Frankfurter Gemeine Zeitung

Mietenwahnsinn – Rezension eines Buchs zur Lage in unseren Städten

Andrej Holm, Stadtforscher und Aktivist in Berlin hat eine kleine Monographie herausgebracht, in der er die Zusammenhänge von Finanzialisierung, Verdrängung, die Rolle der Politik und kommunaler Verwaltung und die Situation der Mieter*innen hierzulande sehr verständlich schildert. Er beschreibt die grundlegenden Prozesse – und wer diese Zechen alle bezahlt.

Das Büchlein wendet sich vor allem an die „Betroffenen“, wobei sich dieser Kreis, so beschreibt er sehr eindringlich, nicht wirklich eingrenzen lässt. Die Palette der angewandten Taktiken ist breit gestreut, der Grund und das Ziel ist immer gleich.

Ihr Boom ist unsere Krise

Dies ist das Leitmotiv, denn die Beschreibung der verschiedenen Ebenen und ihres Ineinandergreifens macht klar, dass wie immer man die gegenwärtige Entwicklung auch wendet, es schlicht auf Kosten der Letzten in der Schlange geht und das sind eben die Mieter*innen. Umso mehr als Prozesse wie Vertreibung keine Exzesse eines ansonsten zur Wohlfahrt für alle orientierten Markt-Prozesses sind, sondern notwendige Voraussetzungen, damit dieser Prozess überhaupt Fahrt aufnehmen kann.
Eben weil Wohnungen in umfassender Weise deshalb interessant sind, da die damit verbundenen Profite (Renten, Zinsen) so eminent über anderen Investitionen liegen. Weil ihre Besonderheit und die damit verbundenen politischen Regelungen, die diese Profite garantieren, für die meisten von uns nicht umgangen werden können, sie zur Ware unter anderen geworden sind, bedeuten diese lukrativen Geschäfte, dass sich die Situation mit jedem Neubau, der auf dem „freien“ Markt geschieht nicht verbessert, sondern viele von uns tiefer in existenzielle Nöte stürzen muss.

Gerade weil die Verwertungschancen so prächtig sind in deutschen Grossstädten bedeutet dies für viele von uns gute Chancen, in den nächsten Tagen eine Kündigung im Briefkasten vorzufinden. So ist das Ableben eines alten Hausbesitzers, der noch Wert auf gute Nachbarschaft legte, ein Warnzeichen und mit grosser Wahrscheinlichkeit der Auftakt, auf Wohnungssuche gehen zu müssen.
Holm beschreibt sehr detailliert, dass das Mantra „Bauen, bauen, bauen“ Bestandteil des Problems ist, vor allem, weil damit die privaten Investitionen gemeint sind und auch alle sogenannten Förderkonzepte auf eine Subventionierung dieser Investoren hinaus laufen.

Diesen Sektor dem freien Marktgeschehen zu überlassen, heisst mit der Existenz eines grossen Teils der Bevölkerung Roulette zu spielen, läuft es doch darauf hinaus, dass – überspitzt gesagt – man sich entscheiden muss, die Miete zu zahlen und gegen Ende des Monats eine karitative Tafel aufzusuchen, damit die notwendigen Kalorien zusammen kommen (und tatsächlich häuft sich der Besuch solch karitativer Tafeln gegen Ende des Monats).
Wenn Wohnungen nur noch Finanzanlagen sind, dann – so seine schlüssige Schilderung – ist es vollkommen egal, wie diese aussieht, wo diese liegt, es geht nur darum welche Rendite-Erwartung damit verbunden ist. Konsequent weiter gedacht kommt es dann auch nur in zweiter Linie darauf an, ob sie auch wirklich vermietet ist, sondern es reicht aus, dass eine bestimmte Rendite möglich ist, denn diese Erwartung (mitsamt Garantie) wird an den Märkten gehandelt. Weiterlesen »


V wie Vendetta- Prototyp einer anarchofaschistischen “Freiheitsrede”

