Frankfurter Gemeine Zeitung

Einstimmung zur WM 2014: Los geht´s, Glotzen bis zum Kotzen !

Ich wage dieses Statement lieber bevor das deutsche Expeditionskorps in Sachen Fußball den ersten Feindkontakt auf dem anderen Kontinent hatte. Nach ein paar Tagen Vollerregung in belebter “City” droht mir sonst vielleicht echtes Unbill. Denn ich gehöre zu denen, die nicht Glotzen, denn ich find´s eher zum Kotzen.

Mir geht es nicht einfach um Aufreger über die allmählich los rasenden Blödmaschinen der Medien, um die Waggons voll mit den Spezialisten für Brasilien und Teampotentiale in den Tropen. Das sind die bekannten Mediakompanien, die eine bestimmte Art von trompetender “Öffentlichkeit” erzeugen, die mir sowieso unangenehm, wenn nicht gar widerwärtig ist.

Ich möchte darüber hinaus einige gewichtige Argumente dafür zusammenzählen, sich nicht in den Chor der emphatischen WM-Fans einzureihen, der mich und andere Unwillige im kommenden Monat ohne viel Unterbrechung quälen wird, ins Gegröle mit einzustimmen.

Vieles rauschte die Tage durch unsere hegemonialen Info-Geräte, und es kann sich lohnen, die kurzen Bemerkungen zu einem größeren Bild zusammen zu fügen. Es zeigt einiges über den Charakter unserer Gesellschaften, der sich in dem Ereignis Fußballweltmeisterschaft besonders herauspräpariert.

Zum ersten erfordert das Spektakel eine erhebliche Infrastruktur, die das ganze betroffene Land kräftig durchschütteln kann. Ganz anders als in der Werbung für Sportereignisse dieser Art, die propagandistisch mit “Gewinn für das Land” verkauft werden, stärkt diese ebenso wie die letzte Fußball-WM bloß bestehende Machtverhältnisse, so widerwärtig sie auch seien.

Ohne Rücksicht wurden in Brasilien tausende Bewohner aus ihren Wohnungen vetrieben, Landschaften platt gemacht, erbärmliche Arbeitsbedingungen installiert, und das alles zum Nutzen weniger beauftragter Konzerne. Die Kosten für die – oft nutzlosen – Investitionen werden mit radikaler Streichung von Kultur- und Sozial-, Gesundheits- und Bildungsleistungen für die breite Bevölkerung quer durchs Land beglichen. Wen schert´s?

Zweitens werden derartige An- und Enteignungen in einem drückenden politischen Klima betrieben, in dem demokratische Grundrechte in unerhörtem Maße ausser Kraft gesetzt werden. Brasilien erwartet massive Demonstrationen , und ihre Teilnehmer werden gleichzeitig mit Verfolgung als “Terroristen” bedroht. Tendenziell wird die Fußball-WM zur Agenda für einen monatelangen polizeilichen Ausnahmezustand für ein ganzes Land, und zwar im buchstäblich militärischen Sinn.

Zum Dritten: Das Vorbild “BRICS“, zu dem die “aufstrebende Wirtschaftsmacht” Brasilien gehört, zeigt sich in seinem schlechten Sinn: mit immer fetteren ökonomischen Oligarchien, denen ein Heer von immer gnadenloser Ausgebeuteten und eine prekarisierte “Mittelklasse” gegenüber steht. Diese vermeintlichen “Wirtschaftserfolge” dienen gleichzeitig als Vorbild für anstehende “Reformen” hierzulande.

Ins Vorbild solcher rücksichtlosen Abschöpfungen passt eine globale Transferökonomie, die Gewinne aus dem Spektakel im Veranstalterland und dem Rest der Welt an wenige liierte Unternehmen multinationaler Statur transferiert. Als Schaltstation zur Abschöpfung dient eine Mafiaorganisation namens “FIFA” , die Kosten in Brasilien und anderswo als Gewinne in die Schweiz transferiert, somit den betroffenen Gesellschaften sogar noch die Steuern auf Gewinne in ihrem Land enteignet und sie ins reichste Steuerparadies der Erde bringt.

