Frankfurter Gemeine Zeitung

Das Internet und die Illusion von Freiheit und Öffentlichkeit

Lange schien es unter der Netzgemeinde ausgemacht, dass das Internet dem Wesen nach basisdemokratisch ist und ein Mittel zur Befreiung der Menschheit in eine offenere und glücklichere Zukunft darstellen könnte. „Freier Meinungsaustausch im globalen Maßstab“ hieß die Vision in die man gewaltige Hoffnungen setzte. Jeder sollte mit jedem kommunizieren können. Jeder sollte die Möglichkeit haben, seine Auffassungen mit anderen zu teilen und zu diskutieren, auf dass aus dem freien Diskurs im bestgemeinten liberalen Sinne eine glücklichere Welt entstünde.
Dieses Bild hat inzwischen auch unter dem Eindruck der totalen Überwachung im Rahmen der NSA-Affäre einige Löcher bekommen.

Netzapologeten wie Sascha Lobo räumten inzwischen ein, sich Illusionen hingegeben zu haben und revidierten einige ihrer allzu enthusiastischen Statements aus den Gründerzeiten des Internet.
Dennoch bleibt der Irrglaube daran, dass das Netz eine freie Öffentlichkeit darstelle, weiterhin in den Köpfen bestehen.

Ich konnte neulich mal wieder eine Diskussion auf Facebook verfolgen in der es um Zensur ging. Ein bekannter Deutscher Liedermacher, der sich zunächst eher negativ und später versöhnlicher über die Montagsmahnwachen in deutschen Städten geäußert hatte, hatte eine Zeitlang die Kommentarfunktion seines Blogs deaktiviert, um die eingehenden Shitstorms abzuwehren und erntete daraufhin scharfe Kritik von einigen seiner Fans, er habe damit „Zensur“ betrieben.
Eine andere Zensurdiskussion erlebte ich im Chat eines Onlinegames, in denen ein offenkundiger Nazi (einschließlich des Zusatzes „88“ im Nickname) reichsdeutsche Verschwörungstheorien zum Besten gegeben hatte und dafür von der Administration aus dem Spiel geworfen wurde.
Selbst Leute, die vorher noch gegen den Nazi argumentiert hatten, vertraten die Auffassung, dass dies eine „Zensur der freien Meinungsäußerung“ sei.

Tatsächlich aber gibt es im Internet keine freie Meinungsäußerung und es hat auch nie eine gegeben. Was es gibt, ist digitales Hausrecht.
Denn entgegen der naiven Auffassung der Netzgemeinde besitzt das Internet keine Öffentlichkeit. Das Internet ist nicht öffentlicher Raum, sondern privater Raum, auf dem die Öffentlichkeit vielleicht als Gast zugelassen ist, so lange es den Interessen des Betreibers dient.

Egal auf welcher Webseite und in welchem Forum wir uns befinden: Es gibt stets einen Eigentümer.

Dass bestimmte Eigentümer ein Interesse daran haben, einen freien Meinungsaustausch auf ihrem digitalen Grund und Boden zuzulassen ist fraglos richtig.
Nur sollte dies nicht mit einem tatsächlichen freien Meinungsaustausch verwechselt werden. Der freie Meinungsaustausch des Netzes existiert genau so lange und so weit er einen Marktwert besitzt.

Selbst die freie Meinungsäußerung auf Plattformen wie unserer FGZ oder Indymedia ist Gesetzen einer Aufmerksamkeitsökonomie unterworfen, an denen Firmen wie Facebook oder Google zweifelsfrei mitschreiben.
Digitale Kommunikation ist marktförmige und marktgängige Kommunikation und kann dem Wesen nach auch fast nichts anderes sein.

Kaum etwas verdeutlicht dies besser, als ein aktueller Facebook-Skandal:
Zum Zwecke einer Studie manipulierte Facebook bereits im Jahr 2012 die Newsfeeds von 689.003 englischsprachigen Nutzern für eine Woche.
Die Studie wurde nun Anfang Juni veröffentlicht und sorgt erst jetzt für größere Empörung.

Letztlich ging es bei der Studie um emotionale Ansteckung. Die Newsfeeds wurden nach positiven oder negativen Beiträgen gefiltert, wobei eine Gruppe von Probanden überwiegend positive, andere hingegen überwiegend negative Beiträge ihrer Freunde zu sehen bekamen. Facebook arbeitete bei der Studie mit und veränderte hierzu sogar seinen streng geheimen Algorithmus.
Tatsächlich hatte dies deutlich messbare Auswirkungen auf das eigene Postingverhalten der Betroffenen.

