Frankfurter Gemeine Zeitung

Architektur und Hochschulpolitik in Frankfurt – Universität von Kritischer Theorie zum Drittmittelzirkus

Wissens-Räume im Umbruch

Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität ihren Standort gewechselt. Schrittweise wurden die verschiedenen Institute und Fachbereiche vom Stadtteil Bockenheim in das Westend verlagert. Dieser Ortswechsel steht zugleich für eine gesellschafts- und wissenschaftspolitische Transformation: Während der alte Campus mit seinen funktionalen Zweckbauten die fordistische Massenuniversität verkörpert, vermittelt die neue Universität mit ihrer repräsentativen Architektur den Eindruck eines neoliberalen „Exzellenzclusters“. Doch Bauformen sind nicht unmittelbar bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen zuzuordnen. Sie haben keinen „Sinn“ an sich, er wird ihnen vielmehr durch bestimmte Diskurse zugeschrieben. Entsprechend muss eine Analyse der Universitätsarchitektur den jeweiligen historischen Kontext und die spezifischen Auftragsbedingungen berücksichtigen.

Bürgerliche Stiftungsuniversität und Frankfurter Schule
Die Johann Wolfgang Goethe-Universität war 1914 als einzige Bürgerstiftung des Deutschen Kaiserreiches gegründet worden. Der bis heute bestehende schlossartige Gebäudekomplex, sichtbarer Ausdruck großbürgerlicher Repräsentationsbestrebungen, bildete für viele Jahrzehnte den baulichen Kern des universitären Betriebs. Als nach dem Ersten Weltkrieg infolge der Inflation die Stiftungsgelder weitgehend verloren gingen, kam es 1923 zu einem Vertrag zwischen dem Land Preußen und der Stadt Frankfurt, demzufolge die Defizite der Universität jeweils zur Hälfte vom Staat und von der Kommune zu tragen seien (vgl. Schardt 2014).

Im selben Jahr wurde auch das Institut für Sozialforschung (IfS) dank einer großzügigen privaten Stiftung gegründet. Das dafür eigens errichtete Gebäude entsprach aus Sicht des ersten Direktors Carl Grünberg (1861-1940) einen neuartigen Typus von wissenschaftlicher Arbeitsorganisation. Tatsächlich handelte es sich um eine schmucklos-sachliche Architektur, basierend auf einer Eisenbetonstruktur, allerdings verliehen die mit Muschelkalkbruchsteinen verkleidete Außenfassade und ein voluminös gestalteter Säulenportikus im Eingangsbereich dem Bau eine heroische Monumentalität. Konzeptionell sollte das Institut nach dem Willen seiner Stifter dem Marxismus eine unabhängige Position im akademischen Raum sichern. Die anvisierten Themen kreisten um Gewerkschaften, Antisemitismus und Bolschewismus. 1930 übernahm der Sozialphilosoph Max Horkheimer (1895-1973) die Leitung des Instituts, der als Direktor das Projekt eines interdisziplinären Dialogs zwischen den Sozial-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften initiierte. Die Stoßrichtung des Vorhabens richtete sich u.a. gegen das Spezialistentum im Forschungsbetrieb und beruhte auf einem Bildungsbegriff, der letztlich im deutschen Idealismus Humboldtscher Prägung (philosophische Einheit der Wissenschaften) wurzelte (Zwarg 2013: S. 20).

Schon frühzeitig hatte Horkheimer die Gefahr eines drohenden Faschismus erkannt und deshalb eine Institutszweigstelle in Genf eröffnet sowie Teile des Stiftungsvermögens ins Ausland transferiert. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde am 13. März 1933 das IfS von der Polizei geschlossen und wenig später vom Staat beschlagnahmt. Die Vertreter der Frankfurter Schule (darunter u.a. Theodor W. Adorno, Siegfried Krakauer und Herbert Marcuse) verließen Deutschland und das Institut emigrierte in die USA. Während des Zweiten Weltkriegs zerstörten alliierte Bombenangriffe große Teile des Bockenheimer Campus, darunter auch das IfS-Gebäude.

