Frankfurter Gemeine Zeitung

Netzaffine Montagsquerfront

Zunächst einmal möchte ich vorwegstellen, dass es in diesem Artikel nicht um die Veranstalter und Hauptredner der Montagsdemonstrationen gehen soll.
Über diese haben Jutta Ditfurth, Volkhard Mosler aber auch Volker Koehnen bereits genug geschrieben und deren Statements schließe ich mich in vielen Punkten an.

Was mich in diesem Artikel interessieren soll, ist die Frage, was die ganzen bisher Unpolitischen, die einfachen Teilnehmer, die Interessierten und Neugierigen dort machen.
Warum hören sich die Teilnehmer der Montagsdemos rechte Parolen an und können diese entweder nicht erkennen oder solidarisieren sich sogar in einem Anfall von diffusem Wir-Gefühl mit den Sprechern? Warum befinden sich auch klar linksorientierte politische Aktivisten in dieser Bewegung und drücken in Bezug auf die geradezu haarsträubenden Verschwörungstheorien, die dort verbreitet werden, mal so eben „beide Hühneraugen zu“?

Die Erklärungsmuster in Bezug auf eine Querfront, die schon immer die weniger reflektierten Akteure linker Bewegungen angesprochen habe, treffen einen Teil des Problems, aber eben nur einen Teil.

Dass eine Querfront vorliegt erscheint mir sonnenklar. Aber warum erweist sich diese Querfront so immun gegen klassische Konzepte linker Kritik? Warum scheint es, als würde sie gerade an und mit dieser Kritik stärker?

Ich denke ein wichtiger Erklärungsansatz ist in der Logik des Mediums, mittels dessen sich die moderne Querfront organisiert, zu suchen, namentlich dem Internet.

Die Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes verleiht dem Satz, dass es keine negative Publicity gäbe, eine massiv verstärkte Gültigkeit.
Wo es letztlich nur zählt Marktanteile an Aufmerksamkeit zu gewinnen, erscheint es geradezu folgerichtig, größtmögliche Schamlosigkeit bei der Erringung dieser Anteile an den Tag zu legen. Je platter, je marktschreierischer, je provokanter, je schneller konsumierbar, desto besser- nach dieser Logik.
Wer eine hanebüchene aber spannende und konsumierbare Verschwörungstheorie zum Besten geben kann, der gewinnt mehr Aufmerksamkeit, als ein präziser aber sperriger politischer Analyst.

Hierbei ist es auch völlig egal, dass die rhetorische Qualität vieler Redner der Montagsdemos gegen null tendiert. Das Netz feiert Dilettantismus gerne als Authentizität und so hält man es auf den Demos auch.
Der stammelnde Spinner ist „einer von uns“ und gehört nicht zu den Eliten, die Texte über Konzepte verfassen, für die „unsere“ schnelllebige Aufmerksamkeitsspanne nicht mehr reicht.

Ein weiteres Charakteristikum der Montagsdemos ist ihre vorgebliche Offenheit, welche sie ebenfalls mit den ungeschriebenen Regeln der Netzkommunikation gemeinsam haben. Die Weigerung rechtsradikale Redebeiträge zu zensieren, findet sich nicht nur bei den Veranstaltern der Montagsdemos, sondern auch beispielsweise bei Facebook, wo dies auch von Konzernseite als Merkmal eines „offenen Meinungsaustausches“ deklariert wird.

Wer aber das gemeinsame „Wir“ dieser Veranstaltungen einer Kritik unterzieht, wird schnell Opfer eines aufgeregten Shitstorms, der sich dann im und durch das Netz entlädt.

Das indifferente „Wir“-Gefühl der Montagsdemonstrationen weist Parallelen zum Online-Aktivismus auf. Zumindest die einfachen Teilnehmer treten ohne eine klare Agenda, ohne klare politische Utopien oder Konzepte auf.
Das Masse-Sein selbst wird abgefeiert: 100.000 Klicks für den Tierschutz, 1.000.000 Likes gegen Kinderschänder oder eben Montagsdemo in 100 Städten für den Frieden. Liken und teilnehmen ist alles.
„We are legion!“ ist die Botschaft, die Hoffnung, dass schiere Quantität von Protestierern irgendetwas bewegen könnte.

Dies könnte auch zumindest einer der Gründe für die Indifferenz gegenüber rechten oder verschwörungstheoretisch beeinflussten Teilnehmern sein:
Wenn man sich von ihnen distanzieren würde, so würde man damit ja die eigene Masse, die eigene Anzahl von Likes verkleinern.
Also erscheint es aus Sicht der Demonstranten folgerichtig, jeden willkommen zu heißen, der nicht die Veranstaltung selbst kritisiert. Die einfachen Teilnehmer der Montagsdemonstrationen verstehen nicht einmal, was daran problematisch sein könnte.
„Wenn ich eine Tierschutz-Petition starte und ein paar Nazis die unterstützen, so ist das doch gut für meine Petition“ lautet die naive Antwort des Montagsbewegten auf die Aufforderung, sich von bestimmten Elementen zu distanzieren.

Wie wichtig es sei, einfach Masse zu sein, „einfach irgendwas zu bewegen“, „einfach gemeinsam aufzustehen“ werden Jebsen und Mährholz in ihren Reden nicht müde zu betonen.

Die Netzaffinität und Netzbedingtheit der Montagsdemo-Bewegung zeigt sich auch in den gebetsmühlenartig wiederholten Aufforderungen, sich über das Internet und nicht mittels der „Mainstream-Medien“ zu informieren, so als ob nicht gerade das Internet den jeweils herrschenden Mainstream am deutlichsten abbilden würde.

Natürlich kann dieser kurze Artikel hier keine endgültige und abschließende Erklärung oder Antwort auf das Phänomen Montagsdemonstrationen und das Problem der neuen Querfront liefern. Und natürlich sind diese auch nicht monokausal zu erklären. Dieser Text erhebt demnach auch nicht den Anspruch eine eigene und vollwertige Analyse zu liefern, sondern vielmehr die bestehenden Analysen um einen aus meiner Sicht noch zu schwach beleuchteten Aspekt zu bereichern.

Zum Weiterlesen finden sich hier einige grundlegendere Überlegungen von mir über die Illusion von Freiheit und Öffentlichkeit im Netz.


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