Nichts Neues zwischen Apple und Co., und die Deutschen Medien würden sich kaum aufregen, wenns nach Germany käme. Es geht auf diesem Hintergrund im Welt-Profi-Fußball viertens um eine dauernde Kultivierung des Abgreifens, um die wirtschaftlichen Extraprofite aller Art. Dazu braucht es nicht den hofierten Mafia-Boss Blatter aus eidgenössischer Alpenfestung, die deutschen Spezies des skrupellosen FIFA-Paten tun es auch. “Erfolg” geht im deutschen Fußball über alles, und die bejubelte Firma FC Bayern München bot mit ihren Chefs Hoeness und Beckenbauer auch ein Team, das sich an krimineller Energie nicht so leicht übertreffen lässt. Wen schert´s?

Die Erfolgsrezepte passen schlicht zueinander, und wir erwarten ihre Wirkungen im Kampf um die (Export-) Weltmeisterschaft, hier wie dort. Deutsche Spitzen-Firmen im Umfeld dieses Vereins, von Adidas bis Siemens spielen in Korruptionsgeschäften feste mit, nicht zuletzt wohl mit ihm. Was soll´s, wenn der Cash Flow stimmt?

Diese Einstellung fügt sich fünftens in einen breiten Media-Nationalismus, der bei deutscher Fangemeinde im fernen Lande sowie den Tröten für die Spielerfrauen beginnt, und in der kompletten FIFA-Kultivierung unserer Städte endet. Die versinken natürlich im Fahnenmeer schwarz-rot-gold, entsprechend farbigen Autos, Kleidungen, Gadgets und vieles mehr. Ein neuer, seuchenartiger Deutschland-Habit, um den sich seit 2006 der Nationalismus vehement verstärkte. Und der kann sich sicher fühlen: sind doch nur Fähnchen! Lassen sich auch anderswo brauchen.

Sechstens: Diese kultur-ökonomische Gemengelage spitzt sich über die Medien weiter zu. Nicht nur, dass zum Beispiel der Kilometer Bergerstrasse von morgens bis nächtens von Großbildschirmen beschallt wird, so dass Entlanggehen zum Spießrutenlauf wird. Bekannte, traurige Effekte werden weiter angefeuert:  Die Fixierung auf simple Quote, und ihre Selbstverstärkung quer durch “Dumpf-” bis “Qualitäts-”Medien folgt dem Like-Prinzip im Web: große Zahl führt zu Monopolisierungen, im wesentlichen der ganz simpler Schemata und großer Enteignungen.

Deshalb zeigt der gegenwärtige Welt-Profi-Fußball auch private Mechanismen medialer Produktion, die auf Gemeingutabschöpfung setzen. Die Zwangsabgabe im öffentlichen Fernsehen Deutschlands dient zunehmend der Zahlung von Fußballevents, die uns bereits vor der WM oft drei bis vier Abende die Woche Kanäle dicht machten, und jetzt gerne täglich 12 Stunden  Spektakel liefern. Da hilt als Abwechslung selbst kein Kommödienstadel mehr. Dutzende Millionen Nicht-Fußball-Glotzer haben nicht nur zu zahlen, sondern müssen eine vehemente Ausdünnung anderer Programme akzeptieren.

Akzeptieren” – damit kommen wir zum siebten, dem wichtigsten Punkt meiner Liste der Unwilligkeit. Die medialen und städtischen Jubelevents bieten eine miese Melange der Zustimmung, die mit dem kollektiviertem Gefühl von “lass doch mal Spaß haben” betrieben wird. Dieses Gefühl geht drohend einher mit “es geht doch immer noch etwas mehr”, in dem sich Ausbeutung und Korruption, öffentlicher Abbau und Steuerminimierung, Polizeiöffentlichkeit und Nationalismen in immer größere Höhen aufschwingen.

