Frankfurter Gemeine Zeitung

Entpolitisierung und Desorientierung – Hypernarzismus und Ideologie

“Friedensmahnwachen“, hypernarzisstische Subjektivität und postpolitisch-autoritärer Kapitalismus – Teil 2

von Volker Koehnen (crosspost mit ifkt.de)

(hier Teil 1)

Das hypernarzisstische Subjekt…

Was könnte der Hintergrund all dieser reaktionären Entwicklungen sein und vor allem: welche theoretische Begründung könnte geeignet sein, den Kern jener beschriebenen Entpolitisierungsprozesse zu erklären? Der Anstrengung, die das genuin Politische bedeuten würde, steht offenbar eine Subjektivierungsform entgegen, die sich zusammen mit der neuesten kapitalistischen Krisenkonstellation herauszubilden scheint: das “hypernarzisstische Subjekt”, das sich vom gesellschaftlich-politischen großen Anderen entfernt. Diese Subjektivierungsform steht, um es vorweg zu nehmen, für die paradoxe Bewegung von Erosion des Gesellschaftlichen einerseits und für die zugleich prozessierende, kollektive „Individualisierung“ andererseits, ohne jedoch, das ist wichtig festzuhalten, das eine zugunsten des anderen etwa vollständig aufzulösen. Das Ganze, so könnte man sagen, hat scheinbar aufgehört, mehr als die Summe seiner Teile zu sein.

Der Politikwissenschaftler Stephen Gill konstatiert, dass die gramscianische Hegemonie des neoliberalen Krisenregimes durch seine einseitige Kapitalorientierung zunehmend gesellschaftliche Widersprüche und Konfliktlagen schaffe, wie z.B. Kapitalmacht versus mangelnde demokratische Kontrolle, welche dieses Regime zunehmend weniger durch Konsens und immer mehr durch Zwang und Disziplin zu kontrollieren und zu beherrschen trachtet. Dies sei nun aber, so Gill, kein offener, autoritärer Fremdzwang, sondern ein internalisierter Zwang der neoliberalen Subjekte à la Foucaults „Selbstregierungstechniken“, also die Entwicklung eines genuin subjektiv-individuellen Interesses an persönlicher Leistungsfähigkeit, Marktgängigkeit, ästhetischer Schönheit, Disziplin am Arbeitsplatz usw., das sich in die neoliberalen Kapitalverwertungsprozesse auf der Ebene der Gesellschaft nahezu nahtlos einfüge. Gill nennt das Krisenregime daher „disziplinierender Neoliberalismus“.

An dieser Stelle müßte Gill aber weiterdenken: was bedeutet diese subjektive „Selbstdisziplin“ im Kern, ist sie tatsächlich ein, zwar via Internalisierung funktionierender, aber doch logisch von „außen“ auferlegter Zwang, oder handelt es sich bei diesem Phänomen nicht doch eher um das lacanianische Genießen in seiner bis ins Extrem gesteigerten narzisstischen Form? Der Kapitalismus kann per se als im Kern narzisstische Vergesellschaftungsform betrachtet werden, weil es sowohl in der Konsumsphäre, als auch bei der „freiheitlichen“ Wahl von Identitäten um das Ausagieren von Bedürfnissen und deren Befriedigung geht – die Betonung liegt in diesem Zusammenhang auf einer Art Hemmunglosigkeit, auf dem Verschwenderischen, das kapitalistischer Produktion und Konsumption konstitutiv innewohnt.

