Frankfurter Gemeine Zeitung

Neue Dorfumgehung für HartzIV Empfänger

Wir alle wissen es, seitdem Bayern sein politisches Jahrhundertprojekt, die PKW-Maut forciert: die Infrastruktur in Deutschland ist hinüber, für Dutzende Millionen Autos ruckelt es hier und dort zuweilen.

Wegweisende Projekte für die Förderung kommen deshalb auch aus Bayern, und Mittelfranken prescht für Umgehungsstraßen (Infrastruktur!) besonders weit nach vorne: Die Gemeinde Reichenschwand hat gut 2.000 Einwohner, und für sie wird ein Umgehungstunnel geplant, der glatte 80 Millionen Euro kosten und Reichenschwand “erlösen” soll. Wat mut, dat mut. “Ist die einzig gangbare Lösung”.

Vermutlich wurden die 80 Millionen für den Dorftunnel in Berlin als Richtwert für eine aktuelle Entscheidung genommen: 8 Euro im Monat gibt es bald mehr für HartzIV Empfänger, mithin für eine Million HartzIV Empfänger ungefähr soviel im Jahr, wie der Reichenschwander Tunnel kosten soll.

Anders gewendet: wenn die paar Reichenschwander denn auf ihr gelegentliches Tunnelfeeling verzichten würden, könnten eine Million HartzIV Empfänger nächstes Jahr glatt doppelt soviel dazu bekommen. Jeder einzelne Reichenschwander für 500 Empfänger.

Aber das wär vermutlich ungerecht.


Neospießer als Organismen im “Ökosystem Markt”- Versuch einer begrifflichen Annäherung

Den Eindruck, dass sich eine neue Form von Spießertum ausbreitet, teile ich mit zahlreichen Feuilletonisten und es wurde inzwischen viel geschrieben über eine „Rückkehr zum Biedermeier“, „die neue Bürgerlichkeit“ oder gar „Spießigkeit als neues Lebensgefühl“. Ein Bisschen hilflos und ein Bisschen bewundernd betrachten inzwischen selbst bürgerlich gewordene Journalisten, die in den 60ern oder 70ern noch echte Revoluzzer waren, eine heutige junge Generation, die wenig für Gesellschaftskritik, aber umso mehr für Karrierepläne und Eigenheim übrig hat.
Oft genug pendeln die Erklärungsmodelle zwischen „fehlender Abenteuerlust“, „medialer Überforderung“, „Wunsch nach Verbindlichkeit“ oder einer „eigentlich gar nicht mal so schlechten Rückbesinnung auf alte Werte“.

Die Werbebranche jedenfalls hat das Lebensgefühl „Spießertum“ bereits als wirksame Botschaft entdeckt und wirbt mit dem Begriff für Bausparverträge, wobei im entsprechenden Spot natürlich das ebenso postmoderne wie obligatorische ironische Augenzwinkern nicht fehlen darf.
Eigentlich will man ja nicht spießig sein, aber wer realistisch ist, sollte nun mal eben vom Eigenheim in dessen vertrauten Wänden man natürlich ausgelassen und verrückt sein darf, träumen. Ich denke, dass diese Botschaft den Zeitgeist durchaus trifft.

Nicht umsonst gibt es jetzt auch ein Jugendmagazin namens „spiesser“, welches sowohl online, als auch als Gratis-Printexemplar in vielen Hochschulen zu finden ist. Tatsächlich macht dieses Magazin seinem Namen alle Ehre. Auf der Online-Präsenz finden sich Beiträge in drei Rubriken: Sprachrohr, Sprungbrett und Spielwiese.
Die Rubrik „Spielwiese“ umfasst wie der Name schon sagt, unterhaltsame Harmlosigkeiten, Tipps für Kinofilme und seichte Literatur, Gewinnspiele und Ähnliches. Die Rubrik „Sprungbrett“ befasst sich, wie sollte es anders sein, in erster Linie mit Karrieretipps.
Die Rubrik „Sprachrohr“ wiederum gliedert sich in Unterrubriken mit Titeln wie „Meine-Deine-Energie-Blog“, „Gefühlsdingsbums“, „Rentner-Kompetenz-Team“, „SPIESSERs gute Welt“, aber auch „Nachgefragt“ oder „SPIESSER debattiert“.
Es ist durchaus nicht so, dass das Magazin gänzlich unpolitisch wäre, immerhin finden sich durchaus auch mal Beiträge zum Mindestlohn oder zu Ökologie-Themen, dies jedoch auf dem Niveau von pädagogisch wertvollen Nachrichten auf dem öffentlich rechtlichen Kinderkanal.
Dass sich dieses Magazin nicht nur an Schüler, sondern auch an Studenten richten soll, scheint auf den ersten Blick wie eine groteske Unterschätzung der geistigen Kapazitäten der Leserschaft, ist es aber mitnichten. Studenten sind inzwischen so; nicht alle aber immer mehr.
Die Rubriken „Sprachrohr“, „Sprungbrett“ und „Spielwiese“ mit ihren Unterrubriken erscheinen mir eher wie eine treffende Beschreibung des psychologischen Inventars des Großteils einer Generation.
Aber warum erlebt eine neue Form des Spießertums eine derartige Konjunktur?

