Frankfurter Gemeine Zeitung

Gedanken zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges – Teil 5

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von Dr. Peter Scherer

Abgewürgt

Am 28. Januar 1918 treten die Berliner Arbeiter in den Streik. Die Arbeitsniederlegungen breiten sich rasch über das ganze Reich aus. Vertreter der SPD-Führung würgen den Streik nach sieben Tagen ab. 1924 rechtfertigt sich Philipp Scheidemann vor Gericht gegen den Vorwurf des Hochverrats:

Wenn wir nicht in das Streikkomitee hineingegangen wären, dann wäre der Krieg und alles andere schon im Januar erledigt gewesen… Durch unser Wirken wurde der Streik bald beendet und alles in geregelte Bahnen gelenkt. Man sollte uns eigentlich dankbar sein…21

Ganz ähnlich beklagt sich 1969 der Organisator des Mordes an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht: Denkmäler hätte man ihm eigentlich errichten müssen und Straßen nach ihm benennen. Man ehrte aber, wie allgemein üblich, den Metzger und nicht die Würste. In vielen Städten halten noch heute die Ebert- und Hindenburg-Straßen „Seit’ an Seit’ “ diese dunkle Stunde der Arbeiterbewegung in Erinnerung.

Scheidemanns Aussage im Magdeburger Prozess gegen den Reichspräsidenten ist ungeheuerlich. Im Durchschnitt sterben während des Krieges an allen Fronten 6.000 Soldaten pro Tag22.

Der Ersatz, der nun in die Front einrückt – das sind, wie Remarque schildert, „blutarme, erholungsbedürftige Knaben, die keinen Tornister tragen können, aber zu sterben wissen.

„Deutschland muss bald leer sein.“, sagt einer der Altgedienten. Das war nun wirklich eine „Verjüngung“, aber nicht ganz die, von der Dichter und Schriftsteller in den „Augusttagen“ und noch im Herbst 1914 geschwärmt hatten.23

Erich Maria Remarque listet auf:

Ruhr, Grippe, Typhus – Würgen, Verbrennen, Tod. Graben, Lazarett, Massengrab. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht.24

Ernst Jünger notiert nach einem Angriff:

„Ein junges Kerlchen, dessen blaue Lippen als schlimmes Vorzeichen aus dem schneeweißen Gesicht leuchteten, stammelte: ‚Ich bin zu schwer… ich werde nicht wieder…ich – muss – sterben.“25 Das war 1916. Wie viele dieser halben Kinder waren seither elendiglich umgekommen? – und das Morden geht weiter.

„Sommer 1918“, schreibt Remarque, „Nie ist schweigend mehr ertragen worden. Warum macht man kein Ende?“

Aber die Parlamentarier geben sich noch immer der Illusion eines „Siegfriedens“ hin.

Am 2. Oktober schickt die Oberste Heeresleitung einen Major im Generalstab nach Berlin.26 Der erklärt vor dem Reichstag:

Nur die Einstellung des Jahrgangs 1900 wird die Bataillonsstärke einmalig um 100 Köpfe erhöhen. Dann ist unsere letzte Menschenreserve verbraucht.

Prinz Max von Baden erinnert sich:

„Die Abgeordneten waren ganz gebrochen. Ebert wurde totenblass und konnte kein Wort herausbringen, Stresemann sah aus, als ob ihm etwas zustoßen würde“.

Bis dahin hatten sie freilich gute Nerven bewiesen. Von März bis November 1918 fielen im Durchschnitt an der Westfront jeden Tag 681 deutsche Soldaten.27 Die Zahl der Verwundeten erreichte im April 1918 den höchsten Stand des ganzen Krieges.28

Frieden

Die Matrosen der Hochseeflotte, die Soldaten, die Frauen und die Mädchen in den Rüstungsbetrieben, die Arbeiter: Sie haben schließlich doch den Frieden erzwungen, wie im Jahr zuvor die russischen Revolutionäre.

Friedrich Ebert steht auf der Tribüne, als die Berliner Truppen durch das Brandenburger Tor einziehen.29 Er schwenkt den Zylinder und gibt den Militaristen das Stichwort: „Im Felde unbesiegt!“ Noch setzt er darauf, mit diesen Truppen in Berlin reinen Tisch machen zu können.

Aber die Soldaten verweigern sich, und – kaum an der Tribüne vorbei – lösen sich die Kolonnen auf…

Als im Oktober 1919 die Delegierten zur 14. ordentlichen Generalversammlung des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Stuttgart zusammentreten, ist der Krieg verloren und die Revolution auch, aber noch immer waltet Alexander Schlicke seines Amtes als Vorsitzender. Zur Eröffnung des Verbandstages gedenkt er der 26.000 Mitglieder, die gefallen sind – wie Schlicke nun verkündet: gefallen „für ihre Überzeugung“.

