Frankfurter Gemeine Zeitung

Zur Rechristianisierung des Abendlandes.

Die Aufregung ist groß, doch verständlich, geht es doch um nichts geringeres als den verzweifelten Kampf um die Erhaltung der eigenen Identität. Das bewegt die Menschen hierzulande wie kaum ein zweites. Wer immer meinte, diese sei durch die aktuellen Formen des Angriffs auf eine einigermassen gesicherte Existenz im Namen des Standorts, des Wettbewerbs der Regionen oder defätistisch: des Erzielens maximaler Profite mehr als nur vage bedroht, dem sei gesagt, dass die „Wahrheit“ ganz woanders zu finden ist, viel fundamentaler als sich Gutmenschen und andere Weicheier dies vorzustellen wagen.

Fundamentalismen scheinen im wesentlichen zwei Bedürfnisse zu befriedigen, einmal müssen und können sie nicht „hinterfragt“ werden, zum anderen rechtfertigen sie aus dem gleichen Grund jedes zur Verfügung stehende Mittel, um diesen Werten Geltung zu verschaffen.
Endlich entfällt die Notwendigkeit in Kompromissen leben zu müssen und das „Andere“ steht in aller Klarheit völlig abgetrennt vom „Eigenen“, das kollektiv sich wundersam als solches durch bloßes Aussprechen dieses Anderen herstellt.

Nehmen wir PEGIDA.
GIDA formuliert beides, das Andere negativ (Islamisierung), das Eigene positiv (Abendland), wobei dem Anderen alle Attribute beigeordnet werden können, je nach konkreter Situation.
Aus GIDA kann morgen GADA (gegen Asyl im Abendland), aber auch GÜDA (Überfremdung) oder GEDA (Erschleichung von Sozialleistungen), GUDA (Unterwanderung) oder GODA (Okkupation) werden, wie es gerade passt.
Und nein, hier ist kein dumpfer gestriger Nationalismus (also nationalstaatlicher Prägung) am Werk, kein nationaler Chauvinismus führt Regie, es geht schlicht und ergreifend um mehr: um das Abendland als Ganzes!
Im Unterschied zu den Kreuzzügen des Mittelalters gehen die aktuellen (Um)Züge eher nach innen, denn die Vorhut des kommenden Feindes ist bereits innerhalb der „Festung Europa“, während die Elite-Truppen des Bösen sich erst einmal um die Säuberung des eigenen Terrains mühen, um sich dann zu sammeln, um die ihnen eigene Finsternis auszubreiten.

Es ist höchste Zeit, denn es ist bezeichnend, wo sich der Widerstand gegen diese Entwicklung nur noch ungehindert formieren kann, dort, wo diese Unterwanderung noch marginal ist (Dresden mit ca. 1% dieser Fremdlinge). In Frankfurt muss da zunächst konspirativ vorgegangen werden und ist auch Hilfe von den befreiten Gebieten vonnöten.

Identität braucht Ewigkeitswerte, sonst hält sie nicht lange vor, besonders in Zeiten, in denen sich alles zu verflüssigen droht, herkömmliche Gewissheiten sich auflösen und keine Kraftströme mehr entfalten. Und das Symbol des Abendlandes ist nunmal das Kreuz, egal, ob es schwarz-rot-gold bestrickt ist oder blau-weiß-rot (oder sonstwie), die Heimat ist das Reich christlicher Nationen.

Endlich findet dieses Abendland zu seiner Bestimmung, es fehlten zwar bisher die positiven Identifikations-Anlässe, doch je deutlicher das Andere hervortritt und je konsequenter es agiert, umso klarer tritt diese Bestimmung hervor. Das Andere exerziert auf breiter Front, um was es gehen muss: wenn es sich schon nicht lohnt mit diesen Werten zu leben, so doch wenigstens für diese zu sterben.

Nein, so weit sind die hiesigen Vertreter*innen des christlichen Fundamentalismus nun doch nicht, obgleich es eine Frage des Anlasses ist, wenigstens eine Fraktion des Anderen dem eigenen Heiligen zum Fraß vorzuwerfen. Doch gemach, zu der konsequenten Haltung der Anderen, gleich ob unterstellt oder praktiziert, sind die Hiesigen zu larmoyant, einfach zu satt.
Und doch befeuern die Gotteskrieger jenseits der abendländischen Festungsmauern die Phantasie mächtig, umso mehr als die Berichterstatter hier sich auf jeden Mucks stürzen, als wollten sie die Bewegung hierzulande argumentativ füttern und nebenbei auf die anstehenden Auseinandersetzungen vorbereiten. Sie bestätigen, alle Mittel der Verteidigung sind legitimiert und es gilt, präventiv zu agieren, also loszuschlagen, bevor die Mächte der Finsternis durch die abendländischen Fußgängerzonen paradieren.
Was bleibt ausser der einigenden Kraft des Kreuzes, zugleich stete Mahnung an die Gewalt, die diesem Abendland schon immer widerfuhr. So gilt denn mehr als alles andere: „wehret den Anfängen“, wobei nicht so genau auszumachen ist, wer wo wann denn nun angefangen hat.

