechen in ihren zeitdiagnostischen und strukturalen Analysen des gegenwärtigen neoliberalen (Krisen-)Regimes wahlweise von „autoritärem Kapitalismus“ (Frank Deppe), „disziplinierendem Neoliberalismus“/„neuem Konstitutionalismus“ (Stephen Gill), „sozialer Demokratie“ (David Salomon) oder „Postdemokratie“ (Jacques Rancière, Colin Crouch).

Allen Ansätzen ist gemein, dass sie die gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und kulturellen Umwälzungen und Veränderungen seit dem Ende des Fordismus in den 1970er Jahren und verstärkt seit Ausbruch der Vielfachkrise durch im groben zwei Megatrends beschreiben: erstens die Entsicherung, also die fortgeschrittene Erosion des Sozialstaates und der Verlust kollektiver (gewerkschaftlicher) Gegenmacht bei gleichzeitigem Ausbau der sicherheitsstaatlich-autoritären Machtapparate, sowie die Entstehung neuerer Subjektivierungsformen, die im Modus der Selbstdisziplinierung die Imperative der kapitalförmigen Selbstverwertung antizipieren.

Als zweiter Megatrend kann die Entdemokratisierung genannt werden, also die Aushöhlung demokratischer Institutionen und Erosion der Volkssouveränität durch die Verlagerung legislativ-exekutiver Entscheidungen in technokratische Expertengremien, sowie die gleichzeitige „Rückkehr des Verdrängten“ in einer verzerrten Perspektive auf Volkssouveränität, wie sie z.B. im verbreiteten Phänomen der „Wutbürgerbewegung“ aufscheint. Der Politikwissenschaftler Colin Crouch beschreibt beispielsweise den aktuellen Zustand unserer Demokratie als neoliberal-technokratische „Post-Demokratie“; eine Demokratie, die zwar formal intakt ist, in der politische Konflikte um prinzipielle Inhalte aber nicht mehr stattfinden, weil es scheinbar nichts mehr zu diskutieren gebe: die Welt sei eben, so wie sie sei. Diese Orientierung am (neoliberalen) „Sachzwang“, an einer „Wirklichkeit“, die nicht mehr interpretiert werden müsse, sondern aus der „direkt“ das Notwendige an politischen Maßnahmen abgelesen werden könne (vgl. die berühmte „Alternativlosigkeit“), wurde intellektuell nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs erstmals vom Historiker Francis Fukuyama vorbereitet und formuliert: das Ende des Zeitalters der „Ideologien“ (übersetzt: das Ende des politischen Streits um die Interpretation unserer Wirklichkeit), sei gekommen. Diese Nicht-Ideologie kann nun aber selbst wieder als Ideologie begriffen werden, weil sie das Gegebene absolut setzt; eine Ideologie, die das Politische als grundsätzlichen Streit um eine bessere Zukunft abgesetzt hat und die den Menschen entmündigt, zum „Opfer“ der scheinbar unumstößlichen Wirklichkeit macht.

Das führt dazu, dass politische Akteure in Parteien und Parlamenten jeden Begriff von einer besseren Welt aufgegeben zu haben scheinen und sich in einem –„alternativlosen“ – Klein-Klein der Tagespolitik verlieren, bis hin zu der Diagnose, dass ihnen schlicht ein Begriff vom Kapitalismus und seiner Krise fehlt. Woran aber sollen die gesellschaftlichen Subjekte sich denn orientieren, wenn es nicht die politische Klasse mit einem „Angebot“ dezidierter gesellschaftspolitischer Standpunkte und/oder Standorte tut? Ein solches Klein-Klein sorgt folgerichtig für ein gesellschaftspolitisches Klima, in dem jene Ortlosigkeit des Politischen und der Verzicht auf politische Programmatik dazu führt, dass sämtliche politische Verirrungen mit Genuß ausagiert werden und damit die Politiklosigkeit noch verlängern: Esoterik, religiöser Fundamentalismus, faschistische Verschwörungstheorien, aber auch Wutbürgertum und neoliberale „Alternativlosigkeit“.