Die These an dieser Stelle lautet aber, dass sich dieser narzisstische Habitus in den Krisenjahren seit 2008 noch einmal verstärkt hat und sich sozusagen hypernarzissiert hat. Der Unterschied zwischen Gills „diszipliniert-disziplinierenden Subjekt“ und dem hier favorisierten Konzept des hypernarzisstischen Subjekts läge dann bei der Beurteilung der Rolle von gesellschaftlichem Zwang: Gill trennt in gutbürgerlich-liberalistischer Manier die Gesellschaft vom Individuum ab, und umgekehrt. Abgesehen davon, dass eine solche Trennung eine Herrschaftsstrategie des Liberalismus (war und) ist, um z.B. die Sphäre der unbedingten Gleichheit im Gesellschaftlich-Politischen von derjenigen der massiven Ungleichheit im ökonomisch-individuellen unterscheiden und affirmieren zu können, resultiert aus dieser Spaltung eine Art logischer Irrtum. Das bürgerliche Märchen vom Naturzustand, in dem es nur vereinzelte, kriegerische Individuen gab, die sich dann aus Vernunft eine Gesellschaft mit Regeln, also einen Staat schufen, um Frieden einerseits und eine rechtliche Einhegung der ökonomisch-kapitalistischen Tätigkeiten der Vielen via Privateigentum zu schaffen, muss poststrukturalistisch umgekehrt werden: das logische Erste ist die Gesellschaft, die symbolische Ordnung, das logisch Zweite sind die Subjekte, die aus ihr „resultieren“ und diese wiederum rückkoppelnd mit Leben füllen, via ihrer vielfältigen Phantasmen ausfüllen. In dieser inversen Perspektive gibt es keinen „Zwang“, der immer nur in eine Richtung wirkt, sondern ein komplexes Kräfteverhältnis von Initiation, Rückkopplung, Initiation, Rückkopplung usw.

Das hypernarzisstische Subjekt des neoliberalen Krisenregimes kann daher nicht einfach nur als „Opfer“ der zwanghaften Verhältnisse betrachtet werden; es ist vielmehr auch „Täter“, oder besser: es ist auch „Perpetuum Mobile“ der gesellschaftliche Verhältnisse, in denen es lebt. Und der Mechanismus, der dies in Gang hält, ist ein sehr perfider, der erhebliche theoretische Anstrengung aus emanzipatorischer Perspektive erfordert, um ihn gedanklich durchdringen zu können, weil er auf der Tiefendimension und Triebstruktur des Subjekts aufruht. Er dockt an einer narzisstischen Struktur an, die durch die Sehnsucht nach ursprünglicher Einheit und störungsfreier Bedürfnisbefriedigung geprägt ist, kurz: durch den Rauswurf des Anderen aus sich selbst und der Manifestation eines ureigenen, isolierten Selbst-Universums.

Diese narzisstische Struktur ist jedoch, wie jedes Genießen, zutiefst ambivalent, ist Freud und Leid zugleich: sie bezieht ihre Attraktivität aus der Befriedigung mit Lustobjekten; der Schmerz jedoch, der damit verbunden ist, besteht in einer Art „reaktionären Disziplin“ des Narzissten, die nun aber ganz anderer Art ist als die von Stephen Gill beschriebene Disziplin: um solcherart genießen zu können, müssen nämlich andere Triebe, Regungen und sonstige vitale oder soziale Äußerungen des Subjekts unterdrückt werden, wie z.B. die Sehnsucht nach Gemeinschaftlichkeit, nach einer mit realen Objekten geteilten Emotionalität und Nähe, nach einer Lebensfreude, die nicht im Modus des Todestriebs ausagiert wird usw. Narzisstisch zu sein bedeutet also harte Arbeit. Zugleich aber wirkt diese narzisstische Orientierung wie eine Art „Befreiung“ – vom großen Anderen, oder allgemeiner, von der symbolischen Ordnung, und durch den genannten Rückzug in das „Selbst-Universum“ damit auch eine Art Loslösung von Strukturen der Kollektivität, Totalität oder Allgemeinheit, manchmal sogar von der Zivilität. Das hypernarzisstische Subjekt genießt (unbewußt, im psychoanalytischen Sinne) also, zwar unter Schmerzen, aber es genießt. Und es befreit sich, gestützt und gefördert von den gesellschaftlichen Verhältnissen, die es damit zugleich reproduziert, vom Nebenmenschen – so könnte der Teufelskreis benannt werden.

Diese neoliberale Hypernarzissierung könnte die Erklärung dafür sein, warum z.B. Arbeitnehmer_innen, deren Arbeitsplatz in Gefahr ist, oft eher in die – zunächst rational und logisch gebotene, weil der Arbeitsplatzverlust seit Hartz IV den sozialen Absturz bedeutet – Anpassung oder „Unterwerfung“ an und unter den Unternehmer gehen, als – z.B. durch gewerkschaftliche Organisierung – in Opposition und Widerstand zu ihm und einem System, das für ihre prekäre Lage verantwortlich ist.