Im Herbst 1946 bekundete die Frankfurter Universitätsleitung gegenüber Horkheimer den Wunsch, die Gesellschaft für Sozialforschung möge doch zurückkehren. Man sei an der „Wiederherstellung der unterbrochenen Verbindung“ interessiert, da dadurch die Universität in die Lage versetzt werde, „den ihr zukommenden Anteil an den kulturellen Aufgaben zu leisten, die uns in Deutschland heute gestellt sind.“ (Zit. nach Wiggershaus 2014: S. 109). Über die Beweggründe dieser wenig sensiblen Anfrage lässt sich nur spekulieren, aber sicherlich setzten die Amtsträger darauf, mit dem „heimgeholten“ Institut im Ausland ein renommiertes Aushängeschild für das demokratisch geläuterte Deutschland vorweisen zu können. Zunächst war Horkheimer aus verständlichen Gründen skeptisch, ob er wirklich auf Dauer zurückkehren sollte, aber schließlich überwog die Hoffnung, dass er mit seiner Lehrtätigkeit einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung der deutschen Studentenschaft leisten konnte. Im Sommer 1949 wurde Horkheimer wieder als ordentlicher Professor für Sozialphilosophie an die Universität Frankfurt berufen, 1951 dann zum Rektor gewählt und 1952 für eine weitere Amtszeit bestätigt. Am 14. November 1951 fand auch die feierliche Wiederöffnung des neu errichteten Instituts für Sozialforschung statt. Ein kühl-ornamentloses Gebäude im Stil der neuen Sachlichkeit, entworfen von den Architekten Alois Giefer und Hermann Mäckler, die durch die Verkleidung der Außenfassade mit Muschelkalkplatten offensichtlich an die monumentale Charakteristik des ersten Institutsbaus anknüpfen wollten.

Für Horkheimer hatte die Institution der Hochschule einen enormen Einfluss auf die weitere Entwicklung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, denn nur dort konnte nach seiner Überzeugung ein selbständiges und humanes Denken eingeübt werden (Horkheimer 1981 [1952]: S. 159). Doch eine „Erziehung nach Auschwitz“ (Theodor W. Adorno) erwies sich an der Johann Wolfgang Goethe-Universität als ausgesprochen schwierig. Viele Lehrstühle waren wieder mit ehemaligen Parteigängern der NS-Zeit besetzt und die jüdischen Emigranten sahen sich nach ihrer Rückkehr mit antisemitischen Polemiken aus den Reihen der Professorenschaft konfrontiert (Hammerstein 2012: S. 801). Bis in die späten fünfziger Jahre herrschte an allen westdeutschen Universitäten ein ausgesprochen restauratives Klima und ein Großteil der Akademiker versuchte ideologisch an Traditionen vor 1933 anzuknüpfen. Während der „Mythos Humboldt“ geradezu beschworen wurde, fanden grundlegende Aspekte des Universitätsbetriebs wie Selbstverwaltung oder Ausbildungsfunktion der Lehre wenig Beachtung. Es galt vielmehr „das selbstherrliche Bild einer geistesaristokratischen Ordinarienkorporation zu konservieren, die eine kleine Zahl von Studierenden für die Wissenschaft rekrutierte.“ (Söllner 2013: S. 79).

Ganz auf Integration und Reputation bedacht, knüpfte Horkheimer als Rektor an überkommene Repräsentationsformen an. „Seine Vorstellungen von einer Universität leitete sich von der ‘großen Vergangenheit’ der deutschen Universitätstradition ab, so, wie sie im deutschen Idealismus formuliert worden war. Er hatte keinerlei Schwierigkeiten, für eine hierarchisch klar gegliederte Universität einzutreten, in der die Ordinarien die Spitze der Hierarchie verkörperten.“ (Hammerstein 2012: S. 130). Antrittsvorlesungen in der Aula fanden in feierlicher Form mit Talaren und Amtskette statt. Jenseits solcher ständischen Inszenierungen setzte Horkheimer eine vorsichtige Demokratisierung an der Hochschule in Gang.

Die Kramer-Universität: Standardisierung und Chancengleichheit
Im Jahre 1952 kehrte auch der Architekt und Designer Ferdinand Kramer (1898-1985), ein Jugendfreund von Adorno (1903-1969), aus den USA in seine Geburtsstadt Frankfurt zurück. Horkheimer hatte lediglich eine Europareise des Emigranten finanziert, doch Friedrich Rau (1916-2001), damals Kurator der Frankfurter Universität, konnte Kramer zum Bleiben überreden. Als Leiter des Universitätsbauamtes sollte er planerisch und architektonisch an der Neugründung einer demokratischen Hochschule mitwirken, wie sie Rau vorschwebte. Das Denken in hierarchischen Ordnungen und der eigenbrötlerische Gelehrtenindividualismus gehörten für den sozialdemokratischen Bildungsreformer endgültig der Vergangenheit an. Die moderne Universität musste nach seiner Überzeugung die patriarchalische Institutsverfassung durch das Kollegialitätsprinzip ersetzen und die räumliche Zusammenfassung aller Fakultäten und Institute zur Erleichterung kooperativen Arbeitens an einem Ort ermöglichen (Wurm 1989: S.144 ff.).

