Frankfurter Gemeine Zeitung

Eine Typologie des modernen Spießertums

Nachdem ich bereits neulich in einem Artikel dem Begriff des Neospießers von einer mehr theoretischen Seite genähert habe, möchte ich hier nun eine kleine Typologie verschiedener Arten moderner Spießigkeit vorlegen.

Natürlich haftet derartigen Typologien immer etwas Holzschnitthaftes an und meist können sie soziale Realitäten nicht wirklich treffend beschreiben. Auch ist die Aufzählung gewiss nicht abschließend.

Dennoch bin ich mir sicher, dass fast jeder von uns dem einen oder anderen hier beschriebenen Typus schon einmal begegnet ist.
Bissige Ironie konnte ich mir an manchen Stellen nicht verkneifen.
Hier also zu den Typen moderner Spießigkeit:

Der Körperoptimierer

Wer er ist:

Der Körperoptimierer ist zwar meist selbst kein Leistungssportler, ernährt sich aber nach den Diäten der Leistungssportler. Er ist gerne draußen und liebt die Natur, verbringt aber auch oft Zeit in einem niveauvollen Fitnessclub mit SPA.
Er schafft es nach sechs Stunden intensiven Sports noch angenehm zu riechen und verwendet viel Zeit auf die Auswahl der Produkte, die ihm dies ermöglichen.
Auf fettleibige, ungepflegte und schmutzige Personen schaut er herab. „Wie kann man sich nur so gehen lassen?“ fragt er dann verständnislos im tiefsten Bewusstsein, dass solche Leute selbst schuld sind.
Schließlich verwendet der Körperoptimierer viel Zeit darauf etwas Besseres zu sein als ungepflegte, dicke Menschen. Das muss sich ja auch irgendwann gefälligst auszahlen!

Wo man ihn trifft:
Auf Mountainbikestrecken, in Fitnessclubs mit SPA, bei Sporturlauben

Der Konkurrenzrealist

Wer er ist:

Der Konkurrenzrealist hat begriffen, dass all dieses gutgemeinte linke Sozialklimbim einfach nicht funktioniert. Es wäre ja schön, wenn alle nett zueinander wären, aber wir leben nun einmal in der Realität.
Da muss man schauen wo man bleibt.
Deshalb ist der Konkurrenzrealist auch sehr für eine realistische Politik. Realistisch in seinem Sinne bedeutet natürlich, dass all die faulen Säcke endlich mal ordentlich arbeiten sollen und nicht demonstrieren, streiken oder labern.
Die ganzen Gutmenschen gehen ihm gehörig auf den Geist. Schließlich ist der Konkurrenzrealist ein Leistungsträger und kann es sich nicht gefallen lassen, dass andere sich auf seinen Lorbeeren ausruhen.
Er hat ja auch nichts gegen Ausländer, aber diese verdammten Roma, die in der U-Bahn betteln, nerven ihn einfach.

Wo man ihn trifft:
Bei der Jungen Union und den Jungen Liberalen, in der Redaktion der Welt, bei der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, in BWL-Vorlesungen und überall dort, wo die „echten Leistungsträger“ zusammentreffen.

Der Nachwuchsoptimierer

Wer er ist:

Der Nachwuchsoptimierer hat ein ideales Investitionsobjekt gefunden, nämlich das eigene Kind.
Er hat begriffen, dass Investitionen in das eigene Kind nachhaltig sind und bei entsprechender Kindesoptimierung hohe materielle wie immaterielle Renditen versprechen.
Er handelt hierbei streng nach dem Prinzip von Input und Output. Das was als Förderungsinput in das Kind hineingepumpt wird, muss sich im Schulleistungsoutput bemerkbar machen. Dabei wacht der Nachwuchsoptimierer mit Argusaugen über sein Investitionsprojekt.
Wenn der Schulleistungsoutput unter den zu erwartenden Zielwerten liegt, macht der Nachwuchsoptimierer gerne den Lehrer zur Sau. Falls auch dies nicht hilft, ist das Kind kaputt und muss von einem geeigneten Therapeuten repariert werden.

