Frankfurter Gemeine Zeitung

V wie Vendetta- Prototyp einer anarchofaschistischen “Freiheitsrede”

Zugegeben der Film V for Vendetta, der 2006 erschien ist inzwischen eigentlich schon kalter Kaffee. Dass der Film aber immer noch wirkmächtig ist, zeigt sich darin, dass er ein Symbol geschaffen hat, welches aus der heutigen Internetkultur kaum mehr wegzudenken ist: Die Guy-Fawkes-Maske.
Auch die Fernsehansprache des Protagonisten V aus dem Film erfreut sich nach wie vor größter Popularität und wird fleißig von allen möglichen Leuten geteilt, seien es Occupy-Aktivisten, Truther, Reichsdeutsche, Anarchokapitalisten, linke Liedermacher, politisch interessierte Jugendliche, Anonymous-Anhänger u.v.m.
Man kann die Unzahl der Leute unmöglich in eine Schublade stecken und mit dem Etikett „Faschisten“ versehen, auch wenn mir scheint, dass Inhalte der Rede an den kleinen Fascho, der wenn vielleicht nicht in allen von uns, so doch in vielen von uns schlummert, appellieren.

Und so manche der Leute, die heute im Netz oder auf Mahnwachen laut „ERWACHET!“ schreien, meinen damit nicht unseren denkenden Verstand, sondern genau den in uns schlummernden kleinen Fascho, der sich ärgert, dass er wegen der „böööösen Zensur“ durch die „allgegenwärtige political correctness“ nicht raus darf.

Aber lesen wir uns doch einmal den Text der Rede in der deutschen Fassung durch:

Guten Abend London,

Erlauben Sie mir zunächst, mich für die Unterbrechung zu entschuldigen. Wie viele von Ihnen schätze auch ich die Annehmlichkeiten des geregelten Alltags, die Sicherheit des liebgewordenen, täglich wiederkehrenden Einerleis. Ich genieße das ebenso sehr wie jeder andere Mensch.
Aber anlässlich eines Gedenktages, an dem bedeutende Ereignisse aus der Vergangenheit, für gewöhnlich der Tod einer Berühmtheit oder das Ende eines grässlich blutigen Krieges mit einem hübschen Feiertag begangen werden, dachte ich mir, dass wir diesen fünften November, ein Tag – dessen heute leider nichtmehr gedacht wird – erinnerungswürdig machen. Indem wir den Alltag vergessen und ein wenig plaudern.


Natürlich gibt es jene, die nicht wollen dass wir reden. Ich vermute, dass bereits jetzt Befehle in Telefone gebrüllt werden und schon bald Männer mit Waffen unterwegs sind. Auch wenn man den Schlagstock anstelle eines Gesprächs einsetzen kann werden Worte immer ihre Macht behalten. Worte lassen einen Sinn erschließen. Und für die, die bereit sind zuzuhören, formulieren sie die Wahrheit. Und die Wahrheit ist, dass in diesem Land etwas ganz fürchterlich im Argen liegt, nicht wahr?

Grausamkeit und Ungerechtigkeit, Intoleranz und Unterdrückung. Wo man einst die Freiheit besaß zu denken und zu reden wie man es für richtig hielt, hat man nun Zensoren und Überwachungssysteme, die einen zur Konformität zwingen und zur Unterwerfung führen. Wie konnte es dazu kommen? Wer hat Schuld? Nun, sicherlich hat manch einer mehr zu verantworten als andere, und der wird auch zu Rechenschaft gezogen. Doch um ehrlich zu sein: Wer einen Schuldigen sucht, der muss nur in den Spiegel sehen.

Ich weiß warum Ihr es getan habt, ich weiß, dass Ihr Angst hattet. Wer hätte das nicht? Krieg, Terror, Krankheit – Myriaden von Problemen haben sich dazu verschworen, eure Vernunft zu manipulieren und euch eures Verstandes zu berauben. Angst gewann die Oberhand. Und in eurer Panik habt Ihr euch an den heutigen Großkanzler gewendet, Adam Suttler. Er versprach euch Ordnung, er versprach euch Frieden. Als Gegenleistung verlangte er nur euer gehorsames Einverständnis.

Gestern Nacht wollte ich dem Schweigen ein Ende bereiten. Gestern Nacht habe ich das Old Bailey zerstört um dieses Land an das zu erinnern, was es vergessen hat. Vor über 400 Jahren wollte ein großer Bürger den fünften November für immer in unser Gedächtnis brennen. In der Hoffnung, die Welt daran zu erinnern, dass Anstand, Gerechtigkeit und Freiheit mehr als Worte sind. Es sind Perspektiven.