Um mich dem Phänomen des Neo-Spiessers nähern zu können, möchte ich hier einen kleinen Szenenwechsel vornehmen:
Neulich war ich eingeladen auf der Feier eines Kunstvereines, bei dem ich ehrenamtlich an einem Theaterprojekt für Jugendliche mitgewirkt habe. Natürlich war dort, wie es sich für einen Kunstverein in Frankfurt gehört, alles voll von politisch linken kulturell aktiven Menschen, die zusammen grillten, viel tranken und noch mehr über Kultur und Politik diskutierten. Kaum einer war dort, der nicht zumindest in irgendeiner gemäßigten Form Marxist gewesen wäre.
Dort traf ich auch einen Freund, den ich aus der Frankfurter HipHop-Szene kenne, der als Rapper aktiv ist und ebenfalls an dem Theaterprojekt teilgenommen hatte.
Er passte nicht ganz in die Szene dort, da er nicht einmal andeutungsweise einen linkskulturbürgerlichen Habitus aufweisen kann und man ihm durchaus anmerkt, dass er weder mit einem goldenen Löffel im Mund aufgewachsen ist, noch jemals eine Universität besucht hat. Daraus machte er auch keinerlei Geheimnis.
Unter den toleranten linksorientierten Kulturbürgern wurde er herzlich aufgenommen, ohne dass sich jemand an seinem Auftreten oder seiner Wesensart gestört hätte.
Irgendwann allerdings lichteten sich die Reihen auf dem Fest und mein Freund und ich zählten zu den letzten Gästen. Während ich mich mit der Hausherrin über Politik und Kunst unterhielt, spielte mein Freund ein Trinkspiel mit der Tochter der Hausherrin und deren Freunden, alles junge Menschen zwischen 16 und 22.
Irgendwann kam dann die Tochter der Gastgeberin zu ihr und bat mit halb nörgelnder und halb flehender Stimme: „Mama? Kannst Du den einen da bitte rausschmeißen?“
Die Mutter fragte daraufhin, was „der eine da“ denn verbrochen habe, dass sie ihn unbedingt aus dem Haus werfen solle, worauf die Tochter folgendes antwortete: „Weiß ich nicht, aber der ist komisch.“
Die Mutter als linke Kulturbürgerin war über das Ansinnen ihrer Tochter total konsterniert und entgegnete ihr, dass sie nicht einfach ohne triftigen Grund einen Gast aus dem Haus werfen wolle und verstand nicht einmal, wie ihre Tochter auf so eine Idee kommen konnte.
Die Tochter entgegnete trotzig: „Na gut, aber wenn morgen irgendwas fehlt, dann bist Du schuld!“
Ich befürchte, die Mutter hat bis heute nicht verstanden, was ihre Tochter in diesem Moment dachte und zum Ausdruck bringen wollte. Der Mutter war eine Form von Denken fremd, das die Tochter bereits als Selbstverständlichkeit verinnerlicht hatte.
Letztlich, so glaube ich, wollte das Mädchen wohl nichts anderes sagen, als das Folgende:
„Der fremde Mensch dort entspricht vom Habitus her nicht der Gesellschaftsschicht an der ich mich orientiere. Mein diesbezüglich bestehendes diffuses Bedrohungsgefühl kann ich nicht verbalisieren und drücke es daher in der Befürchtung aus, der Fremde könnte das Familieneigentum schädigen.“
Während die Mutter als Alt-Linke noch eine prinzipielle Sympathie für benachteiligte soziale Klassen aufwies, hatte die Tochter die Botschaften einer modernen Welt der Selbstoptimierung bereits voll internalisiert.

