Frankfurter Gemeine Zeitung

Unprätentiös und ironisch- Die banale „Gesellschaftskritik mit Augenzwinkern“

Der Begriff „unprätentiös“ ist heute quasi ein Gütesiegel für Kulturprodukte. Was unprätentiös auftritt, sich unprätentiös gibt, wird von ZDFneo und Konsorten schnell für unbedingt anschlussfähig erklärt.

Auch Gesellschaftskritik besitzt durchaus Marktwert, wenn sie dieses Gütesiegel vor sich her tragen kann, auf leisen Sneakers im Rollkragenpulli daherkommt und nicht so polternd und martialisch auftritt, wie Ernst Buschs Vertonung des Brechtschen „Lieds vom Klassenfeind“.
Letztere Form der Gesellschaftskritik wäre nämlich gefährlich für Staat und Gesellschaft, dazu noch ewiggestrig, radikal bis extremistisch und überhaupt in jeder Form abzulehnen.

Moderne Gesellschaftskritik hingegen funktioniert so, dass man sich stets nach Bedarf von ihr distanzieren kann. Eine doppelbödige Ironie stellt hierbei sicher, dass man, wenn man sich doch einmal zu weit vorgewagt hätte, sich auf den einfachen Satz „das war doch alles Satire“ zurückziehen kann, um sich dann sogleich auf den Freischein den angeblich Tucholsky jeglicher Satire (und sei sie auch noch so dumm) ausgestellt habe, zu berufen.

Nein, politische Äußerungen in Kunst und Kultur haben heute nicht oberlehrerhaft und im Agitprop-Stil zu erfolgen, sondern haben gefälligst (so ist´s nun guter Brauch!) mit einem ironischen Augenzwinkern daherzukommen.
Das Augenzwinkern sagt hierbei stets: „Ist doch alles nicht so gemeint!“ Und dies ist tatsächlich so gemeint.
Die mit dieser Art von Augenzwinkern vorgetragene Kritik ist keine Kritik und will auch keine sein. Sie ist Affirmation, die sich aus erzähltechnischen Gründen mit ein paar Attributen von Kritik schmückt, um den für die Pointe notwendigen Spannungsbogen aufzubauen.

Wenn man sich im Duden die Synonyme für das Wort „unprätentiös“ anschaut, liest man übrigens „anspruchslos, bescheiden, einfach, genügsam, schlicht, schmucklos, unscheinbar, zurückhaltend“.
Könnte sich ein System jemals bequemere Kritiker wünschen, als solche die anspruchslos, bescheiden, einfach, genügsam, schlicht, schmucklos, unscheinbar und zurückhaltend sind?

Wer hingegen für sich den Anspruch geltend macht, die Wahrheit zu sagen und wer kämpferisch auftritt, wer sich nicht taktvoll in Mehrdeutigkeiten und Ironie kleidet, wird als anmaßend, unhöflich, missionarisch, humorlos, kurz als Zumutung empfunden. Subtil und in viele Richtungen interpretierbar muss die politische Aussage in der Kunst sein.

Ob man sich nun mit Harald Schmidt über dessen dümmliche Polenwitze amüsiert hat oder sich dabei, ebenfalls mit Harald Schmidt, über jene amüsierte, die die Ironie nicht verstanden hätten (oh diese Ungebildeten!) und deshalb über die dämlichen Polenwitze lachten, bleibt sich aber letztlich gleich.

Poetry-Slam-Bühnen füllen sich mit Germanistikstudenten, die ganz unprätentiös einen Schwank aus ihrem Alltag, ihren Beziehungskisten und dergleichen erzählen und dabei nicht einmal merken, wie sehr sie einem Mario Barth ähneln, von dem sie sich natürlich striktestens distanzieren würden.
Dabei bleibt der einzige Unterschied zwischen ihnen, dass Mario Barth seine Banalitäten in Stadien einem Millionenpublikum entgegenschreit, während die erwähnten Germanistikstudenten ihre Banalitäten in aufgesetzt schnoddriger Haltung, von der Kleinkunstbühne aus, ihren Kommilitonen entgegennuscheln müssen.

Alltagsbezüge finden eben Anklang (Alltag kennt schließlich jeder) und wer dazu auch noch mit abgeklärter Ironie über die Fleischqualität von McDonalds, die Verspätung der Bahn oder den politischen Absturz der FDP witzeln kann, der kann sich das Etikett „gesellschaftskritisch“ an seine künstlerische Verpackung heften, als sei es ein EU-Öko-Siegel.

Hauptsache man wirkt dabei nicht belehrend, denn das Kulturpublikum sucht keine Belehrung (und damit auch keine Möglichkeit zum Lernen) sondern vielmehr die Selbstvergewisserung trotz seiner faktischen politischen Indifferenz zumindest irgendwie und ganz diffus wenigstens bewusstseinsmäßig noch auf der richtigen Seite zu stehen.

Inzwischen ist diese faktische politische Indifferenz kombiniert mit ritualisierter Selbstvergewisserung sogar wählbar und hat bei der letzten Europawahl durchaus Stimmen gewonnen und für Schlagzeilen gesorgt, nämlich in Gestalt der Partei „Die Partei“ von Martin Sonneborn.

Aber natürlich parodiert dieser mit seiner Partei die politische Gleichgültigkeit nur mit einem ironischen Augenzwinkern.


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