Zugegeben der Film V for Vendetta, der 2006 erschien ist inzwischen eigentlich schon kalter Kaffee. Dass der Film aber immer noch wirkmächtig ist, zeigt sich darin, dass er ein Symbol geschaffen hat, welches aus der heutigen Internetkultur kaum mehr wegzudenken ist: Die Guy-Fawkes-Maske.
Auch die Fernsehansprache des Protagonisten V aus dem Film erfreut sich nach wie vor größter Popularität und wird fleißig von allen möglichen Leuten geteilt, seien es Occupy-Aktivisten, Truther, Reichsdeutsche, Anarchokapitalisten, linke Liedermacher, politisch interessierte Jugendliche, Anonymous-Anhänger u.v.m.
Man kann die Unzahl der Leute unmöglich in eine Schublade stecken und mit dem Etikett „Faschisten“ versehen, auch wenn mir scheint, dass Inhalte der Rede an den kleinen Fascho, der wenn vielleicht nicht in allen von uns, so doch in vielen von uns schlummert, appellieren.

Und so manche der Leute, die heute im Netz oder auf Mahnwachen laut „ERWACHET!“ schreien, meinen damit nicht unseren denkenden Verstand, sondern genau den in uns schlummernden kleinen Fascho, der sich ärgert, dass er wegen der „böööösen Zensur“ durch die „allgegenwärtige political correctness“ nicht raus darf.

Aber lesen wir uns doch einmal den Text der Rede in der deutschen Fassung durch:

Guten Abend London,

Erlauben Sie mir zunächst, mich für die Unterbrechung zu entschuldigen. Wie viele von Ihnen schätze auch ich die Annehmlichkeiten des geregelten Alltags, die Sicherheit des liebgewordenen, täglich wiederkehrenden Einerleis. Ich genieße das ebenso sehr wie jeder andere Mensch.
Aber anlässlich eines Gedenktages, an dem bedeutende Ereignisse aus der Vergangenheit, für gewöhnlich der Tod einer Berühmtheit oder das Ende eines grässlich blutigen Krieges mit einem hübschen Feiertag begangen werden, dachte ich mir, dass wir diesen fünften November, ein Tag – dessen heute leider nichtmehr gedacht wird – erinnerungswürdig machen. Indem wir den Alltag vergessen und ein wenig plaudern.


Natürlich gibt es jene, die nicht wollen dass wir reden. Ich vermute, dass bereits jetzt Befehle in Telefone gebrüllt werden und schon bald Männer mit Waffen unterwegs sind. Auch wenn man den Schlagstock anstelle eines Gesprächs einsetzen kann werden Worte immer ihre Macht behalten. Worte lassen einen Sinn erschließen. Und für die, die bereit sind zuzuhören, formulieren sie die Wahrheit. Und die Wahrheit ist, dass in diesem Land etwas ganz fürchterlich im Argen liegt, nicht wahr?

Grausamkeit und Ungerechtigkeit, Intoleranz und Unterdrückung. Wo man einst die Freiheit besaß zu denken und zu reden wie man es für richtig hielt, hat man nun Zensoren und Überwachungssysteme, die einen zur Konformität zwingen und zur Unterwerfung führen. Wie konnte es dazu kommen? Wer hat Schuld? Nun, sicherlich hat manch einer mehr zu verantworten als andere, und der wird auch zu Rechenschaft gezogen. Doch um ehrlich zu sein: Wer einen Schuldigen sucht, der muss nur in den Spiegel sehen.

Ich weiß warum Ihr es getan habt, ich weiß, dass Ihr Angst hattet. Wer hätte das nicht? Krieg, Terror, Krankheit – Myriaden von Problemen haben sich dazu verschworen, eure Vernunft zu manipulieren und euch eures Verstandes zu berauben. Angst gewann die Oberhand. Und in eurer Panik habt Ihr euch an den heutigen Großkanzler gewendet, Adam Suttler. Er versprach euch Ordnung, er versprach euch Frieden. Als Gegenleistung verlangte er nur euer gehorsames Einverständnis.

Gestern Nacht wollte ich dem Schweigen ein Ende bereiten. Gestern Nacht habe ich das Old Bailey zerstört um dieses Land an das zu erinnern, was es vergessen hat. Vor über 400 Jahren wollte ein großer Bürger den fünften November für immer in unser Gedächtnis brennen. In der Hoffnung, die Welt daran zu erinnern, dass Anstand, Gerechtigkeit und Freiheit mehr als Worte sind. Es sind Perspektiven.