Und genau hier liegt der dialektisch-widersprüchliche Zusammenhang zwischen der Subjektivierungsform der Hypernarzissierung und dem postdemokratisch-autoritären Kapitalismus: Leistung, Schönheit, Sorge um die Arbeitsplatzsicherheit, ganz allgemein: die im Ergebnis genießende Funktionsfähigkeit und Passung des Subjekts an die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse muss gerade ohne diese Gesellschaftlichkeit, auf der sie aber aufruht, auskommen. Und je gesteigerter, dynamisierter und beschleunigter die kapitalakkumulationsgestützte Gesellschaft prozessiert, je brutaler ganze soziale Zusammenhänge in die Zersetzung getrieben werden (vgl. die Austeritätspolitik und ihre Ergebnisse in Griechenland), umso mehr muss auch das Narzisstische der Subjektivität sich gesteigert darin ausdrücken, dass sie diese Zersetzung, sozusagen intrapsychisch, wiederholt und reproduziert, weil diese Geste einzig noch im Meer der Brutalität dazu geeignet scheint, wenigstens eine kleine Insel aus Kongruenz, Stimmigkeit und Identität zu sichern. Und vielleicht kann im Hypernarzisssmus die paradigmatische Subjektivierungsform eines finanzmarktgetriebenen, liberalen Turbokapitalismus gesehen werden, der auf politisch-staatlicher Ebene die Entsicherung und Entdemokratisierung organisiert; hier greifen die liberale Ideologie der „Freiheit des Einzelnen“ (vom Staat und Kollektivität im allgemeinen) und die narzisstischen Struktur der „Freiheit vom großen Anderen“ ineinander.

Die Zutaten für die hypernarzisstische Suppe auf politischer Ebene indes, die sozusagen die andere Seite des Hypernarzissmus zeigen, also Expressivität, Gefühlsbetonung, Theoriefeindschaft und ausschließliche Praxisorientierung, können damit als das Symptom entpolitisierter Zustände betrachtet werden. Das darauf aufruhende Phantasma, klassisch-kritisch formuliert: die Ideologie, das/die auch bei den neuen Montagsdemos zu beobachten ist, wäre dann das eines unpolitischen, asozialen Reflexes anstelle einer intellektuellen Durchdringung der gesellschaftlichen Verhältnisse: die Zuschreibung von „Schuld“, die Benennung von Sündenböcken, usw. Damit kann auch im neoliberal-postpolitischen Feld eine gewisse Passung zu narzisstischen Strukturen festgestellt werden: das hypernarzisstische Individuum ist deswegen bevorzugt „weder rechts noch links“, weil es am liebsten „es selbst“ ist und daher den politischen Gegner nur als Feind, den politischen Konflikt nur als „Störung des Selbst-Universums“ (und nicht als notwendige Voraussetzung für das Politische einer solidarischen Gesellschaft) betrachten kann. Wie aber wäre dieses Phantasma als Ideologie einzuordnen und zu klassifizieren?

…und seine Idiologie

Traditionelle linke Kritik an gesellschaftlichen Zuständen operiert gern mit dem Begriff der Ideologie, vulgärmarxistisch wird ein ideologisiertes Bewusstsein oft als „falsches Bewusstsein“ bezeichnet, also als eine Art fixe Idee, die deswegen falsch sei, weil sie nicht die „wahren Zustände“ widerspiegele, „in Wahrheit“ sei doch eigentlich alles ganz anders, man müsse nur die ideologische Verschleierung demaskieren und alles sei wieder in Ordnung. Demgegenüber soll hier für einen fundamental anderen Ideologiebegriff im Anschluß an Althusser plädiert werden. Ideologie soll, wie oben am Beispiel des hypernarzisstischen Subjekts, als „passgenaues“ Bewusstsein, als Identität oder Phantasma von Subjekten verstanden werden, das exakt (!) ihre gesellschaftlich-individuellen (strukturellen) Lebensbedingungen zum Ausdruck bringt, es daher also nicht „falsch“ sein kann, sondern, im Gegenteil: „richtig“ ist bzw. einen hegelianischen „Moment von Wahrheit“ enthält. Desweiteren wird behauptet werden, dass es keine Subjektivität ohne Ideologie geben kann.

