Frankfurter Gemeine Zeitung

Architektur und Hochschulpolitik in Frankfurt – Universität mit neoliberaler Exzellenz

Wissens-Räume im Umbruch (Fortsetzung des ersten Teils zur Universitätspolitik in Frankfurt)

Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität ihren Standort gewechselt. Schrittweise wurden die verschiedenen Institute und Fachbereiche vom Stadtteil Bockenheim in das Westend verlagert. Dieser Ortswechsel steht zugleich für eine gesellschafts- und wissenschaftspolitische Transformation: Während der alte Campus mit seinen funktionalen Zweckbauten die fordistische Massenuniversität verkörpert, vermittelt die neue Universität mit ihrer repräsentativen Architektur den Eindruck eines neoliberalen „Exzellenzclusters“. Doch Bauformen sind nicht unmittelbar bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen zuzuordnen. Sie haben keinen „Sinn“ an sich, er wird ihnen vielmehr durch bestimmte Diskurse zugeschrieben. Entsprechend muss eine Analyse der Universitätsarchitektur den jeweiligen historischen Kontext und die spezifischen Auftragsbedingungen berücksichtigen.

Der Umzug ins I.G. Farben-Haus

Die Gebäude Kramers gerieten im Laufe der Zeit in einen erbärmlichen Zustand. Deshalb gab es Anfang der neunziger Jahre, im Rahmen von Erweiterungsplänen der Universität, auch Überlegungen zur Rettung der historischen Bausubstanz. Doch nach dem Bekanntwerden der Auszugspläne der US-amerikanischen Streitkräfte aus dem ehemaligen I.G. Farben-Haus im März 1994, entstand ein völlig neue Situation. In der Debatte über die Verwendungsmöglichkeiten der unter Denkmalschutz stehenden Anlage konnte sich letztlich der damalige Universitätspräsident Werner Meisner mit seinem Vorschlag durchsetzen, den sanierungsbedürftigen Campus in Bockenheim einfach aufzugeben und einen Neubeginn auf dem ehemaligen I.G. Farben-Areal zu wagen. Tatsächlich stoppten die Bundesbehörden bereits eingeleitete Verkaufsbemühungen und 1996 erwarb das Land Hessen preisgünstig das Objekt mitsamt dem dazugehörenden Gelände. Alle Aktivitäten konzentrierten sich nun auf die zukünftige Nutzung als Universitäts-Campus (Wagner 1999: S. 127).

Doch der geplante Umzug stieß wegen der I.G. Farben-Historie auch auf Widerspruch. Mitte der zwanziger Jahren hatten sich in Deutschland acht große Chemiefabriken, darunter Firmen wie Bayer, Hoechst und BASF, zur „Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG“, kurz I.G. Farben, zusammengeschlossen und bildeten damit den größten Chemiekonzern der Welt (Rebentisch 1999: S. 88). Das neu gegründete Unternehmen erkor Frankfurt zu seinem Hauptverwaltungssitz. Vor 1933 war die I.G. Farben, in deren Aufsichtsrat viele Juden saßen, ein Angriffsziel antisemitischer Hetze gewesen, doch nach der Machtergreifung spielte der schnell „arisierte“ Konzern für die nationalsozialistische Autarkiepolitik eine wichtige strategische Rolle. 1941 ließ das Unternehmen aufgrund des steigenden Bedarfs an dem Kautschukersatzstoff Buna nahe bei Auschwitz ein neues Werk errichten. Für den Bau wurden Zwangsarbeiter aus ganz Europa eingesetzt. In einem firmeneigenen Konzentrationslager kamen wahrscheinlich mehr als 30 000 Häftlinge zu Tode. Zudem verkaufte die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Tochterfirma der I.G. Farben) Zyklon B an die SS, die das Giftgas in den Gaskammern einsetzte. Der Chemiekonzern war also aktiv an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik beteiligt (Rhein 2013: S. 8). Nach dem Krieg lösten die Besatzungsmächte die I.G. Farben auf und die US-Armee nutzte die vormalige Konzernzentrale in Frankfurt zunächst als Sitz des Militärgouverneurs für Deutschland, später als Hauptquartier für das V. Armeekorps. Im Gefolge des Zusammenbruchs des „sozialistischen Lagers“ im Jahre 1989 und dem Ende der Blockkonfrontation übergaben dann im Mai 1995 die US-amerikanischen Behörden den gesamten Gebäudekomplex an die Bundesregierung.

