Frankfurter Gemeine Zeitung

Slavoj Zizek: „Am 25. Januar 2015 sind wir alle Griechen“

Kaum ein Land Europas durchziehen die orthodoxen „Reden des Marktes“ tiefer als Deutschland. Fester Glaube an sein unabänderliches Geschehen wird pausenlos gepredigt, und Häretikerinnen aus Griechenland oder Spanien werden uns wie Dämonen ausgemalt. Der bekannte slowenische Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Zizek bemüht sich dagegen redlich, einigen ideologischen Müll zu beseitigen und zeichnet uns ein anderes Bild – notwendig genug zur wichtigsten Wahl in Europa 2015.

Von Slavoj Zizek

Diejenigen, die unsere institutionellen Demokratien kritisieren, bedauern oft, dass man beim Wählen keine richtige Wahl hat. Wir werden aufgerufen, zwischen einer Mitte-rechts und einer Mitte-links Partei zu wählen, deren Programme so gut wie nie zu unterscheiden sind. Der kommende 25. Januar stellt eine Ausnahme dar: wie am 17. Juni 2012 müssen sich die griechischen Wähler zwischen dem Establishment und Syriza entscheiden.

Es wundert dann nicht, dass aufgrund der einzigartigen Gelegenheit, die Wahl zu haben, das Establishment panisch reagiert. Es wird eine Gesellschaft ausgemalt, die ins Chaos, Armut und Gewalt versinkt, sollte die „falsche“ Partei die Wahl gewinnen. Bereits die Möglichkeit, dass Syriza als Sieger herauskommt, stürzt die Märkte weltweit in Angst. Es ist nicht erstaunlich, dass die ideologische Rhetorik Hochkonjunktur hat: Die Märkte fangen wieder an, wie lebendige Subjekte zu sprechen, ihre Sorgen kundzutun, um die Konsequenzen einer Wahl, aus der eine Regierung mit dem Mandat hervorgehen könnte, das Programm der fiskalisch gesteuerten Austerität nicht fortzuführen.

Zizek möchte europäischen Müll mit Syriza beseitigen

Hinter der Reaktion des europäischen Establishments in Anbetracht des drohenden Wahlsiegs von Syriza kommt nach und nach ein Ideal zutage. Dieses Ideal wird am besten dokumentiert in einem Artikel von Gideon Rachmann in der Financial Times (19.12.2014): „Die grösste Schwachstelle der Eurozone sind ihre Wähler“ (Europe´s weakest link is the voters). In der Idealwelt des Establishments würde Europa sich seiner „Schwachstelle“ entledigen und die Experten mit der Macht ausstatten, die notwendigen ökonomischen Massnahmen direkt durchsetzen. Sollten Wahlen stattfinden, dann hätten sie nur den Zweck, den Konsensus der Experten zu bestätigen.

Von diesem Standpunkt aus wären die Wahlen in Griechenland ein einziger Albtraum. Wie kann die Katastrophe vermieden werden?

Das nächstliegende wäre, Angst zu schüren indem den griechischen Wählern gesagt wird: „Ihr glaubt, ihr leidet zur Zeit? Es ist noch gar nichts! Sollte Syriza an die Macht kommen, werdet ihr dem süssen Leben, das ihr die letzten Jahre geführt habt, noch nachtrauern!“ Vorstellbar ist, dass Syriza das europäische Projekt mit unvorhersehbaren Konsequenzen verlässt (bzw. von ihm ausgeschlossen wird), oder dass man einen „Scheiss-Kompromiss“ eingeht. Letztere Möglichkeit könnte eine andere Form der Angst mit sich bringen: nicht die Angst vor dem „irrationalen“ Verhalten Syrizas nach dem Wahlerfolg, sondern im Gegenteil, die Angst davor, dass Syriza einen „rationalen“ Kompromiss eingeht, der die Wähler enttäuscht, mit dem daraus resultierenden Unmut, den Syriza dieses Mal nicht zu kanalisieren weiss…..