Natürlich erregt dies die Gemüter, da keiner der Betroffenen zugestimmt hatte, für ein Experiment herangezogen zu werden.
Doch diese Erregung kratzt nur an der Oberfläche und die Nutzungsbedingungen von Facebook, die jeder Nutzer anerkannt hatte, decken derartige Manipulationen ohne weiteres ab.

Viel bedeutender erscheint es, dass der Algorithmus von Facebook offensichtlich „positive“ von „negativen“ Beiträgen unterscheiden kann.
Facebook kommt damit nicht nur die Macht zu, das Kommunikationsverhalten seiner Nutzer zu beeinflussen, sondern es gewinnt auch eine normative Deutungsmacht darüber, was im öffentlichen Diskurs als „positiv“ oder „negativ“ erscheint.

Wenn man diesen Gedanken weiterspinnt, muss man sich fragen, welche Deutungsmacht Google inzwischen über den öffentlichen Diskurs gewonnen hat.
Das Internet ist eine Maschinerie, die den Menschen nach ihrem Bilde formt und die Freiheit genau soweit zulässt, wie sie Freiheit versteht.
Und sie versteht Freiheit alleine in marktförmigen Kategorien. Freiheit ist hier nicht mehr, als die Freiheit, seinen eigenen Wert und seine eigenen Ideen ungehindert zu Markte tragen zu können.
Dies ist das einzige Freiheitsversprechen welches uns das Netz bieten kann.

Welches Menschenbild Google zu Grunde liegt, wurde mir neulich in einer Vorlesung in Personalmanagement deutlich.
Unser Dozent zeigte uns verschiedene Leitbilder von Unternehmen in Bezug auf Mitarbeiterführung. Hierunter fand sich auch folgender Leitsatz von Google:
„Unsere Mitarbeiter sind das Wichtigste: motivierte, leidenschaftliche Menschen mit unterschiedlichen Lebensläufen und einer kreativen Sicht auf die Arbeit und das Leben. In unserer ungezwungenen Atmosphäre können Ideen auch in der Warteschlange beim Mittagessen oder im Fitnesscenter entstehen.“

Als ich dies in der darauffolgenden Diskussion als totalitäres Menschenbild kritisierte, erntete ich das völlige Unverständnis zahlreicher Kommilitonen (aber die Sympathien des Dozenten).
Meine Kommilitonen befanden diesen Leitsatz von Google als „fortschrittlich“ und „besonders tolerant“, da er ja gerade unterschiedliche Lebensentwürfe gleichwertig toleriere und außerdem den Mitarbeiter und nicht das Unternehmen in den Mittelpunkt stelle.
Meine Kommilitonen waren schlicht nicht in der Lage den in diesen freundlich und modern erscheinenden Sätzen versteckten Imperativ zu erkennen.
Dieser Imperativ offenbart seinen totalitären Charakter darin, dass er eben nicht mehr lautet, „du musst“, sondern schlicht und einfach „sei“.
Google spricht damit aus, dass es den Menschen mit seiner gesamten Existenz formen und besitzen möchte und die Trennung zwischen Wirtschaftlichem und Privatem vollständig zu negieren sucht.
Jener der sich dem Zwang zu Kreativität und Socializing nicht mit Leidenschaft unterwerfen möchte, der findet gemäß der dahinterstehenden Ideologie schlicht keinen Platz in der modernen Gesellschaft mehr.
Es wird nicht mehr Gehorsam des Mitarbeiters gefordert, sondern eine aktive Affirmation, eine Form der Anpassung an ein umgebendes System, welche sich einzig und alleine noch mit George Orwells „1984“ vergleichen lässt.

Auch das dort beschriebene System verlangt die vollständige Affirmation und kennt als Imperativ nicht mehr „du musst“, sondern „sei“, was sich dem Protagonisten Winston in seinen Gesprächen mit dem scheinbar abtrünnigen Mitglied der inneren Partei, O´Brien, offenbart.

Die Logik von Google und auch weiter gesprochen die Logik der Kommunikation des Netzes vaporisiert den „Gedankenverbrecher“ (also den Unangepassten) ebenso, wie es das System in Orwells „1984“ tut, bedient sich dabei aber nicht der tageslichtlosen Räume des „Ministeriums für Liebe“, sondern des Marktwertes.
Wer sich der Logik des Systems nicht anpasst, verliert seinen Marktwert und wird damit schlicht und einfach nicht existent für das System.
Dies ist eine Entwicklung, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt Vielen noch nicht offenbar sein mag, jedoch zweifellos aus den Mechanismen der digitalen Welt selbst hervorgeht.