Auf der anderen Seite führt das neoliberale Krisenregime der Politik zu einer massiven Prekarisierung der sozialen und ökonomischen Situation vieler Menschen: Niedriglöhne, prekäre Beschäftigung, erodierendes soziales Netz als auch der Zusammenhalt der Gesellschaft durch die immer stärkere Aufspaltung in arm und reich bedroht. Dies führt zu einer massiven gesellschaftlichen Verunsicherung. Und reale Konflikte um Staatsgrenzen in der internationalen Politik und deren Verletzung, wie aktuell in der Ukraine, sind in der Lage, diese diffusen Unsicherheits- und Ohnmachtsgefühle noch zu verstärken. Daraus resultieren reale Ängste, die ernst zu nehmen sind. Doch – und das wäre die entscheidende politische Frage – an wen oder was kann und muss sich solcherlei Verunsicherung, Unmut und Angst richten? Wer oder was ist der adäquate Adressat des allgemeinen „Unbehagens in der Kultur“? Hierauf gibt es eine politische und eine unpolitische Antwort. Die politische Antwort lautet: Die multiple Krise, die die Gesellschaften Europas seit 2007 ff. verstärkt erleben, ist in Wahrheit eine Krise unseres Gesellschaftssystems, sozusagen unser aller Krise, eine Krise kapitalistischer Vergesellschaftung und der der Politik, und nicht die „schuld“ Einzelner. Die unpolitische Antwort: es sind einzelne Akteure, die unser Unglück sind, wie z.B. „die gleichgeschalteten Medien“, „die korrupten und unfähigen Politiker“, „das böse Amerika“ oder die „Verschwörung der Juden“. Die politische Antwort thematisiert immer Strukturen, die unsere Gesellschaft bilden und durchziehen, z.B. der Zwang zur Kapitalakkumulation und eine Politik als deren „Hilfstrupp“, und an deren Reproduktion wir alle (!) Anteil haben; die unpolitische Antwort wälzt Probleme immer auf konkrete Gruppen von Menschen oder Länder ab, sie stellt eine Art Sündenbock-Suche dar.

Auf die „neuen Montagsdemos“ angewendet bedeutet dies: sie geben eine unpolitische Antwort, weil immer Amerika oder die FED es ist, es immer die Medien oder die Politiker sind, die uns angeblich an einem „guten Leben“ hindern. Diese Analyse, die keine ist, ist aber nicht nur unpolitisch, weil sie – jenseits von Ein-Punkt-Forderungen („Kein Krieg!“) – keine eigene politisch-programmatische Anstrengung unternimmt, die Anlass für das Nachdenken über gesellschaftliche Zusammenhänge sein könnte; sie ist ebenso intellektuell bescheiden wie gefährlich, weil Sündenböcke und Verschwörungstheorien in der Geschichte ausschließlich von rechten bis faschistischen Gruppierungen gesucht und propagiert wurden. Wollt Ihr Euch, so möchte man die Teilnehmer_innen fragen, wirklich in diese Tradition stellen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Man muss also die genannten Megatrends um einen dritten erweitern: die Entpolitisierung, die von einer Art Expressivität und Emotionalität geprägt ist.

Nicht-Politik des Gefühls und der Inhaltsleere statt emanzipatorische Politik
Insofern fügen sich die neuen Montagsdemos passgenau ein in post-demokratische Zustände: sie verlängern die Inhaltsleere und Orientierungslosigkeit, indem sie ausschließlich auf den demonstrativen Ausdruck eines Gefühls, mitsamt ein paar verschwurbelten, in sich unstimmigen und zusammenhanglosen Erklärungsfetzen setzen. Solcherlei Nicht-Politik – besteht sie nun im neoliberaler „Alternativlosigkeit“ oder im emotionalen Signalismus – erkennt man immer an einem Mangel: dem Fehlen eines offenen, konstruktiven, werteorientierten Streits um eine bessere Gesellschaft oder einer Aufforderung dazu; stattdessen ereignet sich Nicht-Politik in der Formulierung verschwörerischer Schuldzuschreibungen. Nicht-Politik ist im Kern manichäisch, d.h. sie unterscheidet immer zwischen gut und böse, während Politik zwischen richtig und falsch, angemessen oder unangemessen, brauchbar oder nicht brauchbar, usw. oszilliert. Nicht-Politik entledigt sich auf diese Weise den „Tiefen des Konflikts“, der eigene gedankliche Anstrengung und die steinige Suche nach einem eigenen Standpunkt erfordern würde.