„Du bist wen Du kennst“ heißt das Credo, welches natürlich im Umkehrschluss bedeutet, dass man bestimmte Leute nicht kennenlernen sollte, namentlich solche, die nicht so sind, wie man selbst gerne wäre.
Geradezu instinktiv hatte die Tochter etwas verinnerlicht, das bereits Pierre Bourdieu beschrieben hat, nämlich dass soziale Schichten sich nicht nur durch das ökonomische, sondern eben auch durch soziales, kulturelles und symbolisches Kapital voneinander abgrenzen. Anders als Bourdieu stand die Tochter diesem Phänomen allerdings nicht kritisch-analytisch gegenüber, sondern lebte vielmehr ganz im Geiste des modernen Kapitalismus danach.
Wenn auch das soziale, kulturelle und ökonomische Kapital eben Kapital ist, so gilt es, dieses zu mehren, wenn man in einem kapitalistischen System nach Erfolg strebt. Warum auch nicht?

Eigentlich ist dies, so betrachtet, erstmal nichts Neues. Wahrscheinlich warnen seit Jahrhunderten statusbewusste Eltern ihren Nachwuchs vor schlechtem Umgang, im Bewusstsein, dass Verhaltensweisen und Anschauungen des „schlechten Umgangs“ (also von Personen mit niedrigerem gesellschaftlichen Status) auf die Kinder abfärben könnten.
Doch es erscheint mir hier kein Zufall, dass sich das Verhältnis in diesem Fall umgekehrt hat und die Tochter ihre Mutter an Statusverhalten weit übertraf.

Die Tochter kann man zur Generation der sogenannten „Digital Natives“ rechnen. Sie ist mit dem Netz aufgewachsen und wohl nirgendwo anders liegen ökonomisches, soziales, kulturelles und symbolisches Kapital so nahe beieinander wie dort.
„Sag mir, was Du likest, wen Du kennst, was Dich interessiert und wie Du Dich präsentierst und ich sage Dir, wer Du bist“ könnte man eines der großen Versprechen der digitalen Welt zusammenfassen. Ein Versprechen, das eine unverhohlene Drohung beinhaltet, die dennoch immer und immer wieder geflissentlich überhört wird.
Das Netz visualisiert den Status von allem möglichen unablässig. Wer am nächsten Tag auf Facebook öffentliche Kritik seiner Freunde dafür einstecken muss, auf seine Party die falschen Typen eingeladen zu haben, der überlegt es sich dann auch lieber zweimal, wen er überhaupt einlädt.
Allerdings wäre es zu einfach, alleine das Internet hierfür verantwortlich zu machen. Vielmehr erscheint mir, dass das Internet mehr als Beschleuniger eines ohnehin existierenden Prozesses von Hochgefühlen und Abstürzen, von Lust und Bedrohungsgefühl zu sein, welches die Durchökonomisierung aller Lebensbereiche mit sich bringt.
Wer sich selbst gewinnbringend zu Markte tragen muss, der kann seinen Marktwert nur durch eine marktorientierte Selbstoptimierung steigern und dies bezieht sich nicht nur auf das ökonomische, sondern auch auf das soziale, kulturelle und symbolische Kapital. Hierbei gilt es natürlich keine Zeit zu verschwenden, da alle Zeit, die man im ökonomischen Sinne nutzlos verstreichen lässt, den Anderen unweigerlich einen Konkurrenzvorteil verschaffen muss und damit den eigenen Marktwert schmälert.
Der Lebenslauf muss sauber sein und die Interessen auf Marktgängigkeit optimiert. Allerdings ist der klassische Weg des Strebers, der zu jeder BWL-Vorlesung im Sakko erscheint, zu unsexy. Wer allzu verklemmt, pedantisch und spaßbefreit daherkommt, betreibt schlechtes Selbstmarketing.
Ein Bisschen Querdenken, Ausgeflipptheit und Eigensinn sind im systemgesteckten Rahmen durchaus erwünscht.

