Frankfurter Gemeine Zeitung

Gedanken zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges – Teil 4

- Link zum Teil 3 -

von Dr. Peter Scherer

Der Erbfeind

Trotz aller Bemühungen seit 1870/71 war es den herrschenden Kreisen nicht gelungen, den Franzosenhass in die Masse der organisierten Arbeiter zu tragen. Zu groß war die Achtung vor den revolutionären Traditionen des französischen Volkes, zu tief saß die Erinnerung an den heldenhaften Kampf der Pariser Kommunarden 1871. Bezeichnend für die enge Verbindung war der Brauch, die Marseillaise mit deutschem Text zu singen, als „Arbeiter-Marseillaise“: „Wohlan, wer Recht und Wahrheit achtet…“

So konnten die Kriegstreiber nicht sicher sein, wie sich die deutschen Arbeiter verhalten, wenn der große Krieg mit einer Kriegserklärung an Frankreich beginnen würde, wenn die deutschen Soldaten ihren französischen Kameraden das Bajonett in den Bauch stoßen sollten (nicht in die Rippen, das hatten sie exerziert). Zweifel bestanden, ob die patriotische Gehirnwäsche genauso erfolgreich war.

Unter der Führung von August Bebel hatte die Partei eine große Erziehungsarbeit besonders unter der Jugend geleistet. Würden die jungen Männer womöglich Rosa Luxemburg folgen, die 1913 in Frankfurt unter tosendem Beifall erklärt hatte:

Und wenn uns zugemutet wird, auf unsere französischen Brüder die Mordwaffe zu erheben, dann antworten wir mit einem entschiedenen Nein!

Die Russen

Mit den russischen Brüdern war der Umgang nicht ganz so kordial. Das Verhältnis zu den „Russen“ hatte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts manchen Wechsel durchgemacht.16 1830 hatten russische Truppen den polnischen Aufstand niedergeschlagen. 1849 waren es wieder die Soldaten des Zaren, die in Ungarn und erneut in Polen zuschlugen. 1905 schließlich erstickte das Zaren-Regime die Revolution im eigenen Land. Eine Welle der Sympathie mit den Opfern ging durch die deutsche Arbeiterbewegung.

Gleichzeitig brach eine heftige Kontroverse auf, ob es möglich sei (wie Rosa Luxemburg leidenschaftlich forderte), von den russischen Revolutionären zu lernen, zu prüfen, ob nicht auch in Deutschland die Waffe des „Massenstreiks“, des politischen Generalstreiks mit Erfolg Anwendung finden könnte. Die Führer der Gewerkschaften bestritten das heftig.

So scheiden sich die Geister an den „Russen“, wobei nicht immer klar getrennt wird zwischen dem reaktionären, rückständigen Russland und den Massen, die sich verzweifelt gegen Polizei und Militär wehren. Man hat die Massaker und Straflager vor Augen und denkt mit Grauen daran, eines Tages selbst unter die Knute zu geraten.

In dieser Verwirrung der Gefühle macht das Wort von August Bebel die Runde, auch er werde auf seine alten Tage noch die Flinte auf den Buckel nehmen, wenn es gegen Russland gehe. So gesprochen auf dem SPD-Parteitag 1907.

Am 28. Juli 1914 erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, am 30. Juli erfolgt die Generalmobilmachung der russischen Armee. Der Kanzler hatte alles getan, um Russland als Angreifer erscheinen zu lassen. Jetzt ist er am Ziel. Der 1. August, der Tag der Kriegserklärung „an die Russen“ ist ein Samstag. Die Biergärten sind voll, die Extrablätter druckfeucht. Wer macht da noch einen Unterschied zwischen dem, was ein Russe im Innersten an sozialistischen Gedanken hegt und dem zaristischen Soldaten, der nun sein Bajonett aufpflanzt?

