Frankfurter Gemeine Zeitung

Gedanken zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges – Teil 3

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von Dr. Peter Scherer

Burgfrieden

Die Generalkommission der freien Gewerkschaften bricht am 1. August 1914 alle Arbeitskämpfe ab. Der für die Dauer des Krieges geleistete Verzicht auf das Streikrecht wird bald überall als „Burgfriede“ bezeichnet. Mit Frieden hat dieser mittelalterliche Begriff wenig zu tun.

„Die Strafen für den Burgfriedensbruch“, so erklärt ein damals weit verbreitetes Lexikon, „waren hart, weil sich der [Feudal-]Herr selbst durch denselben beleidigt fühlte. So wurde bei Tätlichkeiten dem Übertreter die rechte Hand abgehauen.“10 Das Symbol des Burgfriedens ähnelt dem Ladenschild eines Schlächters: Neben einem Beil die abgehackte Hand. Darauf sollte das ganze Unternehmen des „Großen Krieges“ denn auch hinauslaufen: eine „Industrie gewerbsmäßigen Menschenschlachtens“, wie ein Technikstudent schon im Februar 1915 aus dem Feld nach Hause schreibt.11

Natürlich wurde keinem der Gewerkschafter, die sich 1915 mit ihrer Unterschrift gegen den Eroberungskrieg erklärten, die Hand abgehackt, aber es genügte ja die Einberufung.

Der Reichstagsabgeordnete Max Cohen-Reuss (SPD) fasst im September 1914 den Erfolg der Burgfriedenspolitik zusammen und blickt in die Zukunft:

Die Regierung müsste doch aber auch in Rücksicht auf etwa spätere Kriege, die dem jetzigen doch bald folgen könnten, daran liegen, die jetzige Einigkeit zu einer dauernden zu machen, denn wie unendlich wertvoll die Geschlossenheit des Volkes sei, zeige sich doch gerade während der jetzigen schweren Kämpfe an der Aisne. Wäre es anders, würden wir so dastehen, wenn der 4. August nicht so einmütige Beschlüsse gezeitigt, die Sozialdemokratie von den übrigen Parteien abgetrennt hätte?12

In der Schlacht an der Aisne östlich von Paris kämpften vom 12.-20. September 1914 auf beiden Seiten insgesamt 1,4 Millionen Mann. Sie erlitten schwerste Verluste. Danach erstarrte die Westfront im Stellungskrieg.

Mordkommission

Ab Dezember 1916 geht die Selektion im Rahmen des „Hindenburg-Programms“ noch eleganter, ist es doch der Sinn des Projekts, die letzten Reserven an Menschen und Material zu erschließen. Die personelle Seite regelt das „Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst“ vom 6. Dezember 1916. Nach dem „Weißbluten“ vor Verdun, nach den Vernichtungsorgien an der Somme ist das „Menschenmaterial“ knapp. Unter Beteiligung der neuen „Arbeiterausschüsse“ werden die Betriebe durchgekämmt. Das Gleiche gilt für die Lazarette, wo man die ausführenden Organe in schöner Direktheit „Mordkommissionen“ oder „Heldengreifer“ nennt.

Der Vorsitzende des Deutschen Metallarbeiterverbandes, Alexander Schlicke, bringt es in der neuen Hierarchie zum „Vorsitzenden des Vermittlungsausschusses für Arbeitsangelegenheiten beim Ersatz- und Arbeitsdepartement des Kriegsamtes“ – ein imposanter Titel und eine „kriegswirtschaftliche“ Funktion, die Schlicke zuverlässig davor schützt, einberufen zu werden.13

Immerhin verzichtet man darauf, die Entrechtung der Arbeiter mit einem Heiligenschein zu umgeben wie in Frankreich, wo das Förderband aus tausenden Lkw, die das Kanonenfutter an die Verdunfront bringen, „Heilige Straße“ nennt, wo man von einer die Klassen übergreifenden „Heiligen Einheit“ spricht.

Der deutsche Versuch, einen Kult um das Fort Douaumont nordöstlich von Verdun aufzuziehen, kommt nie wirklich in die Gänge. Die Soldaten nennen das Fort nur den „Sargdeckel“. 650 Tote liegen dort noch heute, aufgeschichtet am Ende eines Ganges, hinter einer Mauer, die ein riesiges Eisernes Kreuz ziert. Sie wurden Opfer einer Munitionsexplosion in den mit Menschen voll gestopften Kasematten.