Der Architekt Kramer, stark von dem Wiener Architekten Adolf Loos (1870-1933) beeinflusst, hatte sich zunächst in den zwanziger Jahre als Gestalter von Möbeln und Öfen einen Namen gemacht. Dann engagierte er sich für das Neue Frankfurt, wohl das bekannteste Reformprojekt einer sozialen Architektur. Als Mitarbeiter des Baudezernats unter der Leitung von Ernst May (1886-1970) war Kramer von 1925 bis 1930 für „Normierung“ und „Typisierung“ zuständig. Er entwarf funktionelle Hausratsgegenstände und Standardmöbel für die „Wohnung des Existenzminimus“. Seine funktional-minimalistischen Herangehensweise achtete vornehmlich auf den Gebrauchswert der Dinge und die Sparsamkeit im Materialverbrauch. Gewissermaßen erfand er das spätere „Ikea-Prinzip“. Nach einem verhängten Berufsverbot durch die nationalsozialistische Reichskammer der bildenden Künste im Jahre 1937 emigrierte Kramer mit seiner jüdischen Frau nach New York. Dort arbeitete der Architekt zunächst relativ erfolglos für verschiedene Firmen, bis er 1939 einen Bauauftrag des Instituts für Sozialforschung übernahm, das in der Nähe von New York über Grundstücke verfügte (Breuer 2014: S. 10).

Als der Emigrant nach Frankfurt zurückkam, war er seinem spröden Stil aus den zwanziger Jahren treu geblieben, allerdings mit neuen technischen Erfahrungen aus den USA angereichert. Nach der Berufung zum Baudirektor sah er sich vor vielfältige Probleme gestellt: Ein umfassendes Konzept für den Ausbau der Hochschule gab es nicht. Das Hauptgebäude der Universität war im neobarocken Stil wiederhergerichtet worden und viele Institute hatten sich in Villen oder Mietshäusern einquartiert. Aus Kostengründen ließ die Hochschulleitung in Eigenregie bauen, statt einzelne Projekte auszuschreiben. Da das Land Hessen und die Stadt Frankfurt nicht mehr als als zwei Millionen D-Mark pro Jahr zur Verfügung stellten, musste also sehr sparsam gewirtschaftet werden (ebd.: S. 76). Kramer ging bei seinen Planungen von einem erheblichen Anstieg der Studentenzahlen aus. Deshalb hatte er ursprünglich eine cité unversitaire auf der „grünen Wiese“ mit Studentenwohnheimen und Sportanlagen nach dem Vorbild amerikanischer Campus-Städte konzipiert, doch der Senat der Universität konnte sich mit dieser Idee nicht anfreunden. Auch seine Forderung, ein klar definiertes Interessengebiet auszuweisen, um einer Bodenspekulation zuvorzukommen, lehnte die Stadt Frankfurt ab. Der richtige Zeitpunkt für günstige Grundstückseinkäufe wurde deshalb häufig versäumt und die Ausdehnung des Universitätsgeländes kam nur schleppend in Gang (Jourdan 1982: S. 9). Kramer sah sich gezwungen einen Teil der notwendigen Erweiterungs- und Neubauten in den vorhandenen Gebäudebestand einzufügen. Aufgrund der Raumknappheit mussten zudem einige Institute außerhalb des beengten Kerngebiets der Universität errichtet werden. Diese räumliche Zerstreuung verhinderte eine stärkere Kooperation der Fachgebiete, wie sie eigentlich von dem Kurator Rau angedacht war. „Die Idee des Campus, die Kramer aus Amerika mitbrachte, war also hinfällig. Eine Vorstellung vom stürmischen Wachstum einer modernen Universität hatten die Fürsprecher der Tradition, unter ihnen Max Horkheimer, der Rektor, der Kramer nach Frankfurt geholt hatte, offenbar nicht.“ (Rahms 1982: S. 24)

Als erste Baumaßnahme ließ Kramer das viel zu enge Portal des gerade wiederhergestellten Hauptgebäudes mitsamt Säulen und Figurenschmuck beseitigen und auf einen sieben Meter breiten Glaseingang erweitern. Gleichzeitig verlagerte er das Rektorat ins Erdgeschoss hinter eine Glasbauwand, genau in die Blickachse des Eingangsbereichs. „Im konkreten Sinne ohne Niveauunterschiede gelangte man an die Spitze der akademischen Hierarchie – eine bedeutungsvolle räumliche Konstellation.“ (Breuer 2014: S. 285) Kramer verstand diesen Umbau nicht zuletzt als Geste des Aufbruchs in ein neues demokratisches Zeitalter. Doch seine Aktion stieß bei der Professorenschaft und in der Öffentlichkeit auf vehemente Proteste: „Der Glattmacher ist wieder da!“, so lautete damals der Vorwurf der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Wurm 1989: S. 145).

