Frankfurter Gemeine Zeitung

Gedanken zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges – Teil 2

- Link zum Teil 1 -

von Dr. Peter Scherer

Arbeiterbewegung

Am 8. August 1914 hatte der Vorstand des Deutschen Metallarbeiterverbandes einen Aufruf an die Mitglieder gerichtet:

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel ist nun doch der unselige Krieg, dessen Vermeidung sich die Besten unseres Volkes stets angelegen sein ließen, über uns hereingebrochen.4

Der „unselige Krieg“ war alles andere als ein unverhoffter Gast. Jahrzehnte lang schon existierte der „Weltkrieg“ als Begriff. Zuletzt hatte August Bebel im September 1911 auf dem Parteitag der SPD in Jena die Ausmaße des drohenden Krieges umrissen:

Und nun stellen sie sich den Krieg selbst vor, mit der ungeheuren technischen Entwicklung seit 1870, den Millionenheeren hüben und drüben, den Repetiergewehren, den Schnellfeuergeschützen, den Maschinengewehren, mit den modernen Sprengstoffen usw. Als vor einigen Jahren in Elsaß-Lothringen ein größeres Kaisermanöver unter dem Feldmarschall Grafen Haeseler stattfand, erklärte er am Ende: „Das Manöver war sehr schön, aber gefragt habe ich mich doch, wenn es ernst wird, wo bringen wir die Leichen unter, und vor allem, wo bringen wir die Verwundeten unter?

Ähnlich äußerte sich Bebel im November 1911 auch vor dem Reichstag.

Die Internationalen Sozialistenkongresse von Stuttgart 1906 und Basel 1912 hatten klare Beschlüsse gefasst. In der Julikrise, die nach dem Attentat von Sarajewo einsetzte, bekundeten die arbeitenden Menschen in hunderten von Kundgebungen ihre Ablehnung einer Politik, die sehenden Auges auf einen Krieg zusteuerte. In allen größeren Städten wurden Entschließungen verabschiedet, so auch am 29. Juli 1914 in Nürnberg, damals eine Hochburg der SPD:

Die Sozialdemokraten erkennen in den Kriegstreibereien die egoistischen Machenschaften des großen Kapitalismus, der Rüstungsindustrie und zahlreicher anderer, mit ihr aufs Innigste verflochtenen kapitalistischen Interessen. In ihrer Friedensliebe weiß sich die Versammlung eins mit allen Arbeitern und Arbeiterinnen Deutschlands, aber ebenso Frankreichs und Russlands, Österreich-Ungarns und Italiens, Großbritanniens und der Balkanländer. Durch hunderte Kundgebungen ist diese Stellung festgelegt.

Der Verrat

Das hätte als Marschzahl genügen müssen. Aber der SPD-Vorstand hatte offenbar einen anderen Kompass als Mitglieder und Funktionäre.

Zwischen dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg und dem Nürnberger Reichstagsabgeordneten Albert Südekum (SPD) gibt es schon seit längerem enge Kontakte. Angesichts der sich immer weiter zuspitzenden Krise nutzt der Kanzler diesen Kontakt, um die Haltung des SPD-Vorstandes im Falle eines Krieges zu sondieren. Er lädt seinen Gewährsmann zu einem vertraulichen Gespräch. Ergebnis: Südekum soll ohne viel Förmlichkeiten ausloten, was der Vorstand darüber denkt. Hoch erfreut über so viel „Vertrauen“ macht sich Südekum auf den Weg. Er trifft in ihren Büros die Herren Ebert, Braun, Müller, Bartel und Fischer/Berlin an. Man setzt sich zusammen…

Danach kann Südekum den Kanzler mit Schreiben vom 29. Juli 1914 beruhigen:

Bei der dann folgenden Aussprache erhielt ich zunächst die Bestätigung meiner Bemerkung, dass -gerade aus dem Wunsche heraus, dem Frieden zu dienen- keinerlei wie immer geartete Aktion (General- oder partieller Streik, Sabotage und dergleichen) geplant oder auch nur zu befürchten sei.5

Beiläufig lässt Südekum ausrichten, man werde auf die Parteipresse einwirken, mit dem Ziel „zweideutige Äußerungen“ zu vermeiden.

Der Kanzler berichtet dem preußischen Staatsministerium:

auch von der Sozialdemokratie und dem sozialdemokratischen Parteivorstand [sei]nichts Besonderes zu befürchten, wie er aus Verhandlungen mit dem Reichstagsabgeordneten Südekum glaube schließen zu können. Von einem Generalstreik oder Partialstreik oder Sabotage werde keine Rede sein.6

Bei der Vorbereitung der Reichstagssitzung am 4. August, in der die Sozialdemokraten als einzige Partei das Wort erhalten sollten, geht die SPD in Verhandlungen mit den bürgerlichen Parteien und der Regierung noch weiter. Sie verzichtet auf einen Passus, der aktiven Widerstand für den Fall ankündigte, dass der Krieg zu einem Eroberungskrieg werden sollte.7

Fritz Fischer kennzeichnet 1961 in seinem Werk „Griff nach der Weltmacht“ die Interessenlage des Kanzlers:

Ohne die SPD und die von ihr geführte Arbeiterschaft war der Krieg nicht zu führen.8

Richtiger wäre wohl: … ohne die an der Nase herumgeführte Arbeiterschaft. Der bayerische Botschafter in Berlin, Graf Lerchenfeld, amüsierte sich am 31. Juli, einen Tag vor Kriegsbeginn: Die Sozialdemokraten hätten „für den Frieden pflichtgemäß demonstriert“, hielten sich aber jetzt „ganz still“.9

Fußnoten:
4 Elfi Müller (Bearb.), Organisiert Euch! : Vom Fall des Sozialistengesetzes bis zur Novemberrevolution 1890-1918, Nürnberg 1984. Hier auch die folgenden Dokumente.
5 Elfi Müller, Organisiert Euch!, S.207 f. Vgl. auch Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Reihe II, Bd.1, Berlin 1958, S.17 f.
6 Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht, 2. Aufl. Düsseldorf 1962, S.105.
7 Ebd.
8 Fischer, Griff nach der Weltmacht, ebd.
9 Ebenda S.95.


Fortsetzung folgt…
(Alle Rechte beim Autor)

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