Die große Unternehmensberatungsagentur McKinsey beschreibt das Profil der von ihnen gewünschten Bewerber folgendermaßen: „Um bei McKinsey erfolgreich zu sein, sollten Sie bereit sein, neue Wege zu gehen. Ebenfalls wichtig sind eine hohe Lernbereitschaft, Teamfähigkeit und ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten. Dafür können alle Berater bei McKinsey Internationalität, Flexibilität und ein speziell auf Sie abgestimmtes Entwicklungsprogramm erwarten.“
Eine bestimmte Form von Individualität ist also sogar Einstellungsvoraussetzung. Wer lediglich einen sehr guten wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulabschluss, aber sonst keine karitativen Engagements, ausgefallenen Hobbies, Auslandsaufenthalte oder sonstigen persönlichen Achievements oder Gimmicks vorweisen kann, hat da eher schlechte Karten. Sogar gewisse widerständige politische Engagements eignen sich, maßvoll eingesetzt, durchaus als Gimmick, welche sich im eigenen Portfolio nicht unbedingt schlecht machen müssen.

Der seltsame Imperativ „Sei Du selbst“ dröhnt dabei aus allen Kanälen. Dabei ist dieser Satz bei näherem Hinsehen eigentlich barer Unsinn. Wenn ich nun einmal ich selbst bin, so brauche ich wohl niemanden, der mir sagt, dass ich „ich selbst“ sein müsste. Vielmehr müsste ich mir eigentlich die Frage stellen, ob ich überhaupt noch ich selbst sei, wenn ich dieses Selbst nur auf Kommando eines immer wiederkehrenden gesellschaftlichen Imperativs wäre.
Genau dieser Imperativ lässt den Satz „sei Du selbst“ derart monströs erscheinen. Er scheint mir nur allzu oft nichts Anderes zu meinen als ein vollintegriertes und durchoptimiertes Selbst, das flexibel auf die sich immer schneller wandelnden gesellschaftlichen Anforderungen reagiert und dabei ein Inventar an charakteristischen Individualitäten, quasi als eine Art von persönlicher Corporate Identity, aufrechterhalten kann.
Hobbies oder persönliche Engagements sind hierbei Teil der Entwicklung eines persönlichen Markenimages und Kleidung nicht einfach nur etwas, das man am Leibe trägt, sondern ein „Fashion-Statement, das der Welt sagt, wer wir sind“, wie es in einem Werbeclip des Musiksenders VIVA heißt. Ohne solch ein Markenimage ist man gewissermaßen Ramschware. Ein Discounterprodukt, welches vielleicht identische Qualitäten wie ein Markenprodukt aufweist, aber für den halben Preis am Wühltisch vermarktet wird. Wer sich nicht ausreichend optimiert hat, vielleicht in seinem Lebenslauf sogar einen Knastaufenthalt stehen hat, wird den gleichen Job gewiss für einen geringeren Lohn annehmen (müssen).
Dem Markt mag es in diesem Sinne sogar recht sein, da die „Discountermenschen“ die Marktpreise von Arbeitskraft drücken und weiteren Optimierungsdruck erzeugen, doch das Individuum selbst möchte natürlich lieber im Premiumsegment gehandelt werden.
Und ein Premiumprodukt will selbstverständlich nicht auf dem gleichen Regalbrett stehen, wie die No-Name Produkte, womit jede Form von Solidarität (außer als karitatives Gimmick) nicht nur kategorisch ausgeschlossen, sondern fast undenkbar wird.