Das I.G. Farben-Haus wird wegen seiner neoklassizistischen Architektur häufig als ein „proto-faschistisches“ Bauwerk bezeichnet. Eine Zuschreibung, die angesichts der Entwurfsgeschichte des Gebäudes zu kurz greift. Die Konzernleitung hatte den Grüneburgpark im Frankfurter Westend als Standortzentrale auserwählt, wo man 1927 mit den Aushubarbeiten für ein Hochhaus begann. Allerdings erwies sich der Baugrund für das Vorhaben als ungeeignet. In einem dann durchgeführten Wettbewerb erhielt 1928 Hans Poelzig (1869-1936), damals einer der bekanntesten Architekten in Deutschland, den ersten Preis und wurde mit der Planung des Gebäudes beauftragt. Gemäß den Vorgaben der Bauherren war ein funktionalistischer Bauhausstil nicht erwünscht. In den den zwanziger Jahren gab es eine Reihe von Großunternehmen, die für ihre Verwaltungszentralen aus repräsentativen Gründen monumental wirkende Bauten bevorzugten (Cohen 1998: S. 72 ff.). Die Direktoren der I.G. Farben ließen sich vor allem von US-amerikanischen Vorbildern inspirieren. Dazu zählte auch Albert Kahns „Bienenkorb“ für General-Motors in Detroit, dessen kamartige Reihung von Gebäudeflügeln eine gute Beleuchtung der Büroräume ermöglichte und deshalb auch von Poelzig in modernisierter Form übernommen wurde (Schmal 1999: S. 50).

Der Grundriss des I.G. Farben-Gebäudes besteht aus einem 250 Meter langen Kreisbogensegment, an dem sich sechs radial angeordnete Querflügel aufreihen. Obwohl das Objekt nur sieben Vollgeschosse umfasst, ragt es wegen der hochliegenden Kellergeschosse bis zu einer Höhe von 35 Metern auf (Stommer/Mayer-Gürr 1990: S. 158). Dabei nimmt die Geschosshöhe nach oben hin leicht ab und das fensterlose Dachgeschoss bildet einen kantigen Abschluss. Die äußere Erscheinung ist durch eine Lochfassade im Stil der neuen Sachlichkeit und dem großflächigen Einsatz von Travertin geprägt, mit dem Poelzig das tragende Stahlskelett des Gebäudes umkleiden ließ. Die gekrümmte Kammstruktur des Anlage „zeichnet zwar den Abfall des Parkgeländes nach und mildert für das Auge die Länge der inneren Korridore. Doch mit dem sechsmal wiederholten Takt der Querflügel, dem gerundeten Eingangsbauwerk und der beherrschenden Hauptachse hinauf zum Casino, spiegelt sie auch den Geltungsanspruch des gewaltigen neuen Industriekonzerns.“ (Pehnt 2005: S. 170) Entsprechend pompös ist die Innenausstattung der Eingangshalle gestaltet: Die Wände sind mit Marmor im Zickzackmuster verblendet, der Fußboden und die beiden geschwungenen Treppengeländer bestehen aus Muschelkalk. Bei der Deckenverkleidung werden entweder eine Blattaluminiumauflage oder Bronzeplatten mit Kupferfriesen verwendet (Risse 1984: S. 130). Hinter der Halle befindet sich ein vollständig verglaster Rundpavillon, der den Blick auf ein langgezogenes Wasserbecken und das Wirtschaftsgebäude (später Casino und nun Mensa und Veranstaltungsraum) frei gibt. Entworfen als „Stadtkrone“ auf einem Hügel, vom umliegenden Stadtraum durch Grünanlagen getrennt, vermittelt die kompakte Anlage mit ihrer horizontalen Betonung und der Natursteinverkleidung den Eindruck einer Festung (Heer 2013: S. 19). In seiner Rede zur Eröffnung des Bauwerks, das in den dreißiger Jahren als das größte Verwaltungsgebäude Europas galt, sprach der damalige I.G. Farben-Direktor Baron von Schnitzler davon, dass hier „ein eisernes und steinernes Sinnbild deutscher und wissenschaftlicher Arbeitskraft“ entstanden sei (zit. nach Demokratische Linke 2013: S. 29).