Die Durchsetzung der städtebaulichen und architektonischen Moderne verlief im Nachkriegsdeutschland alles andere als harmonisch. Vielfach wurden die aktualisierten Forderungen des Neuen Bauens der zwanziger Jahre als Fortsetzung der faschistischen Baukultur in anderem Gewand denunziert. Viele konservative Architekten traten mit großem Pathos als Anwälte des verratenen historischen Erbes auf und opponierten gegen „Amerikanismus“ und „Gleichmacherei“. Der Schock über die Vernichtung bedeutender historischer Bauten und die Trauer um den Verlust des kulturellen Erbes veranlassten zudem viele Menschen – gerade aus dem Bildungsbürgertum – sich für die Wiederherstellung zerstörter Monumente zu engagieren. Gleichzeitig empfanden Teile der westdeutschen Öffentlichkeit den Re-Import des Funktionalismus als ein von oben verordnetes Entnazifizierungsprogramm. So hatte die amerikanische Militärregierung u.a. eine Vortragsreihe mit dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius (1883-1969), organisiert. Lediglich linksliberale Intellektuelle begrüßten die Rückkehr der sachlichen Architektur als baulichen Ausdruck einer einsetzenden Demokratisierung der Gesellschaft.

In gewisser Weise orientierte sich Kramer bei seiner Planung am Modell der Fabrik. Dafür stand exemplarisch die Errichtung eines Heizkraftwerks mit einem 120 Meter hohen Betonschlot inmitten des Universitätsgeländes. Dieses technische Funktionsobjekt, das den Campus weithin sichtbar überragt, fassten viele Zeitgenossen als Provokation gegen die Würde des „akademischen Geistes“ auf. Doch Kramer war der Ansicht, dass man den Arbeitscharakter der Hochschule nicht verbergen, sondern betonen sollte. Sein Konstruktionssystem, Betonfachwerke zu erstellen, deren tragenden Teile unverputzt blieben, während die auszufüllenden Flächen mit hellgelben Klinkern verkleidet wurden und im Innenbereich eine flexible Disposition von Zwischenwänden für unterschiedliche Nutzungsweisen erlaubten, erwies sich als ausgesprochen kostensparend. Doch viele Professoren fühlten sich in unangenehmer Weise an Fabriken erinnert (Rahms 1982: S. 24).
Im Rahmen des Universitätsneubaus entwarf Kramer u. a. einen Hörsaal-Kubus mit sechs übereinander geschichteten, fensterlosen Vorlesungsräumen und das sogenannte Philosophikum, ein Hochbau, bei dem aus Zeit- und Kostengründen ein bis dahin in der Bundesrepublik nicht erprobtes Montageverfahren des Stahlskelettbaus zum Einsatz kam (Wurm 1989: S. 146). Für das Institut für für Pharmazie und Lebensmittelchemie ließ der Architekt in Anlehnung an Le Corbusiers Brises-Soleil Betonwaben in Form eines Gitters vor die Fassade des Neubaus montieren, um so einen direkten Einfall der Sonne zu verhindern und ein gleichmäßiges Licht in den Räumen zu erzeugen (Wurm 2014: S. 6).

Philosophicum in Frankfurt-Bockenheim

Zusammen mit seinen Mitarbeitern entwarf Kramer für die Universitätsbauten auch die gesamte Inneneinrichtung. So ließ er beispielsweise in allen Räumen Stahltische mit grauen Kunststoffplatten aufstellen. Diesen Farbton hatte der Architekt aufgrund einer Anregung des Leiters der Augenklinik ausgewählt. Eine elegante Sonderausführung der Kramer-Möbel kam auch ins Rektorzimmer, doch Horkheimer ließ die Ausstattung aus Repräsentationsgründen durch eine neobarocke Garnitur ersetzen (Rahms 1982: S. 25). Die Liaison von Kritischer Theorie und moderner Architektur verlief offensichtlich nicht allzu harmonisch. Doch trotz bestehender Geschmacksdifferenzen standen im weitesten Sinne die Projekte von Horkheimer und Kramer für „Demokratisierung“ und „Chancengleichheit“, lange bevor solche Paradigmen im bundesrepublikanischen Bildungswesen zum Standard zählten (Schardt 2013: S. 45). Erst in den sechziger Jahre fand ein allgemeiner bildungspolitischen Aufbruch statt, der sich auch in der Neugründung einer ganzen Reihe von Universitäten zeigte. Der Reformdiskurs der damaligen Zeit lässt sich so zusammenfassen: „Die Hochschulen sind die Spitze der Bildungspyramide, sie zu erklimmen ist ein allgemeines Bürgerrecht, dessen Realisierung dient zu gleichen Teilen dem sozialen Aufstieg der Bürger wie der Modernisierung der Wirtschaft.“ (Söllner 2013: S. 82) Im Gefolge der 68er-Revolte wurden dann auch die Ordinarien durch die Gruppenuniversität mit einer verfassten Studentenschaft ersetzt.