Wo man ihn trifft:
Auf Elternabenden, in PEKIP-Kursen, im SUV auf dem Parkplatz des Tennisclubs/ Reitclubs/ Judoclubs/ der Jugendmusikschule/ der Schülernachhilfe

Der Nimby

Wer er ist:

Der Nimby ist ein aufgeschlossener Mensch und feiert gerne, aber genau dieses Straßenfest vor seiner Tür ist ihm doch ein Dorn im Auge. Diese Leute feiern nämlich immer dann, wenn der Nimby eigentlich seine Ruhe haben will.
Außerdem benehmen sich die Leute auf dem Fest schlecht. Zwar benimmt sich der Nimby auch nicht immer gut wenn er betrunken ist, aber gerade hier und jetzt ist er eben selbst nicht betrunken.
Da ist seine Toleranzgrenze auch ganz schnell erreicht.
Der Nimby ist natürlich auch für Ökostrom, aber möchte so ein hässliches Windrad nicht genau vor seinem Fenster stehen haben. Er fliegt gerne in den Urlaub, aber die Flugzeuge sollen gefälligst über die Häuser anderer Leute fliegen. Er fährt gerne Auto aber der neue Autobahnzubringer in der Nähe seines Hauses ist eine Zumutung für ihn.
Da ist ihm dann auch jedes Mittel recht. Bis vor kurzem wusste der Nimby noch nicht einmal was ein Juchtenkäfer ist. Wenn sich der Juchtenkäfer aber dazu instrumentalisieren lässt irgendein Projekt zu verhindern das den Nimby stört, entdeckt der Nimby plötzlich seine bedingungslose Zuneigung zu dem seltenen Krabbelvieh.
Gegenüber Ökosystemen, die sich außerhalb der direkten Sicht und Hörweite des Nimbys befinden, legt er hingegen eine gesunde Gleichgültigkeit an den Tag.

Fun fact: Schutzpatron der Nimbys ist der Heilige St. Florian.

Wo man ihn trifft:
In seinem heimischen Vorgarten, in Reihenhäusern und Eigentumswohnungen, auf Demonstrationen gegen den örtlichen Flughafen/ Bahnhof/ Schnellstraße, bei der Anwohnerinitiative Friedberger Platz, in Gerichtssälen quer durch die Republik

Der Hipster

Wer er ist:

Der Hipster ist besser als andere Konsumenten. Er konsumiert nämlich exklusiver, überlegter, nachhaltiger, moderner, smarter und ist in seinem Konsumverhalten den anderen Konsumenten stets einen Schritt voraus. Darauf ist er mächtig stolz und vor allem ist er richtig stolz darauf, das alles voll unprätentiös zu tun.
Seine politische Haltung ist abgeklärt ironisch. Er weiß ja sowieso, dass alles eigentlich voll scheiße und Kapitalismus auch keine tolle Sache ist. Dennoch kauft er die Bildzeitung und rechtfertigt dies vor sich und anderen kurzerhand damit, dass er es zur „Satire“ erklärt.
Letztlich hat er keine politische Haltung aber mit linken politischen Haltungen kokettieren ist nun einmal schick. Inzwischen gibt es aber auch Hipster, die mit rechten politischen Haltungen kokettieren. So spürt manch überaus trendsensibler Hipster, dass Rechts nun mal im Kommen ist und klemmt sich deshalb vielleicht gar die Junge Freiheit unter den Arm, natürlich auch dies weniger zum Lesen, denn als Accessoire. Printmedien haben nun mal diesen geilen Retroschick.
Schließlich kommt es dem Hipster ja auch nicht auf die politische Haltung, sondern auf das mit ihr verbundene Markenimage an. Da sind Inhalte dann eher sekundär.

Wo man ihn trifft:
In der U-Bahn. Sonst triffst Du ihn gar nicht, weil Du einfach nicht cool genug bist, die Plätze zu kennen, an denen der Hipster sich aufhält.