Was für einen Handlungsspielraum hätte eine eventuelle Syriza-Regierung? Um den Präsident Bush zu paraphrasieren: Man sollte auf keinen Fall die destruktive Macht des internationalen Kapitals unterschätzen, insbesondere nicht, wenn sie mit der Sabotage eines bürokratischen, korrupten und klientelistischen griechischen Staates einhergeht. Wie könnte eine neue Regierung unter solchen Rahmenbedingungen denn radikale Veränderungen durchsetzen?

Die Falle, die hier gestellt wird, wird in „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty sichtbar. Der Autor erklärt, dass man den Kapitalismus als einzig geltendes System akzeptieren muss; demnach wäre die einzige vorstellbare Lösung, dem kapitalistischen Apparat zu ermöglichen, in seiner eigenen Sphäre zu funktionieren, während eine demokratische Macht die egalitäre Justiz gewährleisten und die Umverteilung des Reichtums übernehmen würde.

Diese Lösung ist utopisch im stärksten Sinn. Piketty weiss wohl, dass sein Modell nur funktionieren kann, wenn es auf der ganzen Welt angewandt wäre und zwar jenseits der Nationalstaaten (das Kapital bräuchte nur in die Staaten auszuwandern, in denen die Steuer niedriger ausfallen). Solche internationalen Maßnahmen setzen eine supranationale Kraft voraus, die über die Macht und die Autorität verfügt, entsprechende Modalitäten durchzusetzen. Im gegenwärtigen Kapitalismus und dessen politischen Mechanismen ist eine solche Macht jedoch undenkbar.

Kurz gesagt, wenn es eine solche Macht gäbe, wäre das Problem der Ungerechtigkeiten, die der Kapitalismus generiert, gelöst.

Der einzige Ausweg aus diesem Teufelskreis ist, den gordischen Knoten zu zerschlagen und zu Taten zu schreiten. Es gibt nie perfekte Voraussetzungen: Jede Handlung erfolgt per definitionem zu früh, deshalb muss man irgendwo anfangen, mit einer partikularen Intervention.

Man muss spätere Komplikationen berücksichtigen, die jede Handlung mit sich zieht. So ist es total utopisch zu meinen, dass der globale Kapitalismus, so wie man ihn heute kennt, in seinem Modus Operandi aufrechterhalten werden kann und dass man, wie von Piketty vorgeschlagen, einfach einen höheren Steuersatz addieren kann.

Was ist mit dem riesigen Schuldenberg?

Die europäische Politik gegenüber Ländern, die wie Griechenland sehr hohe Schulden haben, kann wie folgt zusammengefasst werden: „verlängern und so tun als ob“ (die Fälligkeit der Rückzahlungen verlängern und so tun als ob alle Schulden irgendwann zurückbezahlt werden könnten). Warum wird die Illusion der Rückzahlung der Schulden so hartnäckig aufrechterhalten?

Es geht nicht nur darum, bei den deutschen Wählern mehr Akzeptanz für die Verlängerung der Fälligkeiten zu bewirken. Genauso wenig geht es nur darum, dass ein Schuldenschnitt in Griechenland wahrscheinlich andere Länder wie Portugal, Irland oder Spanien dazu bewegen könnte, dies auch zu verlangen.

Nein. Es geht vor allem darum, dass diejenigen, die an der Macht sind, keineswegs wollen, dass die Schulden vollständig zurückbezahlt werden. Die Gläubiger und die Verwalter der Schulden werfen den Ländern, die Schulden haben, vor, dass sie sich nicht schuldig genug fühlen würden; man wirft ihnen sogar vor, sie würden sich für unschuldig halten. Dieser Druck entspricht gänzlich dem Über-Ich der Psychoanalyse. Wie von Freud sehr richtig gesehen, besteht das Paradoxon des Über-Ich daraus, dass je mehr man seinen Geboten gehorcht, desto schuldiger man sich fühlt.