Angriff

Am 2. August marschieren die Soldaten des Kaisers ohne Kriegserklärung über die luxemburgische Grenze. Der Hauptmann von Köpenick hat, auf einer Brücke stehend, noch einmal preußisches Militär „unter sich“. Erst am 3. August geht die Kriegserklärung an Frankreich hinaus. Als die SPD am 4. August den Kriegskrediten zustimmt, haben die deutschen Truppen schon ihren Marsch durch Belgien begonnen.

Man hatte nicht für oder gegen den Krieg entscheiden wollen, sondern nur über die Kredite. So feine Unterschiede gedachte man zu machen. Am 25. und 28. August brennen im belgischen Löwen ganze Straßenzüge, Geiselerschießungen folgen, Deportationen. Der Monat ist noch nicht zu Ende, da ist man schon hineingezogen mit Haut und Haaren in den imperialistischen Raubkrieg.

Im Krieg mit dem russischen Despotismus, der sich mit dem Blut des eigenen Volkes befleckt habe, stehe viel, wenn nicht alles auf dem Spiel, so hatte es am 4. August geheißen. Es sind aber nicht die Despoten, denen man gegenübertritt, sondern Millionen Bauern und Arbeiter. Ihnen hatte man 1905 feierlich Solidarität geschworen. Nun füllen sie Massengräber und Gefangenenlager. Wilhelm II., der an einen schicksalhaften Endkampf zwischen Slawen und Germanen glaubt, kann nun ausrufen: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“

Als sich die Reichsregierung nach dem Krieg bei der Niederschlagung der Revolution in Berlin und München nun ihrerseits „mit dem Blut des eigenen Volkes befleckt“, da kennen die Noske-Söldner keine Kameraden mehr, sondern nur noch „Bolschewisten“. Das Einverständnis mit der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gibt Noske per Telefon.17

Der Leitspruch des 4. August wird zum Dauerbrenner. Erich Maria Remarque schreibt über den Sommer 1918:

Unsere Artillerie ist ausgeschossen…die Rohre sind so ausgeleiert, dass sie unsicher schießen und bis zu uns herüberstreuen.18

Die Artillerie kennt keine Parteien mehr.“ karikiert Ernst Jünger diese Zustände.19

An der Jahreswende 1917 / 18 fehlt es an allem, selbst an Treibriemen in den Granatenbuden. „Das hart bedrängte Vaterland bittet die deutschen Mädchen und Frauen um das Opfer ihrer Haare.20

So erinnert ein Buch aus dem Jahr 1938, ein Jahr vor Beginn des Hitlerkrieges. Selbst die paranoide Gier der Faschisten nach dem Haar ihrer Opfer ist im ersten der Weltkriege schon vorgeformt.

Fußnoten:
16 Dazu ausführlich Rosa Luxemburg in ihrem „Kriegsbuch“ (wie sie selbst es nennt), der Junius-Broschüre „Die Krise der Sozialdemokratie“, niedergeschrieben im April 1915, 1. Aufl. Zürich 1916.
17 Vgl. Klaus Gietinger, Der Konterrevolutionär – Waldemar Pabst: Eine deutsche Karriere, Hamburg 2008. – Pabst 1969: „Dass ich die Aktion ohne Zustimmung Noskes gar nicht durchführen konnte – mit Ebert im Hintergrund – und auch meine Offiziere schützen musste, ist klar. Aber nur ganz wenige Menschen haben begriffen, warum ich nie vernommen oder unter Anklage gestellt worden bin. Ich habe als Kavalier das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, dass ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe über unsere Zusammenarbeit.“
18 Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues, Köln 1998 ( Erstauflage 1929).
19 Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 48. Aufl. Stuttgart, 1978, S.306.
20 P.E.Ettighoffer, Sturm 1918: Sieben Tage deutsches Schicksal, Gütersloh 1938, S.206 ff. Gab es hier noch den Anschein des freiwilligen Opfers, wurden die Männer ohne Umschweife abgeholt: „Noch ein letztes Mal sollen die Untersuchungskommissionen jeden Betrieb abgehen und alle nur einigermaßen tauglichen, waffenfähigen Männer an die Front schicken.“. Ebd. S.203 (Lage im April 1918).


Fortsetzung folgt…
(Alle Rechte beim Autor)

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