Der ökosensitive Auraoptimierer

Wer er ist:

Der ökosensitive Auraoptimierer hält sich für ausgeprägt spirituell, sensibel und ökologisch. Er benutzt gerne das Wort „feinstofflich“, was so ziemlich alles bezeichnet, das weder gemessen noch in irgendeiner Form wissenschaftlich erklärt werden kann.
Um den ökosensitiven Auraoptimierer herum hat sich eine ganze Industrie „garantiert feinstofflich wirksamer“ Produkte entwickelt, also von Produkten, deren Wirkung weder messbar noch beweisbar ist.
Er schmückt sich hierbei gerne mit Versatzstücken verschiedenster Religionen und findet es auch überhaupt nicht seltsam, ein „mit salomonischer Energie geladenes Erzengelamulett“ zu kaufen, welches angeblich von buddhistischen Mönchen hergestellt und von einem indianischen Schamanen geweiht wurde.
Bei den Versatzstücken der Religionen vergisst er aber meist deren altruistischen und über das eigene Ich hinausweisenden Kern. Er bedient sich aus dem reichhaltigen Angebot religiöser Praktiken und Symbole wie aus einem Wühltisch und zimmert sich daraus ein auf ihn selbst zugeschnittenes Wellnessprogramm, welches ihm das Gefühl gibt, etwas ganz Besonderes zu sein.

Wo man ihn trifft:
Auf Esoworkshops und Selbstfindungsseminaren. Zur Sonnenwende kann man oft größere Ansammlungen dieses Personenkreises bei den Externsteinen beobachten.

Der Tyrannenkunde

Wer er ist:

Der Tyrannenkunde ist eigentlich ein armer Tropf, der in seinem Leben nichts zu sagen hat. Sein einziger Ausweg scheint da der Status des Kunden. Er beruft sich dabei auf das althergebrachte kapitalistische Versprechen, dass der Kunde ein König sei.
Natürlich ist dieses Versprechen inzwischen obsolet geworden. Von einem Machtgleichgewicht zwischen Anbietern und Nachfragern kann im modernen globalisierten Kapitalismus kaum noch die Rede sein.
Den meisten Banken, Handyanbietern, Energieversorgern, Versicherungen u.s.w. ist es völlig scheißegal, ob irgendein Privatkunde verärgert ist. Der Tyrannenkunde hat also durchaus guten Grund sich aufzuregen und sich schlecht behandelt zu fühlen.
Seine Wut ist allerdings in jeder Hinsicht impotent und alles was ihm bleibt, ist die Flucht in den Alltagssadismus.
Da die einfachen Kassierer, Reinigungskräfte, Hotline-Mitarbeiter, Schalterbeamten und Hotelportiers ja vertraglich dazu verpflichtet sind, freundlich zu König Kunde zu sein, kann unser Tyrannenkunde sich an ihnen nach Herzenslust austoben, dabei immer im Recht sein und das Gefühl genießen, wenigstens mal jemandem so richtig die Meinung gesagt zu haben.
Merke: Je unbedeutender und unsicherer der Tyrannenkunde im Alltag ist, desto herrischer und fordernder tritt er als Kunde auf.

Wo man ihn trifft:
Überall. Jeder Arbeitnehmer mit Kundenkontakt ist ihm schon mehrfach begegnet.

Der Medien-ADSler

Wer er ist:

Der Medien-ADSler hat oft nicht wirklich ADS. Dennoch hat er eine Aufmerksamkeitsspanne, die jeweils genau für eine Folge „Game of Thrones“, „Dexter“ oder „Breaking Bad“ reicht. Danach muss er irgendwas konsumieren, beispielsweise eine Tiefkühlpizza, um bereit für die nächste Folge einer Staffel zu sein.
Der Medien-ADSler ist dabei meist nicht einmal dumm. Er schaut alle Folgen ausschließlich im englischsprachigen Original und hat ein geradezu wunderbares Gedächtnis für die Details seiner Lieblingsserien.
Nur mit dem Lesen hapert es. Geschriebener Text ist einfach zu anstrengend. Dennoch ist der Medien-ADSler politisch nicht gänzlich ungebildet, denn er schaut gerne und viel politisches Kabarett. Daher kennt sich der Medien-ADSler auch mit dem politischen Personal und dessen Schrulligkeiten gut aus. Ob nun der Stoiber einen komischen Akzent hat, die Merkel mit ihren Händen zwanghaft Illuminatendreiecke bildet, der Brüderle Journalistinnen belästigt oder der Steinbrück sich über billigen Wein mokiert, über all dies weiß der Medien-ADSler genauestens Bescheid.
Auf diese „wichtigen Fakten“ stützt er dann auch seine politischen Präferenzen.