Wenn Ihr also nichts gesehen habt, wenn euch die Verbrechen dieser Regierung auch weiter unbekannt sind, dann schlage ich vor, dass Ihr den fünften November unbemerkt vergehen lasst. Aber wenn Ihr seht, was ich sehe, wenn Ihr spürt, was ich spüre und wenn Ihr strebt, wonach ich strebe: Dann fordere ich Euch auf an meiner Seite zu stehen, heute in einem Jahr vor dem Eingang des Parlaments. Und dann bescheren wir ihnen einen fünften November, der nie und nimmer vergessen wird!

Im Internet finden sich zahlreiche Kommentare von Leuten, die von sich behaupten sie hätten von der Rede „Gänsehaut bekommen“, die Rede hätte sie „aufgeweckt“ oder gar, dass die Rede „tiefsinnig“ sei.
Ob jemand von der Rede im Kino aus seinem Schlummer gerissen wurde oder sich die Härchen seiner Haut aufgestellt haben, mag ich nicht beurteilen. Aber tiefsinnig ist die Rede nicht.

Die Rede benennt zwar schlagwortartig Missstände wie Krieg, Ungerechtigkeit und Unterdrückung, geht aber mit keinem Wort auf die ihnen zugrundeliegenden Zusammenhänge ein.
Lediglich die Allgemeinplätze, dass wir alle irgendwie schuld seien und dass Angst die Ursache für überbordendes Sicherheitsdenken sei, werden als Erklärungsmodell angeboten.

Anstand, Freiheit und Gerechtigkeit verkommen übrigens gerade in dieser Rede zu Schlagworten und stellen in diesem Kontext keine Perspektiven dar.
Denn ohne dass diese Begriffe näher definiert werden, kann sie sich so ziemlich jeder auf die Fahne schreiben, sei er ein Nazi, ein Kommunist, ein bürgerlicher Demokrat oder ein Sektenguru. Für Anstand, Freiheit und Gerechtigkeit konnte George W. Bush in den Irak einmarschieren und Robespierre seine politischen Gegner enthaupten lassen.

Auch der Appell an die Macht der Worte, die ja stärker als jeder Schlagstock sein sollen, nimmt sich eher pathetisch als glaubwürdig aus.
So ganz scheint der Redner V nämlich der Macht seiner Worte auch nicht zu vertrauen, wenn er es nötig hat das Old Bailey in die Luft zu jagen, um seinen Worten das nötige Gewicht zu verleihen.

Aber um Argumente geht es in der Rede ja auch nicht, sondern darum, die Dinge so zu sehen wie der Redner, so zu fühlen wie der Redner und nach dem zu streben, nach dem der Redner strebt, um sich dann in einem Jahr als Aufmarsch einer anonymen wütenden Masse vor dem Parlament einzufinden.

Spätestens an diesem Moment auf bombastischer Kinoleinwand war der kleine Fascho in so manchem Kinobesucher gewiss mehr als bereit, augenblicklich die Guy-Fawkes-Maske aufzusetzen, eine Mistgabel und eine Fackel zu ergreifen und gegen das nächstbeste Feindbild loszumarschieren, das ihm dargeboten würde.

Um es deutlich zu sagen:
Eine solche Rede hätte auch der junge Adolf Hitler halten können, vor seinem missglückten Putschversuch am 8. und 9. November 1923 und seine Anhänger hätten ihm gewiss frenetisch zugejubelt.

Auch der schwülstige Pathos, durch den Hitlers Reden den damals herrschenden deutschen Zeitgeist so wirkungsvoll trafen, kommt in der Fernsehansprache von V nicht zu kurz und die Auffassung, dass nur die blutige Schlacht oder der Tod eines Heros ein Gedenken in der Geschichte sicher hätten, liegt faschistischer Ideologie nicht so ferne.