Robert Dißmann, der Führer der Opposition im DMV, verwahrte sich:

Nein, sie fielen nicht für ihre Überzeugung. Mag ein Teil von ihnen mit ins Grab genommen haben den Lug und Trug und Schwindel, dass sie der Verteidigung des Vaterlandes dienten, ein großer Teil jener Männer hatte bei dem Tod auf den Schlachtfeldern den Fluch auf den Lippen, den Fluch ob der Verbrecher, weil sie schon erkannt hatten, dass sie hinausgeschickt waren, nicht um Heimat, Frau und Kinder zu verteidigen, sondern den Geldschrank, und dass sie geopfert wurden im Interesse der besitzenden Klasse.30

Gehen wir einem dritten Weltkrieg entgegen?

So fragen sich viele Menschen, auch im ehemaligen Leningrad, das nun wieder St. Petersburg heißt, wie 1914. Sie fragen sich auf der Krim, das nun wieder zu Russland gehört.

Es ist ja so vieles zurückgebaut worden, auch in unserer Sprache, die das Wort „Krieg“ schon fast getilgt hatte. Jetzt ist der Schatten des Krieges wieder über uns, und jeder sagt „Dass es zum Krieg kommt, glaube ich nicht“. Doch eigentlich wollte man damit sagen „hoffe ich nicht“.

Und indem wir so reden ist er schon da, der kommende Krieg, der keine Probleme löst, aber neue schafft, an denen sich weiterhin gut verdienen lässt.

Eines haben die vergangenen Monate gezeigt. Diejenigen, die 1914 den Krieg wollten, die ihn kaltblütig losgetreten haben, weil sie Kanonen und Giftgas verkauften, sie wollen den Krieg nicht, jetzt nicht, noch nicht. Ihre Interessen sind der trügerische Boden unserer Hoffnung 1914 wie 2014.

Sie wollen doch ungestört ihre Geschäfte machen, weltweit. Sie können keinen Krieg gebrauchen, schon gar keinen Weltkrieg, sie, deren Schiffe auf allen Meeren unterwegs sind, so argumentieren wir heute, und so argumentierte man 1914.

Wegen der Ukraine wird es keinen Weltkrieg geben, auch wegen Serbien schien er ganz ausgeschlossen. Wegen Syrien war ein großer Krieg ganz unwahrscheinlich, und doch haben wir ihn längst, den Schauplatz der unerklärten Kriege und Kriegszustände, vom Hindukusch bis zum Libanon, vom Euphrat bis Westafrika.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der künftige Krieg noch einmal geschlossene Fronten quer durch Europa aufreißt, noch einmal die Massenheere der allgemeinen Wehrpflicht in Bewegung setzt.

Man „sanktioniert“ stattdessen. Das Objekt der Zerstörung befindet sich irgendwo weit in der Steppe. In Baumholder oder Stuttgart sitzen sie vor dem Monitor, definieren, lenken, vernichten, und wenn alles schön klappt, bekommt irgendwer den Friedensnobelpreis.

1914 managte Hans Haber, ein deutscher Chemiker und frommer Christ, den Gaskrieg. Beim ersten Großversuch vor Ypern starben Zehntausende Franzosen und Engländer. Sie erstickten elend, zusammen mit den Wanzen und Ratten. 1919 erhielt Herr Haber den Nobelpreis für Chemie.

Das Deutsche Reich war schuld am Krieg. So steht es noch heute im Versailler Vertrag. Herr Haber von der BASF hingegen hatte nur seinen Job gemacht und Geld verdient, für die Firma, und ein wenig auch für sich.

Seien wir beruhigt: Es wird 2014 und auch 2015 den großen Krieg nicht geben. Es wird einfach so weitergehen, in den Sonderwirtschaftszonen und Bergwerken, am Stacheldraht der Grenzzäune und auf den Sklavenmärkten.

2017 werden die Europäer dann 500 Jahre Reformation feiern -

oder war da noch was? 1917 im Oktober, als das so war

in Petrograd, in Russland, im 17er Jahr“? -

Fußnoten:
21 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Berlin 1966, Bd.3, S. 33.
22 Der Spiegel 1 / 2014, S.34. „Eine gigantische Tötungsmaschinerie sorgte dafür, dass im Durchschnitt täglich 6.000 Soldaten starben.“
23 Unter vielen anderen auch Ricarda Huch in der „Frankfurter Zeitung“ v. 16. Oktober 1914 nach der Beschießung der Kathedrale von Reims durch deutsche Artillerie: „ Europa ist reich genug, um es sich mehr als einen Dom kosten lassen zu dürfen, wenn nur aus den Trümmern eine gereinigte, verjüngte Menschheit aufersteht.“ (FAZ 4.2.2014).
24 Im Westen, S.191.
25 Stahlgewitter, S. 95.
26 Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkrieges, München 2014, S.879
27 Ebd. S. 852.
28 Ebd. S. 1019.
29 Vgl. Sebastian Haffner, Die deutsche Revolution 1918/1919, München 1991.
30 Protokoll der 14. ordentlichen Generalversammlung des DMV, Stuttgart 1919. Abgedruckt in: Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Württemberg und Baden 1848 – 1949, Stuttgart 1984, S.281.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

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(Alle Rechte beim Autor)

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