Letztlich basiert Nicht-Politik immer auf der Zelebrierung eines diffusen Gefühls oder moralischer Empörung, sowie auf einer merkwürdigen Begriffslosigkeit oder Denkfaulheit. Noch in seiner Reaktion auf Jutta Ditfurths Kritik an den „neuen Montagsdemos“ in der Sendung „Kulturzeit“ auf 3Sat kann sich Ken Jebsen nur moralisch empört und persönlich „angefasst“ geben oder journalistisch nach „Beweisen“ rufen, die Dithfurths Kritik zu untermauern hätten – von einer originär politischen (Gegen-)Argumentation, die etwa seine politische Sicht der Dinge darlegen würde, ist er aber meilenweit entfernt. Jebsen kann offenbar, hier ganz post-demokratisch und unpolitisch, nur in Kategorien des Empirischen, des Nachweises und der journalistischen Recherche argumentieren; eine genuin politische Argumentation, die den Unterschied etwa zu einer Beweisführung vor Gericht markiert, wäre aber das glatte Gegenteil: hier ginge es nicht um Sichtbarkeiten (wer hat was wann belegbar gesagt), sondern um die Plausibilität eines Argumentationsstrangs, bei der Logik, Werteorientierung, Abstraktion von persönlichen Befindlichkeiten und schließlich eine politische Interpretation von Ereignissen den Ausschlag geben. Natürlich, wer nach empirischen Beweisen ruft, ist immer auf der sicheren Seite – wohingegen die Einnahme eines politischen Standpunkts immer ein Risiko darstellt, politisch widerlegt zu werden. Von daher: mehr Risiko, meine Herren, und weniger Larmoyanz oder höchstrichterliche Attitüde!

Die gedankliche Durchdringung unserer Wirklichkeit anhand von Begriffen ist also notwendig, um eine planvolle, orientierende und orientierte politische Aktionen im Sinne einer Emanzipation von Subalternen zu initiieren (so man das überhaupt will). Ein Leserbrief-Schreiber in der FR brachte neulich diesen irrationalen, „gefühlsbetonten“ Ansatz der Nicht-Politik in Verbindung mit einem antiamerikanistischen Ressentiment bezüglich der aktuellen Ukraine-Krise unfreiwillig auf den Punkt, indem er davon schrieb, dass die Menschen instinktiv spürten, dass hier die „transatlantische politische Elite“ ein gigantisches Schauspiel inszeniere. So einfach ist also die Welt: die Ukraine-Krise ist ein „Schauspiel“ (und kein realer Konflikt) und ihre möglichen Ursachen werden gar nicht erst analysiert, sondern die Schuld trage eine ominöse „transatlantischen Elite“ (wer oder was ist das eigentlich?) und Russland, so hätte der Schreiber folgerichtig hinzufügen können, ist natürlich komplett unschuldig. Diese Schlichtheit, die aus bloßen Postulaten besteht und so gänzlich auf jeden argumentativ-plausiblen Kontext verzichtet, grenzt an den Tatbestand der Beleidigung menschlicher Intelligenz. Wer über Krieg und Frieden nachdenken will – und dies ist eine Bedingung dafür, mit seiner Angst umzugehen, sie sozusagen zu kanalisieren -, der muss – neben dem dafür zweifelsohne notwendigen emotionalen Moment als auslösendes – einen Begriff entwickeln, was jeweils Krieg und Frieden ist, wodurch und wann Frieden in Gefahr ist, usw.

Zur Urteils- und politischen Bewußtseinsbildung braucht es Kriterien, die es mir erlauben, die Welt überhaupt interpretieren zu können, in der wir leben. Der Philosoph Alain Badiou definiert in diesem Sinne politisches Denken als „Treffen einer Wahl, eine Entscheidung“, das, will es emanzipatorisch sein, vier Kriterien erfüllen muss: (persönlich-emotionale) Distanz zum Ereignis, über das nachgedacht wird; denkende Erfassung dessen, was ist; aber auch der Versuch, das zu denken, was noch nicht ist und, viertens, die Einnahme eines universal-emanzipatorischen, nicht partikularistisch-konservativen, Standpunktes. Wer auf ein solches politisches Denken verzichtet oder auf Demos dazu gar nicht erst ermuntert, der entmündigt die Menschen – sie sollen offenbar nicht nachdenken, sie sollen folgen; sie sollen nicht etwa darüber debattieren, wer oder was die Ukraine-Krise so explosiv macht – ihnen muss beigebracht werden, dass die Schuld bei der „transatlantischen politischen Elite“ zu liegen habe. Geködert werden sie durch die Aussicht, auf den „neuen Montagsdemos“ endlich einmal ihrem Unbehagen Ausdruck verleihen zu können.

