Frankfurter Gemeine Zeitung

Begegnungen der dritten Art oder von der Verbindlichkeit der Diskussion mit einem grünen Stadtpolitiker

Wenn sich Politiker*innen der Basis – also einem Teil des Fundus potenzieller Wähler*innen – „stellen“, ist dies noch immer eine Angelegenheit, welche die meisten mit gemischten Gefühlen erfüllt und geringe Erwartungen provoziert. Manchmal mutet man sich solche Veranstaltungen zu, um die Bestätigung der eigenen Einschätzung zu erlangen, manchmal vielleicht, weil man insgeheim erhofft, endlich einmal positiv überrascht zu werden, so etwas wie ein „Coming Out“ hautnah zu erleben. Ab und an wird auch eine Gelegenheit vermutet und gelegentlich genutzt, um die betreffende Person zu demaskieren, Hoffnung auf einen noch integeren Kern.

Wer sich allerdings mal wieder so richtig gruseln möchte, der sucht am besten eine Begegnung mit einer Spitzen-Kraft der Frankfurter GRÜNEN.

Die hält alles, was von einem gut gemachten B-Movie versprochen wird. Der Held darin gibt sich jovial, ohne sich anzubiedern, bleibt überlegen, und steht ein Stück weit über den alltäglichen Dingen. Er sieht die grösseren Zusammenhänge und als waschechter Realo kennt er zwar die Anfechtungen der Realität, weiß jedoch stets um den rechten Weg, den er/sie unbeirrt beschreitet.

So lässt man sich doch im Grunde bereitwillig vom „wohnungspolitischen Sprecher“ die Stadt erklären (Er ist nach eigenem Bekunden zu dem Job gekommen, weil die Vorgängerin nahtlos ins Management der ABG-FH gewechselt ist).

Zwischendurch bleibt einem voller Verwunderung der Mund offen bei der Aufzählung grüner Wohltaten. Bevor man seiner Begeisterung  richtig Ausdruck verleihen kann, holt dieses Herrlein die Realo-Keule heraus. Für das Nordend, so zeigt sein erhobener Finger, komme allerdings jede Hilfe zu späte, das ist gelaufen. Da bleibe nur noch zu warten, dass ein Überangebot an Luxus-Bleiben entstehe, dann sänken die Mieten von selbst, eben Angebot und Nachfrage. Für die Anwesenden bleibe der Trost, dass es in Zeilsheim oder Fechenheim noch einige preisgünstige Unterkünfte gebe. Ausserdem, so lässt er sich vernehmen, müsse doch auch einmal gesagt werden, dass es für jede Regel Wege gebe, sie zu umgehen. Und freundlicherweise nennt er auch gleich einige. Damit sei doch klar, dass solche Regeln geradewegs ins Leere führen müssen, so sei sie, die Realität, in dieser Stadt.

Marktradikalität unter echten Kennern, wir wissen doch , wie es läuft. Lasst uns nur machen und Auswüchse wird es halt immer geben, aber das gibt sich, wenn der Markt wieder ruhiger ist. Dies sind bedauerliche Einzelfälle, um die wir uns leider nicht alle kümmern können, schon gar nicht in der Form, wie es hier geäußert wird.Diese Konformität mit den Erwartungen der besitzenden Klasse, so ein kurzer Gedanke, ist derat ausgeprägt, dass Erstere kaum noch nachkommt, die vielen offerierten Möglichkeiten zu realisieren.

Wohlgemerkt, dieser „Sprecher“ ist keineswegs Zyniker, dazu fehlt ihm jedes Format. Er hat den Habitus des kleinen Provinz-Häuptlings, der sich an seiner – begrenzten – Macht delektiert. Seine Fähigkeit, Alternativen zu denken, auch nur, um sie zu verwerfen, geht dieser (grünen) Lage vollkommen ab. Zu ihm durchzudringen, gleicht dem Versuch, einem Ochsen ins Horn zu zwicken. Die oft beschworene Kraft des guten Arguments zerbröselt an neoliberalen Rüstung.

In seinem Stolz, mit den Herrschern dieser Welt eine Realität zu konstruieren, die Alternativen weitestgehend ausschließt (TINA, TINA, TINA) versteigt er sich in Schuldzuweisungen, beschwört die Unfähigkeit der – nicht derart erleuchteten – Zeitgenoss*innen, mit eben seiner Realität umzugehen.
So ist klar, wer die Verantwortung für das Scheitern gut gemeinter Projekte wie z. B. das von ihm zitierte Philosophikum und betont, wer aus dieser verfahrenen Situation noch das Beste gemacht hat: DIE Initiativen haben es halt in den Sand gesetzt, obwohl die GRÜNEN Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hätten – und: dass es jetzt doch stehen bleibt, das Gebäude, sei halt mal ausschließlich grünes Verdienst – Da kennt des Zuhörers Bewunderung keine Grenzen mehr.