Der Kern, um den es hier geht, läßt sich so umschreiben: im Gegensatz zum Gerichtssaal oder zum chemischen Labor, deren Logik sich im Empirischen, im Beweis und Nachweis erschöpft, geht es in der Sphäre des Gesellschaftlichen und Politischen v.a. um hoch umstrittene, konflikt- und machtförmige Deutung und Begriffsbildung, quasi um Fiktion und „als-ob“, weil, wie beschrieben, sich uns die Wirklichkeit nur vermittelt erschließt, sie uns also nie unmittelbar gegeben ist; und der Maßstab der argumentativen Erschließung dessen, was Realität ist, ist immer die bereits oben genannte Plausibilität einer „Welterklärung“, nicht etwa ihre essentialistische Wahrheit. Da wir uns in politischen Kontexten also nicht in der naturwissenschaftlichen Faktizität befinden, sondern in der geisteswissenschaftlichen „Hermeneutik“ bzw. Logik, sind die wissenschaftstheoretischen oder epistemologischen Grundlagen politischer Argumentationen das bloße Annehmen, das beinahe willkürliche Beziehen eines Standpunktes (der freilich „gut“ begründet sein muss, sich transzendenten Verweisen auf etwa Gott oder die Natur enthalten muss und sich seiner prinzipiellen Kontingenz bewusst ist, will er nicht seinerseits in einen ominösen Essentialismus abgleiten).

Nun gehört es zum Allgemeinwissen, dass der Mensch, transhistorisch-anthropologisch und kulturell je nach Epoche unterschiedlich, immer schon sich, sein Umfeld und die Welt, in der er lebt, zum Gegenstand seiner Reflexion gemacht hat; das unterscheidet ihn vom Tier. Daher ist sein Bewußtsein immer zugleich auch das Bewußtsein dessen, worüber er dachdenkt; die gesellschaftliche Vermitteltheit von Realität kommt darin zum Ausdruck, weil die Realität kein Eigenwesen – zumindest keines, das wir ohne unser Zutun erkennen könnten – hat (vgl. das Kant’sche „Ding-an-sich“). Dieser Umstand kann auch dialektisch-materialistisch formuliert werden, Marx nannte dies so: „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewußtsein“ oder: „Der Mensch ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ Althusser entwickelte dafür den Begriff der „abstrakten Ideologie“ (im Gegensatz zu einer konkreten, z.B. religiösen, neoliberalen usw. Ideologie, die immer Ausdruck von Klassenverhältnissen ist). Sie ist der Platz, den konkrete Ideologien in der Gesellschaftsstruktur einnehmen; sie ist „geschichtslos“, also nicht „konkret“, weil der Begriff ein strukturalistischer ist, ein spezifischer Ort in der Struktur der jeweiligen symbolischen Ordnung; sie ist Form, nicht Inhalt.

Ideologie ist nach Althusser eine bestimmte Organisation sinnstiftender Praxis, die den Menschen als gesellschaftliches Subjekt konstituiert. Sie ist ein Produkt der Verhältnisse und ein Mechanismus, der die gesellschaftlichen Strukturen reproduziert. Ideologie ist daher nicht bloß eine Form des Bewusstseins, sondern gewissermaßen auch materialisiertes Bewußtsein. Ihr Ort ist daher nicht nur der Kopf, sondern auch konkrete Institutionen (Althusser nennt sie die “Ideologische Staatsapparate”), wie z.B. Schulen oder Universitäten, oder reale Plätze, wie der Alexanderplatz in Berlin, wo die neuen Montagsdemos stattfinden; auf diesem präfigurierten und realen Platz wird ein imaginärer Sinn in einer symbolischen Struktur produziert. Das erklärt, warum Ideologie nicht einfach eine verkehrte, illusionäre Repräsentation der wirklichen Verhältnisse ist – sie spiegelt das imaginäre Verhältnis des Menschen zu seinen Existenzbedingungen, hier: die völlig sinnentleerten postpolitischen Verhältnisse und deren narzisstische Verarbeitung bzw. „Wiederauffüllung“ mit bestimmten Sinn. Imaginär heißt aber nicht irreal, sondern sagt nur aus, dass gesellschaftliche Verhältnisse und Strukturen immer produktiv mit Sinn erfüllt werden (müssen). Dieser Sinn ist aber imaginiert, d.h. er findet sich nicht automatisch in den Dingen oder in Beziehungen zwischen verschiedenen Dingen.