Wo man ihn trifft:
Zu Hause bei sich auf der Couch. Gelegentlich auf Geburtstagspartys im Freundeskreis.


13 Kommentare zu “Eine Typologie des modernen Spießertums”

  1. Wullo

    “Spiessig”?
    Was soll´s, wir haben eben eine pluralistische Gesellschaft, jede nach eigener Facon!

  2. Florian K.

    Ich habe ja auch nicht vor, irgendwem das Dummsein zu verbieten.

    Scheiße nur, wenn die beschriebenen Personenkreise das gesellschaftliche Klima bestimmen.

  3. real

    Also ich als Konkurrenzrealist habe einen Kritikpunkt, ich würde nie einen der genannten “Treffpunkte” aufsuchen. Denke nicht, dass der Konkurrenzrealist prinzipiell bei Konservativen zu verorten ist.
    @Florian.K.: Das Zitat “Ich habe ja auch nicht vor, irgendwem das Dummsein zu verbieten” könnte auch von den JuLis stammen :)

  4. gaukler

    Vielleicht sind aber diejenigen besonders interessant, die sich von all den Aufgezählten ganz cool distanzieren, um sich je bei Bedarf hier und dort einzureihen. Sie können derart den vielen Anforderungen und Bespassungen heutzutage noch viel besser entsprechen und funktionieren als prima Lüftung dessen, was du “gesellschaftliches Klima” nennst.

    Ausserdem geben die cool distanzierten Neospiesser nicht zu bornierte, bisweilen zu unflexible Akteure ab, und können sich auf diese Weise ein pfiffiges Portfolio für ihr Performanceego zusammenbauen.

    Bleibt dann aber die Frage, wen es ausser all diesen Neospiessern (oder Mittelschicht?) hierzulande noch gibt.

  5. Florian K.

    @ real: Der Satz “Ich habe ja auch nicht vor, irgendwem das Dummsein zu verbieten” könnte prinzipiell von jedem stammen, der der Auffassung ist, dass man seine Mitmenschen nicht mit Gewalt ändern kann.

    Der “Konkurrenzrealist”, so wie ich ihn beschrieben habe, ist ein Mensch, der auf andere herunterschaut, die er für weniger leistungsfähig als sich selbst erachtet.
    Zugleich bringt er eine gehörige Portion Sozialneid mit, diesen jedoch nicht gegen die herrschenden Schichten, sondern gegen sozial Schwächere (z.B. Hartz-IV-Empfänger, Flüchtlinge).
    Dies alles halte ich nicht für untypisch für Rechtskonservative.

    Wenn Du die hier aufgemachte Kategorie des Konkurrenzrealisten tatsächlich als auf Dich selbst passend empfindest, so komme ich nicht umhin Dich für einen äußerst unangenehmen Zeitgenossen zu halten.

    @ gaukler:

    Die aufgezählten Typen sind keineswegs abschließend gemeint. Sie stehen hier mehr exemplarisch für einzelne Anschauungen und Handlungsweisen, die Folge von Konkurrenzdenken und Optimierungswahn sind.

    Wer es tatsächlich schaffen würde, sich von Optimierungswahn und Konkurrenzdenken gänzlich zu distanzieren, der bräuchte wohl auch weder ein pfiffiges Portfolio, noch ein Performanceego.
    Nur wer kann dies heute in unserer Gesellschaft gänzlich von sich behaupten?
    Von daher finde ich Deine letzte Frage passend.

