Frankfurter Gemeine Zeitung

Viele bunte Fähnchen – Frankfurt im Sommer

In letzter Zeit wurden viele bunte Wimpel geschwungen in dieser Stadt, so sehr, dass einem richtig etwas fehlt, wenn man heute einfach so auf die Strasse tritt. Und ehrlich: irgendwie fehlt mir das Geflattere an so einem normalen Alltag. Deshalb eine kleine Nachbetrachtung.

Egal zu welchem Anlass, die Fahne darf einfach nicht fehlen, sie wird geradezu zum unumgänglichen Bekleidungs-Attribut, das darüber hinaus die gesamte hippe Einstellung demonstriert, bisweilen auch die korrekte Einstellung zum Anlass ihres Schwenkens belegt.
Dabei sind die Kombinationen schier unerschöpflich und lassen sich eben – gemäß Anlass – jedes Mal neu zusammen stellen, was zu wahrlich überraschenden Bildern führt. Dabei fällt auf, dass diese Wimpel offenbar eine ähnliche Funktion übernehmen wie jener facebook-button (like) und weiterführende Kommunikation überflüssig machen.
Manchmal kommt zu dieser Schwenkerei die moderne Form der Kriegsbemalung (die wiederum an Ursprünglichkeit und Authentizität gemahnt und die darin enthaltene Stärke), die deren Motive wiederholt (jedoch in mehr oder weniger grosser stilistischer Freiheit).
All dies erzeugt sichtbar eine emphatische Begeisterung und wenn das eigene Lager dann auch noch auf der Gewinnerstrasse ist, gibt es kein Halten mehr.
Dies ist bei weitem kein lokales Phänomen, weil sich die Bilder rund um den Globus zum Verwechseln ähneln und man schon informiert sein muss, um welches Event es sich eigentlich handelt, damit man einen Ansatzpunkt hat, nach dem Wo zu schauen. Das Warum ergibt sich dann – vielleicht.

Die Liebe der Menschen zu Symbolen ist halt ungebrochen, zumal sie erlauben, Zugehörigkeiten und Vorlieben möglichst effizient auszudrücken. Das Besondere daran ist denn auch, dass es überall stattfindet und auch nicht länger auf den Sport beschränkt ist. Es wird langsam zu einer anthropologischen Invarianten, nach denen Generationen so lange gesucht haben. (vor allem, weil sie wirklich unabhängig vom Anlass ist)
Argwöhnische Beobachter dieses lustigen Treibens vermuten allerdings eher finstere Motive hinter dieser Fröhlichkeit und Wertkonservative deuten dies mitunter als Zeichen einer wachsenden Analphabetisierung, die sie im Web schön länger konstatieren. Wie sie überhaupt einer kulturkritisch – nörgelnden Grundhaltung gegenüber modernen und modernisierenden Entwicklungen eigen ist. Solche gestrigen Figuren übersehen dabei geflissentlich den friedlichen Charakter, die gelebte Koexistenz des Gegensätzlichen, das Spielerische dieser Art Bekenntnisse schlechthin. (wodurch sich ein beachtliches Möglichkeitsfeld auftut)

Im Rausch der Farben spielen sich dann auch nicht für möglich gehaltene Verbrüderungen und Verschwisterungen ab, die man früher bestenfalls auf alternativen Festivals und in asiatisch beeinflussten Kommunen beobachten konnte. So schwebt über all diesen Veranstaltungen auch immer ein gesponsorter Geist von Woodstock, der durch entsprechende Darbietungen auf den Podien verstärkt wird – jedenfalls für diese Zeit gehören wir alle zur gleichen Familie.
Diese Hingabe an das jeweils Gemeinsame, Verbindende spricht der stets aufs Neue beschworenen Heranbildung des selbstsüchtigen Ich (wird leider in polemischer Absicht immer als ein unternehmerisches Ich hingestellt, als ob Unternehmer*innen per se selbstsüchtig sein müssten) gewaltig Hohn, bezeugt das Schwenken dieser Wimpel doch gerade die Zugehörigkeit zu Grösserem, Wichtigerem als dem persönlichen Schicksal (ohne dabei gleich im Mob auf- und unterzugehen).
Jede zeigt jedem, dass es nicht nur um die Belange der Alltage geht, dass Altruismus kein Auslaufmodell ist, sondern eben jederzeit abrufbar.

Das heftige Schwingen der Fahnen manövriert die Teilnehmer*innen in eine Art Ausnahmezustand, von dem Timothy Leary – Meister des LSD – meinte, er befähige zu höher8en Einsichten, dies jedoch ohne weiter Hilfsmittel, also auch ohne Kopfschmerzen am Tag danach. (Carlos Castaneda – Hüter des berühmten Pilzes – hatte es dagegen mehr mit dem Problem an zwei (Stand)Punkten gleichzeitig zu sein)
Zudem hat diese Schwenkerei das Wohlwollen der Autoritäten und passt – zumindest in Frankfurt – völlig zur offenen Stadt der vielen bunten Events, da ist dann auch angesichts (!) der Bemalung niemals von Vermummung die Rede und bei den Wimpeln auch nicht von passiver Bewaffnung. Das lässt sich geniessen.
Nun ruft diese massenhafte euphorisierte Teilnahme die ganze Phalanx der Spötter*innen auf den Plan, von denen viele behaupten, mit dem ganzen Gewedel und Geschwinge bunter Stofffetzen solle nur verhindert werden, dass der heilige Geist (der Erkenntnis) landen könne, was an Hand des entrückten Ausdrucks manch Teilnehmer*in mancherorts als zutreffend erscheint, unabhängig vom Anlass. Aber der Zustand der Trance fragt nicht nach ästhetischen Kriterien.

Es bildet sich hier eine Internationale (der Fahnenschwenker*innen) heraus, die trotz der Vielfalt der Erscheinungen, mehr gemeinsam hat als sich die herkömmlichen Vertreter*innen einer – trögen – Solidarität und das Lippenbekenntnisses vorstellen können. Und sie lässt sich jederzeit via facebook mobilisieren.
Natürlich gibt es im Angesicht solcher Mobilisierungen immer welche, die trachten, solch spontane positive Ereignisse zu instrumentalisieren und damit die eigentlichen – finsteren – Absichten zu verdecken. Doch die allgegenwärtigen Kameras setzen dem schnell ein Ende. Und was gibt es Besseres solche Versuche dem Vergessen anheim zu geben als sofort eine positive Veranstaltung nachzuschieben.

Deshalb ein guter Rat: nicht jedes Stück Tuch ist überall schwenkbar, erst im Web informieren – und notfalls auf dem Revier nachfragen.

Doch es gilt über allem der Grundsatz: Fahnen sind zum Schwenken da!


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