Das ist Gegen-Aufklärung und zeigt das intellektuellenfeindliche, misanthropische Potential der „neuen Montagsdemos“: überall dort, wo bei der Interpretation von Wirklichkeit nirgends ein Zweifel, ein Rest, der nicht aufgeht oder eine Lücke bleibt, und auf der anderen Seite die „Verursacher“ von Krisen schon von vornherein feststehen, hat gehaltvolles Denken abgedankt und werden die Menschen, die von Friedenssehnsucht erfüllt sind, nicht ernst genommen, kurz: verarscht.

Wer weder links noch rechts sein will, steht im Zweifel rechts: Die Leugnung von Struktur und Gleichheit
Auf diese Weise steigert der Ausspruch „wir sind weder rechts noch links!“, den die Organisatoren stolz in die Menge rufen und der übrigens auch auf den Wahlplakaten des rechtsextremen französischen „Front National“ prangt, die Nicht-Politik noch, weil er, zu Ende gedacht, dazu aufruft, eben keine Stellung zu beziehen, keinen Standpunkt innerhalb der objektiven gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und gegebener Fronten zu erarbeiten. Das „NLNR-Paradigma“ (NoLeftNoRight) leugnet und harmonisiert zugleich die realen Konflikt- und Klassenlagen in der Gesellschaft (z.B.: soll das Interesse der Unternehmer an Profit und Kapitalakkumulation über der Wohlfahrt der Gesellschaft stehen oder nicht? Betrachten wir uns als ein „homogenes Volk und Nation“ oder feiern wir eine offene, plurale, multikulturelle Gesellschaft? Geht es uns um die Freiheit der Wirtschaft oder um den Fundamentalwert der freien Gleichheit der Menschen, und nicht „der Deutschen“?): im Kapitalismus gibt es wenige Gewinner und viele Verlierer, aber dies deswegen, weil der Kapitalismus zu allererst eine Struktur ist, und nicht von einzelnen Gruppen „gelenkt“ würde. Der Kapitalismus ist die Krise, nicht die FED oder die USA. Stattdessen spielen die Organisatoren der Montagsdemos mit der Verunsicherung der Menschen allgemein und mit der Angst vor dem Krieg; sie schwören sie auf krude und eindimensionale Feindbildkonstruktionen ein. Dies alles ist aber nun völlig untauglich, Menschen eine politische Orientierung zu bieten, die es ihnen erlauben würde, diese unsere Welt besser zu verstehen und in eine – gesellschaftsverändernde – politische Aktion zu bringen. Es bleibt uns aber nicht erspart: das „gute Leben“ erreichen wir nicht, indem wir mal eben schnell die FED oder die NATO abschaffen, nein: wir erreichen es nur durch eigene, intensive politische und programmatische Anstrengung möglichst vieler Menschen, durch das gemeinsame, solidarische und demokratische Nachdenken, Streiten und Diskutieren um den besseren Weg jenseits von Schuldzuschreibungen.

Worum geht es im Kern bei den „neuen Montagsdemos“? Sie sind ein Spektakel, das – im besten Falle – einem diffusen Gefühl bei bewußtem Verzicht auf einen dezidierten politischen Standpunkt Raum gibt. Der aufklärerische „Nutzen“ ist bei einem so gelagerten „Schauspiel“ daher eher gering; denn es hilft den Menschen nicht weiter, in einem unguten Gefühl einfach nur bestätigt zu werden – es fehlt die Zurverfügungstellung eines Raumes, in dem die Menschen miteinander debattieren, um sich selbst orientieren und organisieren zu können, sich sozusagen jenseits vorgegebener Klischees und identifizierten „Schuldigen“ selbst ermächtigen können – das erst wäre politisch zu nennen. Das Phänomen der „neuen Montagsdemos“ kann somit durchaus in einem gewissen Sinne als „rechts“ klassifiziert werden, aber in einem ganz anderen Sinne, als es bisherige Kritiker_innen formulierten: da wäre erstens der post-demokratische Verzicht auf einen offen und transparent reflektierten politischen Standpunkt („no left, no right!“). Ein solcher Verzicht bedeutet automatisch und notwendig die – vielleicht ungewollte, aber logisch folgerichtige – Affirmation des (schlechten) Gegebenen, die wiederum gleichbedeutend ist mit einer Absage an seine emanzipatorische Veränderung; dies wäre sozusagen die Variante „rechts, weil nicht links“.