Wenn Ihr also nichts gesehen habt, wenn euch die Verbrechen dieser Regierung auch weiter unbekannt sind, dann schlage ich vor, dass Ihr den fünften November unbemerkt vergehen lasst. Aber wenn Ihr seht, was ich sehe, wenn Ihr spürt, was ich spüre und wenn Ihr strebt, wonach ich strebe: Dann fordere ich Euch auf an meiner Seite zu stehen, heute in einem Jahr vor dem Eingang des Parlaments. Und dann bescheren wir ihnen einen fünften November, der nie und nimmer vergessen wird!

Im Internet finden sich zahlreiche Kommentare von Leuten, die von sich behaupten sie hätten von der Rede „Gänsehaut bekommen“, die Rede hätte sie „aufgeweckt“ oder gar, dass die Rede „tiefsinnig“ sei.
Ob jemand von der Rede im Kino aus seinem Schlummer gerissen wurde oder sich die Härchen seiner Haut aufgestellt haben, mag ich nicht beurteilen. Aber tiefsinnig ist die Rede nicht.

Die Rede benennt zwar schlagwortartig Missstände wie Krieg, Ungerechtigkeit und Unterdrückung, geht aber mit keinem Wort auf die ihnen zugrundeliegenden Zusammenhänge ein.
Lediglich die Allgemeinplätze, dass wir alle irgendwie schuld seien und dass Angst die Ursache für überbordendes Sicherheitsdenken sei, werden als Erklärungsmodell angeboten.

Anstand, Freiheit und Gerechtigkeit verkommen übrigens gerade in dieser Rede zu Schlagworten und stellen in diesem Kontext keine Perspektiven dar.
Denn ohne dass diese Begriffe näher definiert werden, kann sie sich so ziemlich jeder auf die Fahne schreiben, sei er ein Nazi, ein Kommunist, ein bürgerlicher Demokrat oder ein Sektenguru. Für Anstand, Freiheit und Gerechtigkeit konnte George W. Bush in den Irak einmarschieren und Robespierre seine politischen Gegner enthaupten lassen.

Auch der Appell an die Macht der Worte, die ja stärker als jeder Schlagstock sein sollen, nimmt sich eher pathetisch als glaubwürdig aus.
So ganz scheint der Redner V nämlich der Macht seiner Worte auch nicht zu vertrauen, wenn er es nötig hat das Old Bailey in die Luft zu jagen, um seinen Worten das nötige Gewicht zu verleihen.

Aber um Argumente geht es in der Rede ja auch nicht, sondern darum, die Dinge so zu sehen wie der Redner, so zu fühlen wie der Redner und nach dem zu streben, nach dem der Redner strebt, um sich dann in einem Jahr als Aufmarsch einer anonymen wütenden Masse vor dem Parlament einzufinden.

Spätestens an diesem Moment auf bombastischer Kinoleinwand war der kleine Fascho in so manchem Kinobesucher gewiss mehr als bereit, augenblicklich die Guy-Fawkes-Maske aufzusetzen, eine Mistgabel und eine Fackel zu ergreifen und gegen das nächstbeste Feindbild loszumarschieren, das ihm dargeboten würde.

Um es deutlich zu sagen:
Eine solche Rede hätte auch der junge Adolf Hitler halten können, vor seinem missglückten Putschversuch am 8. und 9. November 1923 und seine Anhänger hätten ihm gewiss frenetisch zugejubelt.

Auch der schwülstige Pathos, durch den Hitlers Reden den damals herrschenden deutschen Zeitgeist so wirkungsvoll trafen, kommt in der Fernsehansprache von V nicht zu kurz und die Auffassung, dass nur die blutige Schlacht oder der Tod eines Heros ein Gedenken in der Geschichte sicher hätten, liegt faschistischer Ideologie nicht so ferne.

Überdies lässt er den Menschen, die sich seiner Sache nicht anschließen wollen, nur eine trügerische Wahl. Jene, die ihm nicht folgen wollen, sollen, so sein Rat, den nächsten fünften November unbemerkt vergehen lassen.
Aber dennoch will er ihnen einen fünften November bescheren, den sie nie vergessen werden, was aus seinem Munde nicht nur wie eine Drohung klingt, sondern gewiss auch so gemeint ist.