Nachdem 1996 die Entscheidung getroffen war, zunächst die geisteswissenschaftlichen Fachbereiche in das I.G. Farben-Haus zu verlagern und dann auf dem umliegenden Gelände den neuen Universitäts-Campus zu errichten, galt es zunächst dem historisch vorbelasteten Gebäude ein neues Image zu verpassen. Durch die Umbenennung in Poelzig-Ensemble sollte nach Bekunden des damaligen Präsidenten Meißner eine „Reinwaschung von national-sozialistischen Bezügen“ erfolgen (zit. nach Rhein 2013: S. 8). Der Umzug aus dem schäbigen Bockenheim-Campus in den neuen „Premium-Standort“ entsprach ganz der postmodernen Branding-Strategie: „Die neue Universität in Frankfurt“, so der spätere Präsident Rudolf Steinberg in einem Interview von 2008, „wird die schönste Universität Deutschlands sein. Sie ist das Gegenteil zu dieser abweisenden Beton-Architektur vieler Universitäten, die kein gedeihliches Umfeld für Wissenschaft bietet. Im Poelzig-Bau gibt es nach sechs Jahren keinerlei Schmierereien an Wänden oder sonstige Zerstörungen. Ich betrachte dies als die zivilisierende Kraft der Ästhetik.“ (Zit. nach Schardt 2013: S. 47). Dass sich diese Sauberkeit vor allem einer rigiden Ordnungspolitik verdankte, die jegliche Spuren unerwünschter studentischer Aktivitäten (Graffiti, Plakate etc.) umgehend beseitigte, blieb bei diesem Statement unerwähnt.

Exzellente Finanzplanung in der Uni und drum herum

Der Westend-Campus: Repräsentation und Exzellenz

Der Umzug der Geisteswissenschaften in das aufwendig restaurierte I.G. Farben-Haus im Jahre 2001 und der stufenweise Ausbau des neuen Campus führten dazu, dass die Kramer-Bauten mehr denn je vernachlässigt und teilweise auch abgerissen wurden. Dieser lieblose Umgang mit dem architektonischen Erbe einer sich demokratisch verstehenden Nachkriegsmoderne symbolisierte zugleich den neuen Geist der Hochschulpolitik. In einem 2008 stattfindenden Radiointerview erläuterte der damalige Uni-Präsident Rudolf Steinberg sein gespanntes Verhältnis zu den Errungenschaften der 68er-Bewegung: „Wir hatten hier in Hessen – und das war das Ergebnis der so genannten Abschaffung bzw. Ersetzung der Ordinarienuniversität durch die Gruppenuniversität – eine Organgliederung, die schlichtweg zur Unregierbarkeit der Universität führte. […] Wir brauchten […] ein Bekenntnis zu einer neuen Philosophie – oder, wenn Sie so wollen, zu einer alten Philosophie –, die aber in den sechziger und siebziger Jahren in der Goethe-Universität verloren gegangen war.“ (Zit. nach Schardt 2013: S. 46). Passend dazu trat am 1. Januar 2008 ein vom Hessischen Landtag beschlossenes Gesetz in Kraft, mit dem die Goethe-Universität zu einer rechtlich verselbständigten Stiftung umgewandelt wurde. Dies vergrößerte ihre Autonomie – nicht zuletzt in finanziellen Fragen – und bescherte der Hochschule zusätzliche Gelder und privat gesponserte Lehrstühle. Dank der neu gewonnenen Freiheit der Selbststeuerung, versehen mit den Machtbefugnissen eines Präsidiums, das keiner demokratischen Kontrolle unterliegt, erhielt die Vermarktlichung von Forschung und Lehre im Zuge der Bologna-Reform zusätzlichen Schwung.
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