Genau die Mischung aus Statusbewusstsein/Statusangst, fehlender Solidarität und fröhlich angepasster Eigensinnigkeit ist es, was den Neospießer ausmacht. Der klassische Spießer verteidigt seinen sozialen Status dadurch, dass er an tradierten Rollen festhält und versucht, sich von allen Abweichlern abzugrenzen.
Der Neospießer hingegen hat begriffen, dass die tradierten Rollen ihm keinen Schutz mehr vor der allgegenwärtigen Konkurrenz bieten. Er fügt sich lieber dem Gesetz des „Survival of the fittest“, das er sich, da es ihm ohnehin unentrinnbar erscheint, zu seinem normativen Prinzip erhoben hat.
Im Deutschen wird dieses Prinzip zu oft falsch mit dem „Überleben des Stärksten“ übersetzt. Dies aber war nie gemeint. Es handelt sich vielmehr um das Überleben des am besten Angepassten. Dabei bleibt es dem Individuum durchaus überlassen, in welcher ökologischen Nische des Marktes es sich anpassen will. Nur sich gar nicht anzupassen geht eben nicht.
Der schon erwähnte Imperativ „sei Du selbst“, ließe sich da vielleicht treffend mit „finde Deine eigene Marktlücke“ übersetzen.
Doch natürlich muss die einmal eroberte Marktlücke gegen die Konkurrenz gehalten werden, was wieder durch optimale Anpassung geschieht.

Dass in diesem Zusammenhang ein evolutionsbiologisches Vokabular wie die Rede von „ökologischen Nischen im Markt“ so passend erscheint, verwundert nicht, sondern hat vielmehr System, auch wenn die meisten seriösen Evolutionsbiologen sich von einer kritiklosen Übertragung evolutionsbiologischer Begriffe in soziale Zusammenhänge gewiss distanzieren würden.
Die evolutionistisch-biologistischen Begrifflichkeiten treffen den Nerv einer Gesellschaft, die den Markt längst nicht mehr als Maschinerie betrachtet, sondern vielmehr als das grundlegendste Funktionsprinzip des Ökosystems, in dem man zu existieren versucht. Ein Versuch, sich der Anpassung zu entziehen, erscheint da gewissermaßen als biologischer Atavismus und kann höchstens so beäugt werden, als sei einem anerkannten Mitglied der Gesellschaft plötzlich ein Greifschwanz gewachsen. Denn vielleicht ist so ein Greifschwanz ja ganz cool und kann sogar auch ein lustiges Gimmick sein, aber ehrlicherweise ist man doch eher froh, wenn einem keiner wächst.
Natürlich könnte der Greifschwanz aber auch Mode werden und dem Greifschwanzträger damit beispielsweise Paarungsvorteile vermitteln. Wahrscheinlich wäre man dann froh, wenn man einen hätte, ja würde sich vielleicht sogar einen falschen Greifschwanz zum Umhängen kaufen.

Diese eher sarkastisch gemeinte Metapher vom Greifschwanz hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Die Optimierung in Bezug auf Konkurrenzvorteil und Anpassung macht vor dem menschlichen Körper keineswegs Halt, was sich symptomatisch an der unglaublichen Vielzahl der Marktangebote für Mittel zur Körperoptimierung zeigt, wie Pflegeprodukte, Schönheitsoperationen, Pharmaka und Beauty-Salons. Man optimiert den Körper mit teuren und exklusiven Fitnessclub-Mitgliedschaften, persönlichen Coaches oder den aktuellsten Diäten. Vom Klang der Stimme, über den Eigengeruch bis hin zur Größe der Nase ist alles Teil des persönlichen Marktwertes und für alles gibt es auf dem Markt Optimierungsmöglichkeiten.

Wenn die Optimierung allerdings in irgendeiner Form versagt, bleibt als einziger Ausweg die Pathologisierung und Selbstpathologisierung. Fehlende Selbstoptimierung ist eine unverzeihliche Sünde gegen das normative Prinzip des „survival of the fittest“, die nur damit gerechtfertigt werden kann, dass sie einen schicksalhaft getroffen hat, also eine Krankheit darstellt. Die unglaubliche Inflation an Krankheiten und Therapieangeboten, Modediagnosen und Selbsthilfegruppen spricht da geradezu Bände. In manchen Kreisen mag es sogar schon für krankheitswertig befunden werden, nicht zu einem Therapeuten zu gehen.
Eine gewisse Form von Hypochondrie scheint mir den Neospießer jedenfalls auf Schritt und Tritt zu begleiten.