Der Anarchismus für den V steht, ist nicht ein Anarchismus, der Freiheit und Selbstbestimmtheit lebt, sondern das Verschwinden des Individuums im wütenden Mob, der dann ungeniert das Faustrecht ausübt.

Mehr als deutlich wird dies zu Beginn des Films, in dem sich V als Figur folgendermaßen beschreibt:

Voilà, ein demütiger Veteran des Vaudeville vorgesehen als Vertreter von Opfer und Verbrecher
gleichermaßen, von den vielfachen Wechselwellen der Vorsehung. Diese Visage ist keine bloße
Verkleidung aus Eitelkeit, sondern ein Vermächtnis der Vox populi. Nun vakant, verschwunden. Wie
dem auch sei, diese tapfere Verkörperung eines vergangenen Verdrusses ist wieder quicklebendig und hat sich geschworen die korrumpierte und verabscheuenswerte Vipernbrut zu vernichten, die als Vorhut des Verbrechens der verderbten Vernichtung der Meinungsfreiheit Vorschub verschafft. Das einzige Verdikt heißt Rache, eine Vendetta. Heilig wie ein Votiv und nicht vergebens, denn Wert und Wahrheit einer solchen werden eines Tages die Vorsorglichen und Vortrefflichen bestätigen.

Abgesehen davon, dass der Begriff der Vorsehung hervorragend in die benutzte V-Alliteration passt, weckt er auch durchaus Erinnerungen an Hitler.

In einer bekannten Rede Hitlers klang das so:

Jede Tat ist sinnvoll, selbst das Verbrechen. Die Vorsehung hat mich zu dem größten Befreier der Menschheit vorbestimmt. Ich befreie den Menschen von dem Zwange eines Selbstzweck gewordenen Geistes; von den schmutzigen und erniedrigenden Selbstpeinigungen einer Gewissen und Moral genannten Chimäre und von den Ansprüchen einer Freiheit und persönlichen Selbständigkeit. Der christlichen Lehre von der unendlichen Bedeutung der menschlichen Einzelseele und der persönlichen Verantwortung setze ich mit eiskalter Klarheit die erlösende Lehre von der Nichtigkeit und Unbedeutsamkeit des einzelnen Menschen und seines Fortlebens in der sichtbaren Unsterblichkeit der Nation gegenüber.

Auch dass er als „Vermächtnis der Vox populi“ angetreten sei um die „korrumpierte und verabscheuungswürdige Vipernbrut zu vernichten“ entsprach gewiss dem Selbstverständnis eines Adolf Hitler.
Die Ähnlichkeit in der Diktion ist für mich derart frappierend, dass ich fast glauben möchte, die Macher des Filmes hätten bei Hitler abgeschrieben.

Über die Guy-Fawkes-Maske und Anonymous bleibt mir, trotz meiner früheren Begeisterung für diese Idee (jeder kann sich irren!) nur noch eines zu sagen… Ich distanziere mich!
Ich distanziere mich von einer Bewegung, welche die Figur des V aus V for Vendetta als Identifikationsfigur nutzt.
Ich distanziere mich von der Symbolik der Guy-Fawkes-Maske.

Und wer noch immer denkt, dass es keine Anarchofaschisten gäbe, weil das ein Oxymoron sei;
Wer immer noch denkt, dass es eine „gute Anonymous-Hackergruppe“ und eine „böse gekaperte oder gefälschte deutsche Anonymous-Webseite“ gäbe;
Wer immer noch meint, der Mob sei im Kern etwas Befreiendes;
Der sollte einmal tatsächlich seinen wachen Verstand einsetzen und sich wirklich fragen, was eigentlich der Kern jener Ideologie ist, der er gerade ohne es zu wissen auf den Leim geht.

Flasche leer… ich habe fertig.


9 Kommentare zu “V wie Vendetta- Prototyp einer anarchofaschistischen “Freiheitsrede””

  1. Merzmensch

    Sehr gute Beobachtungen. Tatsächlich hat auch mich die Ansprache von V stutzig gemacht, vor allem wegen der populistischen und gleichzeitig sehr allgemeinen Ansprache. Die Übel werden nicht konkretisiert, sondern aufgezählt. Die Parteiergreifung erfolgt auf einer eindimensionalen Ebene.

