Frankfurter Gemeine Zeitung

Ab wie die Rakete: Urlaubsempfehlungen am Rande Europas

In der gegenwärtigen politischen Situation an den Rändern Europas kommen zuweilen überraschende Vorschläge und Interpretationen in die Welt. Während sich als hochmoralisch dünkende Schwerbewaffnete in Europas wie dem nahen Osten wechselseitig als Faschisten und Terroristen bezeichnen, und natürlich entsprechend behandeln, sorgen wir dafür, dass echte Bonmots nicht zu schnell vorbei huschen und abtauchen. Die Problemlösung steckt im Tourismus.

In Nahost gilt für Nato-freundliche Kommentare eine islamische Regierung in Gaza als Quelle allen Übels, das in Gestalt weitgehend wirkungsloser Raketen auf Israel herabregnet. Die Jerusalem Post, ein der israelischen Regierung nahestehendes Blatt, sondierte jetzt die wirtschaftlichen Hintergründe des Debakels. Sie kam am 14. Juli zu dem Schluß, dass die Ursache der ganzen gegenwärtigen Malaise in der Unfähigkeit der Hamas liegt, aus Gaza endlich ein richtiges Touristenparadies zu machen: „Seit 2007 konzentrierte sich die Organisation auf den Kampf gegen Israel, anstatt Zeit und finanzielle Mittel in die Umwandlung des Gazastreifens in ein Ferienziel zu stecken. Denn die Region verfügt über wundervolle Strände und mediterranes Klima.“

Unbeschwert am Traumstrand

Wir können uns die innovative Idee dahinter bestens vorstellen: die Fläche Gazas bietet immerhin etwas mehr als die Fläche der Stadt Frankfurt für eine Offshore-Party von Zehntausenden, zum Beispiel unter dem Titel “Gaza-Chillen”.

Neben den Stränden entdecken wir den unschlagbaren Vorteil hochflexibler Arbeitskräfte für den Service, vor Ort sind schließlich mehr als 50 Prozent arbeitslos – bei gut eineinhalb Millionen Einwohnern. Zudem gibt die komplette Abriegelung des Gebiets ein echtes Gefühl von „Club Mediterranee“ („gated“), und die gut bestückten Wacheinheiten können verläßlich dafür sorgen, dass für die Gäste das Beste hereinkommt.

Auf der Gegenseite Nato-feindlicher Medien sorgt man sich ebenso um den Tourismus. Nein, damit meine ich nicht das Empfangsfeuerwerk, das am Donnerstag die falschen traf, nämlich Touristen auf dem Weg ins warme Süd-Ost.

Rund um die neuen „Montags-Demos“, die sich für den Frieden in der Welt einsetzen, gibt es eine brandaktuelle Reiseempfehlung der Zeitschrift Compact (“Magazin für Souveränität”):
„Nicht nur das Klima ist auf der Krim subtropisch. Auch die Gefühle versprühen Wärme – und kein NATO-Soldat stört weit und breit. Grund genug für viele COMPACT-Leser, die idyllische Halbinsel im Schwarzen Meer endlich persönlich kennenzulernen. Dort locken Sewastopol, Simferopol, weiße Felsen des Ai-Petri-Massivs, Zedern, Zypressen und die Früchte von Nowy Swetj. Bestens erreichbar mit der längsten O-Buslinie der Welt. Auch die russische Schwarzmeerflotte freut sich über Gäste. Natürlich lockt Badespaß an den endlosen Sandstränden.“

Kompetenter Reisebegleiter

Tja, welche Friedensfreundin möchte abseits der verlockenden Gaza-Badestrände nicht gerne mal einen Besuch auf einem russischen Lenkwaffenzerstörer an der Insel der Freien machen, vielleicht zusammen mit dem Hauptredner der Montagsdemo, Jürgen Elsässer, einem „Eurasia“-Nationalisten und dem Herausgeber eben dieses Magazins Compact.

Doch auch in der Linken gibt’s entsprechende Reiseempfehlungen. Der russische „Bewegungs-Marxist“ Boris Kagarlitsky, Direktor des „Institute of Globalization and Social Movements“ in Moskau, sieht in den netten Militarias („Separatisten“) der Ostukraine eine echte Wiederkehr der legendären Pariser Commune, eine echte Volksbewegung der Entrechteten. Dort erwarten sie uns.
Die westeuropäische Zeitschrift Transform verbreitet neben anderen Blättern in Deutschland seinen engagierten Reiseaufruf. Er fordert die „linken Liberalen“ überall, aber besonders die aus Moskau auf, doch in dieses neue Eldorado der Befreiung zu kommen und weitere Aufklärungsarbeit vor Ort zu leisten. Denn, so resümiert Kagarlitsky, die Eliten um Putin hätten einfach nicht den Mumm, der Freiheitsbewegung der Massen in der Ukraine einen angemessenen Besuch abzustatten und nachhaltig Hilfestellung zu leisten.

Es gilt, weiter aufmerksam zu bleiben – denn täglich können in der sommerlichen Urlaubszeit neue, wirklich innovative Reiseangebote kommen, die vielleicht Alltag und Politik wunderschön verbandeln.


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