Frankfurter Gemeine Zeitung

BLOCKUPY 2015 – vor Ort und dahinter

Tage danach

Es ist eigentlich völlig egal, was inhaltlich während eines Aktionstages passiert, der Anlass und Gegenstand tritt medial hinter das Design zurück. Entweder sind es bunte fröhliche Bilder oder so herrliche vom Wüten irgendwelcher finsterer Horden (ein paar Rechte dürfen dann auch nicht fehlen). Das Schauspiel hatte seine Darsteller und jetzt schlägt die Stunde der Kritik und auch diese zelebriert ihren Part wie gewohnt, indem sie sich das „Ritual“ vornimmt, die Frage der Gewalt von den Herrschaftsverhältnissen löst und auf rationalem Verhalten im Protest besteht. Die Ausgewogenheit der Mittel wird beschworen und eingefordert – erinnert irgendwie an den allseitig informierten Konsumenten. Das Gros dieser Kritik stützt sich auf die bis zum Überdruss verbreiteten Bilder, übernimmt hektisch herausgegebene Zahlen verletzter Polizisten (die vornehmlich unter pfeffriges „friendy fire“ geraten sind) und strickt daraus ihre Argumentation.

Im Folgenden soll auch kein Reisebericht abgeliefert werden („wie ich unter die Chaoten fiel und trotzdem meinen Spaß hatte“), noch weniger möchte ich eine Sonntagsrede zur allgemeinen Verwendung von Gewalt abfassen und schon gar keine zu den Aspekten von Individual- und Massenpsychologie.
Es werden Situationen beschrieben und versucht, ihre Interdependenzen zu ergründen und wie sie durch die jeweiligen Konzepte – oder eben des Fehlens derselben – sich in dieser Weise gegenseitig verklammerten.

Es ging um den Schutz der EZB und die Durchführung der Mahnwachen rund um dieses Gelände nördlich des Mains anlässlich eines symbolischen Aktes. Eine Konstellation, die stark auf das Frankfurter Ostend konzentriert war. Dazu wurden wesentliche Verkehrsachsen der Stadt lahm gelegt (seitens der Staatsgewalt) und ein beträchtliches Aufgebot an Klonkriegern und Material aus ganz Deutschland in die Stadt gekarrt. Pünktlich am frühen Morgen wurde die Stadt mit Hubschraubern und Flugzeug bestrichen (ein Service der Polizei). Der westliche Teil des Ostends, hin zur Innenstadt war schon seit Montag Sperrgebiet und glich einer Szenerie aus Blade Runner, am Mittwoch war dann hermetisch dicht. Das sonst belebte Viertel zwischen Ostbahnhof und Anlagenring nahezu völlig verwaist.

Diese Situation finden alle vor, die sich am besagten Tag früh aufmachen zu den Mahnwachen, und aus den Erfahrungen der letzten Jahre stets darauf gefasst, auf eine Hundertschaft zu stossen, die dies zu verhindern sucht. Dieses Jahr treffen sie auf versprengte Einheiten, die sich zunächst zurückziehen. Es eröffnet sich ein freies Feld und dankbare Objekte geraten in Reichweite: Die Gelegenheit ist zu verlockend. Die halbherzig bestückten Vorposten der Staatsmacht werden einfach überrannt, im dadurch entstehenden leeren Raum wird gezündelt.
Die ganze Geschichte beruhigte sich an den meisten Punkten schnell wieder, die geilen Bilder waren im Kasten, hier und da brannte noch etwas Plastik oder schwelte vor sich hin, leichte Wolken von Reizgas hier und da, die Strassen im Viertel waren vermüllt, „Barrikaden“ waren dies gewiß nicht.
Unschlüssigkeit machte sich breit und niemand wusste so genau, wie es jetzt weiter gehen sollte. Man entschloss sich, in die City zu ziehen. Dies Unterfangen fand nach wenigen hundert Metern sein Ende, denn diese Option wurde von mehreren Hundertschaften inklusive Wasserwerfern und Räumpanzer versperrt. Zudem waren an dem anderen Mahnwachen-Ort mehrere hundert Italiener*innen eingekesselt, ohne die niemand weiter gehen wollte.
Eine Art Schwebezustand, während Richtung City alle Zugänge hermetisch abgeriegelt wurden, ausser einer kleinen Rangelei nichts besonderes, abgesehen davon, dass der großzügige Umgang mit Pfefferspray zu mehreren verletzten Polizisten führte, „friendy fire“ eben. Später sollte der Polizeipräsident lapidar feststellen: „die meisten Probleme hatten wir mit den Italienern.“
Auflösung des „Blockade-Vormittags“ nach Ende des Kessels, Mittagspause schloss sich an.

In diese Zeit fällt die Demo des DGB, der sich widerstandslos von seiner Route abbringen lässt und auf eine Kundgebung vor der EZB verzichtet, sich vorher jedoch pflichtschuldigst vom Vormittagsgeschehen distanziert.
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