    Die Mitschuld bei allen Beteiligten (ein schönes Argument zum Aufwachen, ja gar mit dem Anspruch auf die paradoxe Komplexität) endet platt und plötzlich an der “Mitschuld in der Passivität”. D.h. “Leute, Ihr habt Angst, und das ist Euer einziger Fehler”. Die Denkweise (Z.B. Oberflächigkeit), Lebensweise (z.B. Konsumorientierung), Weltwahrnehmung (z.B. das Nicht-Hinterfragen-Wollen) von der Öffentlichkeit wird gar nicht hinterfragt. Im Endeffekt ist es keine Mitschuld in dem Sinne, weil an der Ursache für die Angst immernoch DIE ANDEREN schuld sind.

    Interessant ist auch, dass diese Rede zwar zeiteffizient wegen der kinematographischen (und ursprunglich literarischen) Vorlage schon etwas primitiv und salopp ausfällt – doch auch in unserer politisch-öffentlichen Wirklichkeit findet man die gleiche Abflachung der Argumentation bei solchen Reden wieder.

    Das Mitreissen des kleinen Faschos in uns – das ist es, was damals Wagner im Bezug auf Hitler geschafft hat, und das ist es, was all die demagogischen Politiker immernoch schaffen, unter dem Mäntelchen der oppositionellen Subversivität. Das Erhabene – das ist es, was V präsentiert.

    Und da sind wir schon bei der Thematik. Genau deswegen finde ich den Film grossartig, aber – weil der Hauptprotagonist eigentlich destruiert wird. Er ist Mephisto. Er ist ein niemand. Er flüstert dem Menschen seine Urängste samt Urhass ein. Er evoziert Sympathie. Doch der Mensch selbst geht dann auf die Barrikaden. Es ist eine Studie über diese Funke, die den kleinen Fascho, diesen Uber-Spiesser in uns aufweckt. Und – da die Geschwister Wachowski immernoch subversiv denken – man darf nicht vergessen (über einen kurzen Meta-Umweg), wer da hinter der Maske der Revolution steckt. Die Problematik der Figur wird sehr versteckt dargeboten. Welcome to the real world?

  2. gaukler

    Liebe Leute:
    die Bemerkungen über die Rede finde ich grundsätzlich treffend, ich kann darin fast auch nur Problematisches entdecken.
    Problematisch finde ich aber auch die inflationäre Verwendung des Begriffs “faschistisch”, der sich ähnlich wie “Terrorist” langsam auf alle möglichen Abweichungen, Strittigkeiten, Kämpfe ausweitet.
    Wir bewegen uns mit solchen Redeweisen in vermeitlich immer gefährdeten Lebenszonen, die es vehement gegen “Böses” zu verteidigen gilt, mit dem natürlich gar kein Gespräch möglich ist. Da scheint mir eine gewisse Immunisierungstendenz gegenüber aktuellen Normalbedingungen durch.
    Vielleicht könnte eine begriffliche Weiterentwicklung helfen?

    @Merzmensch: so ganz verstehe ich dein Argument nicht. Ist jedes “Auf-die-Barrikaden-gehen” ein faschistoider Ausdruck von Spiessern? Ich nehme an, das hast du nicht in dieser Breite gemeint?

  3. Merzmensch

    Das stimmt, die Terminologie muss heutzutage aufgefrischt werden (bezieht sich auf “Fascho” gleich wie auf “Spiesser”). Und nein, nicht jedes Barrikaden-Auflauf ist ein faschistoider Spiesserausdruck, sondern nur der der Mitläufer, die in der Teilnahme am Protest nicht einen wichtigen Schritt zur Erfüllung der für die Gesellschaft relevanten Änderungen sehen, sondern in der eigenen Präsenz an Barrikaden nach einer Anerkennung der anderen suchen, d.h. durch einen egoistischen Komplex-Trieb geführt, “dabei zu sein”, “dazugehörig zu sein” los(-mit-)marschieren.

    Natürlich ist die Solidarität ein immens wichtiges Vehikel eines jeden Protests, doch bei einer oberflächlichen Suche nach Anerkennung (was die kleine Welt des Individuums nicht überschreitet und wo die Richtung und das Ziel der Gesamtbewegung eigentlich völlig irrelevant ist) sehe ich eher den Spiesser, einen Hipster in einem “Protestierenden” (und das auf jede Art des Protests bezogen). Klar, freuen sich alle andere mit Sinn und Zweck Protestierende, dadurch noch mehr Menschen zu gewinnen, doch diese Art der Mitläufer macht mich ebenso stutzig, weil für diese Mitläufertum das Ziel eigentlich völlig nebensächlich ist.