Zweitens: wenn dann noch Postulate im Modus von Antiamerikanismus, Antiisraelismus/ Antizionismus und sonstigen Verschwörungstheorien hinzutreten, ist im Ergebnis der theorielose, begriffslose, denkfaule und emotionsgeladene Appell an den inneren Schweinehund, die Wut, das Ressentiment des Menschen vollendet; das wäre die Variante „rechts, weil nicht rechts und nicht links“. Emanzipatorische Politik hingegen unterzieht sich immer der Mühe einer programmatischen Selbstvergewisserung und politischen Selbstermächtigung im Modus der Strukturanalyse und der Begriffs- und Theoriebildung, um die „Welt, in der wir leben“, überhaupt begreifen zu können. Denn das, was ist, steht nie von vornherein fest – zu einem Urteil über die Verhältnisse ist immer das Ergebnis intellektueller Anstrengung nötig.

Insofern könnte man das beschriebene NLNR-Paradigma auch umformulieren: wenn man nicht links ist (=no left), verändert man nichts am Unrecht bzw. verhilft den Subalternen nicht zu ihren Rechten (=no right). Wo also, so möchte man Jebsen & Co. gerne fragen, bleibt Euer Begriff von Freiheit und was bedeutet er für euch, wo ist die Freiheit eurer Meinung nach durch was bedroht? Was ist mit dem liberalen Fundamentalwert der menschlichen Gleichheit, wie interpretiert ihr ihn, wo wird er durch was verletzt? Oder, noch wichtiger: wer konkret sind für Euch die Verlierer und wer die Gewinner im Kapitalismus? Eine kleine Hilfe zur Beantwortung: sind für euch die Verlierer die Nation oder „die Deutschen“ oder sind es – transnational und horizontal gelagert – die weltweit prekär Beschäftigten, die von Hunger geplagten, die materiell Verarmten, die nach Lampedusa Flüchtenden? Wie auch immer die Antwort ausfallen wird – Jebsen & Co. mobilisieren ohne zu emanzipieren, sie „informieren“ ohne zu orientieren, und: sie wollen – vielleicht, im günstigsten Falle – aufklären, sie wirken aber alles andere als aufklärerisch.

Und jenseits der Hauptorganisatoren: in postmodern-postpolitischen Zeiten grassierender Unübersichtlichkeit oder „Alternativlosigkeit“ stellen sich Teilnehmende an den neuen Montagsdemos vielleicht die Frage, was denn heute links oder rechts sei, wie beide zu unterscheiden seien oder stellen sogar die Behauptung auf, es gebe doch gar keinen Unterschied mehr zwischen rechts und links. Diese Frage wäre dann eine weitere Variante des oben beschriebenen, unpolitischen NLNR-Paradigmas.

Entgegen der darauf oft reproduzierten Antwort, dies sei schwierig zu beantworten, weil eben die Welt so fürchterlich komplex geworden sei, muss hier das Gegenteil behauptet werden, dass nämlich die Beantwortung der Frage, was rechts von links unterscheidet, ganz einfach und ohne Probleme leistbar ist. Der Begriff dazu ist der „Nom-de-L/Égalité“ (Der Name der Gleichheit als Struktur), er konzeptionalisiert die bereits oben gegebenen Hinweise zu Politik bzw. Nicht-Politik. „Links“ ist, was Gesellschaft als eine Struktur betrachtet, aus der logisch die prinzipielle und irreduzible Gleichheit aller Menschen auf diesem Planeten hervorgeht. „Rechts“ wäre dann zu nennen, was diese soziale Strukturalität leugnet und immer nur auf handelnde Personen rekurriert (und darin meistens auf Verschwörer oder sonstige Sündenböcke).