All diese Widerlichkeiten werden im WM-Event wie Naturgesetze in einem Schub frei gesprochen, in einer Art “Karneval”, der in den Städten unter dem “man wird doch mal dürfen” simuliert wird. Doch dürfen darf Fan nur glotzen, schwenken und konsumen, mal kurz den Spaß rauslassen, von Störendem ganz in Ruhe gelassen. Nicht-Fan wird darunter einfach subsumiert, damits nach mehr klingt, sich besser anfühlt und verkauft.  Und manch andere dürfen dann das nächste mal noch ein bißchen mehr. Hauptsache, es funktioniert alles.

Diese breite Akzeptanz rund ums Markengeschäft und die Weltbespassung funktioniert wie globale Kultivierung von “not in my backyard“, und zwar in der Variante von Wettbewerbsnationen, und sie reicht leider quer durch Bevölkerungen. Wen schert im Karneval schon dies oder jenes von eins bis sechs, wenn es endlich ein paar Stunden, Tage ZEIT gibt, sich mit der zusammengesparten Zeit abzukoppeln, sich zu vergnügen. Denn eins ist klar: danach gibts die Zeit nicht mehr, dann geht das Geschäft wieder ganz normal weiter. Eins bis sechs weit weg.

Ach so, ein letztes: die Tage wurde schon so manches “Kritische” zur WM zwischen Schirm und Print ventiliert, da ging es brav ums ferne, unruhige Brasilien und die bösen FIFA-Männer. Sie nahmen den Berichten etwas die Stromlinie und  liessen die Marke “WM 2014″ aufregender schillern. Aber das ist jetzt abgefrühstückt, diese notwendige Meckerei, und jetzt geht´s endlich los! Wird man doch mal sagen dürfen.

Und zu allerletzt: das brasilianische Team wird schon wie der Teufel spielen, damit die paar Unwilligen auf der Strasse endlich Ruhe geben.


3 Kommentare zu “Einstimmung zur WM 2014: Los geht´s, Glotzen bis zum Kotzen !”

  1. Florian K.

    Interessanterweise zeigen sich zur aktuellen WM bisher ungeahnte Widerstandspotentiale sogar jetzt noch, wo der Ball schon rollt.
    (s. auch die schönen Fotos von Bernhard)

    Mir scheint, dass aktuell tatsächlich eine Form von Bewusstseinswandel zumindest in Bezug auf die öffentliche Bewertung der großen Sportorganisationen wie FIFA und IOC stattfindet.
    Ob das dauerhaft ist, bleibt abzuwarten.

    In wieweit dieser Wandel von dem allgemein grassierenden Misstrauen gegenüber Institutionen getragen ist, welches durchaus auch reaktionäre Züge entwickeln kann (s. Montagsdemos), wäre zu analysieren.

    Vor diesem Hintergrund sind ggf. auch die Bewegungen deren Slogan lautet “Love football, hate FIFA” und die fordern, dass Fußball wieder “dem Volk” gehören möge (“für Stehplätze in Stadien!”) etwas kritisch zu sehen.

    Übrigens geht es nicht nur im deutschen Fussball um den Erfolg. Vielmehr folgt diese Erfolgsorientierung einfach der Logik einer millionenschweren Wettbewerbsveranstaltung.
    Nur wer erfolgreich ist und sich gegen die anderen durchsetzt darf weiter mitspielen.
    Und da in der Möglichkeit mitzuspielen Millionen und Abermillionen von Euro stecken, findet dieses Gewinnenwollen auch um den Preis statt, hässlich zu sein.

  2. gaukler

    Na, wär ja mal was!

    Allerdings ist die FIFA, wie schon oben geschrieben, nur ein Faktor.
    Schön nachlesen lässt sich in der Zeit ein Panorama des korrupten deutschen Fußballs rund um Adidas:
    http://www.zeit.de/sport/2014-05/adidas-bayern-muenchen-dfb-hainer

  3. kdgerm

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