Frankfurter Gemeine Zeitung

#Varoufake, oder “Deutschland, Deine Medienkompetenz!”

Da wir  schon über Sozio-Alzheimer und gesellschaftliche Demenz sprechen, habe ich vergessen, was war ein “Leitmedium” nochmal? Laut Wikipedia (soweit man dieser unzuverlässigen Quelle Glauben schenken darf, und wenn man annimmt, die zitieren tatsächlich Metzler Lexikon. Medientheorie Medienwissenschaft), werden als ein Leitmedium

Einzelmedien bezeichnet, denen eine ausgeprägte „Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und von Öffentlichkeit zukommt“.

Und dann:

  • seit der Wende vom 20. Jahrhundert zum 21. Jahrhundert: Fernsehen, Internet

Nun, was uns Günther Jauch in seinem Leitmedium am letztwöchigen Wochenende mit einer erbaulich-einschläfernden Stimme eines GL-Lehrers aus der Sekundarstufe I mitteilte, war der Stinkefinger, den der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis an Deutschland adressiert haben soll. In einem alten Video, habe ich vergessen von wann, und in welchem Zusammenhang. Ist ja auch egal heutzutage. Herr Varoufakis selbst behauptete in der Sendung, der Stinkefinger sei ein Fake. Auf jeden Fall, die Empörung war gross, und der Fokus verschob sich von komplexen Finanzthemen auf die haushaltskompatible Untergürtelthematik, die jeden Bürger unseres Landes anspricht und zu einer gesellschaftlich anerkannten Empörung und gegenseitigen Akzeptanz in Rahmen dieser Empörung führt (Volkssport schlechthin, oder meinetwegen Moralmasturbation).  (Netzpolitik und BILDblog berichteten [für tiefere Einführungen auch die feministische Sicht der… ehm… Dinge [mann, ich werde jetzt echt von den Frauenbeauftragten ob der lasziven Doppeldeutigkeit meiner Äusserungen gepeitscht. Ich meine, von Frauenbeauftragtinnen. Mist…)

Und dann plötzlich die Enthüllung von Jan Böhmermann, der in seiner Sendung ZDF_Neo erklärt, das Mittelfinger-Video wäre in seinem Auftrag gefakt und an die Medien subversiv weitergeleitet worden.

Eine Empörungswelle bleibt aus, denn man ist gewissermassen verwirrt, und das Verwirrtsein ist der wohl am meisten gefürchtete Zustand in Deutschland, und ist schleunigst zu beheben, da spart man lieber die Energie bei Empörungen. Daher wird der (gefakte) Stinkefinger wieder analysiert (hier, hier, hier). Aber auch (wie Bernhard vorhin bereits erwähnte) der Rücktritt Jauchs wird gefordert (unabhängig davon, fake oder nicht fake).

Und dann kommt es doch heraus, dass das gefakte Stinkefinger eigentlich auch ein Fake war, ein Fake des Fakes, der gefakt wurde, und Herr Varoufakis als Mittelfingeträger ist längst in den Hintergrund gerückt und spielt keine Rolle mehr, und sein Mittelfinger ragt heraus wie die Gogol’sche “Nase”, und alle sind verwirrt, und dann, erst jetzt, kommt die offizielle Mitteilung seitens eines Mitarbeiters Böhmermann, über die Videobearbeitung, über den Stinkefinger, über die Medienmanipulation und über alles, was hierzutage heutzulande möglich ist:

(via Nerdcore)

Und kurze Zeit später zieht unsere Rauten-Bundeskanzlerin nach, indem sie im offiziellen ARD-Youtube-Account öffentlich mitteilt:

Und die Moral von der Geschicht’? Sechs Punkte:

  1. Stinkefinger sind spannender als sozio-politische und wirtschaftliche Zusammenhänge für unsere oberflächliche neo-spießige Gesellschaft.
  2. Unsere GEZ-Gebühren werden von Jauch für primitive Küchengespräche missbraucht.
  3. Unsere GEZ-Gebühren werden von Böhmermann für die medienkritische Subversivität wieder rehabilitiert.
  4. Nur solche Themen machen unsere anabiotische und oberflächliche Gesellschaft kurzzeitig wach.
  5. Eigentlich alles ist egal, denn es spielt keine Rolle, weil im nächsten Moment vergisst man alles wieder und lernt man nicht von der Geschichte.

Und nachfolgend die Erklärung Böhmermanns zu der ganzen Geschichte:

Unter jedem seiner Worte möchte ich unterschreiben:

Niemals würden wir die notwendige journalistische Debatte über einen zwei Jahre alten aus dem Zusammenhang gerissenen Stinkefinger und all diejenigen, die diese Debatte ernsthaft öffentlich führen, derart skrüpelös der Lächerlichkeit preisgeben.

Achja, und falls sie noch wach sind… 

P.S. Somit ist der Herr Böhmermann (auch entgegen meiner anfänglichen unerklärlichen Antipathie gegenüber seinem Stil) der Hero des Tages. Denn auch hier:

UPDATE für die Fortgeschrittenen und Sinnsuchenden.