    Ein Beispiel: bei einer riesigen Demonstration gegen Bildungsabbau Ende 1990er sah ich hier und da Schüler, die eher dabei waren, weil sie dadurch Ihre Klausuren schwänzen könnten und sich auch gleichzeitig sogar cool und hip vorkamen. Über den Zweck der Demonstration wussten sie, wie ich in meinen Meinungsaustausch mit denen herausgestellt habe, kaum Bescheid. Klar, durch solche Personen mit Gültigkeitszwang wird eine Protestbewegung quantitativ bedeutsam, aber ob die Qualität des Protestes daran gewinnt? Oder habe ich da vielleicht eine eher naiv-romantische Vorstellung von einem Protest…

  4. gaukler

    Treffend!
    Stimmt, mit “Spießer” hat es auch erhebliche semantische Schwierigkeiten.
    Ein aktuelles Beispiel: ein bekannter konservativer Journalist hat gerade die “linken Spießer” dafür beschimpft, dass sie nicht emphatisch gegen Russland auf die Strasse gehen…..

  5. Florian K.

    1. Dass die Macher des Films die Figur V als Antihelden konzipiert haben, sehe ich auch so. Ich nehme auch an, dass Natalie Portman, die eine durchaus kluge und auch politisch denkende Person ist, keine Hauptrolle in einem Film mit einer dumpfen Fascho-Botschaft angenommen hätte.

    Wenn man sich mit der Wirkung des Filmes auseinandersetzen will, kommt es allerdings weniger darauf an, wie der Film ursprünglich gemeint war oder wie er von einigen Intellektuellen verstanden wird, sondern vielmehr, wie die breite Masse ihn aufnimmt.
    Für den durchschnittlichen Anonymous-Aktivisten ist V nämlich kein Antiheld, sondern eine positiv besetzte Identifikationsfigur und zwar nicht trotz, sondern gerade wegen seiner faschistoiden Anklänge.

    2. Antifaschismus muss faschistische Tendenzen auch dort erkennen und kritisieren, wo sie nicht offenbar und für jeden erkennbar zu Tage treten.
    Das birgt logischerweise die Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten, Dinge und Personen fälschlicherweise als faschistoid zu identifizieren und den Begriff inflationär zu gebrauchen.
    Umgekehrt wäre es aber auch fahrlässig, Aussagen und Ideen, die an faschistisches Gedankengut anknüpfen nicht als faschistoid zu benennen.

    Wie sieht es im vorliegenden Fall aus?
    Nun:
    Wir haben eine fiktive charismatische Führerfigur (als Antiheld konzipiert, aber allgemein nicht als Antiheld rezipiert), die in einer flammenden Rede von der Bevölkerung verlangt, dass diese die gleichen Dinge zu denken, zu fühlen und zu wollen habe, wie sie.
    Wer sich dem nicht anschließen will, wird implizit bedroht.
    Diese Führerfigur stellt sich selbst in einer Art und Weise vor, die große Ähnlichkeit mit einer bekannten Hitler-Rede aufweist.
    Sie appelliert dabei nicht an den Verstand, sondern an das Bauchgefühl und den Groll einer anonymen Masse.

    Dieser fiktive Antiheld wird daraufhin in der realen Welt zu einer politischen Identifikationsfigur für eine große Zahl von Menschen und wird zum Freiheitssymbol verklärt.
    Ihr Markenzeichen (die Maske) verbreitet sich weltweit viral.
    Oft genug taucht sie in Kontexten von Anarchokapitalisten, Truthern, Zeitgeist-Fans, Silvio-Gesell-Anhängern und Konsorten auf.
    Eine Bewegung deren Slogan lautet „We are legion. We do not forget. We do not forgive. Expect us.” identifiziert sich in besonderer Weise mit der Symbolik der Maske und nimmt stark positive Bezüge auf die fiktive Führerfigur.

    Ist es so abwegig, da faschistoide Tendenzen zu wittern?

