Frankfurter Gemeine Zeitung

Entpolitisierung und Desorientierung – Hypernarzismus und Ideologie

“Friedensmahnwachen“, hypernarzisstische Subjektivität und postpolitisch-autoritärer Kapitalismus – Teil 2

von Volker Koehnen (crosspost mit ifkt.de)

(hier Teil 1)

Das hypernarzisstische Subjekt…

Was könnte der Hintergrund all dieser reaktionären Entwicklungen sein und vor allem: welche theoretische Begründung könnte geeignet sein, den Kern jener beschriebenen Entpolitisierungsprozesse zu erklären? Der Anstrengung, die das genuin Politische bedeuten würde, steht offenbar eine Subjektivierungsform entgegen, die sich zusammen mit der neuesten kapitalistischen Krisenkonstellation herauszubilden scheint: das “hypernarzisstische Subjekt”, das sich vom gesellschaftlich-politischen großen Anderen entfernt. Diese Subjektivierungsform steht, um es vorweg zu nehmen, für die paradoxe Bewegung von Erosion des Gesellschaftlichen einerseits und für die zugleich prozessierende, kollektive „Individualisierung“ andererseits, ohne jedoch, das ist wichtig festzuhalten, das eine zugunsten des anderen etwa vollständig aufzulösen. Das Ganze, so könnte man sagen, hat scheinbar aufgehört, mehr als die Summe seiner Teile zu sein.

Der Politikwissenschaftler Stephen Gill konstatiert, dass die gramscianische Hegemonie des neoliberalen Krisenregimes durch seine einseitige Kapitalorientierung zunehmend gesellschaftliche Widersprüche und Konfliktlagen schaffe, wie z.B. Kapitalmacht versus mangelnde demokratische Kontrolle, welche dieses Regime zunehmend weniger durch Konsens und immer mehr durch Zwang und Disziplin zu kontrollieren und zu beherrschen trachtet. Dies sei nun aber, so Gill, kein offener, autoritärer Fremdzwang, sondern ein internalisierter Zwang der neoliberalen Subjekte à la Foucaults „Selbstregierungstechniken“, also die Entwicklung eines genuin subjektiv-individuellen Interesses an persönlicher Leistungsfähigkeit, Marktgängigkeit, ästhetischer Schönheit, Disziplin am Arbeitsplatz usw., das sich in die neoliberalen Kapitalverwertungsprozesse auf der Ebene der Gesellschaft nahezu nahtlos einfüge. Gill nennt das Krisenregime daher „disziplinierender Neoliberalismus“.

An dieser Stelle müßte Gill aber weiterdenken: was bedeutet diese subjektive „Selbstdisziplin“ im Kern, ist sie tatsächlich ein, zwar via Internalisierung funktionierender, aber doch logisch von „außen“ auferlegter Zwang, oder handelt es sich bei diesem Phänomen nicht doch eher um das lacanianische Genießen in seiner bis ins Extrem gesteigerten narzisstischen Form? Der Kapitalismus kann per se als im Kern narzisstische Vergesellschaftungsform betrachtet werden, weil es sowohl in der Konsumsphäre, als auch bei der „freiheitlichen“ Wahl von Identitäten um das Ausagieren von Bedürfnissen und deren Befriedigung geht – die Betonung liegt in diesem Zusammenhang auf einer Art Hemmunglosigkeit, auf dem Verschwenderischen, das kapitalistischer Produktion und Konsumption konstitutiv innewohnt.

Die These an dieser Stelle lautet aber, dass sich dieser narzisstische Habitus in den Krisenjahren seit 2008 noch einmal verstärkt hat und sich sozusagen hypernarzissiert hat. Der Unterschied zwischen Gills „diszipliniert-disziplinierenden Subjekt“ und dem hier favorisierten Konzept des hypernarzisstischen Subjekts läge dann bei der Beurteilung der Rolle von gesellschaftlichem Zwang: Gill trennt in gutbürgerlich-liberalistischer Manier die Gesellschaft vom Individuum ab, und umgekehrt. Abgesehen davon, dass eine solche Trennung eine Herrschaftsstrategie des Liberalismus (war und) ist, um z.B. die Sphäre der unbedingten Gleichheit im Gesellschaftlich-Politischen von derjenigen der massiven Ungleichheit im ökonomisch-individuellen unterscheiden und affirmieren zu können, resultiert aus dieser Spaltung eine Art logischer Irrtum. Das bürgerliche Märchen vom Naturzustand, in dem es nur vereinzelte, kriegerische Individuen gab, die sich dann aus Vernunft eine Gesellschaft mit Regeln, also einen Staat schufen, um Frieden einerseits und eine rechtliche Einhegung der ökonomisch-kapitalistischen Tätigkeiten der Vielen via Privateigentum zu schaffen, muss poststrukturalistisch umgekehrt werden: das logische Erste ist die Gesellschaft, die symbolische Ordnung, das logisch Zweite sind die Subjekte, die aus ihr „resultieren“ und diese wiederum rückkoppelnd mit Leben füllen, via ihrer vielfältigen Phantasmen ausfüllen. In dieser inversen Perspektive gibt es keinen „Zwang“, der immer nur in eine Richtung wirkt, sondern ein komplexes Kräfteverhältnis von Initiation, Rückkopplung, Initiation, Rückkopplung usw.

Das hypernarzisstische Subjekt des neoliberalen Krisenregimes kann daher nicht einfach nur als „Opfer“ der zwanghaften Verhältnisse betrachtet werden; es ist vielmehr auch „Täter“, oder besser: es ist auch „Perpetuum Mobile“ der gesellschaftliche Verhältnisse, in denen es lebt. Und der Mechanismus, der dies in Gang hält, ist ein sehr perfider, der erhebliche theoretische Anstrengung aus emanzipatorischer Perspektive erfordert, um ihn gedanklich durchdringen zu können, weil er auf der Tiefendimension und Triebstruktur des Subjekts aufruht. Er dockt an einer narzisstischen Struktur an, die durch die Sehnsucht nach ursprünglicher Einheit und störungsfreier Bedürfnisbefriedigung geprägt ist, kurz: durch den Rauswurf des Anderen aus sich selbst und der Manifestation eines ureigenen, isolierten Selbst-Universums.

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Gedanken zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges – Teil 3

- Link zum Teil 2 -

von Dr. Peter Scherer

Burgfrieden

Die Generalkommission der freien Gewerkschaften bricht am 1. August 1914 alle Arbeitskämpfe ab. Der für die Dauer des Krieges geleistete Verzicht auf das Streikrecht wird bald überall als „Burgfriede“ bezeichnet. Mit Frieden hat dieser mittelalterliche Begriff wenig zu tun.

„Die Strafen für den Burgfriedensbruch“, so erklärt ein damals weit verbreitetes Lexikon, „waren hart, weil sich der [Feudal-]Herr selbst durch denselben beleidigt fühlte. So wurde bei Tätlichkeiten dem Übertreter die rechte Hand abgehauen.“10 Das Symbol des Burgfriedens ähnelt dem Ladenschild eines Schlächters: Neben einem Beil die abgehackte Hand. Darauf sollte das ganze Unternehmen des „Großen Krieges“ denn auch hinauslaufen: eine „Industrie gewerbsmäßigen Menschenschlachtens“, wie ein Technikstudent schon im Februar 1915 aus dem Feld nach Hause schreibt.11

Natürlich wurde keinem der Gewerkschafter, die sich 1915 mit ihrer Unterschrift gegen den Eroberungskrieg erklärten, die Hand abgehackt, aber es genügte ja die Einberufung.

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