Die Aufregung ist allenthalben, seien es christliche Politiker, die warnen, Industrie und Handwerk, die um verlorengehende Talente fürchten, christliche Hauptamtliche, die an das Neue Testament erinnern zu müssen glauben, auf den Straßen und Plätzen die Kleinbürger*innen und Neo-Spiesser, Weihnachtslieder-schmetternde Hooligans und jene alten und neuen, identitären Rechte, die endlich den Schulterschluss wagen dürfen, für Gott und Abendland. Kerzen statt Fackeln und ein solides Holzkreuz (das nicht als Bewaffnung gilt).

Wenden wir uns dem Präfix zu: es lässt sich den jeweiligen Besonderheiten leicht anpassen, als grosse Sammlung: PE, in seinen lokalen Ausprägungen: FRA oder MÜ oder HA oder BO oder STU oder was immer sich fügt. So können lokale Allianzen geschmiedet werden, um sich schliesslich doch wieder auf den Festungswällen zu vereinen, wo dem Anderen getrotzt werden muss.
Die notwendige innere Reinigung verbietet jedes Appeasement, dann schon kollektiver Selbstmord. Und ausserdem: wenn schon Herrscher, dann nur einer von uns!

So dräut es denn wieder am Horizont: das heilige römische Reich deutscher Nationen , jenes Gebilde, das in der Person Karls des Großen derzeit opulent in Szene gesetzt und verklärt wird. Kein Islamist weit und breit (den Sachen sei gesagt, Vorsicht, sie könnten zum Kollateralschaden werden).
Der Ökonomisierung und Finanzialisierung des Lebens kann endlich etwas entgegengesetzt werden, dieses Nicht-Abendländische nun zurückgewiesen.
Und vorbei die Zeiten, dass das Andere etwas hatte, was uns hier abging: die Gewissheit, Eingang ins Paradies zu finden, auf der richtigen Seite zu stehen (und zu kämpfen), aktiv den Wohlgefallen höherer und ewiger Mächte zu erringen.

Die Thüringer Schnitzer-Werkstätten sehen einem Auftrags-Boom entgegen, der Weihnachten weit in den Schatten stellen wird. Die christlich-abendländischen Gemeinschaft steht vor ihrer Wiedervereinigung, muss dies Spaltung doch ein Ende finden, angesichts der bevorstehenden Bedrohung.

Sollte es mit den Islamisten wider Erwarten nicht so hinhauen wie angenommen, wie gesagt: es gibt reichlich Objekte, auf die der fundamentalistische Verteidigungswille sich richten lässt.


11 Kommentare zu “Zur Rechristianisierung des Abendlandes.”

  1. gaukler

    Aus dem Umkreis der “Linke” im Osten (veröffentlicht im “Linksnetz”) klingt das zuweilen ganz, ganz anders: das “Blättchen” aus Berlin findet das Volk nicht wegen “rechter Einstellungen”auf der Strasse, sondern zu Recht im Kampf für gutes Leben mit der schönen Begründung:

    “Wenn ich nach Saudi-Arabien fahre, laufe ich dort doch auch nicht im Minirock herum und muss mir ein Kopftuch umbinden. Wenn ich in ein anderes Land komme, muss ich mich nach den Leuten dort richten, und kann nicht erwarten, dass die sich nach mir richten.”

    Klasse: in Dresden sehnt sich das Volk also nach saudiarabischen Verhältnissen, und nicht nach dem “heiligen römischen Reich deutscher Nationen”. Und wenn ich den Autor richtig verstehe, empfiehlt er Kritikern am Ende, sich doch möglichst über die deutsche Grenze zu verdrücken.
    Und damit meint er wohl nicht nur irgendwelche “Anti-Deutsche”, der PEGIDA-sympathisierende Schreiber in einem Blatt, das sich in der Tradition von Tucholsky versteht: http://www.linksnet.de/de/artikel/32155

    Naja, in der Geschichte geben sich sowohl Vertreter wie Quellen von Christentum und Islam nicht viel an strafendem Furor.

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