Frankfurter Gemeine Zeitung

Sturmangriff – Redaktionsstuben vorne weg

Die Militärfanfaren quer durch die Deutschen Medien tönen immer schriller.

Die Redakteure in Qualitätsmedien möchten ihre Interviewpartner am laufenden Band toppen: brauchen wir nicht noch mehr Waffen, stärkere, Truppen hier und dort, müssen wir unseren Gegnern nicht massiv Grenzen aufzeigen, sind wir im kalten, gar heißen Krieg, sei es im nahen, mittleren, gar fernen Osten oder Süden? Egal, der freie Westen muß überall verteidigt werden. Sicherheitshalber kriegsführende Länder zur Mitgliedschaft in die Nato einladen, und mit Vollgas die Militärausgaben hochschrauben.

Mitunter scheint es, dass die kaiserliche Presse 1914 gegenüber dem journalistischen Irrsinn heute noch recht moderat war. Es ging damals nicht so schnell darum, die Aufmerksamkeit durch noch höhere Erregung anzufeuern: Kampf bringt heute aber ordentlich Quote. Wo ist fast egal, wichtig nur: gut und böse klar zu scheiden.

Die Art des Fragens, die Wortwahl, der Stil in Interviews und Berichten: sie machen gegenwärtig eine neue militaristische Atmosphäre aus.

Auch das Tempo spielt eine Rolle in der allgemeinen Mobilisiierung. War gestern noch MH17 potentieller Kriegsgrund, interessiert sich heute niemand mehr für den Flugschreiber in London. Sollte es gestern noch in die Zentralafrikanische Republik und Mali, müssen heute Deutsche den Bürgerkrieg im Irak regeln: zu die hunderttausende Tonnen Waffen müssen unbedingt noch unsere dazu, egal wenn die meisten im Lande gar nicht den Islamisten, sondern anderen Parteien dienen.

“Germans to the Front”, wer hat denn sonst in der EU das Sagen?

Die vielen Argumente zur Besinnung und dafür, sich nicht auf militärische Logik zu versteifen, die ein selbstverliebter und eher bornierter Pfaffe aus dem Osten mit präsidialem Gestus regelmäßig mehr ventiliert, gehen im Geschrei fast unter. Dabei gibt es eine Menge Argumente, doch kommen sie gegen kriegsverliebte Journalisten kaum an.

Selbst Mahnungen des alten, eiskalten Kriegers Henry Kissinger kommen hierzulande nicht mehr zur Geltung.

Öffentlich-rechtliche Sender wie der Deutschlandfunk oder die Deutsche Welle haben inzwischen zu ihrer alten Rolle zurückgefunden: sie waren früher reine Propagandainstrumente im kalten Krieg. Der Rollback läuft: Da wird schon mal in Nachrichten verbreitet, dass deutsche und amerikanische Truppen in der Westukraine Manöver beabsichtigen, oder vehement der sofortige Militäreinsatz zur Rettung eingekesselter Jessiden gefordert, obwohl dieser Sachverhalt seit Wochen keine Aktualität mehr hat.

Oder deutsche Diplomaten fantasieren in den Sendern von 50 Prozent Russen in Lettland, die wie eine Invasionsarmee den Bestand des Nato-Mitglieds existentiell zu gefährden drohen. Die tatsächliche Minderheit wird flugs einmal verdoppelt, um das Klima der Bedrohung im Militärbündis weiter anzuheizen.

Da mag man von den Nationalismen und Faschismen links und rechts der Grenzen halten, was man will – Deutschland soll zumindest eine viel wichtigere Rolle in globalen Machtverhältnissen spielen als in den vergangenen Jahrzehnten!

Derartiges verdichtet meinen Eindruck, dass tatsächlich zur Zeit die größte Kriegsgefahr in Europa von sich laufend selbst übertreffenden Medien und der von ihnen produzierten Stimmung ausgeht, die auf uns “ausser Rand und Band” militaristisch eindröhnen.

Bedrohlicher als im Kalten Krieg ist die Lage in Europa inzwischen deswegen, weil sich die Erregungen und Informationszyklen weitaus schneller (technisch) hochschaukeln, und derartiges Hochschaukeln gleichsam in der Ökonomie der Medien fest verankert ist.

Innerhalb weniger Wochen wurde zum Beispiel aus bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen in der Ukraine, an der der Westen gewiß nicht ganz unschuldig ist ein neuer Kalter Krieg. Und die Nato denkt tatsächlich darüber, in diesen direkt militärisch einzugreifen. Das zeigt den engen, erschreckenden Zusammenhang zwischen Kosovo, Afghanistan, Irak, der Ukraine und deutscher Kriegsverve um sie – alles Länder, die der Natovertrag “eigentlich” nicht betrifft. Was auch sonst von Jakob Augstein (und seinem “Freitag”) zu halten ist, auch er mahnt zu Recht kräftigen Tritt auf die Bremse an, und zwar sofort.

Die Dogon, ein Naturvolk in Mali haben öffentliche Versammlungsorte aus Holz und Stroh, unter deren Dach sich Dispute regeln: Weil das Dach nur gut ein Meter fünfzig hoch ist, kann niemand erregt aufspringen und sich dadurch das Tohuwabohu immer weiter aufschaukeln. Die Weisheit der Dogon aus der Sahara fehlt uns.

 


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