  6. gaukler

    Vielleicht habe ich mich mißverständlich ausgedrückt: gewisse wohlfeile, gar zynische Distanzierung vom Schema “Tyrannenkunde” oder “Auraoptimierer” und anderer stereotyper Muster markieren selbst vielleicht ein Neospiessertum, das sowohl Flexibilität (“Neo”) wie massive Selbstverteidigung (“Spießer”) kultiviert und als solche öffentlich zirkulieren kann.

    Nehmen wir den “Konkurrenzrealist”: die flexible Variante distanziert sich empört vom rechtskonservativen Flüchtlingsfeind, und fordert gleichzeitig desto “marktgerechter” massiven Druck auf Gruppen von Prekären. Und er fühlt sich dabei Klasse, nicht zuletzt, weil er sich immer wieder in Qualitätsmedien repräsentiert findet. Ein neospießiger “Konkurrenzrealist” benutzt die von dir genannten Angebote wie im Supermarkt, findet je nach Anlass dieses oder jenes mal “spießig” oder mal “hohl”, und füllt sich passend den Einkaufskorb.

    Die erste, überkommene Variante, die es immer noch gibt, klingt eher nach dem “klassischen Spießer” ala “Bild”, heute aber im pluralistischen Spektrum rund um das “man wird doch mal sagen dürfen”. Flexibler Neospießer wirkt bei passenden Anlässen aber als deren Brücke über manche kulturellen, besonders sozialen Abgründe.

  7. Florian K.

    Vielleicht habe ich mich da auch etwas missverständlich ausgedrückt.

    Die von mir aufgestellte Typologie soll personalisieren und polarisieren. Letztlich soll sie aber nicht Menschen, sondern Motive und Handlungsmuster beschreiben.
    Als solche sind sie flexibel gemeint.

    Deshalb eröffnete ich auch mit dem Hinweis, dass solchen Typologien etwas Holzschnittartiges anhaftet.
    Und natürlich kann auch die abgeklärt ironische Distanzierung Teil des Spiels sein. (s. Hipster)

    Zudem habe ich ja auch den Verweis auf meinen anderen Artikel drin. Allerdings habe ich den Eindruck, dass genau jene, die mit dem anderen Artikel gemeint waren, sich für diesen weder interessieren würden, noch ihn in Gänze verstehen würden.
    Auch von daher fand ich es interessant mich dem ganzen mal mit der Methodik der Lifestyle-Magazine zu nähern im Sinne von “Was für ein Spießer-Typ sind Sie?”.

    Dass diesen Lifestylemagazin-Typologien selbst etwas neospießerhaftes anhaftet, habe ich dabei durchaus billigend in Kauf genommen.

  8. gaukler

    Tja, da ist irgendwann die Frage, was solche “Typologien” (von Motiven und Handlungsmustern) verfolgen, auf was sie sich stützen und was ihnen folgen kann, wenn sie mehr, anderes bieten sollen als ein soziologischer Klassiker wie die “Erlebnisgesellschaft” von Schulze aus den 90ern.
    Das “Typologie soll personalisieren und polarisieren” ist etwas vage oder könnte so interpretiert werden, dass es bloß dem Zeitgeist der Hypes und Shitstorms nachrennt.

    Diese Typologien bezeichnen als solche kaum markante Gruppen oder Klassen, sondern (1) gewisse kulturelle und politische Potentiale, oder (2) Stereotype, die in Medien als Stimulation funktionieren, oder eben (3) flexible, mehrfach verwendbare Muster (im Super-Markt), die mit neuen Praktiken und Strategien immer noch auf etwas wie “Klassen” aufsetzen, und inzwischen eigene Klimaschützer haben.

    Vermutlich braucht ein interessantes Konzept, das “Spiessertum” als wehrhaften sozio-kulturellen Hintergrund existierender Machtrelationen cerwendet, eine energische Mischung augezählter Muster und Strategeme, die sich pfiffig an weitere gesellschaftliche Mechanismen binden lässt, etwa an die Funktionsweisen des Super-Markts.