    3. Der Begriff „Anarchofaschist“ wird von einer wachsenden Anzahl von Leuten als Selbstbezeichnung verwendet.
    In Deutschland ist dies zwar noch eher unüblich, da der Begriff Faschismus hier besonders belastet ist, aber in amerikanischen Politikforen wird das salonfähig.
    Übrigens benutzen auch in Deutschland inzwischen Anhänger der sogenannten „Autonomen Nationalen“ teilweise die Guy-Fawkes-Maske und nehmen Bezug auf die V-Rede.
    In den USA zeigen sich politische Allianzen zwischen Rechts-Libertären, Faschisten, Rechtsanarchisten und Ultrakonservativen auf breiter Front, beispielsweise in der weiterhin aktiven Tea-Party-Bewegung.
    Als gemeinsames Feindbild dienen „political correctness“ und alle Formen von Sozialstaat, die dort als „socialism“ verschrien werden.
    Rassistische, sozialdarwinistische, sexistische und homophobe Äußerungen werden in derartigen Kreisen als besonderer Ausdruck von Meinungsfreiheit geschätzt, während Kritik an solchen Äußerungen als „Zensur“ betrachtet wird.
    Anarchofaschisten nehmen ausdrücklich eine Position gegen den Staat ein, da dieser eine in ihren Augen „natürliche“ (also sozialdarwinistische und durch Biologismen determinierte) Gesellschaftsordnung verhindere.
    Sie haben aufgrund ihrer Ideologie überhaupt keine Probleme damit, sich an linken staatskritischen Protesten zu beteiligen. Ihr Kalkül ist eher Folgendes: “Wenn das Staatswesen erst zusammenbricht, dann wird sich unsere Einstellung schon durchsetzen.”
    Nicht umsonst gibt es da auch viele Querverbindungen zur Prepper-Szene und nicht umsonst ist es auch in diesen Kreisen sehr beliebt, jetzt schon seinen Rucksack für die nahende “Zombie-Apokalypse” zu packen.
    In der Anonymous-Bewegung waren diese Strömungen seit Anbeginn vertreten und stets auch mitbestimmend für den Diskurs in den einschlägigen Treffpunkten.

    4. Muss man dringend davor warnen den Begriff „subversiv“ allzu positiv zu besetzen. Anarchofaschismus ist auf seine Art eine sehr subversive Angelegenheit. Er betreibt Subversion gegen die paar Elemente von Humanismus, bürgerlichen Freiheiten und sozialen Rechten, welche in langwierigen politischen Kämpfen errungen wurden.

    5. Geht es mir nicht darum „die Bösen“ abzuwehren oder gar mit ihnen nicht mehr zu diskutieren. Viele, die das Symbol der Maske verwenden oder diese Rede verbreiten, sind keine Faschisten, mit denen man tatsächlich nicht reden könnte.
    Umso wichtiger erscheint mir aber das was faschistoid ist, als faschistoid zu benennen. Nicht um die Leute zu verurteilen, sondern um der Aufklärung willen und um zu zeigen, dass eine Bewegung, die von vielen als „Freiheitsbewegung“ empfunden wird, nicht das ist was sie zu sein scheint.

    Viele meiner Freunde werden die Guy-Fawkes-Maske dennoch weiter verwenden.
    Viele meiner Freunde werden auch weiterhin sämtliche Verschwörungstheorien über Illuminaten u.s.w. glauben, ohne dass ich ihnen die Freundschaft kündige.
    Darauf hinweisen, dass Faschoscheiß eben Faschoscheiß ist, werde ich trotzdem weiterhin.

  6. Merzmensch

    Da muss zustimmen, vor allem, weil “faschistoid” nicht mit dem historischen Begriff von “Faschismus” sich gleichsetzen lässt. Im allgemeinen sehe ich tatsächlich eine Dringlichkeit, die bereits gestandenen und konventionalisierten Begriffe zu überdenken, da unsere Gesellschaft evolutionalisiert zusammen mit der Sprache.

  7. gaukler

    Abgesehen von der Filmananalyse (nebenbei: ich selbst kenne den Film nur in Ausschnitten):
    Es ist meines Erachtens über die schlichte Verwendung politischer Kampfbegriffe hinaus zu diagnostizieren, wie welche Kategorien in welchen Umständen politisch, strategisch eingesetzt werden, was sie in sozialen, politischen und ökonomischen Kontexten ihrer Verwendung genau fördern.
    Das sollte insbesondere nicht vergessen, dass wir in einer Art Postdemokratie leben, die ihre eigene Legitimation in möglichst vehementer Abgrenzung zu a-demokratischen Instanzen zu fördern versuchen.