Dennoch gibt es hier durchaus Misstrauen und Widerstände, beispielsweise gegen die Macht und die fragwürdigen Praktiken der Pharmaindustrie. Doch für diese Kritiker hält das System eine bunte Auswahl scheinbarer Alternativen in Form der bunten Plazeboprodukte des Esoterikmarktes bereit. Auch mit dem Pharmakritiker, der zurück zur Natur will und bewusst leben möchte, kann man lukrative Geschäfte abwickeln und unter bewusst lebenden Esoterikfans lässt sich eine beträchtliche Anzahl an handfesten Neospießern ausmachen.

Kommen wir noch einmal auf die zugegebenermaßen etwas absurde Metapher des Greifschwanzes zurück. So wie das System eine derartige Mutation ohne Probleme integrieren kann, kann es auch mit seinen Kritikern umgehen. Es integriert sie, benutzt sie, profitiert an ihnen und verwandelt sie letztlich in eine von vielen Moden, die vorübergehen, während das System bestehen bleibt.
Dies aber scheint mir unmittelbar mit der Betrachtungsweise des Marktes als organisches Ökosystem zusammenzuhängen. Ein Markt, der sich selbst als Maschine betrachtet, muss den Abweichler betrachten wie ein kaputtes Zahnrad, also etwas, das nicht funktioniert und ausgetauscht werden muss. Ein Markt als Ökosystem hingegen nutzt den Kritiker zu seiner eigenen Perfektionierung.
Um hier einmal selbst eine der systemtypischen evolutionsbiologischen Trivialitäten aufzugreifen:
Ohne Mutation, keine Evolution!

So Manchem mag sich anhand dessen nun die Frage stellen, ob dieses System nicht eigentlich ganz gut so oder zumindest das Beste derzeit denkbare System sei. Schließlich, so könnte man argumentieren, lässt es immerhin ein breiteres Spektrum an alternativen Lebensmöglichkeiten offen, als viele andere gesellschaftspolitische Ideologien.

Der totalitäre Charakter dieses „organischen Marktes“ lässt sich allerdings sehr gut an einem Konzept erklären, welches ich bereits vorher im Text kurz erwähnte, nämlich dem Konzept des Selbstmarketing. Hierzu gibt es inzwischen eine schier unglaubliche Vielzahl an Literatur und Marktangeboten.
Oft wird der Begriff des Marketings allerdings als neudeutsches Synonym für Werbung missverstanden. Dabei ist Werbung aber nur ein kleiner Bestandteil der Idee des Marketing, welche ein wesentlich umfassenderes Konzept darstellt.
Das Wirtschaftslexikon Gabler definiert Marketing folgendermaßen:
„Der Grundgedanke des Marketings ist die konsequente Ausrichtung des gesamten Unternehmens an den Bedürfnissen des Marktes. […]Marketing stellt somit eine unternehmerische Denkhaltung dar. Darüber hinaus ist Marketing eine unternehmerische Aufgabe, zu deren wichtigsten Herausforderungen das Erkennen von Marktveränderungen und Bedürfnisverschiebungen gehört, um rechtzeitig Wettbewerbsvorteile aufzubauen.“

Wenn man dieses Konzept auf das Selbstmarketing anwendet, so kommt man zu einem erschreckenden Ergebnis. Demnach ist Selbstmarketing nämlich die konsequente Ausrichtung des gesamten Selbst an den Bedürfnissen des Marktes.
Es ist also ein totalitäres Konzept im wahrsten Sinne des Wortes, weil es den Menschen total einnehmen und mit seinem ganzen Denken, Fühlen und Handeln in sich integrieren will. Dies könnte man durchaus als die Gleichschaltung aller Lebensbereiche im Takte des Konkurrenzkampfes bezeichnen.
Es ist aber noch mehr als Gleichschaltung. Wie das Wirtschaftslexikon Gabler so deutlich formulierte, besteht die Herausforderung im Erkennen von Marktveränderungen und Bedürfnisverschiebungen um rechtzeitig Wettbewerbsvorteile aufzubauen.
Es geht also darum, den Anforderungen des Marktes nicht nur Folge zu leisten, sondern vielmehr, sie treffend zu antizipieren. Im „survival of the fittest“, also dem Überleben des am besten Angepassten, ist die vorauseilende Anpassung Trumpf.
Dies aber verweist direkt auf den Neospießer. Denn was ist ein Spießer anderes als jemand, der den Konventionen des ihn umgebenden Systems, freudig vorauseilenden Gehorsam leistet?


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