  9. Florian K.

    Der Artikel hat weder den Anspruch eine soziologische Analyse zu sein, noch eine solche zu imitieren oder zu ersetzen. Die hier karikierten Typen/Handlungsmuster/Motive eint allerdings dennoch sowohl eine gewisse Wehrhaftigkeit, als auch ihre freudige Selbsteinbettung in soziokulturelle Machtrelationen.
    Auch setzt ihre Wehrhaftigkeit “nach unten” durchaus auf so etwas wie Klassen auf. Aus meiner Sicht sind die beschriebenen Typen also garnicht so weit weg von dem was Du beschreibst (zumindest so wie ich es verstehe).

    Der Artikel liefert aber letztlich nur ein paar Schuhe, von denen jeder sich selbst überlegen sollte, in wieweit er sie sich anziehen kann/ will/ muss.
    In dem Artikel geht es also vielmehr um Hinterfragung eigener Identifikation, als um Distanzierung von Anderen. Vage und interpretationsfähig darf ein Artikel, den ich als künstlerischen und nicht als soziologischen Text verstanden wissen will dabei durchaus sein.

    Lustigerweise waren ja auch gleich zwei Leser zur Stelle, die sich den Schuh in der einen oder anderen Form angezogen haben.

  10. gaukler

    Natürlich ist das keine soziologische Analyse, aber “Typologien” möchten ja irgendetwas über “soziale Realität” ausdrücken, erzählen wie du selbst sagst.

    Schön ist das mit dem “Schuhe anziehen”, und vielleicht könnte man sich überlegen, wem es wann wie Spaß macht, sich Schuhe aus deiner Typologie anzuziehen, wieviel Schuhe welcher Größe wer hat, und was hier und dort zu tragen ist. Und wie sich Schuhträger einander sehen. Und wie daraus wer Geschichten macht, und wir andere erzählen.

    Ich glaube, früher, in so Arbeitersiedlungen (dort residierten “Klassen”) hatten die meisten die gleichen Schuhe an, ausser Sonntags?
    Wie ich zuweilen vernehme, haben ihre Nachfolger heute, im fernen Osten und Süden noch nicht mal Schuhe, geschweige denn Siedlungen. Vermutlich gibt es dort auch andere Arten von NeoSpießern?

  11. Florian K.

    Da wirfst Du wirklich interessante Fragen auf.

    Tatsächlich denke ich, dass einige der von mir beschriebenen Charakteristika durchaus international verbreitet sind.

    Beispielsweise hatte ich vor einiger Zeit gelesen, dass Angehörige der chinesischen Mittelschicht ihre Kinder teilweise bis hin zum Burnout auf Schulleistung optimieren.

    Merkmale wie die Wehrhaftigkeit nach unten (s. Konkurrenzrealist) oder eine politische Oberflächlichkeit bedingt durch die mediale Inszenierung von Politik als Spektakel (s. Medien ADSler) dürften sich auch international finden. Dennoch glaube ich, dass es in den Methoden und Ausprägungen der marktgerechten Selbstoptimierung auch kulturelle Unterschiede gibt.

  12. gaukler

    Gewiß kann man solche Schemata für Diagnosen verwenden, gerade in Mitteleuropa bieten sie “Sinnressourcen” für Status, Selbstwert, “Kompetenzen” etc.
    Wie sie dann in massiver sozialer, kultureller und politischer Bestandsverteidigung (Spießer) funktionieren, zueinander, gegenüber anderen und korporativen Anforderungen, wäre auch spannend.
    Siehe z. B. politische Effekte der Art Front National in Frankreich, Rechtsradikale für Putin oder Liberale für Kiew….

  13. real

    Florian.K schrieb: “Wenn Du die hier aufgemachte Kategorie des Konkurrenzrealisten tatsächlich als auf Dich selbst passend empfindest, so komme ich nicht umhin Dich für einen äußerst unangenehmen Zeitgenossen zu halten. ”
    @Florian.K: Unangenehm, NAja, wie Du meinst – hast Du auch schon die Anwendung der Kategorie Schubladenstecker (vorurteilstendenziös) auf dich selbst überprüft (grins)? Ich male auch gerne schwarz-weiss und finde den Artikel deshalb gelungen. Aber wie einzelne Personen wirklich ticken, kann man doch nicht hier im web herausfinden.

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