Quälend offenbart sich der gesamte neoliberale Katechismus, den er auswendig beherrscht, Textbausteine fügen sich nahtlos aneinander, er – der Sprecher – zeigt, dass er durch die harte und umso erfolgreichere „Frankfurt Schule 2.1“ mit den Granden Joschka Fischer, Tom Königs, Daniel Cohn-Bendit gegangen ist und dort gegen jeden Zweifel immunisiert wurde.

Es folgt ein wahres Bombardement aus leeren Begriffen, statistischen Tricks, halbgaren Vergleichen, mit dem jedes eigenständige Denken unkenntlich wird. Dabei signalisiert ein breites Grinsen: was geht mich das eigentlich an.

Recht bald ist klar, man würde den grüen Planer völlig überfordern, unterstellte man ihm eine kohärente und finstere Strategie hinter seinen Einlassungen. Es wird deutlich, dass sich sein Repertoire auf redundante Kombinationen einer begrenzten Anzahl von Begriffen beschränkt. Darin allerdings  wird ihm die Pflicht zur Kür. Nein, dieses Herrlein – wie das Gros seiner Glaubensbrüder und -schwestern – verarscht hier niemanden, da ist sie die Haupterkenntnis dieses Abends: der ist so!

So ganz nebenbei missioniert er auch noch über die Drei-Einfalt von Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit, mit der sich sein „neuer Geist des Kapitalismus“ entfaltet und mit der er zu zeigen meint, dass alle Vorstöße mindestens zwei der drei heiligen Prinzipien unserer Wertegemeinschaft verletzen (müssen).

Rundum gelungen ist unserem kleinen Häuptling dagegen die Verweigerung, nur annähernd Stellung zu beziehen. Ob ihm lediglich die Courage fehlte, befand er sich doch auf fremdem Terrain, sei dahin gestellt. Noch bestehendes Wahlrecht fördert halt einen gewissen Opportunismus (Populismus ist Eliten seit je fremd).

So wich er gewitzt und selbstzufrieden den Fallen aus, die er mit vielen Widersprüchen und Ungereimtheiten beständig selbst aufstellte. Müßig eine Aufzählung zu versuchen, soziale Widersprüche gibt es in seiner Weltsicht nicht, nur verschiedene Aspekte und die müssen sich an der Realität messen.
Probleme und Notlagen sind ihm wohl bekannt, würden sie ihn auch interessieren, hätte er einige Pluspunkte. So setzt er grüne Prioritäten, stellt zurück – bis das Problem der ausreichenden Zahl von Fahrradständern gelöst ist. „Wir sind auf gutem Wege. Und das braucht eben seine Zeit“. Lehrstück über Zeitgeist in seiner reinen Form,  eine Fahrt mit der neoliberalen grünen Geisterbahn in der unternehmerischen Stadt Frankfurt. Muss für ihn anregend gewesen sein, inmitten des „business as usual“ sich dies Mischpoke vor Ort mal anzutun.

Ja, gibt halt schlimme Zustände, aber: wird schon.

GRÜNE Realisten: aus dem Kabinett des Dr. Caligari.


2 Kommentare zu “Begegnungen der dritten Art oder von der Verbindlichkeit der Diskussion mit einem grünen Stadtpolitiker”

  1. Theo

    Diese verhinderten Zwangsbeglücker leben nun mal in Sphären, die nicht jedem vergönnt sind. Zum Glück denken sie für uns mit.

    Tip: kurzes Korrektur- und Gegenlesen wäre dem Verständnis dieses Textes garantiert förderlich.

  2. Bernhard Schülke

    Apropos obiger Drei-Einfaltigkeit des Kapitalismus, vor längerem schrieb ich in Kölner U-Bahn-Pfusch und Kapitalismus über die K-Dreifaltigkeit des »Teufels«, bestehend aus Kapitalismus, Korruption und Kriminalität:

    …Wo Jesus ist, findet man auch den Heiligen Geist, sagt man. Ähnlich verhält es sich mit dem teuflischen Kapitalismus; er provoziert und produziert geradezu Korruption und Kriminalität…

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