    Zur Diagnose fließender Grenzen gehört hier: Wenn wir uns erinnern, gab es in den letzten 40, 50 Jahren in der westlichen Welt einen Haufen erregter Stimmungen dahin, dass sich die Gesellschaften kurz vor dem Umkippen in “Faschismus” befinden; und Ausdrücke wie “Faschoscheiß” benutzen halt auch “Faschos”, wie oben schon angemerkt.
    (Wenn ich bösartig wäre, könnte ich übrigens sagen, dass die wohlfeile Gegenüberstellung von “einigen Intellektuellen” gegenüber der “breiten Masse”, welche die “Wahrheit der Bedingungen” ausdrückt eine typische “faschistoide” Argumentationsfigur ist, die besondere Stigmatisierungen mit Anrufung echter Gemeinschaft kultivieren – durch die anderen, die ganz genau wissen wie die Gemeinschaft tickt….
    Bin ich aber nicht.)

    Dem allen entspricht die Dringlichkeit der Überarbeitung, von der Merzmensch spricht. Die neuen hybriden Machtformen verlangen das unbedingt, eben hybrid sensible Begriffe, die mehrdimensionale Abwägungen und Strategien verbessern.

    Und um nicht mißverstanden zu werden: von der INTUITION her sind wir gleicher Meinung. Ich denke, wir nähern uns auch in Richtung begrifflichen Fortschritts.

  8. Florian K.

    Zitat:
    Wenn ich bösartig wäre, könnte ich übrigens sagen, dass die wohlfeile Gegenüberstellung von “einigen Intellektuellen” gegenüber der “breiten Masse”, welche die “Wahrheit der Bedingungen” ausdrückt eine typische “faschistoide” Argumentationsfigur ist, die besondere Stigmatisierungen mit Anrufung echter Gemeinschaft kultivieren – durch die anderen, die ganz genau wissen wie die Gemeinschaft tickt….

    Damit hast Du völlig Recht. Diese Interpretation entspricht aber nicht dem, was ich vermitteln wollte.

    Ich meinte mit der Gegenüberstellung “einiger Intellektueller” zur “breiten Masse” nicht, dass die breite Masse irgendeine “Wahrheit der Bedingungen” ausdrücken würde, die über folgende einfache Feststellung hinausgeht:

    Die gesellschaftliche Wirksamkeit einer Interpretation (z.B. dieses Filmes) ist auch durch die Quantität derer bedingt, die diese Interpretation teilen.

    Ich wollte mit der Gegenüberstellung “breite Masse vs. einige Intellektuelle” also lediglich ausdrücken, dass eine wesentlich größere Zahl von Personen die Figur V als Heldenfigur statt als Antihelden interpretiert und dass dadurch eine gesellschaftliche Wirkung entsteht.
    Ich bezog mich damit keineswegs darauf, dass die Interpretation der breiten Masse die gültigere oder treffendere Interpretation sei.

    Dass die Abgrenzung gegenüber dem Faschismus in der gegenwärtigen bundesrepublikanischen Gesellschaft auch den Charakter eines identitätsstiftenden Rituals hat, kann ich vollends unterschreiben.
    Ebenso ist es wohl kaum von der Hand zu weisen, dass die gegenwärtigen Herrschaftsstrukturen diese Abgrenzung als Legitimation nutzen.

    Dennoch frage ich mich, in wieweit die identitätsstiftenden Abwehrrituale gegen den Faschismus notwendig sind, um ein tatsächliches Umkippen in einen konkreten Faschismus zu verhindern.
    Die Gefahr eines solchen halte ich nicht für eine reine Schimäre.
    Dass es in den letzten 40 bis 50 Jahren des Öfteren erregte Stimmungen dahin gab, dass ein Umkippen der Gesellschaft Richtung Faschismus bevorstehen würde und sich die Befürchtungen damals als unberechtigt erwiesen haben, bedeutet nicht, dass derartige Befürchtungen auch zum jetzigen Zeitpunkt unberechtigt sind.

    Wie Du bereits sagtest, leben wir in einer Art postdemokratischer Verhältnisse, in denen sich das westliche Demokratiemodell in weiten Teilen „entzaubert“ hat.
    Diese Situation könnte einen weitaus fruchtbareren Nährboden für das Entstehen eines neuen Faschismus bilden, als die bipolare Welt des Kalten Krieges.