Von da aus läßt sich gut erklären, warum im rechtspopulistischen Denken die objektiven gesellschaftlichen Spaltungen immer nur im Modus der Schmitt’schen Unterscheidung von Freund und Feind gefaßt werden kann und nie in kapitalismuskritisch-strukturlogischen Begriffen von z. B. „arm und reich“. Diese Differenz spiegelt sich interessanterweise auch in der seit Jahrzehnten geführten Debatte in der Soziologie, was denn nun für die Gesellschaft eher konstitutiv sei, Strukturen oder Handlungen („structure or agency?“). Dialektisch-materialistische, also linke, Ansätze gehen dabei immer von (politökonomischen) Strukturen aus, die aber selbstverständlich nicht freischwebend nur für sich existieren, sondern natürlich in Wechselwirkung mit realem menschlichem oder politischem Handeln, sprich: mit Subjektivität und Handlung, stehen. Konservativ-soziologische Ansätze dagegen verteidigen eher die tatsächliche, praktische Handlung der Subjekte und kommen oft genug ohne jede strukturale Thematisierung aus. Als symptomatisch für diese Position kann deren liberalistisch-libertäre (Anarcho-)Radikalisierung in Form der „Chicagoer Schule des Neoliberalismus“ gelten, die Margret Thatcher seinerzeit zum (politischen Programm und) Ausdruck brachte: „Gesellschaft? Ich kenne so etwas wie ‚Gesellschaft‘ nicht, ich kennen nur Individuen“. Im Folgenden muss also noch etwas zu Struktur und/oder Handlung und deren Subjektivität gesagt werden.

Wird fortgesetzt


4 Kommentare zu “Entpolitisierung und Desorientierung als Vorstufen zur Barbarei – die “neuen Montagsdemos””

  1. Bernhard Schülke

    Cooler Satz: »Symptom eines inhaltsentleerten, unpolitischen Kapitalismus in seiner postpolitisch-autoritären Form schlechthin interpretiert werden, welcher zur Steigerung von Entpolitisierung und Desorientierung der Menschen beiträgt.«

    Ach, der Crouch wird wieder mal wieder zitiert. Beim Lesen seines Buches Postdemokratie wurde mir zwischenzeitlich speiübel. Er beschwört aus meiner Sicht eine Demokratie, die es nie gab. Was nützen die besten Schlussfolgerungen, wenn die Basis nicht stimmt. Und die »freundliche« Zeit der rheinischen Demokratie hierzulande und analog anderorts, da sollte man doch mal den Eisernen Vorhang (kalter Krieg) und das sich aus diesem ableitende Politische Handeln vergegenwärtigen. Den Schreiber von Zeugs a la Crouch wünschte ich eine Zeitreise in die Zeit der Kommunistenverfolgung in den USA , in die Zeit des Senators McCarthy … Alles ist relativ – auch der eigenen Horizont.

    Gut finde ich, wie der Autor dann doch die Nebelkerzerei anprangert. Und die funktionale Massenverdummung beschreibt.

    Der Text wäre wirklich sehr gut gewesen, hätte der Autor auf ein paar Absätze verzichtet. Diese vernebeln mehr, als sie zur Erhellung beitragen – so sehe ich das.

  2. gaukler

    @Bernhard:
    Kann nicht sehen, dass was vernebelt wird. Der Zusammenhang ist eben nicht plausibel in ein paar Sätze zu bringen.
    Volker zeigt ausgehend von den “Postdemokratie”-Autoren (“eine Demokratie, die zwar formal intakt ist, in der politische Konflikte um prinzipielle Inhalte aber nicht mehr stattfinden, weil es scheinbar nichts mehr zu diskutieren gebe: die Welt sei eben, so wie sie sei”) auf, wie sich Formen gegenwärtiger politischer Artikulation in diese tief verankerte Akzeptanz einfügen lassen.
    Und gewiß, zu Crouch gibt es viel zu sagen, aber für genannte These (Zitat) gibt es auch über Deutschland hinaus gute Gründe. Nebenbei: das Phänomen McCarthy war unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, und machte nicht die ganzen politischen Auseinandersetzungen 50er, 60er und 70er Jahre aus. Viele der jetzt abgebauten Sozialleistungen wurden in dieser Zeit erstritten.

  3. Bernhard Schülke

    Hi »gaukler«,

    Danke für die Erwiderung.

    “Viele der jetzt abgebauten Sozialleistungen wurden in dieser Zeit erstritten.” : Genau das meine ich. Das wurde außerparlamentarisch erstritten! Durch Streiks! Wo sind hier die demokratische Institutionen? Wenn ich Streiks als demokratische Institution ansehe, was wäre dann eine Revolution – eine demokratische Singularität bestenfalls, oder?

    Demokratisch herbeigeführte Sozialleistungen in demokratischen Institutionen wären für mich ganz klar im Parlament erkämpft.

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