Diese „abstrakte“, politisches Bewußtsein soll hier als Ideologie – im Unterschied zur Empirie oder Religion als den beiden anderen „Registern des Seins“ des Menschen – bezeichnet werden, und die Ideologie hat immer etwas von einem Phantasma. Diesen Punkt kann man auch struktural-psychoanalytisch begründen: Lacan setzt, in enger theoretischer Nachbarschaft zu Althusser, das psychische Register des Bewußtseins, also des „Ich“, mit einem Phantasma, also einer Täuschung, gleich, weil es auf einer symbolischen Struktur aufruht, die unbewußt und nie abgeschlossen, sondern immer lückenhaft die Position von Subjektivität und Bewußtsein definiert; eine Position, die irreduzibel darauf verwiesen ist, diese Lücke (mit Sinn) auszufüllen; daraus gibt es kein (zumindest: menschliches) Entkommen.

Wie könnte nun aber im politischen Feld zwischen reaktionären und emanzipatorischen Ideologien unterschieden werden, oder, angesichts der bisher explizierten und zentralen Kritik an den neuen Montagsdemos, zwischen politisch und unpolitisch? Der Vorschlag lautet, zwischen “Idiologie” (Abgeleitet von „idiotes“, griech. „Privatmann“: so wurden in der Antike diejenigen „unpolitischen“ Subjekte bezeichnet, die nicht an Prozeß und Ort der Polis teilnehmen wollten/konnten) und Ideologie zu differenzieren.

Ideologisch-politisches Bewußtsein ist sich seiner latenten Prekarität in Form seiner prinzipiellen Fiktionalität bewußt, es anerkennt sozusagen das Gesetz des Symbolischen und verzichtet darauf, seiner Sehnsucht nach Endgültigkeit, Gewissheit oder Essentialität zu folgen; es fühlt sich wohl in der argumentativ-begrifflichen Operation, eine plausible Wirklichkeit zu reproduzieren.

Idiologisch-unpolitisches Bewußtsein wäre demgegenüber im Kern die Selbst-Leugnung, also die Nicht-Anerkennung des Bewußtseins als Ort realitätsstiftender Begriffsbildung; es wäre diejenige narzisstische Halluzination, die die Unterschiedlichkeit per se und an sich einstampft; die Differenz zwischen Menschen, zwischen Mensch und Welt, zwischen Begriff und Gott, zwischen Naturwissenschaft und Politik usw. usf. Diese Halluzination als Ablehnung von Differenz kann wiederum nur im Modus einer ganz anderen und brutalen Differenzierung zum Ausdruck kommen (Rückkehr des Verdrängten!), nämlich in der Essentialisierung und Homogenisierung des Eigenen (z.B. das Volk, die Nation) bei gleichzeitiger – ebenso essentialistischen – Konstruktion des Fremden (die Ausländer, die Juden); auch hier scheint wieder Carl Schmitt auf.

Ideologie bezieht sich immer (zurück) auf einen Ort des Öffentlichen, die Agora, auf dem sie entsteht; wohingegen in der Idiologie der öffentliche Raum zum privatistischen Refugium, zum Wohnzimmer, zusammenschrumpft. Ideologisches Bewußtsein erkennt sich selbst, indem es vornehmlich in (kapitalistischen) Strukturen prozessiert; idiologische Nicht-Politik lehnt sich selbst ab, indem sie nur Personen und Gruppen (als Übeltäter) identifizieren kann. Ideologie erkennt im singulären Ereignis seine Universalität (vgl. „Anteil der Anteillosen“), hat also eine Vorstellung vom Abstrakten und Allgemeinen bzw. einer Totalität; Idiologie, genau umgekehrt, universalisiert Einzelereignisse und –meinungen (vgl. Verschwörungstheorien), sie kann nur im partikularistisch-konkretistischen Modus agieren.