So wird denn das Schreckensjahr 1916 zum Jahr der staatlichen Anerkennung der Gewerkschaften, und weil für Betriebe größer als 50 Beschäftigte Arbeiterausschüsse obligatorisch sind, scheint es manchen, dort habe die Mitbestimmung ihren Ursprung.

Propagandisten

In welche Abgründe die Politik des Burgfriedens in den Jahren 1917/18 führt, illustriert eine weit verbreitete Broschüre, die zum höheren Ruhm des Kriegsamt-Chefs Wilhelm Groener produziert wird. Dort steht zu lesen:

Jede Frau, die einen Sohn geboren hat, der fern von ihr draußen auf dem Schlachtfeld irgendwo zwischen Waffentrümmern und Stacheldraht wieder zu Erde wird, und die darüber keine Träne zeigt, ist eine Heldin.

Ich weiß von Müttern“, fährt der Autor fort, „die nicht ruhten , bis ihre Jungen aus den weniger gefährdeten, hinteren Linien, nach vorn in die Gräben kamen. Erst als sie dicht am Feind lagen, da waren ihre Herzen zufrieden.14

Diese Art Rhetorik erwuchs nicht erst aus dem Krieg. Sie stand schon bei Kriegsbeginn fertig da.

Wie hatte der Sprecher der SPD-Fraktion im Reichstag am 4. August in seiner Begründung der Kredite gesagt?

Wir denken auch an die Mütter, die ihre Söhne hergeben müssen … Wir hoffen, dass die grausame Schule der Kriegsleiden in neuen Millionen den Abscheu vor dem Kriege wecken und sie für die Ideale des Sozialismus und des Völkerfriedens gewinnen wird.

Die Parteipresse hält Wort und vermeidet „zweideutige Äußerungen“. Bis zuletzt verherrlicht sie den Massenmord.

Ungeheures, unsere Seelen Erschütterndes ereignet sich im Westen. In atemloser Spannung lauscht man in der ganzen Welt wieder den Kriegsberichten, gegen die man als alltägliche Speise schon gleichgültig geworden war…Dabei sind alle Menschen, die in dieser Riesenschlacht wirken… doch nur nebensächlich in diesem Kriege der Technik und der Chemie.“ – so schwärmt am 21. März 1918 die „Fränkische Tagespost“, einst das stolze Flaggschiff der Sozialdemokratie in Bayern.

Die „Pfälzische Post“ (SPD) preist noch in den letzten Wochen des Krieges am 2. Oktober 1918 die „Höchstleistungen unserer Bombenflieger“ als habe schon der zweite Weltkrieg begonnen:

Von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens wurde das gesamte Kampfgebiet in Flandern…in Atem gehalten. Der Kolonnenverkehr auf den Straßen und Transportzüge auf mehreren Strecken wurden erfolgreich mit Bomben beworfen und unter Maschinengewehrfeuer genommen. Feuernde Batterien wurden zum Schweigen gebracht…15

Wilhelm Groener, Organisator der kriegswirtschaftlichen Mobilmachung seit Dezember 1917 und inzwischen Nachfolger Ludendorffs an der Spitze der Obersten Heeresleitung, ist der Partner Friedrich Eberts, als es am 10. November 1918 darum geht, die Revolutionäre um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gegen die Wand laufen zu lassen.

Fußnoten:
10 Meyers Konversations-Lexikon, Leipzig 1893.
11 Der Spiegel: Geschichte S.59.
12 Fischer S.428.
13 Vgl. Kurt Pohl / Frauke Werner, Die freien Gewerkschaften im Ersten Weltkrieg, in: Frank Deppe u.a., Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung, Köln 1989, S.115 ff. – Zum Hilfsdienstgesetz vgl. Michael Kittner, Arbeitskampf, München 2005, S.380.
14 Anton Fendrich, „Wir“: Ein Hindenburgbuch, Stuttgart 1917, S.62 f.
15 Wachsam Tag und Nacht: Die Flugzeugbauer von Speyer, Speyer 2011.


Fortsetzung folgt…
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