Frankfurter Gemeine Zeitung

Nicht nur Mollath: “geschlossenes Gedankensystem” hier und dort im Lande

Gustl Mollath wurde der bekannteste Pychiatrie-Insasse in Deutschland, ehemals im Freistaat Bayern einsitzend. Ihm war unter mehr als zweifelhaften Bedingungen Gemeingefährlichkeit von einem Gutachter bescheinigt worden, die in einem Verfahren gegen ihn – wegen angeblicher Bedrohung seiner Frau – dazu führten, dass er für Jahre zwangseingewiesen wurde.

Letzte Woche gab wieder ein Gutachter über ihn vor Gericht Auskunft und bescheinigte ihm, ohne je persönlich ein Wort  gewechselt zu haben, in langer Rede “eine Art Privat-Realität“, mit Wahrnehmungen, die “nicht realitätskonform” seien und besonders ein “geschlossenes Gedankensystem”. Höchst bedenklich nach Expertenurteil!

Mit anderen Worten: der Gutachter möchte vor der Richterin darauf hinaus, dass Mollath zwar nicht wieder in die Psychatrie muß, aber sein Gutachterkollege vor jahren und die davor über Mollath richtenden Kammern doch nicht ganz daneben lagen. Eine Art Weißwaschung quer durch Instanzen und Experten.

Vielleicht markiert Mollath in Bayern schlicht,  dass dort systematisch nicht nur “geschlossene Gedankensysteme” der Art Seehofer und “Maut über alles” die Allgäu-Elite beherrschen, sondern auch “geschlossene Anstalten” zwischen einflußreichen Bankangestellten, Gerichten und Gutachtern, die sich gegen Kontrolle effizient immunisieren.

Solche Vermutung würde kaum wundern, da Bayern sogar eine eigene Marketing-Sendung mit dem Titel “Unter Verdacht” betreibt, in der die korrupten Anstalten im Freistaat zu immer neuen Rekorden auflaufen.

Ein Stück weg vom Lokalkolorit der Leistungsträger stoßen wir an wichtigere geschlossene Gedankensysteme, die uns aus allen Kanälen auffordern, wir sollten wegen des internationalen Wettbewerbs gefälligst die Lohnforderungen streichen, nachdem wir ohne ernsthaften Einspruch bereits jahrelang Lohnkürzungen hinnahmen, und bloß die Wettbewerbsfähigkeit für die Säckel anderer verbesserten.

Oder geschlossene Gedankensysteme der Art, dass wir nach einer eminenten Krise, die durch die Deregulierung, die Multiplikation der Finanzmärkte und der Immobiliengeschäfte befeuert wurde, weiterem Unbill nur dadurch entgehen, dass wir noch mehr deregulieren, die Finanzmärkte und  die Immobiliengeschäfte noch mehr anfeuern.

Mir scheint, die paar kleinen Macken bei Gustl Mollath sind wirklich gar nichts gegen die Wahnsysteme, in denen wir uns  den ganzen Tag bewegen.

 


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