Falls Sie immernoch nach der Sinnsuche sich befinden sollten, ob das Fake ein Fake-Fake oder Fake-Fake-Fake sei, sei darauf hinzuweisen, dass das “Originalvideo” von Zagreber Subversive Festival (15/05/2013, 18h, cinema Europa, Hall Müller, Zagreb, Croatia) – mit dem Mittelfinger drin (ab 40:10) erst am 12. Februar 2015 veröffentlicht wurde.

Was einem im Laufe dieses Videos auffält, sind die roten Zwischenbilder, die eine Sekunde lang hier und da in diesem einstündigen Vortrag aufblitzen:

Die Urheber (?) des Videos erklären dieses Phänomen folgendermassen:

The red flashes in the video are due to the poor state of our recording equipment.
Quelle: Youtube-Kommentar

Es bleibt nur die Frage, wieso identische “red flashes” auch im Video von Böhmermann ab und zu zu sehen sind:

 

Für einen identischen technischen Defekt halte ich es nicht. Ausserdem fällt so was nur einem völlig gestörten Medienfreak wie mir ein. Und so ein paar anderen. Ist es vielleicht ein Marken- oder Kooperationszeichen von Subversive Festival mit ZDF_Neo?

UPDATE zu FAKE-UPDATE-FAKE.
Und da hat jemand dazu schon was geschrieben.


6 Kommentare zu “#Varoufake, oder “Deutschland, Deine Medienkompetenz!””

  1. snu

    Inwiefern sind denn nun Finanzthemen kompliziert? Inwiefern sind nicht gerade sie untergürtelthematisch angesiedelt, je mehr man sie würdigt als Komplexe, deren Verständnis höhere mentale Weihen erfordert? Weshalb die Blähungen und Blasen der freien wilden Finanzmärkte weiter und weiter hypen? Ist es doch, letztlich sehr einfach, nach wie vor: haben die einen zu viel, haben die anderen zu wenig, das Ganze ist steuerbar, bewußt und gewollt. Den Stinkelfinger, Original oder Fake, ordne ich diesem System zu. Er ist Bestandteil, überall dort, wo Restrudimente in Hirnherzen sagen: fickt euch alle selber.

  2. Merzmensch

    Genau, es ist ein Teil des Systems, wie ein Schalk ein Teil der Monarchie gewesen ist. Doch das zeigt eigentlich auch, wie primitiv die “Leit”-Medien geworden sind (ob sie mal besser waren?), bzw. für welche Hinterwäldler sie das Publikum hierzulande halten, indem sie statt die besagten Zusammenhänge zu erläutern, die Skandälchen um eine obszöne Geste (ob sie war oder nicht) führen.

    Daher ist Böhmermann in meinen Augen nach wie vor ein nachahmungswürdiger Genosse, der diese Primitivitäten ans Licht führt. Die Frage ist nun aber auch, ob es nur an den Medien liegt, oder ob nicht wir selbst den Medien den Anlass geben, uns so primitiv zu behandeln. Denn es ist immer eine wechselseitige Beziehung (Sender >< Empfänger)

  3. Muffiger Bürger

    Wie treffend. Wenn Finanzmärkte und Mediencontents konvergieren, wenn Journalisten eilfertig noch mehr “Reformen” fordern, dann gilt es, laufend zwischen Schalk und Stinkefinger zu oszillieren.

  4. Merzmensch

    Das stimmt! Denn in diesem Zusammenhang wird die historische Rolle des Schalks (als ein Systemkritiker, der aber gleichzeitig parasitär am königlichen Hofe labt) noch deutlicher. Ich denke, was wir im Bereich Medien brauchen, sind die (soweit es geht) unabhängige Plattformen, die aus diesen Konvergenzen gelöst sind. Web ist dazu bestens geeignet, aber es gibt auch spannende Beispiele, wie “Superlative TV”, ein “Piraten”sender in England, der die durch die Digitalisierung freigewordenene analoge TV-Frequenzen okkupierte und das sendet, was er für notig hält, ohne Werbung und ohne irgendwelche Lobbyisten aus der Politik oder Wirtschaft.

  5. snu

    Es war mal von einem Bildungsauftrag die Rede, und auch das wurde diskutiert.
    Stinkefingerdiskussionen gab es sicherlich auch, jedoch rudimentär, das Privatfernsehen sollte explizit unterhaltender, lockerer, lustiger sein.
    Wir konsumieren weiter, und die Quoten zeigen, was.
    Letztlich ist das kein Argument.
    Mache ich mit oder nicht, das ist die Frage.
    Auch für Journalisten. Solange ein Beine breit Photo und ein gefolterter Körper mehr cash bringt als eine Idylle …
    Nur, DAS genau wollten wir doch sehen! Was los ist, in der Welt, in Krisengebieten, in unbekannten Gegenden, usw.
    Daß wir benutzbar sind, dadurch, dürfte bekannt sein.
    Klick-off-Schalter, bisweilen das beste, das Dilemma so, manchmal, lösen – und nicht meinen, man wäre dadurch prinzipiell anders.
    So irgendwie…

  6. snu

    http://www.zeit.de/online/2008/43/tv-programme-frueher

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