Um aber auch hier der Falle einer theoretischen Engführung zu entgehen, die darin besteht, das Unpolitische zu stigmatisieren und als einen „unnötigen“ Betriebsunfall mißzuverstehen, den es nicht geben müsste, wenn die Menschen nur alle vernünftig seien, muss in dialektischer Perspektive betont werden, dass es sowohl Idiologie als auch Ideologie wohl immer nebeneinander und zugleich geben wird; auch dies ist Ausdruck der oben beschriebenen Strukturalität von jeder subjektiven Existenz und ihrer Einschreibung in gesellschaftliche Konflikt- und Klassenlagen; eine solche Dynamik ist nicht still zu stellen. Es gibt eben immer einen Rest, der nicht aufgeht; hier ist Ideologie im Unterschied zur Idiologie, die eben gerade diesen Rest leugnet, ganz humanistisch. Was einzig emanzipatorischer Theorie und Praxis übrig bleibt, ist Stellung zu beziehen und qua dezidiert aufklärerischer Programmatik und politischer Aktion im Modus der Ideologie den Konflikt mit idiologischen Erklärungsfetzen zunächst zu markieren, und sodann den Kampf aufzunehmen, um sie kleinzuhalten. Und ihr bleibt der Kampf für eine Transformation dieses Kapitalismus, welche einmal andere, vielleicht „humanere“ Idiologien gebiert, als es im gegenwärtigen System des postpolitisch-autoritären Kapitalismus der Fall ist. Es ist dies der ganz traditionelle – theoretische, strategische, praktische – Kampf gegen die Barbarei und für den demokratischen Sozialismus.

Rückkehr der Politik statt „Zurück zum Gefühl!“

Fassen wir zusammen: mein Punkt war nicht, den drei Hauptakteuren etwa rechtes Denken vorzuwerfen; was sie tatsächlich so den lieben langen Tag denken, ist mir, ehrlich gesagt, (Conchita) Wurst. Nein, meine Absicht war nicht, ihren Fehler der Personalisierung von poltischen Prozessen zu wiederholen, sondern die politische Bewertung zu entwickeln, dass sie Woche für Woche ein Spektakel organisieren, das Ausdruck und nicht etwa Abhilfe der gähnenden, lähmenden, ideologisierten, desorientierten und unpolitischen Verhältnisse ist, in denen wir uns aktuell befinden und die sie ja offenbar zu verändern vorgeben. Jene hypernarzisstischen Subjekte sollten endlich damit aufhören, die realen Ängste der Menschen im Wege der unpolitischen Idiologie zu missbrauchen; und die Demo-Teilnehmer_innen sollten das Spiel durchschauen, das mit ihnen da gespielt wird. Vor allem sollte diese Angst nicht länger als Legitimationsquelle für den ressentimentgeladenen Abgesang auf das Politische instrumentalisiert werden. Denn ebenso wenig, wie das Gefühl der Liebe für die Existenz einer funktionierenden und stabilen Partnerschaft ausreicht, so wenig reicht allein das Gefühl der Angst aus, diese Welt zu einer besseren zu machen, als sie ist. Es ist hohe Zeit für die Rückkehr des inhaltsvollen und demokratischen Politischen, der politischen Ideologie; die Zeit der eindimensionalen, entpolitisierten (Montags-)Demonstration von Orientierungslosigkeit dagegen ist hoffentlich bald vorbei.

Ob uns eine „bessere Zukunft“ beschert werden wird oder ob sich die unpolitischen Idiologien hypernarzisstischer Subjektivität weiter ausbreiten, wird davon abhängen, inwieweit es linksemanzipatorischen Kräfte gelingt, die sublimierte Form einer gesellschaftlichen Totalität, statt der narzisstisch verzerrten Vorstellung einer „individuellen Nicht-Kollektivität“ – also die aufklärerische Umwandlung eines negativen Gesellschaftsbezugs in ein kritisch-affirmierendes Gesellschaftskonzept -, in den Köpfen zu verankern. Dabei wird es aus strategischer Perspektive darauf ankommen, an den Widersprüchen des postpolitisch-autoritären Kapitalismus mitsamt seiner Subjektivierungsformen anzusetzen und den politischen Wert der irreduziblen Gleichheit der Subjekte dagegen zu halten; sozusagen den Kapitalismus im „Nom-de-L/Égalitè“ („Im Namen des Gesetzes und der Gleichheit!“) anzusprechen. Diese Aufgabe würde bedeuten, dialektisch über den Liberalismus als (Geistes-)Grundlage unserer Gesellschaft hinauszugehen und – historisch und logisch – nicht „vor ihn“ zurück zu wollen.


7 Kommentare zu “Entpolitisierung und Desorientierung – Hypernarzismus und Ideologie”

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