Frankfurter Gemeine Zeitung

Was “mehr Wettbewerb” eigentlich meint

Ein Kennzeichen heutiger Politik- und Wirtschaftssprache ist ihre zwanghafte Schönfärberei mittels neoliberaler Floskeln.

„Unser Unternehmen ist bestrebt seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Im Zeichen sich wandelnder Anforderungen ist im Interesse unserer Kunden und Mitarbeiter eine Restrukturierung unserer organisationalen Aufstellung und eine Verschlankung mit Konzentration auf unsere Kernkompetenzen notwendig. Dies verlangt eine gewisse Flexibilität von den Mitarbeitern in den Restrukturierungsstandorten. Die Unternehmensleitung ist bemüht, allen betroffenen Mitarbeitern individuelle Flexibilitätsanreize zu bieten oder anderweitige sozialverträgliche Lösungen für sie zu finden.“

Wenn man diesen Text einmal von Zombiesprache in Deutsch übersetzt, bedeutet er Folgendes:
„Wir wollen Standorte schließen, Unternehmensbereiche outsourcen und Mitarbeiter entlassen. Den Mitarbeitern, die familiär ungebunden sind und die sich ohne zu murren an jeden beliebigen anderen Standort verschieben lassen, winken wir mit etwas mehr Geld. Alle anderen bekommen eine Abfindung. Ältere Mitarbeiter, die danach keinen Job mehr finden, sind halt nicht konkurrenzfähig haben eben Pech gehabt.“

Unter all diesen verlogenen Euphemismen neoliberaler Sprachverzerrung sticht jedoch einer besonders heraus. Es ist der berühmt berüchtigte Begriff vom „Wettbewerb“ welcher gnadenlos positiv konnotiert und weitgehend unkritisiert durch unsere Gesellschaft geistert.
Schließlich hört sich „Wettbewerb“ ja auch so schön positiv an. Der Begriff klingt nach einem netten Fußballspiel, nach dem sich alle die Hand geben, die Sieger den Verlierern anerkennend auf die Schulter klopfen und danach alle wieder für das nächste Spiel trainieren.

Laut Duden hat der Begriff Wettbewerb aber zwei Bedeutungen:

1. Etwas, woran mehrere Personen im Rahmen einer ganz bestimmten Aufgabenstellung, Zielsetzung in dem Bestreben teilnehmen, die beste Leistung zu erzielen, Sieger zu werden.
2. (Wirtschaft) Kampf um möglichst gute Marktanteile, hohe Profite, um den Konkurrenten zu überbieten, auszuschalten; Konkurrenz

Es zeigt sich hier die Janusköpfigkeit des Begriffes. Während der sportliche Wettbewerb eben nur die beste Leistung und nicht die völlige Ausschaltung des Konkurrenten zum Ziel hat, bedeutet der Begriff des „Wettbewerbs“ im wirtschaftlichen Sinne gerade die Ausschaltung des Konkurrenten.
Dies kann bis hin zu seiner physischen Vernichtung gehen, denn der Wett-Bewerb der Wirtschaft hat unsere Existenzgrundlagen und immer mehr unser gesamtes Sein zum Wetteinsatz.
„Wettbewerb“ im wirtschaftlichen Sinne meint also einen erbarmungslosen Konkurrenzkampf und immer mehr Druck auf das Individuum, entweder mithalten zu können oder von der Konkurrenz ausgeschaltet zu werden.

Nehmen wir einmal an, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und Konsorten sprächen ehrlich zu uns.
Dann würde es beispielsweise heißen:
„Unter den Krankenkassen sollte es mehr eliminatorischen Konkurrenzkampf geben“ oder „Unser Land muss fähiger werden, konkurrierende Nationen auszuschalten.“ (statt „wettbewerbsfähiger“)

Das wäre aber kaum mehrheitsfähig. Die meisten Bürger würden sich fragen, warum sie bei diesem Scheiß eigentlich noch freudig mitmachen sollten.

Eigentlich sollte sich ein Politiker, der von „mehr Wettbewerb“ spricht, mit diesen Worten genauso erledigt haben, wie ein Politiker, der mitten im Bundestag vor laufender Kamera auf den Boden kackt. Leider kapieren die meisten nicht, was gemeint ist und halten den dort ausgerufenen „Wettbewerb“ tatsächlich für eine Art Fußballspiel. Wer nicht mitmachen will ist ein Miesmacher, genauso wie ein Fußballhasser während einer Weltmeisterschaft.
Vielleicht sitzen Manche in der kurzen Frühstückspause bei einem ihrer fünf karg entlohnten Minijobs vor der aufgeschlagenen Bildzeitung und hoffen, dass Deutschland endlich „wettbewerbsfähiger“ wird, damit „wir“ wieder „Exportweltmeister“ sein können.
Dabei peilen sie den Zusammenhang zwischen diesem „Wettbewerb“ und ihrer miserablen Bezahlung leider viel zu oft nicht.


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