Frankfurter Gemeine Zeitung

Euer Netz ist SCHEISSE!

Im Anschluss an die Performance vom 19.09.2014 im Lola Montez hatte ich ein Gespräch mit einem Freund, der sich die Veranstaltung angesehen hat und sie als in einem gewissen Sinne zu technikfeindlich kritisierte.

Die Veranstaltung sei nicht auf die (politischen) Chancen eingegangen, die sich durch die Vernetzung bieten würden. Beispielsweise seien Facebook & Co. auch als Werkzeuge zu sehen mit deren Hilfe sich politischer Widerstand organisieren ließe.

Ich entgegnete, dass es sich bei Facebook und ganz allgemein bei weiten Teilen des Internet um einen marktförmigen Raum handele, der damit auch marktförmige Kommunikationsformen begünstige. Die Chancen einen politischen Widerstand gegen die zunehmende Durchmarktung unseres Seins ausgerechnet in einem Medium, welches die Turbo-Ökonomisierung wie kaum etwas anderes vorantreibt, zu organisieren, beurteile ich eher pessimistisch.

Mein Freund hielt mir daraufhin entgegen, dass Märkte auch Kommunikationsorte für jene sein könnten, die dort nicht kaufen.
Tatsächlich ist ein Markt in einem sehr klassischen Sinne (z.B. als Bauernmarkt auf der Zeil) ein sozialer Raum, an dem sich Menschen begegnen, ohne zwangsläufig kaufen und verkaufen zu müssen und auch ohne sich zwangsläufig gegenseitig als Ressource oder Ware betrachten zu müssen.

Jedoch ist dem Bauernmarkt kein technischer Mechanismus eingeschrieben, der dafür sorgt, dass in erster Linie der gehört wird, der den gerade aktuellen aufmerksamkeitsökonomischen Standards entspricht. Anders hingegen verhält es sich im Netz, in dem Suchmaschinenpositionierungen zu einem guten Teil darüber bestimmen, welche Botschaften überhaupt noch wahrgenommen werden.
Nicht umsonst ist „search engine optimization“ (kurz SEO) inzwischen ein Wachstumsmarkt und Agenturen, die es als professionelle Dienstleistung anbieten, Texte auf größtmögliche Suchmaschinengängigkeit zu trimmen, schießen wie Pilze aus dem Boden.
Hier also formen Marktmechanismen ganz plastisch, greifbar und direkt unsere Kommunikation und unser Denken. Man schreibt so, dass es die Maschine zufriedenstellt und wer anders schreibt, der wird eben nicht gehört.
Diese Form der Zensur ist allumfassender, als es eine Zensur mittels diktatorischen Zwanges jemals sein könnte, da sie sich nicht einmal wie Zwang anfühlt, sondern den vorauseilenden Gehorsam fast als etwas Lustvolles empfinden lässt und als etwas, das jene auszeichnet, die “up-to-date” sind.
Sie lässt die zensierten Informationen einfach weiterbestehen und beraubt sie lediglich ihrer Relevanz.
Jeder kann jederzeit eine kommunistische, anarchistische, sozialdemokratische, feministische, christliche, reaktionäre, radikalökologische, verschwörungstheoretische oder sonstwelche Plattform im Internet eröffnen. Who cares?
Ein paar Terabyte „politischen Gebrabbels“ mehr oder weniger schaden dem System nicht ernstlich.

Wenn sich dann aber doch einmal eine politische Idee durch das Dröhnen der Werbetrommeln, das Gekreische der Spinner, den omnipräsenten Spam, das Meer von Katzenbildern und persönlichen Erlebnisberichten hindurch Gehör verschaffen will, muss sie sich zuvor auf Konsensfähigkeit eindampfen lassen, es sei denn die politische Idee hätte die schlagkräftige PsyOps-Abteilung einer Regierung oder eines Konzerns hinter sich, die sich Suchmaschinenplatzierungen, wohlwollende Kommentare, Likes und Klicks einfach kaufen, sowie Verbreitungskanäle für diese Idee professionell aufziehen und etablieren kann.
Konsensfähig in diesem Sinne sind vor allem kurzfristige Appelle an Befindlichkeiten, die wenig Reflexion erfordern: „Wir schütten uns Eiswasser über den Kopf um Kranken zu helfen“ oder „wir jagen den Kriegsverbrecher Kony von unserem heimischen Schreibtisch aus“.

Die heutige Netzwelt schafft es, selbst ehrenwerte humanitäre und soziale Gedanken in vollverblödete Zerrbilder ihrer selbst zu transformieren.

Ebenso verhält es sich mit politischer Diskussionskultur. Viele namhafte Zeitungen beklagen inzwischen den veränderten Tonfall der Leserzuschriften, insbesondere auf ihren Onlinepräsenzen.
Dieses Phänomen ist übrigens, anders als oftmals vermutet wird, beileibe nicht nur der scheinbaren Anonymität des Netzes geschuldet.
Zuschriften, die mit „IHR MAINSTREAMPRESSE PROPAGANDAFICKER!!!!!1!!“ getitelt sind, werden von vielen Personen unter ihren Klarnamen verfasst.

Der Tonfall aggressiver Erregung hat sich inzwischen von den kleinen Stammtischen der Eckkneipen an den großen weltweiten Stammtisch verlagert.
Dass dies kein Zufall ist, sollte langsam klarwerden.
Stammtischparolen waren schon immer marktgängig und dass sie dort, wo marktgängige Kommunikation allgemeiner Modus ist, besonders aufblühen, verwundert nicht.
Nicht umsonst war Deutschlands erfolgreichste „Tageszeitung“ (ich denke alle wissen, welche gemeint ist) so ziemlich das einzige Printmedium, das bisher noch vergleichsweise unbeschadet aus der allgemeinen Digitalisierung hervorgegangen ist, wobei es allerdings auch dort inzwischen bergab geht.