    Wenn eine kritische Masse von Braunhemden wieder mit Fackeln und erhobenem Arm durch die Straßen marschieren würde, so würde der Sog genug „Normalbürger“ mitreißen. Das Bewusstsein, dass dies möglich ist, lag übrigens auch einem anderen Artikel von mir zu Grunde in der ich die leichtfertige Positivbewertung von Flash-, Smart- und sonstigen Mobs kritisierte.

    Man denke nur an die Ereignisse in der Ukraine, als in Odessa ein Gewerkschaftshaus einschließlich darin befindlicher Menschen abgefackelt wurde. Bei dieser Aktion waren bekennende Faschisten maßgeblich beteiligt.
    Ebenso denke man an die Wahlerfolge des Front National oder die Situation in Ungarn.
    Wenn man sich außerdem vergegenwärtigt, dass bekennende Faschisten sich inzwischen recht geschickt international vernetzen, so sehe ich berechtigten Anlass zu Sorge und Wachsamkeit.

    In Deutschland besteht aus meiner Sicht außerdem eine besondere Situation, da Deutschland ein faschistisches Erbe hat, welches bis heute Wirkung entfalten kann.
    Denn es sind viele überzeugte Nazis nach dem 2. Weltkrieg nahtlos in Staatssystem, Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Justiz der jungen BRD übergegangen und haben dort Seilschaften gegründet und Bedingungen geschaffen, die teils noch immer erkennbar sind.
    Daher besteht aus meiner Sicht in Deutschland Grund zu einer besonders ausgeprägten Wachsamkeit.

    Dass offen oder verdeckt rechtsradikale Parteien in Deutschland dennoch bisher weniger politischen Landgewinn verzeichnen konnten, als dies in manchen anderen europäischen Ländern der Fall ist, liegt aus meiner Sicht zumindest zum Teil daran, dass sich trotz des Erbes alter Nazis in der bundesrepublikanischen Gesellschaft eine Tradition des rituell-staatstragenden Antifaschismus (mit bombastischen Mahnmalen, Gedenkfeiern u.s.w.) entwickeln konnte.
    Auch eine Rolle spielt gewiss, dass der Vorwurf des Faschismus als Kampfbegriff gegen rechtsradikale Strömungen durchaus noch funktioniert.

    Natürlich kann man den rituell-staatstragenden Antifaschismus aufgrund seines rituellen und staatstragenden Charakters durchaus kritisieren. Man sollte es allerdings mit Bedacht tun.

    Die Überarbeitung von Begriffen in Anpassung an die neuen hybriden Machtformen halte ich da für ein zweischneidiges Schwert.
    Einerseits erscheint sie auch mir notwendig, andererseits kann sie in recht problematische Richtungen verlaufen, siehe die an Verbreitung gewinnende Argumentation, dass die Begriffe “links” und “rechts” überholt seien.

  9. gaukler

    @Florian:
    Da haben wir uns doch weiter verständigt.
    Es kümmt darauf an, wie sich wo Interpretationen und praktische Prozesse kumulieren, aggregieren und dann einen sozialen und politischen Eigensinn und Impuls erhalten und weiter geben – etwa als “faschistische” Bewegung.

    Die Zusammensetzungen und ihre Elemente können heute ganz neuartig sein, sogar so, dass Herrschaftsausübungen gewalttätiger Statur gar nicht “faschistisch” im hergekommenen Sinn sein müssen.
    Es gibt ja nicht nur ISIS und Swoboda. Es sei an robotische Organisationen erinnert, die allgemein paramilitärisches Klima erzeugen können, das weit über aufmarschierende Horden in den Städten hinausreicht.

    Zudem haben diese und andere potentielle (auch irgendwie “faschistoide”) Elemente der Konstitution per se eine gewisse kompositorische Unbestimmtheit, und erhalten oft erst in (z. B. faschistischen) politischen, sozialen Stimmungen oder Ambiente den besonderen Dreh. Wie das heute geschieht, auf welchen vielen Kanälen, dafür fehlt uns vielfach der Sinn. Nicht zuletzt deshalb hat die staatstragende antifaschistische Bombastik in gleichem Maße zugenommen, wie gesellschaftlische Freiheitsrechte (abseits der “Freiheit der Produktwahl”) faktisch abgenommen haben – eine besondere Komposition mit neuen Gefahren, die z. B. als “politische Simulation” Akzeptanz findet.

    Es ist aber sicher eine wichtige Anmerkung, dabei nicht gewisse politische Orientierungsmarken glatt zu verwerfen! … denn auch das könnte so ein Element sein.

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