1964 schied Kramer aus dem Unversitätsbauamt aus, doch als privater Architekt konnte er noch sein letztes und größtes Vorhaben, den Bau der Stadt- und Universitätsbibliothek, zu Ende führen. Erstmalig in Deutschland verband Kramer Lesesäle mit Büchermagazinen, die für das Publikum offenstanden (Jourdan 1981: S. 10). Zugleich richtete er abschließbare Mini-Arbeitsboxen ein (von ihm auch als Cubicals bezeichnet), um so ein ungestörtes Studieren zu ermöglichen. Solche Lernzellen, spartanisch mit Tisch, Stuhl und Regal ausgestattet, wollte der Architekt auch in den Instituten installieren. Aber die Professoren lehnten diese Idee mit der Begründung ab, dass die Boxen zum „sexuellen Missbrauch“ verführen könnten (Wurm 1989: S. 147). Obwohl Kramer wichtige planerische und architektonische Standards für den modernen Universitätsbau in der Bundesrepublik entwickelte, zeichnete sich das Frankfurter Projekt durch eine gewisse Ungleichzeitigkeit aus: Einerseits stand sein Festhalten an der unprätentiösen Schlichtheit des Neuen Frankfurt und seine Abneigung gegen bürgerliche Repräsentationsformen im Widerspruch zum „Gelsenkirchener Barock“ der restaurativen Adenauer-Ära. Gleichzeitig passte Kramers Purismus nicht recht zur Architektursprache des aufkommenden Wirtschaftswunders. Unbeschwert von der Last der NS-Vergangenheit sollte die optimistische Stimmung des Aufbruchs auch gestalterisch ihren Ausdruck in „heiteren Bauten“ mit schlanken Stützen, geschwungenen Bewegungsabläufen und asymmetrischen Formen finden. Kramer betonte hingegen immer wieder die absolute Zweckmäßigkeit seiner Bauten. Eine Position, die Adorno auf einer Werkbund-Tagung indirekt kritisierte: Gegen Adolf Loos und den ornamentlosen Funktionalismus wand er ein, dass keine Form gänzlich nur aus ihrem Zweck geschöpft werden könne (vgl. Adorno 1996 [1966]). Doch Kramers Bauten zeichnen sich sehr wohl durch einen ausgeprägten Formwillen aus und wirken im Vergleich zu den Beton-Megastrukturen der Universitätsneugründungen in Bochum oder Bielefeld ausgesprochen differenziert (Wurm 1989: S. 146).

Nach Kramers Ausscheiden gaben Neubauten und Erweiterungen dem Campus ein anderes Gesicht. War die Goethe-Universität zu seiner Zeit auf maximal 15 000 Studenten ausgelegt, so hatte sich deren Anzahl bald mehr als verdreifacht. Die von ihm sensibel kalkulierten Gebäude erwiesen sich als zu klein und verloren an Strahlkraft, baulicher Qualität und Maßstäblichkeit (Breuer 2014: S. 77). Für die neue Massenuniversität stand insbesondere der sogenannte AfE-Turm („Abteilung für Erziehungswissenschaften“), der 1972 diagonal gegenüber dem Institut für Sozialforschung fertiggestellt wurde und im brutalistischen Architekturstil sein Stahlbeton-Skelett ganz offen zur Schau trug. In den Räumen dieses 116 Meter hohen Gebäudes fanden die Seminare der Fachbereiche für Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften statt. Von hier aus wurden häufig Proteste geplant, gab es Streik- und Besetzungsaktionen. Nachdem der Turm seit dem Frühjahr 2013 leer stand, erfolgte dann am 2. Februar 2014 seine Sprengung. Gewissermaßen wurde die fordistische Universität nochmals symbolisch beerdigt.

Wird fortgesetzt


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