Überdies lässt er den Menschen, die sich seiner Sache nicht anschließen wollen, nur eine trügerische Wahl. Jene, die ihm nicht folgen wollen, sollen, so sein Rat, den nächsten fünften November unbemerkt vergehen lassen.
Aber dennoch will er ihnen einen fünften November bescheren, den sie nie vergessen werden, was aus seinem Munde nicht nur wie eine Drohung klingt, sondern gewiss auch so gemeint ist.

Der Anarchismus für den V steht, ist nicht ein Anarchismus, der Freiheit und Selbstbestimmtheit lebt, sondern das Verschwinden des Individuums im wütenden Mob, der dann ungeniert das Faustrecht ausübt.

Mehr als deutlich wird dies zu Beginn des Films, in dem sich V als Figur folgendermaßen beschreibt:

Voilà, ein demütiger Veteran des Vaudeville vorgesehen als Vertreter von Opfer und Verbrecher
gleichermaßen, von den vielfachen Wechselwellen der Vorsehung. Diese Visage ist keine bloße
Verkleidung aus Eitelkeit, sondern ein Vermächtnis der Vox populi. Nun vakant, verschwunden. Wie
dem auch sei, diese tapfere Verkörperung eines vergangenen Verdrusses ist wieder quicklebendig und hat sich geschworen die korrumpierte und verabscheuenswerte Vipernbrut zu vernichten, die als Vorhut des Verbrechens der verderbten Vernichtung der Meinungsfreiheit Vorschub verschafft. Das einzige Verdikt heißt Rache, eine Vendetta. Heilig wie ein Votiv und nicht vergebens, denn Wert und Wahrheit einer solchen werden eines Tages die Vorsorglichen und Vortrefflichen bestätigen.

Abgesehen davon, dass der Begriff der Vorsehung hervorragend in die benutzte V-Alliteration passt, weckt er auch durchaus Erinnerungen an Hitler.

In einer bekannten Rede Hitlers klang das so:

Jede Tat ist sinnvoll, selbst das Verbrechen. Die Vorsehung hat mich zu dem größten Befreier der Menschheit vorbestimmt. Ich befreie den Menschen von dem Zwange eines Selbstzweck gewordenen Geistes; von den schmutzigen und erniedrigenden Selbstpeinigungen einer Gewissen und Moral genannten Chimäre und von den Ansprüchen einer Freiheit und persönlichen Selbständigkeit. Der christlichen Lehre von der unendlichen Bedeutung der menschlichen Einzelseele und der persönlichen Verantwortung setze ich mit eiskalter Klarheit die erlösende Lehre von der Nichtigkeit und Unbedeutsamkeit des einzelnen Menschen und seines Fortlebens in der sichtbaren Unsterblichkeit der Nation gegenüber.

Auch dass er als „Vermächtnis der Vox populi“ angetreten sei um die „korrumpierte und verabscheuungswürdige Vipernbrut zu vernichten“ entsprach gewiss dem Selbstverständnis eines Adolf Hitler.
Die Ähnlichkeit in der Diktion ist für mich derart frappierend, dass ich fast glauben möchte, die Macher des Filmes hätten bei Hitler abgeschrieben.

Über die Guy-Fawkes-Maske und Anonymous bleibt mir, trotz meiner früheren Begeisterung für diese Idee (jeder kann sich irren!) nur noch eines zu sagen… Ich distanziere mich!
Ich distanziere mich von einer Bewegung, welche die Figur des V aus V for Vendetta als Identifikationsfigur nutzt.
Ich distanziere mich von der Symbolik der Guy-Fawkes-Maske.

Und wer noch immer denkt, dass es keine Anarchofaschisten gäbe, weil das ein Oxymoron sei;
Wer immer noch denkt, dass es eine „gute Anonymous-Hackergruppe“ und eine „böse gekaperte oder gefälschte deutsche Anonymous-Webseite“ gäbe;
Wer immer noch meint, der Mob sei im Kern etwas Befreiendes;
Der sollte einmal tatsächlich seinen wachen Verstand einsetzen und sich wirklich fragen, was eigentlich der Kern jener Ideologie ist, der er gerade ohne es zu wissen auf den Leim geht.

Flasche leer… ich habe fertig.


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