Hier findet sich aber wohl doch zumindest eine gewisse Parallele vom digitalen Markt zum klassischen Marktplatz: Marktschreierei lockt den Kunden nach wie vor.

Dennoch hinkt der Vergleich extrem.
Der Bauernmarkt hat nicht die Angewohnheit jede einzelne Handlung bis hin zum unbedeutendsten Fingerzeig zu katalogisieren, auszuwerten und versucht erst recht nicht, jeden unserer zukünftigen Fingerzeige zu prognostizieren.
Die Algorithmen der digitalen Welt hingegen tun dies ständig und unablässig, quasi in Echtzeit.
Dabei sind sie für uns als Personen weder greif- noch begreifbar. Die Algorithmen von Google, Facebook und den großen Finanzinstituten zählen wohl zu den bestgehüteten Geheimnissen, die es außerhalb von Geheimdiensten und Regierungen überhaupt gibt.
Diese Algorithmen kann man durchaus als sich selbst potenzierendes Herrschaftswissen bezeichnen, denn einerseits sind sie selbst Herrschaftswissen, andererseits liegt ihre Hauptaufgabe darin, unablässig neues Herrschaftswissen zu generieren.

Viele Netzapologeten halten dem nun entgegen, dass das Netz helfen könne Herrschaftswissen aufzudecken und zu demaskieren, so wie es Edward Snowden oder Julian Assange getan haben.
Doch hier greift wieder der bereits erwähnte Zensurmechanismus der digitalen Gesellschaft, nämlich die Informationen nicht zu vernichten, sondern schlicht auf wundersame Weise irrelevant werden zu lassen.

Denn welche realpolitischen Auswirkungen hatten denn die ungeheuerlichen Enthüllungen von Edward Snowden bis jetzt?
Die Bundesregierung produzierte heiße Luft in einem so moderaten Umfang, dass sie sich sicher sein konnte, unseren amerikanischen Verbündeten damit keinesfalls auf den Schlips zu treten. Die Opposition fand das doof und hätte sich da schon etwas mehr heiße Luft gewünscht. Die Bevölkerung bedruckte T-Shirts und klebte Sticker mit Snowdens Konterfei und forderte, dass ihm Asyl zu gewähren sei, was gegen globale Überwachung ungefähr so wirksam ist, wie ein Video in dem man sich Eiswasser über den Kopf schüttet, gegen ein unheilbares Nervenleiden. Tatsächlich wäre Snowden auch bekloppt, wenn er ein Asyl in Deutschland annehmen würde, denn hier hätte ihn die CIA schneller am Wickel, als er „oh shit“ sagen könnte.
Meint denn irgendwer ernsthaft, die CIA würde bei einem solchen Zugriff irgendwelche Rücksichten auf deutsche Befindlichkeiten nehmen?
Ich muss sagen, dass ich die Forderung nach Asyl für Snowden als derart unsinnig und an allen Realitäten vorbeigehend empfinde, dass ich mich offen dazu bekenne, solche Sticker schon aus Wut abgerissen zu haben.
Die Stickeraktionen mit „Asyl für Snowden“ halte ich geradezu für ein Paradebeispiel dafür, wie die grenzenlose Impotenz digitalen politischen Widerstandes sogar in die verbliebenen Reste realer politischer Widerständigkeit hineinmetastasiert.

Wenn man die Möglichkeiten des Netzes sich gegen Herrschaft aufzulehnen in die Waagschale wirft gegen die Möglichkeiten der Herrschaft, die im Netz bereits jetzt implementiert sind, so erscheint das dystopische Szenario eines digitalen Faschismus weitaus wahrscheinlicher, als das utopische Szenario einer digitalen Demokratie.

Was also kann man tun?

Ich selbst sehe es ein, dass dieser Text hier auch irgendwie eine pathetische Geste ist. Ich bin der Mann, der sich auf den Marktplatz stellt und laut schreit, „Euer Markt ist Scheiße!“, für eine Weile den Don Quijote mimt und am Ende an einen Marktstand geht, um noch ein paar Eier und eine Kohlrübe für daheim zu kaufen.

Aber wenn es mir gelungen ist, hier ein paar Illusionen, zumindest bei den Wenigen, die dies lesen, zu zertrümmern, dann habe ich wenigstens etwas erreicht.

Und tatsächlich gibt es auch Widerstandspotentiale gegen die Durchdigitalisierung unserer Lebenswelt. Google Street View beispielsweise konnte ein überwiegend analoger (und nicht digitaler), klassisch-politischer Protest ein ordentliches Schnippchen schlagen.
Der Jurastudent Max Schrems konnte mit Datenschutz-Klagen vor ganz analogen Gerichten den mächtigen Facebook-Konzern das Fürchten lehren und der gute alte rustikal-analoge Faustschlag kann noch immer treffsicher die Google-Brille aus dem Gesicht des netzaffinen Schlaumeiers fegen.
So viel Macht haben wir noch.

Und da ich mir vorgenommen habe, in künftigen Artikeln häufiger mal auf jegliche Formen ironischen Augenzwinkerns zu verzichten und mehr agitative Propaganda zu betreiben, möchte ich hier mit ein paar Appellen schließen.

Kauft keine Smartphones!
Nutzt Facebook nicht unter Eurem richtigen Namen!
Stellt keine Informationen in irgendwelche Clouds!
Boykottiert Google-Glasses und Smarthomes!
Glaubt nicht an digitale Demokratien, digitale Revolutionen oder digitalen Aktivismus!


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