Auch der Gedanke von „mehr Demokratie“ durch Digitalisierung kann getrost als naive Vorstellung begraben werden. Die Tatsache, dass das Netz auch dazu verwendet wird, bestimmte Eliten anzuprangern oder zu kritisieren, ist letztlich bedeutungslos, da die Eliten austauschbar sind.
Oft richtet sich inzwischen der Protest ohnehin nicht mehr gegen die realen Eliten, da auch die Netzgemeinde von deren Austauschbarkeit weiß.
Stattdessen werden Eliten hinter den Eliten imaginiert, die als Wurzeln allen Übels identifiziert werden, da die Protestierenden selbst dem Charakter nach zu marktförmig geworden sind, um die Marktförmigkeit ihrer Probleme überhaupt noch erkennen zu können oder nicht-marktförmige Antworten auf diese zu finden.
Lieber macht man sich auf die Suche nach reptiloiden Aliens, geheimnisvollen Illuminaten oder gar der jüdischen (oder khasarischen?) Weltverschwörung.
So sind auch die Montagsdemonstrationen in zahlreichen deutschen Städten nichts als die hilflose Suche einer verwirrten Netzgemeinde nach dem uneingelösten demokratischen Versprechen der Digitalisierung, welche allerdings von geschickten Demagogen (Mährholz, Jebsen, Elsässer, Popp u.a.), sowie rechtsgerichteten Kräften für ihre Zwecke missbraucht wird.
Diese Demagogen arbeiten sehr gezielt mit dem Heilsversprechen der digitalen Welt, auch geheime Vorgänge transparent und damit demokratisch und egalitär zu machen und brennen dabei ein wahres Feuerwerk an geistigen Blendgranaten ab. Wo keine geheimen Vorgänge existieren oder die existierenden geheimen Vorgänge zu komplex wären um von der Masse verstanden zu werden, werden schlicht welche erfunden, beziehungsweise aus der Mottenkiste der Verschwörungstheorien herausgekramt.
Man kann hier zu Recht von digitaler Verblödung, statt digitaler Aufklärung sprechen.

Egalitär ist die digitale Kommunikation dabei sowieso nicht, sondern vielmehr stets hierarchisch. Einen oder mehrere Inhaber des digitalen Hausrechtes kennen selbst die alternativsten linken Plattformen und auch scheinbar offene Projekte wie Wikipedia haben ausgeprägte Hierarchiestrukturen ausgebildet, alleine um nicht im allgegenwärtigen Spam unterzugehen.
Die dennoch gefühlte Hierarchiefreiheit der Netzkommunikation besteht vor allem darin, dass jeder zu quasi allem seinen Senf abgeben kann, ohne dass dies irgendwen ernsthaft kümmern würde.
Jeder kann jederzeit eine Petition zur Rettung der Straßenkatzen in Kinshasa starten und dafür tausendfachen aber wirkungslosen Zuspruch erhalten oder einfach hunderte Youtube-Videos mit „Heil Hitler Kacka-Arschficken“ kommentieren, ohne dass dies irgendwer negativ sanktionieren würde.

Trotz all meiner Kritik verbreite ich dennoch diesen Artikel über das Internet. Die digitale Kommunikation ist faktische Realität und lediglich Ausdruck gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse, die es auch ohne das Internet, dem Prinzip nach, wenn auch vielleicht nicht in dieser turbobeschleunigten Form, gäbe.
Von daher liegt es nicht einmal in meiner Absicht, die digitale Kommunikation zu verteufeln. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass sie sich nicht eignet, Utopien auf ihr aufzubauen oder allzu große emanzipatorische Hoffnungen in sie zu setzen.

Zuletzt sollte noch erwähnt werden, dass sich hier und da digitale Kommunikationsformen auftun, die nicht gänzlich marktförmig sind und dass sich zumindest hier Fünkchen der Hoffnung verbergen können.
Im Vergleich zur Allmacht und Omnipräsenz des kommerziellen Webs erscheinen diese allerdings marginal.


Ein Kommentar zu “Das Internet und die Illusion von Freiheit und Öffentlichkeit”

  1. Zürich

    super artikel!
    diese Tendenz der Kolonialisierung aller Lebensbereiche durch die Martk- und Warenlogik = Neoliberalismus

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