Frankfurter Gemeine Zeitung

Locker bleiben oder wütend werden?

Ok, hier in Frankfurt waren wir schon immer lockerer als anderswo. Deswegen haut uns auch nicht das viel gehörte Argument um, dass eine der Leitfiguren der neuen sächsischen Freiheitsbewegung PERIGA, die sich ernsthaft von ausländischer Kriminalität emanzipieren möchte, selbst eine kriminelle Karriere hinter sich hat. Zum einen bezieht diese Bewegung ihren Drive gerade aus allen möglichen inneren wie äußeren Widersprüchen, und zum anderen regt uns Dealen mit ein bißchen Stoff nicht wirklich auf, wenn´s  denn eher der kleine Strassendeal ist. Und bei diesem Fritzen in Dresden war es gewiß nur der kleine Strassendeal.

Aufhorchen musste ich eher bei einigen Statements im institutionalisierten politischen Umfeld der Wutbürger und medialen Sitimmungsbildern. Im Öffentlich-Rechtlichen gab uns am Montag vormittag ein AFD-Vorderer Einblicke in seine Weltsicht, und ich vermute, dass sich Marie LePen vom rechtsradikalen französischen Front National im Vergleich vorsichtiger äussert.

Dr. Alexander Gauland, AfD-Parteichef in Brandenburg und Fraktionschef der Partei im dortigen Landtag äusserte sich zur nationalen Atmosphäre, den neuen patriotischen Wallungen in Deutschland. Er sondierte den Grund des Übels in der “nationalsozialistischen Katastrophe”, die irgendwann über die Deutschen kam. Die schrecklichen Folgen dieser Katastrophe wirken laut Gauland immer noch, seit Jahrzehnten: es ist der Verlust des Deutschen Nationalstolzes, der uns, und besonders die auf der Strasse in Dresden dauernd plagt. Ich nehme an, dass der beliebte Spruch “ich bin stolz ein  DEUTSCHER zu sein” aus genau dieser traumatischen Erfahrung herrührt.

Gauland schafft es aber, zwei, drei Sätze später den Link zum “christlich-jüdischen Abendland” herzustellen, das bei den ostdeutschen Wutbürgern und seiner Partei so hoch im Kurs steht. Er konstatiert, dass sich die Grundwerte einer Gesellschaft dann auflösen, wenn die Bindung an die Religion verloren geht und deren Stellenwert immer weiter schwindet. Vermutlich ohne sich darüber bewußt zu sein, offenbart Gauland damit eine geistige Verbindung zu Gruppierungen wie der “Islamische Staat”. Denn dieses Objekt der Begierde im fernen Orient sieht den Kampf gegen Ehr-, Werte- und Religionsverlust ebenso wie er als Quelle seines Tuns, aus den Zeichen des Niedergangs im Westen wie im Osten heraus. Vermutlich würde IS nur nicht wie der AFD-Vorsitzende den Deutschen Stolz mit mißlichem Religionsverlust koppeln.

Mich verblüffte diese Äusserung allerdings auch auf dem Hintergrund, dass in Sachsen wie in anderen ostdeutschen Bundesländern Religion kaum eine Rolle spielt: die Kirchgänger bewegen sich dort um 1 Prozent der Bevölkerung, mithin kommen zu einer einzigen Periga-Montagsdemo mehr Verteidiger des Christemtums, als in ganz Sachsen im Monat Leute eine Kirche besuchen. In dem Lande gibt es offensichtlich wenig christliche Tradition in einem ernsthaften Sinn zu verteidigen.

Aus Gaulands Analyse folgt aber noch mehr: ein religionsarmes Land ist nach seiner Definition von den Werten verlassen. Das ist nebenbei eine Formulierung, der militärfreundliche Pfarrer hierzulande ebenso zustimmen können, wie die christlich-orthodoxen Beratern Putins, die am liebsten jede Äusserung gegen russischen Nationalstolz kalt stellen würden – buchstäblich. Nach Gaulands Formulierung könnten wir aber auch glatt folgern, dass Sachsen ein von allen guten Werten verlassenes Land sei, dass genau deswegen zur Hatz auf Ungläubige, Andere, Wettbewerber, wen auch immer aufruft.

Vermutlich meint er aber eher, dass die Empörten auf der Strasse eine “Volks”-Kirche bauen, die Werte des Abendlands erneuern, mit ihren Riten eine Kommunion von christlich-religiösem Geist mit Nationalstolz feiern.

Der Hinweis, dass eklatante Widersprüche, etwa zwischen wertearmen und religionsfernen Gruppierungen, die trotzdem das Befolgen von Werten und den Traditionen einer Religion öffentlich proklamieren, solchen Bewegungen nichts ausmachen, kennen wir als drängendes globales Phänomen. Mir scheint es fast so, als ob dabei die neue Kirche Web eine wichtige Rolle dabei spielt: in ihr können gerade simple, affektiv überladene Kurzinformationen in hohem Tempo zirkulieren, sich verbreiten und selbst verstärken. Es sind pseudopolitisch-digitale Zirkularien, die schnell zu Hypes anschwellen und sich bei richtiger Kultivierung auf der Strasse sowie medialer Begleitung und aufregenden Widersprüchen dauerhaft ansiedeln können. Das Schema ist auch von fundamentalistischen Bewegungen bestens bekannt.

Die mentale Immunisierung, affektive Aufladung und buchstäbliche Wahnwelt der Beteiligten offenbarte sich mir am frühen Abend noch weiter, als der Hessische Rundfunk eine führende sächsische AFD-lerin zur Lage interviewte. Ich denke es war Dr. Frauke Petry aus dem sächsischen Landtag, die in ihrer Unterstützung für Periga den Schrecken des Abendlands herauf beschwor: “Wir wollen hier in Sachsen doch nur nicht, dass es bei uns so wird wie in Frankfurt” !

Oh weh, wie in Frankfurt! Dort im Sündenpfuhl, wo sich die Islamisten ballen, vor der Eroberung des Römers stehen und die schwarze Fahne über den Doppeltürmen der Deutschen Bank weht.

Ein sonniger Dezembertag auf der weihnachtlichen Zeil in Frankfurt

Locker bleiben oder wütend werden?

 


2 Kommentare zu “Locker bleiben oder wütend werden?”

  1. Florian K.

    Tja ich als Frankfurter würde wohl auch nicht wollen, dass es in Frankfurt so wird, wie in Sachsen. Darum haben wir den Sachsen (wenn man der Legende glauben mag) ja schon damals die Furt nicht gezeigt^

  2. gaukler

    Lieber Florian: wie wahr!
    Der rechte Hype findet dort sicher einen Haufen Anziehung, wie seit Jahren. Dazu gehört eine reaktionäre politische Disposition, die sich durch Exekutive und Justiz zieht, und die mit enormer Verve jahrelang Antifaschisten und nicht die Nazis vor Ort jagt. Dies prägt das Landesklima seit Jahren erheblich, und nicht umsonst wählte die NSU Sachsen als Rückzugsbasis.
    Aber: hier kommt nur auf die Strasse, was andernorts schick am Buffett geplappert wird.

    Bon mot: in der DDR war Sachsen das besonders doofe “Tal der Ahnungslosen”, manches erhält sich eben über Jahrzehnte.

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