Stellen Sie sich einen bösartigen Lehrer vor, der seinen Schülern Aufgaben erteilt, die unlösbar sind, und der sich auf sadistische Weise über sie lustig macht, wenn sie voller Furcht sind und in Panik geraten. Der wahre Grund für das Verleihen von Geld ist nicht die Zurückzahlung samt Profit; es geht um die indefinite Verlängerung des Schuldnerstatus mit dem Zweck, ihn in einem ewigen Abhängigkeit- und Unterordnungstatus zu halten.

Vor circa zehn Jahren, hat Argentinien beschlossen, seine Schulden an den IWF zu zahlen, bevor sie fällig waren (mit der finanziellen Hilfe Venezuelas). Der IWF reagierte auf eine mehr als wundersame Weise: statt damit zufrieden zu sein, sein Geld zu bekommen, zeigte sich der IWF (bzw. seine hochrangigen Verantwortlichen) besorgt darüber, dass Argentinien seine neue Freiheit und seine finanzielle Unabhängigkeit gegenüber den internationalen Finanzinstitutionen ausnutzen könnte, um die fiskalisch gelenkte Austerität aufzugeben und unverantwortliche Ausgaben zu tätigen…..

Die Schulden dienen dazu, die Schuldner zu kontrollieren und regulieren; und sie reproduzieren sich als solche zunehmend weiter. Die einzig richtige Lösung ist klar: Da jeder weiss, dass Griechenland niemals seine Schulden zurückzahlen kann, muss man den Mut haben, sie zu annullieren. Die wirtschaftlichen Folgen wären zu handhaben; was nötig wäre, ist bloß der politische Wille.

Darin liegt unsere einzige Hoffnung, den Teufelskreis zwischen der neoliberalen Technokratie aus Brüssel und dem anti-immigrantischen Toben kappen zu können. Wenn wir nicht handeln, werden andere es tun, wie die Morgenröte (griechische Rechtsradikale) oder der UKIP (englische United Kingdom Independance Party).

In seinen „Notes Towards a Definition of Culture“, bemerkt der grosse Konservative T.S. Eliot, dass es Momente gibt, in denen man zwischen Häresie und Unglauben wählen muss; anders ausgedrückt, manchmal muss man mit der im Sterben liegenden Orthodoxie brechen, um eine Religion am Leben zu erhalten. So sieht unser gegenwärtige Standpunkt gegenüber Europa aus: Einzig und allein kann eine neue „Häresie“ (vertreten zur Zeit durch Syriza) das retten, was vom europäischen Erbe verdient, gerettet zu werden: die Demokratie, das Vertrauen in das Volk, die egalitäre Solidarität…

Sollte Syriza die Wahlen verlieren, wird ein „Europa der asiatischen Werte“ triumphieren. Das hat selbstverständlich nichts zu tun mit Asien: es geht um die klare und deutliche Tendenz des heutigen Kapitalismus die Demokratie auszusetzen. Das wertvollste Erbe Europas wäre dann in Geiselhaft genommen.

Übersetzung aus dem Französischen von Mimi (erschienen in l´Humanite, 20. Januar 2015)


4 Kommentare zu “Slavoj Zizek: „Am 25. Januar 2015 sind wir alle Griechen“”

  1. Kerstin

    an Extern: Entschuldigung, was genau ist die Aussage Ihres Beitrages? Kurze und klare Sprache wird doch heute in jedem Studium gelehrt….

  2. Wullo

    Mag sein, dass fast 2 Seiten Text viele überfordert, besonders dann, wenn mehr drin steht als “kaufen / nicht kaufen”.

    Wahrlich, es gibt wohl immer öfters sogenanntes “Studium”, bei dem nur mehr Headlines für Powerpoint gelehrt werden.

    Lasst uns die Humboldt-abendländischen Reste an den Unis bewahren!

  3. Moller

    @Wullo: “Kerstin” entert FGZ offensichtlich als PI-Troll. Füttern ist daher nicht angesagt.

  4. rails

    73ab australian is

    where can i get is in pune

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